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Heterogenität

Heterogenität

„Bildung für alle!“ – Heterogenität im Klassenzimmer und die Sensibilisierung für Inklusion

„Das Geheimnis, mit allen Menschen in Frieden zu leben, besteht in der Kunst, jeden seiner Individualität nach zu verstehen.“ – Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852)

Dieser von Friedrich Ludwig Jahn geäußerte Gedanke steht im Mittelpunkt schulischer Binnendifferenzierung, welche der großen Heterogenität der Schülerschaft Rechnung trägt. Wie kann man als Lehrkraft in einer heterogenen Gruppe den vielfältigen Förderbedarf der Schülerinnen und Schüler erkennen? Wie sollte man die Vielfalt innerhalb der Klasse im Unterricht berücksichtigen und diese produktiv nutzen?

Ein adäquater Umgang mit Heterogenität und Inklusion im Schulkontext setzt zunächst drei Bedingungen bei der unterrichtenden Lehrkraft voraus. Als erstes sollte die Lehrkraft die Existenz der Heterogenität im Klassenzimmer verstanden und verinnerlicht haben. Sie sollte erkennen, dass sich Heterogenität auf alle sichtbaren (z.B. Geschlecht, ethnische Herkunft, Alter oder Körpergröße) und vor allem auch unsichtbaren Schülermerkmale (z.B. Religionszugehörigkeit, Schulleistung oder Intelligenz) beziehen kann.

Als zweites sollte eine positive Einstellung der Lehrkraft gegenüber Heterogenität im Klassenzimmer vorhanden sein. Dies bezeichnet man auch als Diversity Management, was die positive Grundhaltung der Lehrkraft zur Achtung der Vielfalt in der jeweiligen Klasse, dem Erkennen von Vielfalt und ihrer Förderung umfasst. Beim Unterrichten nach diesem Prinzip toleriert die Lehrkraft die individuelle Verschiedenheit der Schülerinnen und Schüler nicht einfach nur sondern stellt diese, im Sinne einer positiven Wertschätzung, explizit in den Mittelpunkt des Unterrichts.

Damit wird das Ziel verfolgt, eine positive Gesamtatmosphäre im Unterricht zu erreichen („wir“ statt „ihr“), soziale Diskriminierungen von Minderheiten zu verhindern und die Chancengleichheit unter den zu unterrichtenden Schülerinnen und Schülern zu verbessern. Dabei steht aber nicht die Minderheit selbst im Fokus sondern die Gesamtheit der Schülerschaft mit all ihren Unterschieden und Gemeinsamkeiten.

Um „Diversity Management“ aber überhaupt betreiben zu können, benötigt die Lehrkraft als dritte Voraussetzung eine feinfühlige Diagnosekompetenz, die zunächst erworben und anschließend weiter geschult bzw. vertieft werden muss (z.B. durch regelmäßige Fortbildungen). So muss die Lehrkraft u.a. frühzeitig erkennen können, welche Schülerinnen und Schüler besondere Förderung benötigen. Dies umfasst auch das Wissen darüber, mit wem eine Kooperation notwendig ist, um den nötigen Förderbedarf bestimmen zu können (z.B. Zusammenarbeit mit Schulpsychologen oder Sonderpädagogen).

Sind diese drei Voraussetzungen bei der unterrichtenden Lehrkraft gegeben, ist als nächster Schritt der Unterricht sorgfältig zu planen und auf die Vielfalt der Schülerinnen und Schüler auszurichten. Interaktive Gruppenarbeiten mit solchen Arbeitsteilungen, die alle Gruppenmitglieder gleichberechtigt mit einschließen und den Teilbeitrag jedes einzelnen sichtbar machen, verstärken diesen Prozess.

So fördert der wechselseitige Austausch innerhalb der heterogenen Klasse ein positives Verständnis von Unterschieden bei allen Beteiligten (vgl. Diversity Management), was wiederum den Abbau von Vorurteilen und den Aufbau von gegenseitigem Respekt zur Folge hat. Wenn sich die Schülerinnen und Schüler einer heterogenen Klasse auf gleicher Augenhöhe begegnen, entsteht dabei ein „Wir“-Gefühl, das die Klasse als eine gesamte Einheit funktionieren lässt.

