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Pädagogische Konzepte

Pädagogische Konzepte

Grundlagen der Entwicklungspsychologie für Lehrkräfte

Die Bedeutung der Lehrkräfte für das Lernen und die psychosoziale Entwicklung von Schülerinnen und Schülern wird sowohl in der Fachliteratur als auch von Eltern und Schülerinnen und Schülern immer wieder betont. Der Bildungserfolg hängt aber nicht nur von den Lehrkräften selbst sondern auch von den kognitiven und motivationalen Voraussetzungen der Schülerinnen und Schülern ab. Wie Schülerinnen und Schüler denken, wie motiviert sie sind, für welche Themen sie sich interessieren, verändert sich dabei im Laufe der Schulzeit. Lehrkräfte sind demnach in den verschiedenen Jahrgangsstufen mit ganz unterschiedlichen Phasen der Entwicklung konfrontiert. Entwicklungsverläufe zu beschreiben und zu erklären ist der Gegenstandsbereich der Entwicklungspsychologie (Schneider & Lindenberger, 2012). Ziel des folgenden Beitrags ist es erstens, typische physische und psychische Entwicklungsverläufe der Kindheit und Jugend zu skizzieren. Zweitens soll auf die Frage eingegangen werden, wie groß der Einfluss von Schule und den Lehrkräften neben genetischen, familiären und sozialen Faktoren auf die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen sein kann.

Vom Kind zum Jugendlichen: Welche typischen Entwicklungsverläufe lassen sich beschreiben?

Die körperliche Entwicklung der Schülerinnen und Schüler ist im Grundschulalter durch eine verbesserte Motorik und steigende Körperkraft geprägt. Die zunehmende Bewegungsfähigkeit äußert sich dabei in einem hohen Bewegungsdrang und kann im Unterricht zu Unruhe bei den jungen Schülerinnen und Schülern führen. Im Jugendalter werden insbesondere beim Körperwachstum der Kinder Geschlechterunterschiede deutlich. Der Wachstumsschub tritt bei Mädchen etwa zwei Jahre früher ein, ist aber nicht so stark ausgeprägt wie bei Jungen, wodurch die späteren Größenunterschiede zwischen Mädchen und Jungen entstehen. Die körperliche Entwicklung des Jugendalters ist insbesondere auch durch die Geschlechtsreifung gekennzeichnet. Die äußere körperliche sowie hormonelle Entwicklung stellt für viele Jugendliche eine große Herausforderung dar: Zu erleben, wie sich der Körper und das Aussehen insgesamt verändert und dies akzeptieren lernen, ist eine zentrale Entwicklungsaufgabe im Jugendalter.

Mit Beginn der Schulzeit gewinnen Peers und Gleichaltrige für Kinder zunehmend an Bedeutung. Dabei bilden sich meist homogene Peergruppen, d.h., die Schülerinnen und Schüler suchen sich häufig Freunde des gleichen Geschlechts. Aufgrund des ähnlichen Alters und der – im Vergleich mit Erwachsenen – gleichberechtigten Stellung der Kinder, zeigen sich Schülerinnen und Schüler offener und ungezwungener und sind eher bereit Anregungen anzunehmen. Zudem hilft die Peergruppe, durch Zusammenarbeiten beim Erlernen neuer Fertigkeiten. Die Wichtigkeit der Peers für die Schülerinnen und Schüler nimmt während der Jugend weiter zu. Im Jugendalter entstehen zunehmend Freundschaften zwischen Jungen und Mädchen und die Beziehungen zwischen den Jugendlichen sind durch eine Zunahme an Vertrautheit und Intimität gekennzeichnet. Freunde helfen den Schülerinnen und Schülern mit Problemen umzugehen und bieten emotionale Unterstützung, was sich nicht zuletzt positiv auf das Wohlbefinden der Jugendlichen auswirkt. Eine Ablehnung durch die Peergruppe ist demzufolge eine äußert kritische Erfahrung und kann verschiedene Formen von Problemverhalten nach sich ziehen.

