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Einführung

Sie erhalten hier einen kurzen Überblick über Themen und Fragestellungen zum Phänomen des Salafismus in Deutschland sowie erste Überlegungen und Hinweise zur Präventionsarbeit.

    1. PRÄVENTION IST NICHT DERADIKALISIERUNG:

    'Primäre' (oder universelle) Prävention ist in erster Linie Demokratieförderung. Sie richtet sich an 'ganz normale' Jugendliche weit im Vorfeld etwaiger Ideologisierung oder Radikalisierung. Sie kann überall erfolgen, wo Jugendliche 'unterwegs' sind – vor allem in Schulen und Jugendeinrichtungen. Sie soll sensibilisieren und Jugendliche vor einfachen Welt- und Feindbildern schützen. Bei der Prävention von Salafismus spielt die Bedeutung von Religion (Islam) in der Migrationsgesellschaft eine spezifische Rolle. Darin liegt die besondere Herausforderung.

    2. EINE SOZIALE FRAGE:

    Positionen und Verhalten von Jugendlichen sind meist weniger durch Religion oder die Herkunft ihrer Eltern geprägt als vielmehr durch ihr soziales Milieu.

    3. EINE FRAGE DES ALTERS:

    Jugendliche in einer freien Gesellschaft sind auf der Suche nach 'Identität' und ihrem Platz. Dabei grenzen sie sich auf manchmal extrem provozierende Weise von Eltern, Lehrerkräften oder anderen Autoritäten ab. Fragen, die Werte, Politik, Religion oder globale Konflikte betreffen, bekommen große Bedeutung. In dieser Phase der Unsicherheit und Suche nach Orientierung sind viele empfänglich für Ideologien oder charismatische Persönlichkeiten.

    4. SENSIBILISIERUNG VERSUS ALARMISMUS:

    Sensibilisierung für die Positionen und Verhaltensweisen von Jugendlichen, die möglicherweise sich und andere in Gefahr bringen oder Grundwerte gesellschaftlichen Zusammenlebens infrage stellen, ist deshalb unerlässlich. Alarmismus und eine 'Kultur des Verdachts' hingegen wären hinderlich und kontraproduktiv.

    5. SALAFISMUS IST NICHT ISLAM:

    Die salafistische Ideologie widerspricht Grundwerten demokratischen Zusammenlebens. Islam und Demokratie (oder: Scharia und Grundrechte) sind hingegen gut vereinbar. Jungen Musliminnen und Muslimen sollte nicht suggeriert werden, sie müssten sich für das eine (Demokratie) und gegen das andere (Islam) entscheiden. Vielmehr gilt es, die Werte und unterschiedliche Lebenswelten positiv miteinander zu verbinden.

    6. SALAFISMUS IST NICHT DSCHIHADISMUS:

    Meist wird unter Salafismus gegenwärtig Gewalt und Terror verstanden. Zu 'Dschihadisten' zählen aber nur die wenigsten Salafistinnen und Salafisten. Der Fokus auf den Islamischen Staat (IS) und den Krieg in Syrien/Irak verstellt Optionen für die Präventionsarbeit. Denn Probleme mit salafistischer Ideologie beginnen weit vor der Legitimation und Anwendung von Gewalt, etwa weil sie andere abwertet und freiheitsfeindlich (anti-pluralistisch) ist.

    7. DIE 9/11-GENERATION:

    Vom Salafismus angezogen werden auch nichtmuslimische deutsche Jugendliche. Die Mehrheit jedoch sind junge Musliminnen und Muslime. Sie gehören zu einer Generation, die in den 90er und 2000er Jahren in Deutschland geboren ist – und viele haben Ablehnung und Diskriminierung erlebt. Viel mehr als ihren Eltern ist ihnen aber bewusst, dass Deutschland ihr Land ist. Umso selbstbewusster und offensiver sind sie auf der Suche nach Anerkennung und Zugehörigkeit, die sie einfordern – einschließlich ihrer 'kleinen Unterschiede' in Traditionen, Herkünfte und Religionen (wenn ihnen diese wichtig sind). Das sind grundsätzlich legitime, emanzipatorische und integrative Positionen.

