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Hintergrund

Auf den folgenden Seiten finden Sie Informationen zum Islam als Religion sowie zur Rolle, die Religiosität einerseits und Islamfeindschaft andererseits für junge Musliminnen und Muslime in Deutschland spielen. Daraus lassen sich erste Schlussfolgerungen für eine diskriminierungssensible, präventiv wirksame pädagogische Praxis ableiten.

    Anerkennung, Identität, Ideologie ...

    Deutsche Muslime zwischen Selbstbehauptung und Fremdzuschreibung

    "Deutschland schafft sich ab" - so lautete 2012 der Titel des Bestsellers von Thilo Sarrazin. Aus ihm spricht die Angst vor Veränderung. Tatsächlich ist die sich seit den 1960er Jahren in Deutschland vollziehende Entwicklung zur Einwanderungs- oder Migrationsgesellschaft lange Zeit ignoriert worden. Dabei hat sich das Gesicht des Landes schon lange verändert: Man werfe nur einen Blick in die Schulklassen vieler Groß- und Mittelstädte, wo oft die überwiegende Mehrheit der Schülerinnen und Schüler eine Migrationsgeschichte hat. Noch bis in die 1990er Jahre war in den Auseinandersetzungen um Einwanderung und Integration zunächst vor allem von 'Gastarbeitern' und später von 'Ausländern' die Rede. Heute drehen sich die Debatten vor allem um 'die Muslime'. In ihnen wird häufig Argwohn und Skepsis gegenüber einer Religion und ihren Angehörigen deutlich, die in Deutschland längst zu Hause sind. Denn: Über vier Millionen Musliminnen und Muslime leben in Deutschland, viele von ihnen bereits in der dritten Generation. Sie (oder ihre eingewanderten Eltern und Großeltern) stammen aus so unterschiedlichen Regionen der Welt wie der selbst überaus heterogenen Türkei, aus Pakistan, Indonesien, dem Nahen Osten oder nordwestafrikanischen Staaten. Knapp die Hälfte von ihnen sind deutsche Staatsbürger, mehr als die Hälfte sind Mitglied in einem deutschen Verein. Sie leben in Dörfern und Großstädten – zu 98 Prozent in den alten Bundesländern und in Berlin. Sie arbeiten in den verschiedensten beruflichen Bereichen - wie andere Deutsche auch.

       

      Oft vergessen: Muslimische Vielfalt

        Von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden sich Musliminnen und Muslime vor allem durch ihre Religion. Dabei leben sie selbst ihre Religion sehr unterschiedlich. So leben in Deutschland unter anderem Sunniten, Schiiten, Aleviten (von denen die meisten sich gar nicht als Muslime, sondern als eigenständige Religionsgemeinschaft verstehen) und Angehörige der Ahmadiyya. Ein Drittel von ihnen gibt an, täglich zu beten, mehr als ein Drittel betet selten oder nie. Etwa 70 Prozent von ihnen begehen religiöse Feste und über 50 Prozent erklären, die Fastenregeln zu beachten. Viele sind aber auch 'Ramadanmuslime', wie man sie in Anlehnung an 'Weihnachtschristen' nennen konnte. 78 Prozent der Frauen zwischen 16 und 25 Jahren tragen kein Kopftuch. Und was vielleicht noch bedeutsamer ist: All dies sind keine festen Größen, sondern die Zahlen spiegeln dynamische Prozesse wider. Entgegen vieler Vermutungen ist nämlich auch der Islam nicht statisch. Vielmehr ändern sich die Formen, in denen Muslime ihre Religion denken und leben, ständig und überall – sehr zum Graus von Fundamentalisten jeglicher Couleur. So unterscheidet sich das Freizeitverhalten vieler Jugendlicher, ihre Kleidung, ihr Medienkonsum, aber auch ihre Wertvorstellungen etwa in Bezug auf Geschlechterrollen, Sexualität und Heirat oft sehr vom Weltbild ihrer Eltern und Großeltern, das (je nach Herkunft und sozialer Schicht) oft eher traditionalistisch geprägt ist, aber sich häufig kaum von dem ihrer nichtmuslimischen Altersgenossen unterscheidet. Hier finden auch innerhalb von Familien oft unbemerkt rasante Entwicklungen statt, die nicht ohne Spannungen und Konflikte verlaufen -  zum Beispiel zwischen den Geschlechtern und/oder den Generationen. Für die pädagogische Arbeit erscheint es vor diesem Hintergrund wichtig, Jugendliche nicht der einen oder anderen Seite zuordnen oder gar auf die eine oder andere Seite 'hinüberziehen' zu wollen.

          Das zeigt: Auch wenn diese Jugendlichen als Musliminnen und Muslime bezeichnet werden, unterscheidet sie doch oft mehr als sie verbindet. Und das gilt eben auch für ihre Religion. In seinem sehr lesenswerten Buch "Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime" beschreibt Navid Kermani die Rolle von Religion und Religiosität für sich folgendermaßen: "Ich sage von mir: Ich bin Muslim. Der Satz ist wahr – aber gleichzeitig blende ich damit tausend andere Dinge aus, die ich auch bin ..." Genauso blendet die in Politik, Medien und oft auch in Kollegien geführte Rede von 'den Muslimen' meist mehr aus, als dass sie vom Leben und Denken von rund vier Millionen Musliminnen und Muslimen in Deutschland beschreibt. Im Gegenteil: Vielen Kindern und Jugendlichen wird oft erst durch diese Diskurse deutlich, dass sie als Muslime gesehen werden – und viele beginnen erst in der Folge sich für 'ihre' Religion zu interessieren und stark zu machen.

             

            'Der' Islam und 'der' Westen

              Die deutsche Gesellschaft lässt sich nicht mehr ohne Islam, Musliminnen und Muslime und andere Migrantinnen und Migranten mit ihren unterschiedlichen Biografien, Religionen und Traditionen denken. Wer es dennoch versucht, schließt Teile der Bevölkerung aus, die sich in der Folge tatsächlich als nicht zugehörig, sondern diskriminiert und unerwünscht fühlen. Erschwerend kommt hinzu, dass 'der' Islam nicht selten zum Erklärungsmuster für eine Vielzahl von Fragen und Problemen erhoben wird – auch wenn es eigentlich um soziale Fragen und Konflikte geht. Als vermeintlich monolithischer Block dient 'der' Islam hier nicht selten als kulturelles Gegenbild zur Begründung 'westlicher' Identität, also zur Bestätigung eigener Überlegenheit und Fortschrittlichkeit – etwa in Bezug auf Demokratie, Menschenrechte oder Geschlechterverhältnisse. Hinzu kommt das durch fundamentalistische und gewalttätige Strömungen wir Al-Qaida oder IS geprägte Bild vom Islam als gewalttätiger, kriegerischer und demokratiefeindlicher Religion. All dies kann in Positionen münden, die auf 'den' Islam und 'die' Muslime zielen – und längst nicht nur bei PEGIDA und am rechten Rand zu finden sind, sondern von weiten Kreisen der nichtmuslimischen Bevölkerung geteilt werden. 

