Hilfe für Schnellzugriffstasten

Lehramtsanwärter/innen

Latein

Pantheon und stoische Weltanschauung

"Das bedeutendste Bauwerk auf dem Marsfeld aus der Zeit Hadrians ist das Pantheon. [...]Noch heute <steht> der Name des Agrippa (Freund und Schwiegersohn des Augustus) über dem Eingang. Doch der Tempel, den Agrippa erbaute, brannte 80 n. Chr. nieder, und der nachfolgende, von Domitian errichtete, wurde 110 n. Chr. das Opfer eines Blitzschlages. So begann < Kaiser> Hadrian 118 oder 119 n.Chr. mit einem Neubau, der von dem Schema, nach dem Tempel bisher angelegt wurden, völlig abwich. Kuppelsäle der Thermen scheinen mehr Vorbild gewesen zu sein als Sakralbauten. Dennoch war offensichtlich eine gewandelte religiöse Vorstellungswelt die Ursache dafür, daß man sich zu einem Kuppelbau entschloß.
 
Was der Name `Pantheon´ besagt, läßt sich nicht aufklären. War der Tempel allen Gottheiten geweiht, oder wollte man ihn als ganz besonders heilig bezeichnen? Der Agrippa-Bau war vermutlich den Planetengottheiten geweiht, allen voran Mars und Venus als Schutzgottheiten des julischen Hauses ( d.h. der Familie des Augustus). Welche religiösen Vorstellungen bestimmten aber Hadrian beim Neubau des Pantheons? Stellen wir die Frage zurück, bis wir uns mit dem Bauwerk vertraut gemacht haben.
 
Wenn man in der Antike den Hadrian-Bau betreten wollte, so mußte man durch einen Torbau hindurchgehen und einen langgestreckten, von Säulenhallen eingefaßten Platz durchschreiten, ehe man zur giebelgekrönten Vorhalle des Tempels kam, zu der früher Stufen hinaufführten. Die Vorhalle besteht aus 16 Granitsäulen mit korinthischen Marmorkapitellen. Dann folgt ein Querhaus, das auch von außen erkennbar ist, weil es den Giebel überragt. Von hier aus betritt man durch eine Bronzetür, die noch aus der Antike stammt, das Innere.
 
Der runde Innenraum ist von einer Wand umschlossen, die mit farbigem Marmor inkrustiert ist. In dieser Wand befinden sich sieben Nischen, von denen sich die, welche dem Eingang gegenüberliegt, durch besondere Größe auszeichnet. Hier standen früher Götterstatuen. An den Wandstücken zwischen den Nischen befinden sich --ebenfalls für Figuren bestimmte - Ädikulen. Der Wand folgt nach oben zu, über einem Gesims, eine Attikazone, die durch die plumpe Stuckdekoration, welche sie im 18. Jahrhundert bekam, an Schönheit verloren hat. Erfreulicherweise wurde ein kleines Teilstück in der alten Form wiederhergestellt, damit man sich vorstellen kann, wie die Attika mit ihren Blendfenstern und dazwischen angeordneten eleganten Pilastern über einem Sockelstreifen einmal ausgesehen hat.
 
Über der Wandzone wölbt sich als gewaltige Halbkugel die Kuppel. Sie ist durch Kassetten geziert und hat im Gewölbescheitel eine runde Öffnung, durch die Lichtstrahlen wie Regen in den Innenraum fallen. Dieser aber wirkt in seiner Gesamtheit so vollkommen, daß er vollkommener nicht gedacht werden kann. Vollkommenheit ist immer mathematisch bedingt und beruht beim Pantheon darauf, daß sein Durchmesser wie seine Höhe die gleiche Länge von 43,20 m haben. Dabei ist der zylinderförmige Unterbau ebenso hoch wie die Kuppel. Daraus ergibt sich, daß der Halbkreis, als welcher die Kuppel im Querschnitt erscheint, bei seiner Vervollständigung zum Kreis die Fußbodengerade als Tangente bekäme. Vervollständigte man also die halbkugelförmige Kuppel zur Kugel, so läge diese dem Fußboden auf. Wir haben es hier mit einem Raum von vollendeter Harmonie zu tun.
 
Die vortreffliche Gestaltung des Innenraums war nur möglich, weil der Außenbau in genialer Weise konstruiert war. Dieser besteht aus einer dreigeschossigen Mauer von 6,20 m Dicke mit eingebauten Entlastungsbögen und Hohlräumen. Auf ihr ruht eine flache Kalotte aus Gußwerk, die eine Skelettkonstruktion aus Bandrippen enthält, welche bis nahe unter den Kuppelring geführt und dort durch Bogen verbunden sind. Da es nicht möglich war, eine Kuppel als Halbkugel von 43,20 m Spannweite auf die Mauer zu setzen, bediente man sich - wie man es am Außenbau sieht - einer flachen Kalotte. Im Inneren aber füllte man den Übergang von der Mauer zur Kalotte so aus, daß sich eine Halbkugel ergab, die scheinbar dem Attikageschoß auflag.
 
Jedoch nicht nur ihre technische Begabung machte es den Römern möglich, einen Bau wie das Pantheon zu schaffen. Es gehörte dazu auch der schon vielfach erwähnte Sinn für das Räumliche. Anders hätte nie ein solcher Innenraum entstehen können. Auch unter dem Aspekt des Religiös-Kultischen bedeutete dieser ein Novum. Im Inneren eines Tempels stand sonst nur das Kultbild der Gottheit. Das Volk versammelte sich vor dem Heiligtum, wo auch der Altar seinen Platz hatte. Das Pantheon aber war so angelegt, daß das Volk den Innenraum betreten mußte. Der Überlieferung nach waren die Kassetten von dessen Kuppelgewölbe mit Sternen auf blauem Grund geschmückt. Das Gewölbe sollte also den Himmel symbolisieren, was den Gesamtraum zum Sinnbild des Weltalls machte. Ein Sakralraum als versinnbildeter Kosmos - in dieser Vorstellung verbarg sich stoische Philosophie, die in der Kaiserzeit große Bedeutung hatte. Nach Auffassung der Stoiker, die Gott im pantheistischen Sinne begriffen, war das ganze Weltall von Logoi spermatikoi, von Samenteilchen göttlicher Vernunft, also vom göttlichen Geist erfüllt. So lebt das Göttliche folgerichtig auch in dem Raum, der Kosmos bedeutet, und der Innenraum des Pantheon als solcher ist Träger des Göttlichen. Die Götterbilder in den Nischen vertragen sich sehr gut mit dieser stoischen Auffassung. Die verschiedenen Gottheiten galten bei den Stoikern als Personifikationen von Kräften des alldurchwaltenden Geistes. So spiegelt das Pantheon stoische Weltanschauung wider."[Stützer 283-285]
 
 
 
dtv-Atlas Baukunst I, 252
 
Redaktionell verantwortlich: Jürgen Frank, LISUM
bookmark in your browserbookmark at mister wongbookmark at del.icio.usbookmark at google.combookmark at yahoo.com
 
  1. Hilfe zu Schnellzugriffstasten
  2. globale Berlin.de Navigation
  3. lokale Navigation dieser Seite
  4. Inhalt dieser Seite
  5. Service und Kontakt
  6. Druckversion