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Latein

Carcer Mamertinus

 
Carcer Mamertinus Die Triumphbögen, die ihr gleich auf dem Forum sehen werdet, künden von großen Siegen der Römer, geben aber nur ein schwaches Bild, wie grausam die Römer mit den unterworfenen Feinden umgegangen sind.
"Bei Flavius Josephus, der ein Buch über den jüdischen Krieg geschrieben hat, bekommen wir eine anschauliche Vorstellung davon, wenn wir lesen, was beim Triumphzug zu Ehren des Vespasian und Titus mit dem Gegner geschah: »Der Festzug bewegte sich zum Tempel des Iuppiter Capitolinus, wo man sich dann aufstellte. Nach altem Brauch wird nämlich dort so lange gewartet, bis ein Bote die Nachricht vom Tode des feindlichen Feldherrn bringt. Damals also war es Simon, der Sohn des Giora, der im Triumphzug unter den anderen Gefangenen mitgeführt ward. Man warf ihm einen Strick um und zerrte ihn auf einen Platz über der Versammlungsstätte, und schon während dies geschah, wurde er von denen gegeißelt, die ihn dorthin brachten. Das ist der Ort, an dem nach römischem Gesetz die zum Tode Verurteilten hingerichtet werden. Und als nun die Kunde von seinem Tod laut wurde, da erscholl lauter Jubel, und die Opfer nahmen ihren Anfang, die unter den rituellen Gebeten glückverheißend verliefen.«
 
Nicht alle fanden ein so schnelles Ende wie Simon. Oft verbrachten die Gefangenen noch schreckliche Tage in dem Carcer, der nicht weit vom Triumphweg entfernt lag, nämlich am Anfang des Clivus Argentarius nördlich vom Concordia-Tempel. Heute spricht man vom Carcer Mamertinus, aber der Name wurde dem Gebäude erst nach einem späteren Besitzer gegeben. <Die Römer selbst nannten ihn, da er in den Felsabhang des kapitolinischen Hügels hineingehauen wurde, lautumiae, nach einem griechischen Wort für "Steinbrüche", oder Tullianum, da er angeblich unter dem König Servius Tullius oder dem König Tullus Hostilius gebaut worden war>. In seinem derzeitigen Zustand ist der Carcer von der Kirche S. Giuseppe dei Falegnami überbaut. Dabei verbirgt sich hinter einer Vorhalle die alte Fassade aus Travertinblöcken, deren Inschrift besagt, daß sie von den Konsuln C. Vibius Rufinus und M. Cocceius Nerva, also um 22 n. Chr. unter der Regierung des Tiberius, aufgebaut wurde.
 
Das Innere ist wesentlich älter. Heute zweigeschossig, bestand es ursprünglich aus einem einzigen runden Raum, der überkuppelt war und als Zisterne diente. Ein kleiner Springquell sprudelt aus dem Boden [...]. Von der Rotunde, von der später durch die Fassade der Konsuln Rufinus und Nerva ein Stück abgeschnitten wurde, geht heute wie damals ein unterirdischer Gang ab, der schließlich in die Cloaca Maxima einmündet, in die hinein man Wasser abfließen lassen konnte. Sicherlich reicht diese Anlage bis ins 4. vorchristliche Jahrhundert zurück, wenn sie nicht noch älter ist. Später, vielleicht um 100 v. Chr., hat man die Kuppel der Rotunde abgeschnitten, eine Decke eingezogen und einen oberen trapezförmigen Raum aufgemauert und mit einem Tonnengewölbe gedeckt. Die Verbindung zwischen beiden Stockwerken bestand in einem Loch in der Decke des Untergeschosses.
 
Das Bauwerk diente in dieser Form als Carcer und Hinrichtungsstätte. Die heutige sakrale Ausstattung weist nur auf die Gefangensetzung von Petrus und Paulus hin, die allerdings reine Legende ist.<Das Altarrelief stellt dar, was Petrus und Paulus während ihrer Gefangenschaft mit den Wächtern anstellten!)> Als historische Tatsache gilt indes, daß u. a. die Teilnehmer der Verschwörung des Catilina hier erdrosselt wurden und daß der Gallierfürst Vercingetorix nach Caesars Triumph im Jahre 46 v. Chr. im Carcer durch Enthauptung sein Ende fand. Was sich hinter diesen nüchternen Mitteilungen aber verbirgt, mag der Bericht des Plutarch zeigen, der von dem Triumphzug des Marius 104 v. Chr. berichtet, an dessen Ende der Tod des Numidierkönigs Jugurtha stand. Nach Plutarch verlor der Gefangene schon während des Umzuges seinen Verstand. Dann wurde er in den Carcer geworfen. »Dabei zogen ihm einige mit roher Gewalt das Gewand vom Körper. Andere, die seine goldenen Ohrgehänge besitzen wollten, rissen ihm das Ohrläppchen gleich mit ab. Nackt wurde er in das tiefe nasse Loch gestoßen, wobei er völlig verwirrt und grinsend ausrief: "Beim Herkules! Wie kalt ist euer Bad!"
[Bild: Fischer, Rom 168; Stützer 94-95]
 