                All dies heißt nicht, dass es keine spezifischen Fragen, Probleme und Konflikte gibt, die es im Kontext von Migration mit und unter Musliminnen und Muslimen auszuhandeln gilt. Zu nennen wären etwa Abwertungen von Frauen oder Andersgläubigen und -denkenden, Salafismus und andere radikale politische Ideologien, autoritäre Erziehungsstile, traditionalistische Ehrbegriffe oder gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen. Fraglich ist allerdings, ob und in welcher Form diese tatsächlich religiös oder kulturell begründet oder bedingt sind -  auch wenn gerade Jugendliche dies oft provokativ behaupten: "Das ist bei uns so!"

                  Die Gefahr besteht vielmehr, dass teils jahrhundertealte Bilder vom Islam reproduziert, pauschal auf alle Musliminnen und Muslime übertragen und diese damit qua Religionszugehörigkeit unter Generalverdacht gestellt werden. Die Botschaft, die muslimischen Deutschen und Muslimen in Deutschland mit solchen Bildern und Stereotypen vermittelt wird, lautet: "Wenn ihr anerkannt werden und dazugehören wollt, müsst ihr euch verändern!" Solche Stimmen tragen jedoch in Politik, Medien oder in Schule und Jugendarbeit selbst entscheidend zu dem bei, was sie teils lauthals beklagen: Segregationserscheinungen. Gerade von Jugendlichen – von denen meist schon die Eltern in Deutschland geboren sind -  werden solche Erwartungshaltungen nämlich als diskriminierend empfunden. Sie fühlen sich zurück- und herabgesetzt und nicht wenige betonen in der Folge, in einer Art Gegenbewegung, das stärker als zuvor, was sie für ihre Religion, Tradition und Herkunft halten.

                     

                    Junge Muslime auf der Suche: Anerkennung, Identität und Ideologie

                      Tatsächlich sind ja  vor allem Jugendliche und junge Erwachsene sensibel für solche Vorbehalte und Vorhaltungen, da sie ohnehin auf der Suche nach Identität, Zugehörigkeit, Anerkennung und Stärke (oder Selbstwirksamkeit) sind. Vor diesem Hintergrund sind sie besonders empfindsam für unterschiedlichste Formen der Ablehnung und Abwertung – auch wenn diese eventuell gar nicht 'so' oder gar 'bös' gemeint sein mögen. 1,6 bis 1,8 Millionen junger Musliminnen und Muslime unter 25 Jahren leben in Deutschland – und viele von ihnen geben an, sich ausgegrenzt, fremd, benachteiligt und diskriminiert zu fühlen: durch 'komische Blicke' in der Öffentlichkeit, im Unterricht oder durch Darstellungen in den Medien. Sie beklagen Vorurteile, mangelnde Anerkennung und fehlenden Respekt. Natürlich spielen – gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen – Übersensibilitäten und Verschwörungstheorien bei solchen Wahrnehmungen durchaus eine Rolle. Nicht selten projizieren Jugendliche etwa schlechte Noten oder die Absage eines Ausbildungsplatzes darauf, wegen ihrer Religion und Herkunft diskriminiert zu werden. Oder sie legitimieren extreme, provokative oder auch aggressive Denk- und Handlungsformen mit dem Verweis auf 'ihre' Religion und Kultur. Dennoch: Vorurteile und Unwissenheit über Islam und Muslime tragen wesentlich dazu bei, dass gerade bei jungen Musliminnen und Muslimen und Migrantinnen und Migranten die Selbstverständlichkeit infrage steht, mit der sie sich als Deutsche und in Deutschland zu Hause fühlen. Und nach dem Motto 'Jetzt erst recht' wenden sich in der Folge nicht wenige von ihnen nun ihrem vermeintlichen 'Anderssein' mit besonderer Aufmerksamkeit zu: Bei ihnen avancieren Religion und/oder Herkunft zum zentralen Bestandteil von Identität. Nicht selten begeben sie sich dabei in eine Verteidigungshaltung. Dann werden Religion und Herkunft gegen tatsächliche und vermeintliche Vorwürfe behauptet – und zwar auch von Jugendlichen oder jungen Erwachsenen, die gar nicht sonderlich religiös sind, sich aber in ihrer Identität infrage gestellt sehen.

                        Das kann durchaus emanzipatorische Züge annehmen. So engagieren sich einige junge Musliminnen und Muslime individuell oder in Vereinen politisch gegen Diskriminierung und dafür, dass der Islam und Musliminnen und Muslime in Deutschland mehr Anerkennung finden. Hier stellt der Bezug auf den Islam einen Ausdruck von Suchbewegungen religöser junger Musliminnen und Muslime dar, die um Anerkennung und Zugehörigkeit kämpfen, nicht selten im Übrigen auch in Konflikt mit Eltern und Großeltern und deren Institutionen: So sind Moscheen und Verbände, in denen diese sich zuhause fühlen, oft noch stark von den Wünschen und Interessen der älteren Generationen geprägt, viele Jugendliche und junge Erwachsene finden hier noch nicht ihren Platz. 

                            Dabei sind die Einstellungen vieler dieser Jugendlichen eher 'wertkonservativ' - etwa wenn es um Formen von Sexualität, Freizügigkeit oder Kleidungsnormen geht. Viele empfinden die bestehende Gesellschaft als zu materialistisch, viele setzen sich – sehr jugendtypisch – gegen Ungerechtigkeiten ein. Es sind junge, deutsche, religiöse, wertkonservative und gleichzeitig moderne und selbstbewusste Musliminnen und Muslime, die sagen: "Ich bin deutsch und ich bin Muslim. Als Muslim will ich hier leben. Wo ist das Problem?" Und oft erfolgt diese Suche nach eigenen Antworten in Abgrenzung zu Eltern, die sich stärker den Traditionen ihren Herkunftsregionen verbunden fühlen, zu denen sie selbst kaum Bezug haben. Auch ihr Islamverständnis ist häufig anders als das ihrer Eltern: So wird das Kopftuch hier nicht selten gegen den Willen der Eltern getragen – nicht als Symbol der Unterdrückung, sondern ganz freiwillig als Ausdruck von Identität, Stolz, Emanzipation, Bildung, Intellektualität, Integration und Selbstbewusstsein.