Der vermehrte Kontakt mit Gleichaltrigen mit Beginn des Schuleintritts führt auch dazu, dass die Kinder und Jugendlichen beginnen, sich mit anderen zu vergleichen. Die sozialen Vergleiche haben einen großen Einfluss darauf, welches Bild das Kind von sich selbst entwickelt. Das sogenannte Selbstkonzept, also das was man über sich selbst denkt, ist im Vorschulalter und zu Beginn der Grundschule stark positiv geprägt. Die Kinder trauen sich typischerweise viel zu. Durch die sozialen Vergleiche und die Rückmeldungen aus der Schule verändert sich das Selbstkonzept zunehmend: Es wird differenzierter und realistischer. Neben dem allgemeinen Selbstkonzept entwickeln sich im zweiten und dritten Schuljahr fähigkeitsbezogene Selbstkonzepte. Schülerinnen und Schüler verstehen, dass ihre Leistungen zwischen verschiedenen Fächern variieren. Für die Entwicklung des Selbstkonzepts spielt die Art der Rückmeldung durch die Lehrkraft eine wichtige Rolle:Orientiert sich die Lehrkraft an den individuellen Fortschritten der Schülerinnen und Schüler, ist mit einer günstigen Entwicklung des Selbstkonzeptes der Kinder und Jugendlichen zu rechnen. Dies ist insbesondere für schwächere Schülerinnen und Schüler hilfreich, da ihr Selbstkonzept bei häufigen Vergleichen mit anderen eher sinkt.

Neben fähigkeitsbezogenen Selbstkonzepten sind die Jugendlichen mit allgemeinen Gedanken über sich, ihre Gefühle und ihre Stellung unter Gleichaltrigen beschäftigt. Dies ist unter anderem auf die Entwicklung einer eigenen Identität zurückzuführen, die von den Jugendlichen eine starke Konzentration auf sich selbst verlangt. Gerade in der Phase der Identitätsentwicklung ist den Jugendlichen die Bewertung durch andere Personen wichtig. Dadurch machen sie sich auch Sorgen um die eigene soziale Kompetenz und soziale Akzeptanz.

Die Identitätsentwicklung hat starken Einfluss auf das (allgemeine) Selbstkonzept der Schülerinnen und Schüler, so dass dieses durch grundlegende Veränderungen gekennzeichnet ist. Dabei variiert das Selbstbild zu Beginn der Jugend zwischen den verschiedenen Kontexten: Die Jugendlichen beschreiben sich beispielsweise gegenüber ihren Freunden und ihren Eltern als jeweils etwas andere Person.

Dadurch entstehen für die Schülerinnen und Schüler Widersprüche, die sie häufig belasten, da sie kein kohärentes Selbstkonzept bilden können. Erst zum Ende der Jugend und mit Beginn des Erwachsenenalters wird das Selbstkonzept stärker integriert und ist weniger durch die Meinungen und Aussagen anderer bestimmt.

In verschiedenen Studien konnte gezeigt werden, dass sich das schulfachbezogenes Interesse der Schülerinnen und Schüler positiv auf die Leistungen und Noten im entsprechenden Fach auswirkt. Allerdings nimmt im Laufe der Schulzeit das Interesse an allen Schulfächern stetig ab. Dieser Verlauf ist verstärkt in den naturwissenschaftlichen Fächern beobachtbar. Dabei scheint die teilweise mangelnde Übereinstimmung zwischen dem Curriculum und dem Interesse der Schülerinnen und Schüler ein Problem darzustellen.

Hinzu kommt die – insbesondere in den Naturwissenschaften – stark wissenschaftliche Ausrichtung des Unterrichts, die alltagsnahen Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen wenig Platz einräumt. Außerdem führt die Ausdifferenzierung des Fähigkeitsselbstkonzeptes dazu, dass den Schülerinnen und Schülern zunehmend ihre eigenen Stärken und Schwächen bewusst werden. Dies beeinflusst wiederum das Interesse an bestimmten Schulfächern in der Art, dass ein stärkeres Interesse in den Bereichen beobachtbar ist, in denen die Schülerinnen und Schüler ein höheres Fähigkeitsselbstkonzept aufweisen. Nach Ansicht verschiedener Autoren, kann durch die Erfüllung der von der Selbstbestimmungstheorie formulierten Bedürfnisse– Kompetenz, Selbstbestimmung und soziale Bezogenheit – Interesse und somit intrinsische Motivation erzeugt und aufrechterhalten werden.

Wie viel Einfluss haben Schule und Lehrkräfte auf die Entwicklung der Schülerinnen und Schüler?

