Heute wäre Rahel Varnhagen vielleicht eine Moderatorin, die im Fernsehen Gesprächsrunden leitet. Denn sie „muss ein Geselligkeitsgenie gewesen sein“ (Carola Stern), die Menschen zuhörte, sie miteinander ins Gespräch brachte, selbst gebildet war und äußerst anregend und witzig sein konnte. Heinrich Heine* nannte sie die „geistreichste Frau des Universums“ und der Schriftsteller Franz Grillparzer* berichtete (1826): „Ich war verzaubert. Meine Müdigkeit verflog oder machte vielmehr einer Trunkenheit Platz. Sie sprach bis gegen Mitternacht [...] Ich habe nie in meinem Leben interessanter und besser reden gehört.“ Der Prinz Louis Ferdinand* charakterisierte sie als eine „Geburtshelferin von Gedanken“. Sie liebte den Austausch mit anderen Menschen – ob mündlich oder schriftlich. Die Gesprächsrunden in ihren Salons in Berlin waren berühmt und sind bis heute bekannt. Ebenso gerühmt wird sie für ihre über 10 000 geistreichen und eigenwilligen Briefe, die sie im Laufe ihres Lebens an ungefähr 300 Briefpartner schrieb. Sie war ein Mittelpunkt und dennoch zugleich eine Außenseiterin. Denn um 1800 galten andere Gesetze als im Medienzeitalter des 21. Jahrhunderts.