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Kommunikation

Kommunikation

Wie gelingt (gewaltfreie) Kommunikation?

Kommunikation in der Schule umfasst verschiedene Bereiche und Ebenen: so können beispielsweise verschiedene Kommunikationspartner (Schüler, Lehrkräfte, Schulleiter, Eltern, Schulpersonal etc.), Gruppengrößen (facetoface, Zweiergruppen, Kleingruppen, Klassenplenum, Jahrgänge etc.), aber auch Hierarchieebenen (Schüler-Lehrkraft, Lehrkraft-Schulleitung, Lehrkraft-Eltern etc.) unterschieden werden. Zudem findet schulische Kommunikation, wie in anderen Bereichen und Institutionen auch, nicht nur auf verbaler Ebene (Inhalt, Tonfall, Tonlage etc.), sondern immer auch non-verbal (Mimik, Gestik, Körperhaltung etc.) statt.

Aus unterrichtswissenschaftlicher Perspektive ist Kommunikation jedoch nicht nur ein „Moment jeglichen Unterrichtens“ (Walter 2009, S. 166), der somit für Konzeption, Planung und Analyse von Unterricht bedeutsam ist, sondern auch Ziel und Gegenstand des Unterrichts, damit sich Schülerinnen und Schüler kommunikative Kompetenzen aneignen können. Insbesondere mit Blick auf die Aktualität der Diskussionen um Disziplinstörungen, Konflikte in der Schule, Schülergewalt, Mobbing, Bullying etc. ist den unterrichtlichen Kommunikationsprozessen in jüngster Zeit wieder vermehrt Aufmerksamkeit zu schenken. Eine gewaltfreie Kommunikation in Unterricht und Schule bzw. Interventionen zum Umgang mit schulischer Gewalt treten somit verstärkt in den Fokus der Unterrichtsforschung, auch wenn dies oft unter anderen Namen wie beispielsweise „soziales Lernen“, „classroommanagement“ oder „Streitschlichterprogramm“ geschieht.

Gewalt an der Schule

Es gibt verschiedene Arten von schulischer Gewalt. So unterscheidet man zum einen, gegen wen sich die Gewalt richtet: Gewalt von Schülerinnen und Schülern gegen andere Schülerinnen und Schüler oder gegenfremde Sachen (Vandalismus gegen Schuleigentum oder Eigentum anderer Schülerinnen und Schüler) oder auch gegen Lehrkräfte. Zum anderen lässt sich zwischen physischer Gewalt (Schlagen, Treten, Raufen), verbaler Gewalt (Verleumden, Beschimpfen, Lügen) oder psychischer Gewalt wie Cyber-Bullying (Nutzung von Kommunikationsmitteln, um anderen zu schaden) unterscheiden (bspw. Klewin, Tillmann & Weingart, 2002). Ergebnisse empirischer Gewaltstudien zeigen, dass die häufigste Form von Gewalt an Schulen die verbale Gewalt ist, an zweiter Stelle kommen physische Gewalttaten wie Schlagen oder Treten. Schwerwiegende Gewaltdelikte wie Raub oder physische Gewalt mit Verletzungsfolge sind nur selten zu finden (vgl. bspw. Baier, Pfeiffer, Simonson & Rabold, 2009).

Ursachen von Gewalt und Aggressionen sind vielfältig. Es lassen sich verschiedene Faktoren ausmachen, die in ihrem Zusammenspiel die Entwicklung von gewalttätigem Verhalten begünstigen. Im familiären Umfeld beispielsweise lassen sich folgende ungünstige Merkmale identifizieren, welche das Auftreten von Gewalt wahrscheinlicher machen: soziale Probleme, fehlende emotionale Bindung, Alkoholismus, ausbleibende oder fehlerhafte Erziehung. Zahlreiche Studien belegen, dass aggressives Verhalten erlernt und durch das familiäre und soziale Umfeld (wie Peer-Gruppen) aufrechterhalten wird (u.a. Huesmann &  Guerra, 1997). Treten zusätzlich gesellschaftliche Faktoren wie Perspektivlosigkeit und Versagensängste auf, kann sich Gewaltbereitschaft verstärken. Untersuchungen zeigen jedoch auch, dass neben diesen außerschulischen Einflüssen auch innerschulische Faktoren (wie Lernkultur, Sozialklima, schulischer Misserfolg und etikettierendes Lehrerverhalten) Gewalt provozieren können (Melzer, 1998). So wird beispielsweise anonymes, zusammenhaltloses Schulklima sowie ein von Konkurrenz und Konflikten geprägter Unterricht mit einer Zunahme von aggressivem Verhalten in Zusammenhang gebracht (Lösel & Bliesener, 2003).

Gewaltfreie Kommunikation

Da die Schule als einer der wichtigsten Erziehungs- und Sozialisationsorte angesehen wird, hat ein angemessener Umgang mit Gewalt, gerade unter Berücksichtigung verschiedener kommunikativer Strategien, einen großen Einfluss auf die Schülerinnen und Schüler. Um Konfliktsituationen zu vermeiden, sind präventive Maßnahmen sinnvoll. So sollte eine gewaltfreie Schulatmosphäre entwickelt werden, in der sich alle Schülerinnen und Schüler wohl fühlen. Studien zeigen, dass an Schulen, in denen Streitfälle verständnisvoll geschlichtet, sowie frühzeitig bei Gewaltvorkommnissen eingegriffen wird, gewaltärmer sind (Lösel & Bliesener, 2003).