                                 

                                'Extreme' Angebote

                                  Allerdings können solche Suchbewegungen auch extreme Formen annehmen – zum Beispiel, wenn Jugendliche und junge Erwachsene türkischer Herkunft ultranationalistische Positionen einnehmen und sich Organisationen wie den "Grauen Wölfen" anschließen. Oder wenn sie freiheitsfeindliche, mitunter aggressive Haltungen und Verhaltensformen mit Bezug auf Kultur und Religion begründen. Nicht immer – aber oft - sind auch solche und ähnliche Formen von Selbstethnisierung Ausdruck eines übersteigerten Bedürfnisses nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Das gilt auch für die Zuwendung zum Salafismus. Diese islamistische Strömung richtet sich insbesondere an junge Musliminnen und Muslime (migrantischer oder deutscher Herkunft), verspricht ihnen den 'wahren Islam' und spielt dabei ganz bewusst und gezielt auf der Klaviatur von Ausgrenzungs-, Diskriminierungs- und Entfremdungserfahrungen. Eine kleine Minderheit (Jihadisten) von ihnen rechtfertigt vor diesem Hintergrund den gewaltsamen Kampf bis hin zu Mord und Terrorismus. Dies mögen verschwindend wenige Personen sein (in der pädagogischen Praxis in Schule und Jugendarbeit dürften Ihnen diese in der Regel nicht begegnen), dennoch sollte man ihren Einfluss, das wird in Zeiten von Kriegen wie in Irak/Syrien überdeutlich, nicht unterschätzen. So trägt der Salafismus stark zum negativen Image des Islam in der Öffentlichkeit bei. Und: Auch der 'moderate', also gewaltferne, Salafismus verbreitet in seiner Erscheinungsform als politische Ideologie antidemokratische bzw. freiheitsfeindliche Positionen und Einstellungen unter solchen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich für den Islam interessieren und beeinflusst sie auf diese Weise in ihrer persönlichen und beruflichen Entwicklung.

                                    Ein Beispiel: In einem Workshop in einer Schulklasse mit fast ausschließlich muslimischen Jugendlichen erklären beinahe alle, der Islam sei ihnen sehr wichtig. Auf Nachfrage hatte aber kaum einer der Jugendlichen eine konkretere Vorstellung von eben diesem Glauben. Es zeigte sich, dass das Bedürfnis nach Wissen und Auseinandersetzung unter den Jugendlichen groß ist – nicht weil sie besonders religiös waren, sondern weil sie den Islam zunehmend als wichtigen Bestandteil ihrer Identität begreifen. Bei Eltern und in Moscheen, deren Imame oft mit der Sprache und Lebenswirklichkeit der Jugendlichen nichts anzufangen wissen, kommen die Jugendlichen aber meist nicht weit. Und bei ihren Internetrecherchen stoßen sie dann zwangsläufig auf Salafisten, die das Netz mit ihren deutschsprachigen Angeboten und ihrem rigiden und einseitigen Islamverständnis dominieren. So kannten fast alle in der besuchten Schulklasse den salafistischen Prediger Pierre Vogel – ein Problembewusstsein hatten sie dabei nicht. 

                                      Zwar sind den allermeisten muslimischen deutschen Jugendlichen – gerade den religiösen unter ihnen - die Salafisten peinlich. Ihnen ist unangenehm, dass diese bizarren Figuren und vor allem die kleine Gewaltszene das Bild des Islam in der Öffentlichkeit so stark prägen. Dennoch erfahren Salafisten Zuspruch unter vornehmlich männlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen (aber auch unter sehr vielen Mädchen und jungen Frauen) zwischen 15 und 35 Jahren. Sie finden hier, was viele von ihnen in ihrem Alltag vermissen: Anerkennung, Zugehörigkeit, Gemeinschaft und ein Gefühl von Bedeutsamkeit. All das gilt im Besonderen auch für die große Zahl der erst zum Islam konvertierten jungen Salafisten deutscher Herkunft, die den Salafismus in Deutschland stark prägen und vielfach brüchige und schwierige Biografien aufweisen. 

                                        Und noch etwas spielt bei der Attraktivität des Salafismus für junge Menschen eine wichtige Rolle: Die Möglichkeit, gegen gefühlte und erfahrene Ohnmacht, Ungerechtigkeit und Diskriminierung protestieren und sich für eine vermeintlich gerechte Sache einsetzen zu können. Denn das ist ein Hauptbestandteil salafistischer Propaganda: bestehende Diskriminierungen von Muslimen zuzuspitzen, diese ideologisch zu instrumentalisieren und Welt- und Feindbilder daraus abzuleiten. Deutlich wird daran auch, dass die Attraktion, die vom Salafismus und seinen Predigern ausgeht, ganz von dieser Welt ist: Orientierung, Gemeinschaft, Anerkennung, Überlegenheit, Protest gegen Ungerechtigkeit sowie Provokation und das Erregen von Aufmerksamkeit. Das sind allesamt Angebote, die typischen Bedürfnissen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen entsprechen. Vergleichbare Motive sind es denn auch, die Jugendliche dazu führen können, sich zum Beispiel rechtsextremen Milieus anzuschließen. Mit 'dem Islam' als Religion hat das meist nur noch äußerlich etwas zu tun. 

                                           

                                          Schlussfolgerungen für eine pädagogische Praxis

                                            Welche zunächst ganz allgemeinen Schlüsse können aus diesen hier nur skizzierten Aspekten der unterschiedlichen Lebens- und Glaubenswelten von Musliminnen und Muslimen sowie 'muslimischer' Jugendkulturen für die pädagogische Praxis in Schule und Jugendarbeit Bildung gezogen werden?  

                                            1. Signale von Anerkennung von Zugehörigkeit sind für alle Jugendlichen wichtig – insbesondere gilt das für Jugendliche mit Migrationsgeschichte und ihren damit zusammenhängenden 'Besonderheiten'.

                                            2. Leitziel pädagogischer Praxis im Sinne einer universellen Prävention ist es, Jugendlichen Raum zu geben für ihre Fragen, Themen und Bedürfnisse. Mit der Leitfrage "Wie wollen wir leben?" (in der Klasse, der Jugendeinrichtung, der Schule, dem Kiez oder der Gesellschaft) lassen sich Jugendliche motivieren, zu unterschiedlichsten Fragen und Themen eigene Gedanken zu formulieren, Positionen zu entwickeln und zu vertreten. Dies schützt sie vor den einfachen Angeboten und Weltbildern salafistischer und anderer Ideologien.