    8. PROVOKATION IST NICHT SALAFISMUS:

    Das gilt auch, wenn diese Positionen und Bedürfnisse in nicht akzeptabler Form in Erscheinung treten. So hat provokatives oder aggressives Verhalten von Jugendlichen etwa im Schulalltag in der Regel zunächst nichts mit salafistischer Ideologisierung zu tun. Vielmehr handelt es sich meist um Ausdrucksformen von Jugendlichen, die auf der Suche nach Zugehörigkeit und Anerkennung sind – deren Verhalten im pädagogischen Alltag jedoch oft eine große Herausforderung darstellt.

    9. SCHEICH GOOGLE:

    Im Zuge dieser Suchbewegungen einer ganzen Generation Jugendlicher und junger Erwachsener stoßen sie nicht zuletzt im Internet zwangsläufig auf die Angebote von Salafistinnen und Salafisten: In einer Migrationsgesellschaft, die ihre Versprechungen noch nicht eingelöst hat, verheißen sie Jugendlichen, die weder in Familie und Moschee noch in Schule und Gesellschaft Räume für ihre Fragen und Konflikte finden, Gemeinschaft, Selbstbewusstsein und klare Orientierung.

    10. SALAFISMUS ALS CHANCE:

    Wenn also die Gesellschaft und ihre Institutionen solche Räume nicht zur Verfügung stellen, dann kommen andere und geben ihre Antworten. Der Salafismus könnte vor diesem Hintergrund als Chance betrachtet werden: Er zwingt uns, die Werte des demokratischen und pluralistischen Zusammenlebens im 'globalisierten Klassenzimmer' neu zu begründen und Jugendlichen lebensweltnah anzubieten – einschließlich religiöser Perspektiven.

    11. WER ÜBER ISLAMISMUS REDEN WILL…

    … darf über Islamfeindlichkeit nicht schweigen. Rassismus und Islamfeindlichkeit sind in der Gesellschaft weit verbreitet und machen auch vor Pädagoginnen und Pädagogen in Schulen und Jugendeinrichtungen nicht halt! Der Salafismus setzt an den entsprechenden Alltagserfahrungen von Jugendlichen an. Prävention, das zeigt die Erfahrung, muss das auch tun.

    12. WAS SCHAFFEN SALAFISTEN, DAS WIR NICHT SCHAFFEN?

    Signale von Anerkennung, Wertschätzung und Zugehörigkeit sind die beste Prävention. Denn Bindung kommt vor Bildung (oder: Beziehung vor Erziehung). Die Jugendlichen wollen nicht 'verändert' werden und gesagt bekommen, wie sie leben sollen. Das bringt sie nur in eine Selbstbehauptungshaltung. Vielmehr sollten wir sie fragen, wie sie leben wollen. Sich selbst Gedanken zu machen und eigene Perspektiven zu entwickeln, ist nicht nur die beste Prävention. Es ist auch die beste Demokratie'erziehung'! Dazu müssen Pädagoginnen und Pädagogen nicht theologisch versiert oder Islamismusfachleute sein.

    UND NICHT ZU VERGESSEN: THE KIDS ARE ALLRIGHT!

    Die Jugendlichen verdienen unser Vertrauen und unsere Anerkennung, die allermeisten haben mit radikalen Positionen nichts am Hut. (Und selbst wenn, brauchen sie unsere Zuwendung erst recht.) Misstrauen, Skepsis, Zuschreibungen sowie Problem- und Defizitwahrnehmungen fördern eher Konflikte und problematische Positionen, als dass sie solchen vorbeugen würden. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel, denn diese Jugendlichen wünschen und fordern Zugehörigkeit und Teilhabe. Ihnen Räume zu geben, erfordert manchmal Mut und Vertrauen. Haben Sie diesen Mut. Es lohnt sich. Denn: The kids are allright!