So hat beispielsweise die sozialpsychologische Forschung gezeigt, dass ein starker Zusammenhalt in heterogenen Gruppen gerade dann entsteht, wenn Individuen unterschiedlicher Herkunft, Sprache oder Religion miteinander zu tun bekommen, sich aufeinander einlassen und miteinander reden. Dieses Prinzip des gegenseitigen Dialogs und der gemeinsam geteilten Normen und Werte, das auch als commoningroupidentity bekannt ist, kann das Verhältnis zwischen einzelnen Gruppen deutlich verbessern, wenn sich die verschiedenen Gruppenmitglieder auf einer höheren Abstraktionsebene als eine gemeinsame, übergeordnete Gruppe sehen (z.B. die geteilte Identifikation als Mensch).

In der Erziehungswissenschaft wird in diesem Zusammenhang von inklusiver Pädagogik gesprochen, einem pädagogischen Ansatz, dessen wesentliches Prinzip die Wertschätzung und Anerkennung von Diversität (= Vielfalt) in Bildung und Erziehung ist. Inklusive Pädagogik ist dabei ein Gegenmodell zu Konzepten, die eher in homogenen Lerngruppen Vorteile sehen. Vertreter des Inklusionskonzeptes sehen keinen Grund, einzelne Schülergruppen vom Unterricht auszuschließen und isoliert zu betreuen sondern begreifen die Schülerschaft viel mehr als eine Gesamtheit, deren Mitglieder unterschiedliche Bedürfnisse besitzen. Diejenigen Bedürfnisse, die von der Mehrheit der Schülerschaft geteilt werden, bilden die gemeinsame Erziehungs- und Bildungsgrundlage. Die individuellen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler fließen dann zusätzlich in den Unterrichtskern mit ein. Darunter fallen insbesondere auch solche Bedürfnisse, für deren Befriedigung die Bereitstellung spezieller Mittel und Methoden notwendig sind (z.B. individuelle Fördermaßnahmen mit visuellen Lernhilfen).

Die Frage, wie kluge Aufgaben bzw. Arbeitsaufträge im Unterricht gewählt werden sollten, um der Vielfalt der Schülerinnen und Schüler zu begegnen, ist in der Forschung letztendlich nicht geklärt. Während Vertreterinnen und Vertreter der inklusiven Pädagogik eher Individualisierung als Unterrichtsform sehen, in der Arbeitsaufträge auf jeden einzelnen zugeschnitten werden, gehen fachdidaktische Modelle eher davon aus, dass man der Heterogenität einer Klasse durchaus mit weitgehend identischen Arbeitsaufträgen begegnen kann, dann vielleicht die Schwierigkeit des Auftrages je nach Gruppe variiert und danach differenziell bei der Aufgabenbearbeitung unterstützt (mehr Unterstützung in den schwachen Lerngruppen, weniger in den starken).

Zusammenfassend sollte die in heterogenen Klassen unterrichtende Lehrkraft somit den Dialog zwischen den einzelnen Schülerinnen und Schülern ausreichend fördern (z.B. durch Gruppenarbeiten und Projekte, die eine gemeinsame Planung innerhalb der Arbeitsgruppen erfordern), eine inklusive Unterrichtsstrategie verfolgen (z.B. durch Gleichberechtigung und Unterstützung von lernschwachen Schülerinnen und Schülern) und mit dem Aufbau einer Klassengemeinschaft Vorurteilen und Stereotypen entgegenwirken (z.B. durch Klassenlogos oder Ausflüge mit gegenseitigem Kennenlernen).

Empfohlene Literatur zum Thema:

Hinz, R.; Walthes, R. (2009). Heterogenität in der Grundschule: Den pädagogischen Alltag erfolgreich bewältigen. Weinheim, Basel: Beltz
Katzenbach, D. (2007). Vielfalt braucht Struktur. Heterogenität als Herausforderung für die Unterrichts- und Schulentwicklung. Frankfurt: Goethe Univ.
Schnell, I. (2004). Inklusive Pädagogik. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.