                                            3. Von Pädagoginnen und Pädagogen erfordert das Mut bzw. Selbstvertrauen in die eigenen pädagogischen Kompetenzen und das Vertrauen in die Jugendlichen.  

                                              Wenn einer sagt, er sei 'ein stolzer Muslim', oder eine, dass ihr 'die Scharia wichtiger ist als das Grundgesetz' und dass Pierre Vogel doch 'ein cooler Typ' sei oder wenn jemand darauf besteht, das Mädchen und Frauen ein Kopftuch zu tragen haben oder im Ramadan 'alle Muslime' unbedingt fasten müssten ...,  dann lassen solche Positionen meist nicht einmal Schlüsse auf die Religiosität der jeweiligen Jugendlichen zu (geschweige denn auf Salafismus!). Denn der Bezug von Jugendlichen auf 'den Islam' ist sehr vielschichtig. Oft geht es mehr um Identität und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Anerkennung  und Selbstwirksamkeit. So bekennen sich viele junge Musliminnen und Muslime heute selbstbewusster zu ihrer Religion und lassen sich dabei nicht mehr in einen Widerspruch zwischen 'muslimisch' und 'deutsch' zwingen. Auch in 'muslimischen' Vereinen und Initiativen finden sie Identität, Spiritualität und Orientierung. Ein attraktives Angebot macht aber auch der Salafismus. Der folgende Text gibt einen Einblick in die Unterschiedlichkeit der Lebens- und Glaubenswelten 'muslimischer' Jugendlicher.

                                               

                                              "Da sind wir quasi Punks!" - Facetten der Religiosität von muslimischen Jugendlichen

                                              "Ich arbeite seit 25 Jahren an dieser Schule und plötzlich muss ich immer wieder über Gott reden!" Mit Verwunderung berichtet eine Berliner Lehrerin über das wachsende Interesse ihrer Schülerinnen und Schüler, auch im Politikunterricht über religiöse Fragen zu reden. Bis vor wenigen Jahren war dies in ihrer Schule in Neukölln kaum ein Thema, nun bringen ihre überwiegend muslimisch sozialisierten Schülerinnen und Schüler immer wieder religiöse Perspektiven in den Unterricht.1 Die Verwunderung ist ein Hinweis auf den gesellschaftlichen Zusammenhang, in dem sich religiöse Identitäten entwickeln. Der Wunsch vieler junger Musliminnen und Muslime, auch über religiöse Themen zu sprechen, spiegelt die Aufmerksamkeit, die dem Islam in den öffentlichen Debatten zukommt. 

                                              Studien, die in den vergangenen Jahren unter den etwa vier Millionen Musliminnen und Muslimen in Deutschland durchgeführt wurden, dokumentieren eine hohe subjektive Religiosität unter jungen Musliminnen und Muslimen.2 Die Ergebnisse von jungen Musliminnen und Muslimen unterscheiden sich dabei deutlich von nichtmuslimischen Gleichaltrigen. So beschrieben sich in einer 2008 durchgeführten Studie 43% der 18- bis 29-jährigen Musliminnen und Muslimen als sehr religiös, während unter den gleichaltrigen Nichtmuslimen lediglich 14% eine ähnliche Selbsteinschätzung abgaben (Blume 2008: 44). Selbst im Vergleich mit Musliminnen und Muslimen anderer Altersgruppen sticht die hohe Religiosität junger Musliminnen und Muslimen ins Auge. 

                                              Dennoch wäre es falsch, von einer einheitlichen Ausdrucksform muslimischer Religiosität und Glaubenspraxis auszugehen. Das Gegenteil ist der Fall, schließlich zeigen sich gerade unter jungen Musliminnen und Muslimen unterschiedliche und bisweilen widersprüchliche Zugänge zu religiösen Themen und Praktiken.

                                              Auffallend ist das Auseinanderfallen von subjektiven Einschätzungen und dem Stellenwert, der bestimmten religiösen Werten und Praktiken, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft mit dem Islam in Verbindung gebracht werden, tatsächlich im Alltag der Befragten spielen. So schreiben 52% der 18- bis 29-Jährigen dem regelmäßigen Gebet eine hohe Bedeutung zu, aber nur 23% praktizieren dies auch selbst (Blume 2008: 46). Auch hinsichtlich anderer Positionen – beispielsweise zum Kopftuchgebot und der Partnerschaft mit Nichtmuslimen – gehen die Einschätzungen bezüglich der Wichtigkeit eines bestimmten Verhaltens und dem eigenen Alltag auseinander. 

                                               

                                              Religiosität als Bekenntnis

                                              Der Religionswissenschaftler Michael Blume hat die wachsende Bedeutung von Ritualen und nach außen getragenen Bekenntnissen zum Islam treffend als einen Übergang von einer "religiösen Alltagspraxis zur Bekenntnisreligion" (Blume 2008: 46) beschrieben. Danach gewinnen religiöse Symbole und Rituale gerade für Jugendliche, die sich ihre Religion in einem Minderheitenkontext aneignen, an Relevanz, um sich auch gegenüber der Umwelt als Muslimin oder Muslim erkennen zu geben. Anders als für die Eltern- und Großelterngeneration, die vielfach noch in muslimischen Gesellschaften aufgewachsen sind, stehen diese Jugendliche vor der besonderen Herausforderung, ihre Identität als Muslima oder Muslim und auch für andere sichtbar zu entwickeln. In der Türkei oder in Ägypten ist das Muslimsein selbstverständlich, in Deutschland und anderen mehrheitlich nichtmuslimischen Ländern dient das demonstrative Bekenntnis zum Islam auch als Statement über das eigene Selbstverständnis. In diesem Sinne lässt sich die wachsende Popularität islamischer Kleidung – sei es in Form traditioneller Gewänder, dem Kopftuch oder einer islamischen Streetwear – verstehen. So wirbt das unter Jugendlichen populäre Modelabel Styleislam® ausdrücklich mit der Botschaft, die die angebotenen Kleidungsstücke vermitteln: "Das Modelabel Styleislam® bietet Euch (...) moderne Streetwear-Kleidung, mit lässigem Schnitt und der religiösen Extra-Portion. (...) StyleIslam ist nicht nur Top Street- und Casualwear für junge Leute mit Attitude, sondern steht auch für Hilfbereitschaft und Brüderlichkeit. (...) StyleIslam reagiert mit dieser Sonder-Edition kreativ auf mediale Anfeindungen und Provokationen und zeigt, wer wir wirklich sind."3 Auch die Verbreitung von 'islamischen' Produkten wie den Energy Drinks "Muslim Power" und "Halal", die seit einigen Jahren in Deutschland produziert und verkauft werden, lassen sich als Ausdruck eines solchen Wunsches nach Sichtbarkeit deuten. Mit einem Getränk mit dem Namen "Halal" (den islamischen Speisevorschriften entsprechend) gibt man sich in Deutschland als Muslima oder Muslim zu erkennen – in mehrheitlich muslimischen Gesellschaften wie Ägypten, Marokko oder dem Iran wäre eine solche Namensgebung unverständlich, schließlich werden hier mit wenigen Ausnahmen alle Produkte selbstverständlich nach islamischen Speisevorschriften hergestellt. Ganz ähnlich lassen sich auch die Botschaften deuten, die von vielen Jugendlichen in Sozialen Netzwerken gepostet werden. "Wer sich den Namen Muslim gibt, der muss auch den Nachnamen Gebet haben!", lautet beispielsweise ein Slogan, der über das Internet verbreitet wird.4 Auch hier verbindet sich das Muslimsein mit einem sichtbaren Ritual, durch dass das eigene Selbstverständnis erst bekräftigt wird.