    Prävention findet im Kontext der 'Risikogesellschaft' (Ulrich Beck) statt. Dabei soll möglichen Problemlagen, Gefahren und Krisen vorgebeugt werden, statt bereits entstandene zu bekämpfen. Der Begriff ist nicht ganz unstrittig, da mittels 'Prävention' Bedrohungen auch erst als solche erzeugt oder verstärkt und ganze Personengruppen stigmatisiert werden können. Das bedeutet, dass Präventionsarbeit sich immer in einem normativen Feld von potentiellen Zuschreibungen bewegt, daher einer achtsamen und selbstreflexiven Haltung bedarf – und durchaus auch scheitern kann.

    In der Präventionsarbeit unterscheidet man in der Regel drei unterschiedliche Ebenen: Die primäre Prävention (häufig auch als universelle Prävention bezeichnet), die sekundäre Prävention (oder auch selektive Prävention) und die tertiäre Prävention (oder auch indizierte Prävention). Während die primäre Prävention in erster Linie nicht Verhaltensweisen verhindern, sondern erwünschte Haltungen stärken will und auf die Stabilisierung von jungen Menschen auf breiter Ebene zielt, richten sich Angebote der sekundären Prävention an Personen, deren Lebenssituation bereits als belastet und deren Positionen bereits als ideologisiert gelten. Tertiäre Präventionsarbeit adressiert Menschen, die bereits in (z.B.) kriminelle Aktivitäten und Strukturen verstrickt sind und versucht sie aus diesen herauszulösen. [Zur Präventionsarbeit im Themenfeld:  Ceylan/Kiefer (2013)]  

    Im Zusammenhang einer Prävention religiös begründeter Ideologisierung und Radikalisierung bedeutet primäre Prävention in erster Linie, Jugendlichen Anerkennung und Zugehörigkeit zu vermitteln, demokratische Werte und Partizipation zu stärken ("Wie wollen wir leben?") und sich kritisch mit freiheitsfeindlichen Ideologien und Verhaltensweisen auseinanderzusetzen. All dies findet in der Regel in der Arbeit mit 'gemischten Gruppen' statt und richtet sich an 'ganz normale' Jugendliche. In den Bereich der Sekundärprävention fällt die Arbeit in ein bereits gefährdetes oder ideologisiertes Umfeld, wie bspw. aufsuchende Straßensozialarbeit oder Arbeit mit Fachkräften, die mit diesem in Kontakt sind und einzelne Jugendliche und junge Erwachsene gezielt ansprechen. Tertiäre Prävention im Bereich der Radikalisierungsprävention richtet sich gezielt an einzelne Menschen, die bereits in ideologisierten und/oder gewaltorientierten Strukturen eingebunden sind; in der Regel geht es hierbei um die Ermöglichung eines Ausstiegs aus diesen Szenen und Ideologien. Es ist anzumerken, dass sekundäre und erst recht tertiäre Prävention in der Regel nicht mehr im Rahmen von Schule und Jugendeinrichtung stattfindet, sondern mit Unterstützung durch staatliche oder zivilgesellschaftliche in diesem Feld tätige Einrichtungen und Organisationen!  

    Deshalb noch einmal: Primäre Prävention setzt sich z. B. in Schule und Jugendarbeit mit 'ganz normalen' Jugendlichen im Vorfeld von etwaiger Ideologisierung oder gar Radikalisierung auseinander. Jugendliche sollen geschützt und sensibilisiert werden für einfache Weltbilder und Angebote. Das nicht zu vergessen, ist gerade angesichts der Wirkung von religiös-politisch motivierten Attentaten von besonderer Bedeutung. Denn wenn wir die Jugendlichen und ihr oftmals schwieriges Verhalten durch eine 'IS-Brille' betrachten (wir tun das z. B. auch, wenn wir eine Distanzierung von ihnen erwarten), werden wir ihnen nicht gerecht. Im Gegenteil.

    Im Folgenden soll den Fragen nachgegangen werden, was den Salafismus anziehend macht und wie Prävention funktioniert.

    "Wie wollen wir leben?"

