In den bildungspolitischen Debatten, die durch die
PISA-Studien ausgelöst wurden, ist die Forderung nach einer stärkeren Individualisierung von Lehr- und Lernprozessen häufig anzutreffen. Zur Reform des deutschen Bildungssystems erachtet so z. B. das
Forum Bildung eine möglichst frühe und individuelle Förderung sowie die Verwirklichung lebenslangen Lernens für alle als vordringlich.
Unter der Überschrift
„PISA - ein deutsches Problem?" vergleicht Cecilia Braslavsky die 12 Empfehlungen des Forums Bildung im internationalen Kontext. Sie relativiert die Bestürzung in Deutschland und verweist auf tiefer liegende Entwicklungen: „Mit dem Ende des Industriezeitalters ist die Welt an allen Ecken und Enden in Bewegung geraten. Globalisierung, Digitalisierung, Virtualisierung und Individualisierung lösen herkömmliche Grenzen auf und legen neue Horizonte frei. Nie zuvor in der Menschheitsgeschichte wurde Mobilität in dem Maße gefordert und gefördert wie heute. Mobilität bezeichnet nicht nur die Fähigkeit, sich räumlich zu bewegen. Sie betrifft auch die geistige, soziale und emotionale Beweglichkeit, das Bedürfnis nach neuen Erfahrungen und neuen gedanklichen Horizonten. Mobilität bedeutet Risiko, aber auch größere Innovationsmöglichkeiten, Hoffnungen und Utopien.“
Schulen ans Netz fasst die Herausforderung wie folgt zusammen: „Das Lernen von morgen sollte die individuellen Bedürfnisse, Fertigkeiten und Erfahrungen der Lernenden stärker berücksichtigen. Nicht zuletzt durch neue Medien können Kreativität, Eigenständigkeit und auch Leistungsbereitschaft geweckt werden. Diese Individualisierung und Leistungsorientierung des Lernens steht keineswegs im Widerspruch zu dem Ziel, den Jugendlichen soziale und kommunikative Werte zu vermitteln. Interaktive Medien ermöglichen ein kooperatives Lehren und Lernen: So können beispielsweise leistungsstarke Schülerinnen und Schüler schwächere unterstützen, sich zu bestimmten Themen und Zwecken Gruppen in virtuellen Lernzirkeln zusammenfinden und unabhängig von Ort und Zeit an gemeinsamen Projekten arbeiten“.
Kritisch hinterfragt wird die Forderung nach einer stärkeren Individualisierung von Lehr- und Lernprozessen von Rainer Fischbach. Unter der provokanten Überschrift
„Der Mensch als Abfüllobjekt – Bildung in den Zeiten von Agenda 2010 und PISA-Schock“ problematisiert er in fünf Thesen die Entwicklung hin zu einer umfassenden Verwertbarkeit der Ware Qualifikation sowie den vermehrten Einsatz von "Wissensware", also von vergegenständlichtem, durch elektronische Technik transportiertem Wissen.