                                               

                                              Religiosität als Sinnsuche und Spiritualität

                                              Gleichwohl lässt sich die Religiosität vieler junger Musliminnen und Muslime nicht auf den Aspekt des demonstrativen Bekenntnisses beschränken. Die Vielzahl muslimischer Vereine, die in den vergangenen Jahren auf lokaler Ebene von Jugendlichen und jungen Erwachsenen gegründet wurden, verweisen zugleich auf einen weit verbreiteten Wunsch nach Orientierung und Spiritualität.5 So stehen Vereine wie die Muslimische Jugendcommunity Osnabrück oder das Islamische Jugendzentrum Berlin (IJB) auch für ein wachsendes Interesse, unabhängig von etablierten Verbänden und Moscheegemeinden religiöse Ausdrucksformen und Gemeinschaften für jugendliche Zielgruppen zu entwickeln. In diesem Sinne fasst das IJB seine Ziele zusammen: "Egal ob du den Islam besser (kennen-)lernen möchtest, Islam-konforme Freizeitaktivitäten suchst oder einfach nur neue Geschwister im Glauben treffen möchtest – für jeden ist etwas dabei! (...) Unser Ziel ist klar: Wir wollen, dass du als muslimischer Jugendlicher deine Religion in Deutschland selbstbewusst ausleben kannst."6 Gemeinsam ist dabei vielen dieser Initiativen das Interesse, den Islam auch in seinen spirituellen Facetten als integralen Bestandteil des eigenen Alltags zu leben: "Es geht (...) nicht nur um den Gottesdienst, sondern um vieles mehr. Charakter, Geschwisterlichkeit und die islamische Moral gehören ebenso dazu wie auch das spaßige Beisammensein mit den Glaubensgeschwistern."7

                                              Auffallend ist darüber hinaus eine vielfach betonte Abgrenzung gegenüber dem religiösen Selbstverständnis der Eltern und Großeltern. Deutlicher als diese suchen viele junge Musliminnen und Muslime nach Möglichkeiten, den Islam auch im deutschen Kontext selbstbestimmt zu leben. Die gleichzeitige Zugehörigkeit zum Islam und zur deutschen Gesellschaft steht für diese Jugendlichen außer Frage. Das bedeutet auch eine Abgrenzung gegenüber bestimmten Glaubensvorstellungen und religiös-kulturellen Traditionen aus den Herkunftsländern, die mit hiesigen Lebenswirklichkeiten unvereinbar scheinen. So entstanden in den vergangenen Jahren verschiedene Initiativen junger Musliminnen und Muslime, die sich gegen tradierte Praktiken wie das Arrangieren oder Erzwingen von Eheschließungen wenden. Aus Sicht dieser Initiativen stehen solche Praktiken – trotz der oft angeführten Begründungen mit islamischen Traditionen – im Widerspruch zu den eigentlichen Werten und Normen des Islam. 

                                              Melih Kesmen, der Gründer des Modelabels Style-Islam, sieht darin ein wesentliches Motiv für sein Bemühen, ein anderes Verständnis des Islam unter Jugendlichen zu fördern: "Ich stelle die Glaubenspraktiken gewisser muslimischer Strömungen in Frage. Dazu gehören auch Glaubenspraktiken meiner Eltern. Da findet eine solche Vermischung mit Tradition und Volkskultur statt, dass es nichts mehr mit der islamischen Kernbotschaft zu tun hat. Und da sind wir quasi ‚Punks’: Wir sagen, die Art und Weise, wie der Islam in einem Großteil gewisser Volksgruppen praktiziert wird, ist nicht in Ordnung, das ist Mist."8

                                               

                                              Salafismus als Identitätsangebot

                                              Im Gegensatz zum Bemühen dieser Vereine und Initiativen, die Zugehörigkeit der Musliminnen und Muslime und des Islam zur deutschen Gesellschaft herauszustellen, steht die gerade auch unter jungen Musliminnen und Muslime einflussreiche salafistische Strömung für eine ausdrückliche Abgrenzung von der nichtmuslimischen Umwelt. Charakteristisch ist hier der Wunsch nach einem Rückzug auf eine klar umrissene Gemeinschaft der Musliminnen und Muslime, die als alleiniger Bezugspunkt zu gelten habe. Ausgehend von einem literalistischen Verständnis der religiösen Quellen betonen sie die zeitlose Gültigkeit der Regelungen, die sie ohne eine historische Kontextualisierung aus dem Koran und den Berichten aus dem Leben des Propheten ableiten. 

                                              Für Jugendliche ist hier vor allem die Eindeutigkeit des Identitätsangebots attraktiv. Mit dem Rückzug auf die Umma, der weltweiten Gemeinschaft der Musliminnen und Muslime, treten andere Facetten der Identität in den Hintergrund, die im Alltag von Jugendlichen zu Konflikten führen können. Mit dem Bekenntnis zum Islam, wie er von Salafistinnen und Salafisten vertreten wird, erübrigen sich Fragen nach der Vereinbarkeit von religiösen Werten und Traditionen mit den Orientierungen und Erwartungen, die die deutsche Gesellschaft ansonsten prägen. Vor diesem Hintergrund wird auch die Attraktivität der salafistischen Lesart des Islam für Frauen verständlich, schließlich treten hier klare Rollenzuschreibungen an die Stelle von mühsamen Auseinandersetzungen mit Geschlechterrollen und aufreibenden Entscheidungen hinsichtlich der eigenen Lebensgestaltung. 