    Anziehungskraft des Salafismus und Ansätze zur Prävention

    "Nein, ich bin nicht Charlie!", schrieb eine 15-jährige Schülerin mit arabischem Migrationshintergrund, als ihr Lehrer die Klasse aufforderte, einen Aufsatz über den Anschlag von Paris und den 'Islamischen Staat' zu schreiben. "Sondern ich bin das zerstörte Gaza, das abgeschlachtete Syrien, das hungernde Afrika, das zerteilte Kurdistan, […] das besetzte Afghanistan, das unterdrückte Ägypten, das bombardierte Libyen, das belagerte Yarmouk- und Daraa-Flüchtlingslager, das vergessene Guantanamo …". Die Schülerin griff dabei auf einen im Internet kursierenden und spontan von tausenden Jugendlichen 'gelikten' Text des Frankfurter Rappers SadiQ zurück. Mit Salafismus oder gar dem IS haben solche Positionen zunächst nichts zu tun. Sie stellen meist auch keine Sympathiebekundung mit den Attentätern von Paris dar. Vielmehr sind sie Ausdruck von Protest und eines Gefühls von Nichtzugehörigkeit: "Millionenfach zeigt Ihr Euch bestürzt und empört über die ermordeten Karikaturisten, aber über unsere Toten spricht hier niemand." So ungefähr lautet der Vorwurf, den viele Jugendliche in Berlin, Hamburg und Frankfurt ebenso teilen wie in Paris, Marseille oder Toulon.

    Natürlich sind solche provokanten Haltungen eine Herausforderung. Und es sind vor allem Salafistinnen und Salafisten, die sie für sich zu nutzen versuchen. Die Empörung, mit der viele Lehrkräfte auf Antworten wie die der Schülerin reagieren oder mit der Medien über Jugendliche berichteten, die Schweigeminuten für die Opfer verweigerten, mag also verständlich erscheinen. Allerdings versperrt sie den Blick auf die Chancen für Pädagogik und Prävention, die sich hier eröffnen. Aber der Reihe nach.

    Vielfalt der Motive

    Was macht den Salafismus für Jugendliche und junge Erwachsene attraktiv? Diese Frage wurde in den vergangenen Monaten und Jahren immer wieder gestellt. Zunächst ist festzuhalten, dass die große Mehrheit junger deutscher Musliminnen und Muslime von den oft grotesk wirkenden salafistischen Predigern eher peinlich berührt ist. Und: Unter den wenigen Salafistinnen und Salafisten, die meinen, den Islam in Irak, Syrien oder Afghanistan mit Gewalt 'verteidigen' zu müssen, finden sich sowohl eine große Zahl von Bürgerinnen und Bürgern europäischer (und anderer 'westlicher') Staaten sowie viele Konvertitinnen und Konvertiten deutscher Herkunft. Das gibt einen ersten Hinweis darauf, dass es nicht "der Islam" ist, der junge Menschen in die Radikalisierung treibt. Die Biografien zeigen vielmehr, dass es unterschiedliche Erfahrungen von Entfremdung, Ohnmacht, Perspektivlosigkeit und Verwahrlosung sind, die Angebote des Salafismus – wie Gemeinschaft, Orientierung, einfache Weltdeutungen oder Machtgefühle – attraktiv erscheinen lassen. Dabei spielen sehr häufig komplizierte, widersprüchliche und für Kinder und Jugendliche belastende Familiengeschichten eine zentrale Rolle. Ganz besonders gilt das für die kleine Gruppe der Gewaltbereiten: Ihnen bietet die religiös begründete radikale Ideologie ein Ventil für ihren Frust und ihre Wut und die Chance, sich einmal im Leben stark, überlegen und mächtig zu erleben – verbunden mit der Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen.