Das Etablieren und Einhalten klarer Regeln und Grenzen sowie das Thematisieren von Gewalt und ihren Ursachen, Diskussionen über Ziele und Beweggründe von Regeln, das Einbeziehen von Schülerinnen und Schülern in Entscheidungen über Disziplinierungsmaßnahmen z.B. im Klassenrat, Aussprachen über Wirkungen von eigenem und fremden Verhalten etc.  sind wünschenswert. Dabei sollen Lehrkräfte eine Vorbildfunktion einnehmen. Das bedeutet, dass sie ein positives Interaktionsklima schaffen sollen, sowie positives Verhalten ihrer Schülerinnen und Schüler verstärken und Leistungsdruck abbauen. Ansätze wie das Senden von „Ich“-Botschaften oder des aufmerksamen und einfühlsamen Zuhörens (z.B. Gordon, 1981), in dem neben kognitiven bzw. verbalen auch emotionale bzw. non-verbale Inhalte berücksichtigt werden, sollen Schüler zur eigenen Verantwortlichkeit in sozialen Prozessen befähigen. Vorbildfunktion einnehmen heißt aber auch auf die eigene Kommunikation zu achten.

Dieser Aspekt gewinnt unter anderem vor dem Hintergrund zunehmender kultureller Heterogenität in Schule an Bedeutung. Untersuchungen aus dem amerikanischen Raum zeigen z.B. auf, dass obwohl sich das beobachtbare Verhalten ethnischer Minderheiten nicht von anderen Schülergruppen unterscheidet, diese oftmals härter und häufiger für geringere Vergehen (unhöfliches Verhalten etc.) bestraft werden. Als Erklärung hierfür wird u.a. ein Mangel an kultureller Übereinstimmung in der Kommunikation zwischen Lehrkraft und Schüler angeführt (Gay, 2006). Auch der Umgang mit aggressiven und gewaltbereiten Schülern ist eine zentrale Aufgabe von Lehrkräften. Eine angemessene Reaktion der Lehrkräfte auf gewalttätiges oder aggressives Verhalten kann schulische Gewalt eindämmen und ein positives soziales Schulklima fördern.

Es haben sich verschiedene Methoden und Trainings etabliert, die sich hierbei stark auf Kommunikationsstrategien beziehen. Allen ist gemeinsam, dass es gilt dem anderen mit Respekt und Wertschätzung zu begegnen sowie mit dem Ziel „Schülerinnen und Schülern verantwortliches Handeln [zu] vermitteln in einer Atmosphäre des Respekts, Vertrauens und der Unterstützung.“ (Woolfolk 2008, S. 573). Als Beispiel sei hier das Prinzip der Validierung kurz vorgestellt (bspw. Fleischhaker & Schulz, 2010). Validierung bedeutet in diesem Kontext, dem anderen zu zeigen, dass man etwas was er tut, fühlt, denkt oder sagt, nachvollziehen kann. Dadurch fühlt sich der andere verstanden und hat weniger Angriffsfläche. Validierung heißt gleichzeitig nicht, dass man es gut finden muss. So könnte man einem Schüler, der ständig stört folgendermaßen validieren (und gleichzeitig eine Grenze setzen), indem man sagt: "Ich weiß, dass es dir total schwer fällt so lange zu sitzen und zuzuhören (=Validierung) und ich erwarte, dass du es jetzt noch mal probierst (Grenzsetzung)."

Ansätze und Interventionen wie diese machen deutlich, dass gewaltfreie Kommunikation gerade im schulischen Kontext an Aktualität und Bedeutung nicht verloren hat und damit auch zunehmend in der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften und Schulpersonal verankert werden sollte.

Literatur

Baier, D., Pfeiffer, C., Simonson, J. & Rabold, S. (2009). Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter. Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen. Forschungsbericht 107. Hannover: KFN.
Fleischhaker, C. & Schulz, E. (2010). Borderline-Persönlichkeitsstörungen im Jugendalter. Berlin: Springer-Verlag.
Gay, G. (2006). Connections between classroom management and culturally responsive teaching. In C. Evertson & C.S. Weinstein (Eds.), Handbook of classroom management: Research, practice, and contemporary issues. Mahwah, NJ: Lawrence Erlbaum.
Gordon, T. (1981).Crippling our children with discipline. Journal of Education, 163, 418-243.
Huesmann, L. R. & Guerra, N. G. (1997). Normative beliefs and the development of aggressive behavior. Journal of Personality and Social Psychology, 72(2), 1-12.
Klewin, G., Tillmann, K.-J. & Weingart, G. (2002). Gewalt in der Schule. In: W. Heitmeyer & J.Hagan (Hrsg.), Internationales Handbuch der Gewaltforschung (S. 1078-1105). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Lösel, F. & Bliesener, T. (2003). Aggression und Delinquenz unter Jugendlichen. Untersuchungen von kognitiven und sozialen Bedingungen. München: Luchterhand.
Melzer, W. (1998). Gewalt als gesellschaftliches Phänomen und soziales Problem in Schulen – Einführung. In Arbeitsgruppe Schulevaluation, Gewalt als soziales Problem an Schulen (S. 11-49). Opladen: Leske & Budrich.
Walter, P. (2009). Unterricht als kommunikatives Geschehen. In K.-H. Arnold, U. Sandfuchs & J. Wiechmann (Hrsg.), Handbuch Unterricht (S.165-168). Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
Woolfolk, A. (2008). Pädagogische Psychologie (10. Aufl.). Pearson Studium: München.