Die Frage, welchen Einfluss die Gene und welchen die Umwelt auf die Entwicklung des Kindes haben, wurde in der Entwicklungspsychologie vielfach diskutiert. Was wird vererbt, welchen Einfluss hat die Umwelt oder im pädagogischen Kontext: Welchen Einfluss haben die Anlagen, die ein Kind mitbringt, und wieviel kann durch Erziehung und Unterricht beeinflusst werden? Das Zusammenspiel von Anlage und Umwelteinflüssen ist sehr komplex; keinesfalls wirken sie unabhängig voneinander. Bronfenbrenner und Ceci (1993, 1994) beschreiben in ihrem dynamischen Entwicklungsmodell, dass das Zusammenspiel von Person und Umwelt den zentralen Entwicklungsmotor darstellt und bestimmt, welche genetischen Potenziale realisiert werden. Schülerinnen und Schüler verbringen viel Zeit in der Familie und in der Schule (in westlichen Industrieländern). Dies sind also die zentralen Entwicklungsumwelten, die maßgeblich die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen beeinflussen. Außerdem zeigt sich, dass Kinder und Jugendliche ihre Entwicklung selbst mitgestalten, indem sie die erziehenden Personen durch gezielte Verhaltensweisen zu bestimmten Handlungen „motivieren“. Zudem werden die Schülerinnen und Schüler mit zunehmendem Alter selbstständiger und greifen selbst aktiv bestimmte Angebote auf, ignorieren andere und schaffen sich eigene Räume. Sowohl kognitiv als auch psychosozial bringen Kinder und Jugendliche bestimmte Potentiale mit, die ihre Wirkung aber erst durch die Umwelteinflüsse entfalten können. Dabei kann die Umwelt, d.h. zum Beispiel das Elternhaus oder die Schule, mehr oder weniger anregend gestaltet sein und die Potentiale mehr oder weniger gut unterstützen. Der Einfluss der schulischen Umwelt zeigt sich beispielsweise daran, dass die Anzahl der Jahre in der Schule einen positiven Einfluss auf die Intelligenzentwicklung hat. Weitere Studien zeigen, dass in den USA die Intelligenzleistung von Schülerinnen und Schülern über die Sommerferien sinkt.

Aber nicht nur die Schule insgesamt, sondern auch die einzelne Lehrkraft hat einen bedeutsamen Einfluss auf die Entwicklung der Schülerinnen und Schüler: Aktuelle Studien bestätigen, dass die schulischen Leistungen systematisch zwischen Lehrpersonen variieren. Dies bedeutet, dass die mittlere Leistung einer Klasse auch davon abhängt, von wem sie in einem bestimmten Fach unterrichtet wird. Die vieldiskutierte Metaanalyse von John Hattie (2013) hat anhand von etwa 250 Millionen Schülerinnen und Schülern genauer betrachtet, welche Faktoren den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler beeinflussen. Dabei stellte sich heraus, dass insbesondere das Handeln der Lehrkraft und die Qualität der Unterrichtsprozesse entscheidend für den Lernerfolg sind. Weniger wichtig für den Lernerfolg waren der Studie zufolge strukturelle Merkmale wie die Unterrichtsform, Wiederholung der Klasse oder jahrgangsübergreifende Klassen. Die Lehrkraft hat aber nicht nur einen Effekt auf den Lernerfolg. Mittlerweile gibt es beeindruckende empirische Studien, die deutlich zeigen, dass die Lehrerinnen und Lehrer auch einen wichtigen Einfluss auf die psychosoziale Entwicklung der Schülerinnen und Schüler haben: Hat die Lehrkraft Interesse an ihrem Fach, steigt auch die Motivation ihrer Schülerinnen und Schüler, ist die Lehrkraft überzeugt, gut in ihrem Fach zu sein, so überträgt sich auch das auf die Motivation und Erfolgserwartung der Schülerinnen und Schüler.

Die Kindheit und Jugend sind durch vielfältige Veränderungen auf körperlicher, kognitiver und psychosozialer Ebene gekennzeichnet. Dabei lassen sich Entwicklungsverläufe beschreiben, die auf eine Vielzahl der Kinder und Jugendlichen zutreffen. Wie gut die Entwicklung gelingt, hängt dabei zu einem großen Teil von den jeweiligen Umweltbedingungen ab, in denen die Kinder und Jugendlichen aufwachsen. Die Schule spielt seitens der Umweltbedingungen eine zentrale Rolle: Hier verbringen die Kinder und Jugendlichen einen Großteil ihrer Zeit, hier knüpfen sie soziale Kontakte, erhalten Rückmeldungen für ihre Leistung und erfahren kognitive Herausforderungen. Innerhalb des Kontexts Schule wiederum ist die einzelne Lehrkraft entscheidend: Ihr Wissen, ihre Unterrichtsgestaltung, ihre Motivation und ihre Beziehung zu den jeweiligen Schülerinnen und Schülern haben einen bedeutsamen Einfluss auf die individuelle Entwicklung der Schülerinnen und Schüler.

Weiterführende Literatur

Hattie, J. (2013). Lernen sichtbar machen. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.
Schick, H. (2012). Entwicklungspsychologie der Kindheit und Jugend. Ein Lehrbuch für die Lehrerausbildung und schulische Praxis. Stuttgart: Kohlhammer.
Schneider, W. & Lindenberger, U. (Hrsg.). (2012). Entwicklungspsychologie (7., vollständig überarbeitete Aufl.). Weinheim, Basel: BeltzVerlag.