    Daneben spielen für viele Jugendliche mit Migrationshintergrund Erfahrungen von Diskriminierung und Nichtzugehörigkeit eine wichtige Rolle auf dem Weg zur Ideologisierung. "Die Deutschen", heißt es zum Beispiel, "werden mich in 100 Jahren noch fragen, woher ich komme, nur weil ich schwarze Haare habe." Jugendliche sind in besonderer Weise sensibel dafür, was Stimmungsbarometer schon lange dokumentieren: Die Mehrheit der deutschen Nichtmusliminnen und Nichtmuslime steht Islam und Musliminnen und Muslimen skeptisch und ablehnend gegenüber – bis hin zu unverhohlenem Rassismus. Auch Medien und Politik scheinen den Jugendlichen nicht selten nahezulegen, 'den Islam' aufzugeben, wenn sie 'dazugehören' wollen – weil ihre Religion angeblich nicht mit Demokratie, Grundrechten oder einer 'christlich-abendländischen Leitkultur' kompatibel sei. Die Salafistinnen und Salafisten bieten ihnen demgegenüber nicht nur ein Forum für ihre Diskriminierungs- und Ungerechtigkeitserfahrungen, sondern geben ihnen das Gefühl, mit ihrer Religion anerkannt und willkommen zu sein – eben: dazuzugehören.

    Scharia versus Grundgesetz?

    Dabei ist gerade diesen hier geborenen Jugendlichen viel stärker als noch ihren Eltern und Großeltern bewusst, dass Deutschland ihre Heimat ist. Umso empfindlicher reagieren sie auf die Erfahrung, nicht so akzeptiert zu werden, wie sie sind, mit dem, was ihnen wichtig ist – zum Beispiel der positive Bezug auf Geschichte, Traditionen und Kulturen ihrer Eltern. Dies führt nicht selten zu einem überbetontem Rückbezug ("Isso bei uns") oder verschiedenen Formen von Selbstethnifizierungen.

    Wenn sie dann in der Schule lauthals und provokativ verkünden, nicht 'deutsch', sondern 'türkisch', 'arabisch' oder 'muslimisch' zu sein, oder erklären, dass ihnen die Scharia (von der sie oft selbst keine Ahnung haben) wichtiger sei als das Grundgesetz, wird ihnen das schnell als Ausdruck von Segregation, Rückzug in 'Parallelgesellschaften' oder gar Islamismus vorgeworfen. In Wirklichkeit ist häufig genau das Gegenteil der Fall: Wenn Jugendliche Bestandteile 'ihrer' Kultur oder Religion betonen, dann steht dahinter meist das Bedürfnis, mit den eigenen Besonderheiten als Teil der Gesellschaft Anerkennung zu finden. "Es wird Zeit, dass ihr es endlich rafft, wir sind auch ein Teil vom deutschen Volk" formulierte dies bereits vor Jahren der Rapper Alpa Gun in seinem sehr populären Stück "Ausländer". Dahinter steht die legitime Forderung, das Postulat der Einwanderungsgesellschaft auch einzulösen. Dass diese Forderung mitunter überzogen, aggressiv und extrem beleidigend vorgetragen wird ('Schweinefleischfresser', 'deutsche Schlampe'), ist – zum Beispiel für Lehrkräfte – nur schwer erträglich. Verständnis und Verständigung können indes da entstehen, wo es gelingt, weniger auf die vordergründige Provokation, sondern auf den dahinter stehenden (und oft den Protagonistinnen und Protagonisten selbst verborgenen) Integrationswunsch zu reagieren.

    Denn dafür ist es höchste Zeit. So hat nicht zuletzt in Reaktion auf die Erfahrungen nach 9/11 eine ganze Generation von Jugendlichen mit muslimischem Migrationshintergrund auf ihrer Suche nach Zugehörigkeit und Aufmerksamkeit den Islam als kleinsten gemeinsamen Nenner für sich entdeckt, obwohl – oder gerade weil – Musliminnen und Muslime spätestens mit den Anschlägen von New York oft unter Generalverdacht geraten. Religiosität spielt dabei oft eine untergeordnete Rolle. Vielmehr geht es um den Islam als Statement, als Bestandteil ihres Selbstverständnisses, das sie behaupten möchten und um dessen Anerkennung sie ringen, weit offensiver als es noch ihre Eltern getan haben.

