Zum Inhalt springen
Station 13

Station 13: Vom Gotteshaus zum Getreidesilo – Die Liberale Synagoge in der Lindenstraße

von Horst Zeitler

 

Wie viele andere Synagogen, so erfuhr auch das jüdische Gotteshaus in der Lindenstraße 48-50 (heute Axel-Springer-Str. 48-50) ein wechselhaftes Schicksal. 1891 errichtet, war es eines der größten Gotteshäuser in Berlin (mit Platz für 1800 Besucher), stand aber – wie viele andere Synagogen – im Hinterhof. Diese Lage war historisch bedingt: Aus Sicherheitsgründen baute man im Mittelalter Synagogen meist in der zweiten Häuserreihe. Außerdem waren die räumlichen Verhältnisse in der damals üblichen Ghettosituation äußerst beengt, sodass die Synagogen eingekeilt in Hinterhöfen lagen. Im Vorderhaus der Liberalen Synagoge in der Lindenstraße waren neben Wohnungen für den Rabbiner und den Hausmeister auch die unterschiedlichsten jüdischen Institutionen untergebracht. Der Innenraum der Synagoge wurde in der Pogromnacht vom 9. November 1938 von den Nationalsozialisten verwüstet, anschließend requiriert und als Getreidespeicher missbraucht. Im Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges brannte der Gebäudekomplex aus und wurde schließlich 1956 abgeräumt. Heute steht ein Bürokomplex der Barmer Ersatzkasse auf dem Gelände. Im Hinterhof erinnert ein Mahnmal an die Geschichte dieser Synagoge, die im Folgenden etwas näher betrachtet werden soll.

 

Am 11.3.1812 erließ der preußische König Friedrich Wilhelm ein Edikt, das alle bisher geltenden Gesetze und Beschränkungen für Juden in Preußen aufhob und diese zu „Inländern und preußischen Staatsbürgern“ erklärte. Das bedeutete, dass jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger Freizügigkeit und freie Berufswahl genießen konnten und Eheschließungen mit Nichtjuden sowie Grunderwerb ermöglicht wurden. Diese neuen bürgerlichen Rechte führten – zusammen mit dem beginnenden wirtschaftlichen Aufschwung – zu einer starken Zuwanderung aus dem Osten Deutschlands. Berlin musste sich ausweiten und neue Wohn- und Geschäftsgebiete schaffen. So siedelten sich rund um den Dönhoffplatz (im Norden der Lindenstraße) viele jüdische Familien an, vornehmlich soziale Aufsteiger, die danach strebten, sich dem preußischen Bürgertum anzupassen.

 

Dieser Vorgang (Akkulturation) bewirkte, dass sich die südliche Friedrichstadt zu einem Zentrum des liberalen Judentums entwickelte. Beispielhaftes Zeichen dafür sind die Kirchhöfe der protestantischen Jerusalems- und Neuen Kirchengemeinde am Halleschen Tor, wo jüdische (und später getaufte) Persönlichkeiten wie Rahel Varnhagen von Ense und Mitglieder der Familie Mendelssohn-Bartholdy begraben liegen.

 

Aber auch die Architektur der neuen Synagoge in der Lindenstraße 48-50 zeugt vom liberalen Judentum. Die liberalen Juden stellten in Berlin eine deutliche Mehrheit von fast 54 Prozent aller Juden dar. 1931 besaßen die Liberalen 24 von 41 Sitzen im Gemeinderat, nur 2,3 Prozent der Sitze fielen auf die orthodoxen Juden. Der Rest der Sitze wurde von Zionisten (Juden, die sich für die Wiedererrichtung eines eigenen jüdischen Staates in Palästina einsetzen) eingenommen, die überwiegend nicht den orthodoxen Ritus pflegten. Dementsprechend unterstützten nur vier Synagogen Berlins den streng orthodoxen, neun Synagogen dagegen den liberalen reformierten Zweig, darunter auch die Synagoge in der Lindenstraße.

 

Diese Entwicklung führte in der jüdischen Gemeinde oft zu heftigen Auseinandersetzungen. Der Schriftsteller Josef Roth bezeichnete die Liberalen als „Sonntagsjuden“. „Diese hätten sich soweit vom Judentum entfernt, daß sie eigentlich keine Juden mehr gewesen seien, aber den letzten Schritt, die Taufe, nicht über sich gebracht hätten. Deshalb hätten sie es vorgezogen, die ganze jüdische Religion zu taufen, hätten ihre Synagogen in Kirchen verwandelt und die Rabbiner in Pfaffenkostüme gesteckt“ (Hazzan J. Fahlenkamp). Sinnbild dieses Wandels sind die Einführung von Orgelmusik, deutschem Chorgesang und deutscher Gebete, die Verlegung des Lesepultes von der Mitte des Raumes in die Ostwand (Apsis), der Verzicht auf getrennte Emporensitzplätze für Frauen und auf das Anlegen von Gebetsmänteln und Kopfbedeckungen für Männer sowie schließlich sogar die Einführung von Gottesdiensten am Sonntag! Die Liberale Synagoge in der Lindenstraße übernahm eine Vielzahl dieser Neuerungen, nicht jedoch alle: Die Gebetssprache blieb weiterhin hebräisch. Neu war im Winter die Einführung eines zweiten Gottesdienstes am Freitagabend für Berufstätige, der so großen Zuspruch fand, dass dieser Freitagabend-Gottesdienst auch in anderen Synagogen abgehalten wurde.