                                              Zugleich bietet das salafistische Selbstverständnis als vermeintlich authentische Gemeinschaft in der Tradition des Propheten eine überhistorische Erklärung für die Erfahrungen mit Ressentiments und Diskriminierungen, mit denen viele Jugendliche im Alltag konfrontiert sind. In diesem Zusammenhang wird auf eine Überlieferung aus der Frühzeit des Islam verwiesen, in der Mohammed selbst Anfeindungen und Entfremdungserfahrungen ausgesetzt war. Das Gefühl des Fremdseins, das im aktuellen Kontext durch antimuslimischen Rassismus befördert wird, erscheint hier nicht als Anlass für ein verstärktes Engagement für gleiche Rechte und die Anerkennung eigener Interessen, sondern als weiteres Argument für eine Abgrenzung von der nichtmuslimischen Gesellschaft. 

                                               

                                              Aspekte des Religiösen im Jugendalter

                                              In diesem Sinne trifft der Bezug auf den Islam auf verschiedene Interessen und Erwartungen, die junge Musliminnen und Muslime in der Begegnung mit der Gesellschaft entwickeln. Viele Jugendliche finden im Islam eine Gemeinschaft unter 'Geschwistern', die mit starken emotionalen Bindungen und dem Gefühl von Zugehörigkeit und Anerkennung sowie klar definierten Werten und Normen verbunden ist. Darin ähnelt dieses Gemeinschaftsangebot anderen religiösen und nichtreligiösen jugendkulturellen Strömungen, die Jugendliche über gemeinsame Orientierungen an sich binden und einen Ausgangspunkt für selbstbewusste und reflektierte Identitätsbildungsprozesse bilden können. 

                                              Am Beispiel des Salafismus werden allerdings auch problematische Aspekte einer ausschließlichen Orientierung am Islam sichtbar.9 So beschränkt sich die damit einhergehende Weltsicht nicht auf das Angebot einer gemeinsamen Identität und gemeinsamen Werten, sondern beinhaltet oft zugleich den Wunsch nach einer Normierung vermeintlich verbindlicher Orientierungen und das Ziel einer Dominanz und Deutungshoheit in der Gesellschaft hinaus. Der Bezug auf den Islam ist hier nicht Ausgangspunkt für eine konstruktive Auseinandersetzung mit anderen Werten, Lebenswelten und Glaubenspraktiken, sondern Anlass für eine Abwertung alternativer Sichtweisen und eine Abgrenzung von der Umwelt.

                                              Vor diesem Hintergrund wird die Notwendigkeit deutlich, entsprechende Ausdrucksformen von Religiosität zunächst als 'normales' jugendspezifisches Phänomen zu verstehen. Der Wunsch nach Spiritualität und die Betonung religiöser Zugehörigkeit beschränken sich schließlich nicht allein auf Jugendliche muslimischer Religionszugehörigkeit, sondern sind in tendenziell ähnlicher Weise beispielsweise in christlichen Zusammenhängen zu beobachten. Zugleich verweisen die Rigidität und Abgeschlossenheit salafistischer Denkmuster auf die Problematik, die mit einem solchen Verständnis der Religion einhergeht. Auch hier wird allerdings der Einfluss von jugendkulturellen Erfahrungen auf die Ausprägung entsprechender Orientierungen sichtbar. So lässt sich der Salafismus in Deutschland nicht auf theologische Aspekte beschränken, sondern ist letztlich auch Ausdruck von Fragen und Konflikten, denen sich Jugendliche im Migrationskontext gegenüber sehen. Um so wichtiger ist es, Jugendliche in ihren Bemühungen zu stärken, eigene Zugänge zu Religion und Identität zu entwickeln. Die Bereitschaft von Lehrkräften und Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, Religiosität und Glauben als selbstverständliche Themen anzuerkennen, wäre hierzu ein wichtiger Beitrag.

                                               

                                              Anmerkungen:

                                              1 Aussage einer Lehrerin im Vorgespräch zur Durchführung von Workshops zum Thema "Islam, Islamismus und Demokratie", die von ufuq.de in Zusammenarbeit mit der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg von 2010 - 2013 in Berlin, Hamburg, Essen und Bremen durchgeführt wurden.

                                              2 Zu nennen sind hier neben der im Auftrag des Bundesministeriums des Innern durchgeführten quantitativen Studie von Katrin Brettfeld/Peter Wetzels "Muslime in Deutschland" (Hamburg 2007) und der unten zitierten Untersuchung des Religionsmonitors 2008 vor allem die qualitative Studie von Hans-Jürgen von Wensierski/Claudia Lübcke (Hg.) "‚Als Moslem fühlt man sich hier auch zu Hause‘. Biographien und Alltagskulturen junger Muslime in Deutschland" (Opladen 2012) sowie die in diesem Forschungsprojekt erarbeiteten Einzelstudien, veröffentlicht in: Hans-Jürgen von Wensierski/Claudia Lübcke (Hg.) "Junge Muslime in Deutschland. Lebenslagen, Aufwachsprozesse und Jugendkulturen" (Opladen 2007).

                                              3 www.styleislam.de (Zugriff 20.06.2016)

                                              4 Siehe beispielsweise das Posting auf dem Facebook-Profil "Islam Dawa" vom 29. März 2013.

                                              5 Siehe für einen Überblick über entsprechende Vereine http://www.ufuq.de/interaktiveratlas

                                              6 Islamisches Jugendzentrum in Berlin: ijb-ev.de/wer-sind-wir

                                              7 Islamisches Jugendzentrum in Berlin: ijb-ev.de/wer-sind-wir

                                              8 Interview mit Melih Kesmen, www.labkultur.tv/blog/punk-trifft-prophet.

                                              9 Siehe dazu: Claudia Dantschke/Ahmed Mansour/Jochen Müller/Yasmin Serbest: "Ich lebe nur für Allah". Argumente und Anziehungskraft des Salafismus. Berlin 2011.