    Jugendliche auf Orientierungssuche

    Diese Suchbewegungen von jungen, mehr oder weniger religiösen deutschen 'Musliminnen' und 'Muslime' sind zunächst (wenn auch nicht in jeder ihrer Erscheinungsformen) emanzipatorisch und integrativ, zielen sie doch darauf ab, als gleichberechtigte Teile der Migrationsgesellschaft anerkannt zu werden. Problematisch wird es dann, wenn Jugendliche keinen Raum für ihre Fragen oder nur ideologisch eingefärbte Antworten bekommen. So sind etwa Eltern und Großeltern oft überfordert – etwa wenn ihr Religionsverständnis in den Traditionen ihrer Herkunftsregionen verhaftet ist. Auch der örtliche Imam ist in der Regel kein Ansprechpartner, kennt er sich doch weder auf Facebook noch in den Shoppingmalls aus, in denen Jugendliche große Teile ihrer Freizeit verbringen.

    Fast zwangsläufig stoßen Jugendliche im Rahmen ihrer Suchprozesse dann auf Salafistinnen und Salafisten, die im Internet omnipräsent sind. Sie erklären ihnen – auf Deutsch – was richtig und was falsch ist und was sie zu tun und zu lassen haben, um eine 'gute Muslima' oder ein 'guter Muslim' zu sein. Solch einfache Antworten sind für viele ziemlich attraktiv. Dass diese Angebote problematisch sind – etwa weil Denk- und Lebensformen abgewertet werden, die vom rigiden, freiheitsfeindlichen und mit absolutem Wahrheitsanspruch daher kommenden Islamverständnis des Salafismus abweichen – erkennen viele Jugendliche nicht. Ihre Ideologisierung beginnt damit weit im Vorfeld etwaiger Radikalisierungsprozesse.

    Wenn also die 15-jährige Schülerin weiter schreibt: "Nein, ich bin nicht Charlie. Ich bin die über 1,5 Millionen toten Muslime, die in den letzten Jahren durch die blutige Hand der Westmächte getötet wurden", dann macht sie das noch lange nicht zur Salafistin. Aber sie formuliert damit eine verbreitete Überzeugung, an die der Salafismus mühelos anknüpfen kann: Aus dem Unmut über eigene Diskriminierungserfahrungen (und derjenigen anderer Musliminnen und Muslime inklusive der Eltern) konstruieren sie ein pauschales Feindbild, demzufolge 'der Westen' seit jeher 'den Islam' und 'die Muslime' bekämpfe. "Als Muslim", so die Botschaft der Salafistinnen und Salafisten, "wirst Du nie dazugehören. Komm zu uns. Hier kannst Du Dich wehren. Gemeinsam sind wir stark!" Das klingt gut und kann in einzelnen Fällen (aber immer im Zusammenspiel mit anderen Motiven!) bis zur Legitimation von Gewalt und Terror reichen.

    Wie geht Prävention?

    Was also tun? Zunächst muss viel deutlicher als bisher zwischen Prävention und Deradikalisierung unterschieden werden. Wenn derzeit viel von Prävention die Rede ist, ist meistens Deradikalisierung gemeint. Deradikalisierung zielt aber darauf, einzelne bereits ideologisierte und gegebenenfalls radikalisierte Jugendliche und junge Erwachsene zu erreichen, wobei Ausstiegsprozesse, das zeigen Erfahrungen aus dem Rechtsextremismus, Jahre dauern können. Deradikalisierung kooperiert eng mit Sicherheitsbehörden und interveniert in der Regel im Kontext bereits vorliegender 'Fälle'. Gegenüber der nicht zuletzt sicherheitspolitisch motivierten 'Deradikalisierung' treten Programme und Initiativen zur Prävention – verstanden im Sinne von Vorbeugung, nicht Begegnung des Salafismus – bisher noch zu wenig in Erscheinung. Zu übermächtig erscheinen akute Bedrohungsszenarien und die Bilder vom IS. Diese Schieflage sollte korrigiert werden.

