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Kontaktpersonen für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt / Diversity

Was verbirgt sich hinter dieser Aufgabe?

 

Das Berliner Abgeordnetenhaus hat am 2. April 2009 die Initiative „Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt“ (ISV) beschlossen (Drs. Nr. 16/2291 – April 2009: Initiative „Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt“).
Anlass dazu waren zahlreiche Überfälle auf Lesben, Schwule und transgeschlechtliche Personen. 

 

Zur Umsetzung der ISV beschließt der Berliner Senat am 16. Februar 2010 einen Maßnahmenplan „Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt“.
Dieser Beschluss beinhaltet im Themenfeld „Aufklärung und Bildung stärken“:

 

AH 1: Evaluation der fächerübergreifenden Umsetzung der A V 27 (Sexualerziehung)
AH 2: Weiterbildung/Qualifizierung von Schlüsselpersonen und pädagogischen Fachkräften zu Diversity
AH 3: Befähigung von Lehrkräften zum pädagogischen Umgang mit sexueller Vielfalt
im Rahmen der Ausbildung
AH 4: Aufarbeitung von Materialien und Etablierung von Ansprechpersonen für den Bereich sexuelle Vielfalt und Diversity
AH 5: Leitbilder, Konzeptionen, Standards in Schulen und Jugendfreizeiteinrichtungen (JFE)

In Schule und Gesellschaft wird oft selbstverständlich davon ausgegangen, dass es nur zwei Geschlechter gibt, dass sich Menschen mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei Geburt zugewiesen wurde und dass Menschen sich heterosexuell verlieben.
Sexuelle Vielfalt anzuerkennen bedeutet jedoch, auch LGBTI-Lebensweisen mitzudenken:

L = lesbian, lesbisch
G = gay, schwul
B = bisexual, bisexuell
T = transgender, transgeschlechtlich
I = intersexual, intergeschlechtlich

Menschen mit LGBTI Lebensweisen bezeichnen sich auch als „queer“. Es kann davon ausgegangen werden, dass 5-10 % aller Menschen queer sind. Somit finden sich in jeder Klasse und in jedem Kollegium Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die selbst LGBTI sind oder werden oder LGBTI Personen in ihrem Umfeld erleben.

 

In einer Studie von Karin Schupp (Sie liebt sie. Er liebt ihn. Berlin, 1999. Stichprobe: 217 LGB Jugendliche zwischen 15 und 28 Jahren) gaben zwei Drittel der befragten queeren Jugendlichen an nach ihrem Coming-out negative Reaktionen von ihrem sozialen Umfeld erlebt zu haben, die von Beschimpfungen bis zu körperlicher Gewalt reichten. Als Folgen dieser negativen Reaktionen wurden Lern- und Verhaltensprobleme; Schulverweigerung; Essstörungen; Drogenkonsum; (Auto-) Aggression und Suizidneigung (Gefährdung: 4-6 Mal höher) benannt.

Doch beim Thema Sexuelle Vielfalt geht es nicht nur um LGBTI-Jugendliche. Wenn Vielfalt abgewertet wird, dann werden die Handlungsspielräume aller Kinder und Jugendlichen eingegrenzt. Sie müssen befürchten, selbst den Normen von Männlichkeit und Weiblichkeit nicht gerecht werden zu können und ausgegrenzt zu werden. Die Stärkung Sexueller Vielfalt ist also eine Stärkung aller Kinder und Jugendlichen in ihrer individuellen Entwicklung der eigenen Identität, der eigenen Fähigkeiten und Vorlieben.

 

Ulrich Klocke belegt mit seiner Studie (Akzeptanz sexueller Vielfalt an Berliner Schulen. Berlin 2012. Stichprobe: 20 Schulen, 787 Schüler_innen, 27 Lehrkräfte, 12 Schulleitungen, 14 Elternvertreter_innen), dass sowohl Schüler_innen als auch Lehrkräfte LGBTI-Lebensweisen negativ bewerten (als Schimpfwörter benutzen, sich lustig machen, lästern). Gleichzeitig wird sexuelle Vielfalt selten explizit in der Schule thematisiert oder sichtbar gemacht.

Der Einfluss der Schule sowie der Lehrkräfte ist jedoch sehr bedeutsam, denn je häufiger Lehrkräfte sexuelle Vielfalt im Unterricht thematisieren, desto positiver sind die expliziten Einstellungen der Schüler_innen gegenüber LGBTI.
Pädagog_innen sind also aufgefordert, Verhaltensweisen jenseits von „typisch Junge / Mädchen“ wertzuschätzen sowie verschiedene Geschlechtsidentitäten (Mann, Frau, trans- und intergeschlechtliche Menschen,…) und verschiedene sexuelle Orientierungen (lesbisch, bisexuell, schwul, heterosexuell,…) sichtbar zu machen. Damit alle Menschen sich in der Schule sicher fühlen können, muss es schulische Konzepte und persönliche Handlungskompetenzen geben,  Diskriminierung präventiv entgegenzusteuern und gegebenenfalls zu intervenieren.

Daraus ergeben sich eine Vielzahl von möglichen Aufgaben
der Kontaktperson für Sexuelle Vielfalt / Diversity wie z.B.:

Sichtbarkeit von LGBTI unterstützen
– Unterrichtsmaterialien und Angebote zu sexueller Vielfalt / Diversity sammeln und im Kollegium bekannt machen;
– Vielfalt z.B. durch Bilder in den Schulräumen und durch Projekte auf schulischen Veranstaltungen sichtbar machen

Ansprechperson sein
– für Fragen zum Thema LGBTI
–  in Fällen von Diskriminierung
– ggf. Vermittlung an weitere Beratungsinstitutionen

Institutionelle Verankerung von Diversity voranbringen

– Überprüfung des Schulleitbilds, der Schulordnung etc. auf Berücksichtigung von Diversity
– Sexuelle Vielfalt als Querschnittsthema im Schulcurriculum verankern
– Schulübergreifende Präventionskonzepte- und Interventionsstrategien für Diskriminierungen erarbeiten
Einen Prozess mit initiieren, der eine Kontaktperson für sexuelle Vielfalt überflüssig macht

 

Quelle: Bildungsinitiative QUEERFORMAT

 

Eine Möglichkeit sich mit anderen Kontaktpersonen auszutauschen sind die regelmäßig stattfindenden Fachgespräche im Rahmen der regionalen Fortbildung. Diese und weitere Fortbildungen werden von der Bildungsinitiative QUEERFORMAT durchgeführt.