 

Diese „Verkirchlichung“ der Synagogen drückte sich auch in der architektonischen Gestalt aus. Synagogen waren von jeher Mehrzweckgebäude, die nicht nur zum Gottesdienst, sondern auch zur Gerichtsbarkeit, zu Unterrichtszwecken und zur kulturellen, seelsorgerischen und karitativen Arbeit genutzt wurden. Jeder Privatraum konnte – unter bestimmten Voraussetzungen – als Synagoge genutzt werden. Im Rahmen der Akkulturation der jüdischen an die christliche Bevölkerung griffen die Baumeister von Synagogen die aktuelle Kirchenbau-Formensprache des jeweiligen Landes auf. Allgemein lässt sich für die deutschen Juden festhalten, dass sie in der Synagogenarchitektur zum einen ein Bekenntnis zur deutschen Nation ablegten, indem man lokale Baustile aufgriff, zum anderen aber gleichzeitig versuchte, jüdische Eigenständigkeit zu demonstrieren, vornehmlich durch den Rückgriff auf orientalische Stilelemente. Ein typisches Beispiel dafür ist die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße, deren goldverzierte Kuppel im maurischen Stil hell über den Dächern der Mitte Berlins strahlt.



 

Schlichter und der norddeutschen Backsteinarchitektur angeglichen trat die Liberale Synagoge in der Lindenstraße in Erscheinung. Da sich das Gebäude in die Straßenfront eingliederte und die eigentliche Synagoge, die im Hinterhof lag, den Blicken entzog, konnte man äußerlich nicht feststellen, dass es sich hier um ein jüdisches Zentrum handelte. Die achsensymmetrisch gegliederte Straßenfassade mit Rundbogenfenstern und großer Tordurchfahrt ließ zwar den offiziellen Charakter zutage treten, hätte aber auch jederzeit als eine Schule, ein Krankenhaus oder eine Behörde des wilhelminischen Deutschlands angesehen werden können.

 

Die eigentliche Synagogenfassade gliederte sich in drei vertikale Segmente von identischem Aufbau: Über den Baldachinportalen erhoben sich drei schmale und hohe Rundbogenfenster, die durch ein großes Rundfenster gekrönt wurden. Unterhalb des Kranzgesimses verlief eine Zwerggalerie mit fünf Bogen. Dieser Bau hätte jederzeit mit einer protestantischen Kirche gleichgesetzt werden können. Den einzigen Hinweis auf eine Synagoge stellten die drei steinernen Davidsterne über den Portalen dar. Hatten die Architekten Cremer und Wolffenstein, (ein Architekturbüro, das sich auf repräsentative Wohn- und Geschäftsbauten und Synagogen spezialisiert hatte), noch ein an der christlichen Basilika orientiertes dreischiffiges Langhaus vorgesehen, so wurde im Endeffekt ein Zentralraum im romanischen Stil mit byzantinischen Einflüssen geschaffen. Das sternartige Kreuzrippengewölbe wurde von roten Sandsteinsäulen, die durch mächtige Rundbogen verbunden waren, getragen. Eine Ausschmückung erfolgte lediglich an ausgewählten Architekturelementen, z. B. den Balustraden der Emporen und den Gewölberippen, dies allerdings durch prächtige Vergoldungen, die dem Tempel ein würdevolles Aussehen verliehen. Die Entscheidung für einen Zentralraum mit Seitenflügeln war ein bewusstes Zugehen zum protestantischen Kirchenbau, ebenso die Ausgestaltung mit einer Orgel. Die Synagoge der Lindenstraße war damit ein typischer Vertreter der sogenannten „Orgelsynagogen“.

 

