"Du hattest [...] bestimmten Anlaß, die Szene des Stücks nach Berlin zu verlegen und Straßen und Plätze zu nennen. Im allgemeinen ist es aber auch meines Bedünkens gar nicht übel, den Schauplatz genau zu bezeichnen. Außer dem, daß das Ganze dadurch den Schein von historischer Wahrheit erhält, der einer trägen Phantasie aufhilft, so gewinnt es auch, zumal für den, der mit dem als Schauplatz genannten Orte bekannt ist, ungemein an Lebendigkeit und Frische."
So beurteilt in E. Th. A. Hoffmanns Erzählungen und Märchen "Die Serapionsbrüder" ein Protagonist der Geschichte die literarische Erzählung eines Freundes. Er bezieht seine √úberlegungen auf fiktionale Geschichten, die genannten Argumente treffen aber ebenso auf die wissenschaftliche Geschichtsschreibung zu. Denn auch historische "Ereignisse haben einen Ort, an dem sie stattfinden. Geschichte hat ihre Schauplätze" (Karl Schlögel). Vergangenheit hat also nicht nur eine zeitliche, sondern auch eine räumliche Dimension. Und auch hier gilt: Durch die Begegnung mit dem Ort, an dem das historische Ereignis stattgefunden hat, kann die Vorstellung von der Vergangenheit an "Lebendigkeit und Frische" gewinnen und einer "trägen Phantasie aufhelfen". Und: Anders als der literarische Ort, vermag der historische Ort nicht nur den Anschein "historischer Wahrheit" zu erzeugen, sondern er scheint diese geradezu zu verbürgen. Die Distanz zwischen dem zeitlich Fernen und der Gegenwart scheint durch die räumliche Nähe zu schwinden. Dem historischen Ort wird häufig ein hoher Grad an Authentizität zugesprochen. Angesichts der Beschleunigung von Veränderung unserer Lebensbedingungen steigt gerade dieses Bedürfnis nach dem Authentischen, davon lebt ein nicht unwesentlicher Teil des Tourismus.
Schauplätze von Ereignissen, die für uns heute historisch bedeutsam sind, finden sich gerade in Berlin in einer Verdichtung, die so in Deutschland wohl selten ist. Dies betrifft die Zeitgeschichte (Nationalsozialismus, DDR) ebenso wie die oft zu wenig wahrgenommene demokratische Traditionslinie der Stadt. Zu erinnern ist an die Revolution 1848 mit den Barrikadenkämpfen an vielen Stellen in der Stadt und dem Friedhof der Märzgefallenen im Volkspark Friedrichshain sowie an die Orte der Revolutionen von 1918 und 1989. Der märkische Sand unter dem Berliner Pflaster ist also historisch gesättigt. Topografische Tiefenbohrungen in historiografischer Absicht lohnen sich nahezu immer. Die Einsicht in die räumliche Dimension des Historischen begründete gar einen eigenen Wissenschaftszweig der Geschichtswissenschaft - die "spacing history".