                                               

                                              Götz Nordbruch (ufuq.de) in: Thema Jugend. Zeitschrift für Jugendschutz und Erziehung, 4/2014 

                                              www.ufuq.de/da-sind-wir-quasi-punks-facetten-der-religiositaet-von-muslimischen-jugendlichen/

                                              Im Folgenden erhalten Sie nur eine rudimentäre Einführung in den Islam – Grundlegendes zu Geschichte und Glaubensinhalten erfahren Sie in jedem Handbuch oder auf Informationsseiten im Internet.

                                              'Der' Islam in der Pädagogik 

                                              Lesen Sie ruhig einmal hinein in den Koran - Sie brauchen ihn aber nicht zu studieren. Nur soviel vorab: Der Islam – also Koran, Sunna, Scharia oder religiöse Konzepte wie das vom Jihad – ist selbstverständlich mit Demokratie und Menschenrechten zu vereinbaren. Werte wie Barmherzigkeit, Gerechtigkeit oder Friedfertigkeit sind aus dem Islam nicht wegzudenken. Diese Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen und 'säkularen' Konzepten wie Grund- und Menschenrechte werden leider allzu oft vergessen -  in den Diskursen dominiert die Betonung tatsächlicher oder vermeintlicher Unterschiede. Fundamentalistische Lesarten 'des Islam' allerdings stehen in Widerspruch zu diesen Rechten und Freiheiten. Auch das unterscheidet den Islam nicht von anderen Religionen. 

                                              'Der' Islam spielt als Ursache oder Motiv bzw. Beweggrund von Radikalisierungsprozessen kaum eine Rolle. Das heißt nicht, dass der Islam nicht als Instrument einer Ideologisierung junger Muslime und Nichtmuslime einsetzbar wäre. Das Islamverständnis und die 'Erfolge' von salafistischen und jihadistischen Strömungen bei der Rekrutierung zeigen dies in aller Deutlichkeit. Vor diesem Hintergrund könnte daher ein alternatives Verständnis 'des Islams' oder besser: kann eine Auseinandersetzung junger Muslime über die Art und Weise, wie sie ihre Religion verstehen und leben wollen, einen Beitrag zur Prävention leisten. Dabei ginge es nicht darum, einem 'falschen' und 'bösen' den 'richtigen' oder 'guten' Islam gegenüberzustellen. Vielmehr können Jugendliche selbst aufgerufen werden, darüber nachzudenken, was es für sie heißt, eine 'gute Muslima' oder ein 'guter Muslim' oder – grundlegender - ein 'guter Mensch' zu sein. Das geht alle Jugendlichen in der Klasse oder Gruppe etwas an -  auch die nichtreligiösen und nichtmuslimischen.

                                              Dazu müssen Sie als pädagogische Fachkraft keine Theologin oder kein Theologe sein. Vielmehr geht es darum, die Jugendlichen ins Gespräch darüber zu bringen, wie sie ihre Religion bzw. deren Werte verstehen und leben wollen. Grundwissen über den Islam ist dazu durchaus von Nutzen – und sei es nur, um den Jugendlichen zu zeigen, dass man sich für sie und ihre Religion interessiert. (siehe dazu in aller Kürze: Islam und Schule 2014: 3ff.) Wichtiger als Wissen über den Islam erscheint uns jedoch Folgendes: Es gilt, deutlich und offen zu zeigen, dass der Islam und Musliminnen und Muslime in Deutschland selbstverständlich und vorbehaltlos dazugehören – und nicht erst besondere Voraussetzungen oder Bedingungen zu erfüllen haben, wie zum Beispiel die häufig erhobene Forderung, 'der Islam' müsse erst einmal sein Verhältnis zur Gewalt klären. Insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene – gleich, ob sie religiös sind oder nicht – sollten nicht durch solche Vorhaltungen und Erwartungen in eine Verteidigungshaltung und zur Selbstbehauptung gezwungen werden. ("Die wollen uns den Islam ausreden.") In vielen Fällen führt das erst in die Isolierung und macht einige junge Menschen anfällig für Radikalisierungen. Zu dieser Offenheit gehört es auch, die Vereinbarkeit von Islam, Demokratie und moderner Gesellschaft aufzuzeigen, statt diese – wie es etwa in Medien und Politik allzu häufig geschieht – immer wieder infrage zu stellen. 

                                              Und: Zu sehr noch sind Öffentlichkeit und auch sehr viele Muslime selbst von einem normativen Religionsverständnis geprägt, das sich auf Rituale sowie Gebote und Verbote und die Betonung von Besonderheiten konzentriert. Gerade Jugendliche stützen sich in ihren alters- und biografietypischen Suchbewegungen stark auf solche Äußerlichkeiten zur Selbstfindung und Abgrenzung. Stärker als bisher sollte daher auch in Schule und Jugendarbeit eine Werte- und Lebensweltorientierung im Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit Religion und Religiosität stehen. Auf diese Weise können alle Beteiligten

                                              1. der Islamfeindschaft entgegenwirken

                                              2. eine als wechselseitigen Prozess verstandene Integration befördern sowie

                                              3. einer Ideologisierung und etwaiger Radikalisierung vorbeugen. 

                                              Denn das zeigen unsere Erfahrungen aus der Arbeit mit Jugendlichen muslimischer Herkunft: Viele von ihnen stecken in einem Loyalitätskonflikt, da ihnen von verschiedener Seite allzu häufig suggeriert wird, nur eines sein zu können – islamisch und herkunftsbewusst oder demokratisch und deutsch. Wird ihnen jedoch Anerkennung signalisiert und deutlich gemacht, dass sie sehr wohl beides sein können, sieht man manchmal förmlich, wie eine Last von ihren Schultern fällt.

                                               

                                              Der Islam und seine Quellen: Koran, Sunna und Scharia

                                              Wie Christentum und Judentum hat auch der Islam seine Hauptquellen. An erster Stelle zu nennen ist der Koran als niedergeschriebene Offenbarung Gottes an die Menschen (offenbart dem Propheten Mohammed). Der Koran enthält Glaubensinhalte und Rituale (Beziehung Mensch-Gott), Erzählungen früherer Propheten, Jenseitsvorstellungen sowie Aspekte des menschlichen Zusammenlebens in Verbindung mit Werten und Normen. Er ist in einer poetischen Sprache verfasst und nicht leicht zu verstehen. Außerdem gibt es nur wenige klare Vorschriften und Normen für konkrete Lebensbereiche und rechtliche Fragen – und die beziehen sich auf die Zeit des 7. Jahrhunderts. Deshalb musste der Koran schon immer interpretiert werden. Umstritten waren dabei u.a. die Methoden und wer dazu berechtigt und in der Lage ist. Nur 'Fundamentalisten' behaupten, dass der Koran klar und eindeutig alle Aspekte des menschlichen Lebens regele. Sie verstehen ihn als genaue Anleitung für das individuelle und das gesellschaftliche Leben. In Wirklichkeit folgen sie dabei nur ihrer eigenen Interpretation, die sie für die einzig mögliche und richtige erklären. Aber Achtung: Auch vielen 'normalen' Musliminnen und Muslime (und insbesondere Jugendlichen, die oft nicht viel über ihre Religion wissen) ist die Vorstellung fremd, dass das Wort Gottes interpretiert werden müsse und dass man dabei auch zu unterschiedlichen Schlüssen kommen kann. Seit Jahrhunderten beschäftigen sich die Gelehrten mit solchen Fragen.