Da die Synagoge in der südlichen Friedrichstadt eine zahlenmäßig sehr starke jüdische Gemeinde umfasste, wurde sie durch einen Synagogenverein unterstützt, der die Aufgabe übernahm, die Anonymität in der großstädtischen Gläubigenschar durch Geselligkeit und seelsorgerische Arbeit aufzubrechen. Wie vielfältig dieses Gemeindeleben war, lässt sich anhand der vielen Organisationen belegen, die in der Lindenstraße 48-50 beheimatet waren. Im Vorderhaus wohnten der Rabbiner, der Verwalter und der Pförtner, im zweiten Stock war die II. Religionsschule der Jüdischen Gemeinde mit 257 Plätzen untergebracht. Im Laufe der Jahre beherbergte das Gebäude den „Jüdischen Arbeitsnachweis“, die Abteilung für die Vermittlung von Auslandsstellen und die Abteilung Arbeitseinsatz der Jüdischen Gemeinde, seit 1933 eine Beratungsstelle für Schulangelegenheiten, ab 1935 für drei Jahre den Verband jüdischer Ingenieure und Chemiker in Deutschland, von 1939 bis 1943 den Israelitischen Gemeindebund und die Jüdische Lehrerbildungsanstalt, von 1940 an den Hilfsverein der Juden in Deutschland und später dann die Abteilung Fürsorge – Kriegsopfer der Reichsvereinigung. In den Kriegsjahren standen auch einige Wohnungen als Notunterkünfte für obdachlose Juden zur Verfügung. Vor allem nach 1933 fungierte der Synagogensaal häufig als Versammlungsraum, insbesondere für die Jüdische Winterhilfe, und als Konzertsaal. Von 1940 bis 1942 waren in den Räumen der II. Religionsschule die sechs Klassen der Jüdischen Mittelschule untergebracht. Zwischendurch musste der Unterricht aber in die Räume der Jüdischen Volksschule in der Kaiserstraße verlegt werden, da die Räume vorübergehend als Wehrmachtslazarett benötigt wurden. Am 30. Juni 1942 wurde der Unterricht beendet: Jeder Schulbesuch und jede Berufsausbildung waren den Juden von nun an verboten.

 

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde auch die Synagoge in der Lindenstraße von der Zerstörungswut der Nationalsozialisten betroffen. Der Innenraum der Synagoge wurde in der Pogromnacht teilweise zerstört, das Gebäude selbst blieb jedoch weitgehend unbeschädigt. Trotzdem wurde der Synagogensaal nicht wieder für den Gottesdienst hergerichtet. Für ein Jahr blieb der Gebetsraum ungenutzt und wurde dann 1939 auf Antrag der „Reichsstelle für Getreide, Futtermittel und sonstige landwirtschaftliche Erzeugnisse“ beschlagnahmt und zum Getreidespeicher umfunktioniert. Diese Vorgehensweise war ein typischer Akt der Demütigung gegenüber den jüdischen Gemeinden im gesamten Reichsgebiet. Ab Januar 1942 wurde die Synagoge als Lagerraum nicht mehr benötigt. Verhandlungen zwischen der Jüdischen Gemeinde und dem Bezirk Kreuzberg zur Anmietung endeten mit der Grundstücksübernahme durch das Deutsche Reich im Mai 1943.

 

Je schwieriger die Situation der jüdischen Bevölkerung im nationalsozialistischen Deutschland wurde, desto größere Bedeutung gewannen die Unterstützungsmaßnahmen für die jüdische Bevölkerung. Ein herausragendes Beispiel dafür war der „Jüdische Arbeitsnachweis“. Die Abteilung für kaufmännisches Personal, Hauspersonal und freie Berufe war im Vorderhaus seit 1931 untergebracht. Eine Arbeitsvermittlungsstelle extra für jüdische Arbeitnehmer war notwendig, da zum einen das Arbeitsverbot am Sabbat eine „konventionelle“ Anstellung nicht möglich machte und vor allem jüdische Arbeitgeber solche Arbeitsverträge abschlossen. Zum anderen war es mindestens seit 1933 immer schwieriger geworden, für Juden Anstellungsmöglichkeiten zu finden, da z. T. selbst jüdische Firmen unter Rücksichtnahme auf antisemitisch eingestellte Kundschaft und Geschäftspartner keine Juden mehr unter Vertrag nahmen. Da unter der jüdischen Arbeitnehmerschaft ein extrem hoher Anteil im kaufmännischen Bereich tätig war, war die Anlaufstelle in der Lindenstraße sehr stark frequentiert. Durch die systematische Verdrängung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben, waren sie immer stärker von einem Arbeitsplatz bei einem jüdischen Arbeitgeber abhängig. Als man schließlich dem „Jüdischen Arbeitsnachweis“ 1937 sogar noch die Arbeitsvermittlungstätigkeit entzog, konnte sich seine Tätigkeit nur noch auf die Vermittlung von Arbeitsplätzen im Ausland beschränken. Die Stellen mussten, bevor sie in den jüdischen Zeitungen annonciert wurden, dem Landesarbeitsamt Brandenburg vorgelegt und genehmigt werden. Auch diese Aktivität ging im Juli 1940 zu Ende.

Bei der schweren Bombardierung des Viertels am 3. Februar 1945 brannte ebenfalls die Synagoge aus. Die Ruine stand noch bis 1956, dann wurde sie abgerissen. Heute steht im Hinterhof ein Mahnmal, das an die große Liberale Synagoge in Kreuzberg erinnert. Die Erbauer Zvi Hecker, Micha Ullmann und Eyal Weizmann nahmen bei der Gestaltung Bezug auf den Grundriss des Synagogensaals und die Anordnung der Sitzreihen. Ganz bewusst bezogen sie die Natur, die Bäume und Sträucher des Hinterhofes, als Zeichen der Vergänglichkeit und der Zeit mit ein. Sie verglichen die Abfolge der Sitzreihen mit den Zeilen eines Buches, eines heiligen Buches: dem Talmud.