    Prävention ist Demokratie'erziehung' (oder -förderung). Sie richtet sich 'proaktiv' und weit im Vorfeld von Ideologisierung und Radikalisierung an 'ganz normale' Jugendliche und junge Erwachsene – etwa in Schule und Jugendeinrichtungen. Im Kontext von Salafismus findet Demokratieförderung allerdings in einem spezifischen Kontext statt: Es sind vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund, die Räume brauchen, in denen sie frei über ihre Fragen zu Herkunft, Zugehörigkeit, Identität, Kultur und Religion sprechen können. Sonst kommen andere, füllen das Vakuum und geben ihre einfachen Antworten. Jugendliche müssen sensibilisiert und befähigt werden, deren simple Religions-, Welt- und Feindbilder zu hinterfragen. Dazu sind auch religiöse Angebote wichtig: Dass Islam und Demokratie keinen Gegensatz darstellen, sondern selbstverständlich miteinander vereinbar sind, wäre eine zentrale Botschaft gerade an Jugendliche. Allzu oft wird ihnen nämlich suggeriert, dass sie sich entscheiden müssten – statt ihnen zu vermitteln, dass sie 'muslimisch' und 'demokratisch'  ebenso wie 'türkisch', 'arabisch' oder 'bosnisch' und 'deutsch' sein können.

    Dabei gilt es universelle Werte wie Gerechtigkeit, soziale Verantwortung, Toleranz und Frieden in den Mittelpunkt zu rücken, die im Islam selbstverständlich auch zuhause sind. Die Auseinandersetzung mit dem Salafismus könnte hier geradezu als Chance verstanden werden, sich dieser gemeinsamen Werte des Zusammenlebens neu zu vergewissern.

    Über Diskriminierung reden

    Im Weiteren richtet sich Prävention an die vornehmlich nicht-muslimischen Multiplikatorinnen und Multiplikatoren - Pädagoginnen und Pädagogen etwa -, die in 'globalisierten Klassenzimmern' arbeiten und oft nur wenig über die Lebenswelten (Religion, Herkunft) 'ihrer' Jugendlichen wissen. Neben entsprechenden Kenntnissen ist hier ein Klima der Anerkennung Voraussetzung für präventiv wirksame Arbeit: "The kids are allright" wäre eine Grundhaltung, die ungeachtet aller Fragen und Konflikte an die Stelle von zermürbender Skepsis und Defizitwahrnehmung treten sollte. Dazu sollte auch der Sprachgebrauch geprüft und verändert werden – im Klassenzimmer, aber ebenso in Politik und Medien: Jugendliche sind sehr sensibel für ausgrenzende 'Wir-und-Die-Diskurse'. Deutliche Signale der Zugehörigkeit sind demgegenüber von großer Bedeutung für Kommunikation und Integration. Sie sind im Weiteren auch die Basis für Interventionen, um problematische Einstellungen und Positionen hinterfragen, irritieren und begegnen zu können.

    Und noch etwas zeigt die Erfahrung: Wer über Islamismus reden will, darf über Islamfeindlichkeit nicht schweigen. An dieser Lebenswirklichkeit sollte Prävention ansetzen. Dabei sind Jugendlichen oft formelhaft erscheinende Konzepte wie die FDGO, Verfassung oder Demokratie nicht unbedingt das Maß der Dinge. "Wie wollen wir leben?" ist vielmehr die lebensweltnahe Grundfrage, die Jugendlichen helfen kann, eigene Positionen zu entwickeln. Hier sollten ihre Erfahrungen und Empfindungen im Mittelpunkt stehen und Anerkennung finden.

    So illustriert die zitierte Position einer Schülerin zu den Anschlägen von Paris zwar einerseits die Gefahr der Ideologisierung. Sie bietet aber auch einen Ansatzpunkt für Pädagogik und Prävention. Dann nämlich, wenn die darin zum Ausdruck kommende Empörung über Ungerechtigkeiten und die Empathie mit Opfern von Krieg und Gewalt als solche positiv gewürdigt und zum Ausgangspunkt gemacht wird für ein Gespräch mit und unter den Jugendlichen über eigene Erfahrungen, den Umgang mit Unrecht und Gewalt und darüber, wie es vielleicht besser laufen könnte – in der Schule, im Kiez, in Deutschland und der Welt. Dann gelingt nicht nur Präventionsarbeit, dann gelingt auch Einwanderungsgesellschaft.