Sallust, der euch im nächsten Semester mit seiner Beschreibung der "Coniuratio Catilinae" ergötzen wird, gibt folgende Schilderung von der Hinrichtung eines Verschwörers:
"Im Gefängnis gibt es einen Raum, Tullianum geheißen, wenn man ein wenig zur Linken emporsteigt, ungefähr zwölf Fuß unter der Erde. Ihn verwahren rings Mauern und darüber ein Gewölbe, das von Steinbögen gehalten ist. Durch Verwahrlosung, Finsternis, Geruch aber ist sein Aussehen scheußlich und gräßlich. Nachdem Lentulus [einer der Verschwörer] in diesen Raum herabgelassen worden war, brachen die Henker, denen es befohlen war, ihm den Hals."
[Sall. Cat. 55, 3-6]
 
Wenn wir nun den Carcer verlassen und durch ein Souvenirgeschäft ins Freie gehen, befinden wir und wieder auf der Treppe, die vom Kapitol zum Forum hinabführt. In der Antike hieß die Freitreppe, die sich an dieser Stelle befand, die "Seufzertreppe" (gemoniae), und das zu Recht: Die Leichen der im Staatsgefängnis hingerichteten Gefangenen wurden mit einem Haken an das untere Ende der Seufzertreppe geschleift und dort zur Abschreckung, aber auch um aufgestauter Wut ein Ventil zu geben, mehrere Tage ausgelegt. Das mag die Geschichte vom Ende des Chefs der Leibgarde des Kaisers Tiberius, des Prätorianerpräfekten Seian, illustrieren. Seian war in Rom verhaßt, weil er die Machtfülle, die ihm sein Amt und die häufige Abwesenheit des Kaisers Tiberius auf Capri bot, weidlich ausnutzte; schließlich hatte Seian geplant, den Kaiser zu stürzen:
 
"Am 18. Oktober des Jahres 31 n. Chr. war Sejan, nachdem Tiberius von seinen Umsturzplänen erfahren hatte, völlig überraschend aus einer Senatssitzung heraus verhaftet und sogleich ins Staatsgefängnis abgeführt worden. Schon auf dem Wege dorthin bekam er die Volkswut, die sich im Laufe der Zeit gegen ihn aufgestaut hatte, zu spüren: Er wurde geschlagen, beschimpft, verhöhnt; man zwang ihn, mit anzusehen, wie die ihm errichteten Ehrenstatuen umgestürzt und zertrümmert wurden. [....] Noch am gleichen Tag wurde er hingerichtet, sein Leichnam am Haken zu den Gemoniae geschleift, dort drei Tage lang der Wut des Pöbels preisgegeben und schließlich in den Tiber geworfen. Und schon hatte auch die Treibjagd auf seine Freunde und Angehörigen begonnen[...].
[Neumeister 71]
 
Der Historiker Tacitus berichtet über die Hinrichtung der Kinder Seians:
«Man beschloß danach, auch gegen die übrigen Kinder Sejans vorzugehen, obwohl die Wut der Menge schon im Abnehmen begriffen und die meisten durch die vorangegangenen Hinrichtungen besänftigt waren. Also werden sie ins Staatsgefängnis gebracht, der jüngere Sohn, der begriff, was ihm bevorstand, und das Mädchen, das so ahnungslos war, daß es immer wieder fragte, wegen welchen Vergehens es denn weggebracht werde und wohin; sie verspreche, es auch bestimmt nicht mehr zu tun, und man könne sie doch, wie man das bei Kindern mache, mit der Rute züchtigen. Gewährsleute aus jener Zeit berichten, sie sei, da es für die von den tresviri capitales angeordnete Hinrichtung eines kleinen Mädchens keinen Präzedenzfall zu geben schien, vom Henker unterm Strang noch geschändet worden; danach seien beide erdrosselt und ihre Leichen, so jung sie waren, auf die Gemonische Treppe geworfen worden.»
[Tac. ann. 5, 9]
Doch nun genug der Scheußlichkeiten; ans Licht!
Redaktionell verantwortlich: Jürgen Frank, LISUM
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