                                              Die Sunna ist nach dem Koran die zweitwichtigste religiöse Quelle im Islam. Sunna ist ein arabisches Wort und bedeutet etwa Tradition. Gemeint ist hier die Tradition des Propheten Mohammed: Seine Handlungen und seine Aussprüche  wurden in Form zunächst mündlicher und später verschriftlichter Überlieferungen (Hadithe) weitergegeben und gesammelt. Denn die Gläubigen sind angehalten, dem Beispiel des Propheten im Alltag und im gesellschaftlichen Leben zu folgen - als Vorbild und Richtschnur gewissermaßen. (Aus dem Begriff Sunna leitet sich auch der Begriff des Sunnitentums ab. Das heißt aber nicht, dass nur die sunnitischen Muslime der Sunna des Propheten folgen würden.) Die Sunna dient auch als Ergänzung und Interpretationshilfe koranischer Aussagen. Wie das allerdings genau erfolgt und wie dem Vorbild des Propheten im Alltag und in der Gesellschaft zu folgen sei, ist durchaus umstritten: Geht es darum, ihm möglichst genau und in allen Kleinigkeiten (wie etwa Bekleidung) nachzufolgen und ihn zu imitieren? Oder geht es vielmehr darum, dem Propheten in seinem Geiste zu folgen, dies in die heutige Zeit zu übertragen und sich darum zu bemühen, nach seinem Vorbild eine gute Muslima oder ein guter Muslim in der Gesellschaft zu sein ? 

                                              Unter Scharia, deren Hauptquellen wiederum Koran und Sunna sind, verstehen die meisten Nichtmusliminnen und Nichtmuslime, aber auch sehr viele Musliminnen und Muslime das 'islamische' Gesetz oder die Gesetzgebung (hier vor allem das Strafrecht). Es gibt die Scharia aber gar nicht als Buch – etwa als Sammlung von Gesetzestexten mit einzelnen Paragraphen. So berühren denn auch nur 80 der insgesamt 6.000 Verse des Korans Rechtsfragen im engeren Sinn – vor allem Personenstands- und Familienrecht, aber auch einzelne Strafrechtsbestimmungen. Und diese werden von Musliminnen und Muslimen sehr unterschiedlich bewertet. Ein Beispiel: Das Recht auf Polygamie besteht in einigen Ländern, in Tunesien ist sie hingegen verboten, jeweils begründet unter Bezug auf Islam und Scharia. Im Rechtssytem Saudi-Arabiens ist ein Schariaverständnis verankert, das auch Körperstrafen umfasst – in anderen so genannten 'islamischen' Gesellschaften spielt der Bezug auf 'die' Scharia in der Rechtsordnung eine untergeordnete oder - wie im Fall der Türkei - gar keine Rolle. Die Scharia beinhaltet also eher weniger gesetzesähnliche Vorgaben, sie ist ein sehr viel umfassenderes Konzept. Wörtlich übersetzt bedeutet Scharia "zur Quelle" im Sinne eines Wegs, der zu Gott führt. Es geht also um sämtliche Werte und Normen des Islam (vor allem abgeleitet aus Koran und Sunna), die in diesem Begriff zusammengebracht werden. Der Scharia zu folgen, wäre damit Ziel für jeden gläubigen Muslim und ließe sich demnach als Bestreben verstehen, ein gottgefälliges Leben zu führen. Dieser 'Weg' kann im Einzelnen sehr unterschiedlich aussehen. Wenn also religiöse Muslime sagen, sie wollten der Scharia folgen, dann verbinden sie nicht unbedingt das Gleiche damit. Gemeinsam ist ihnen aber, dass ihnen die Scharia gewissermaßen als Quintessenz ihres Glaubens sehr wichtig ist.

                                              Nur 'Islamisten' behaupten, es gebe nur einen möglichen und wahren Weg, die Quellen zu lesen, zu verstehen und umzusetzen (Wahrheitsanspruch) - nämlich ihren eigenen. Wie Fundamentalisten in anderen Religionen (Christentum, Judentum oder Hinduismus ...)  bestreiten sie nicht nur die Möglichkeit unterschiedlicher Lesarten, sie bestreiten auch die Notwendigkeit der Interpretation der Quellen an sich. Der Mensch, sagen sie zur Begründung, müsse Gott lediglich gehorchen und dürfe nicht seine eigene Meinung über Gottes Wort stellen. So behaupten sie, ihre Lesart sei die einzige mögliche und wahre, wobei sich auch diese im Laufe der Zeiten durchaus fundamental ändern können - was aber von Fundamentalisten niemals eingestanden werden kann.      

                                              Bestandteil der Scharia sind für die meisten Musliminnen und Muslime auch die sogenannten Fünf Säulen des Islam. Gefragt, was denn der Islam sei, werden diese von vielen angeführt. Allerdings handelt es sich bei den "Fünf Säulen" lediglich um normative Vorgaben etwa zum Gebet oder zum Fasten, die durch einzelne 'Duchführungsbestimmungen' (z. B. Wie bete ich richtig?) näher ausgeführt werden können, die für Jugendliche in ihren Suchprozessen oft von besonderer Wichtigkeit sind und auch deshalb im salafistischen Islamverständnis eine besonders große Rolle spielen. Weniger häufig werden von den Jugendlichen auf die Frage "Was ist denn der Islam?" Werte und ethische Konzepte genannt - wie etwa Gerechtigkeit, Barmherzigkeit oder Friedfertigkeit. Dabei sind sie genauso selbstverständliche Bestandteile des Islam wie Verhaltensnormen und rituelle Vorschriften.       

                                               

                                              Jihad und Geschlechterrollen

                                              Noch ein Wort zu zwei zentralen Feldern öffentlicher Auseinandersetzungen: dem Jihad und der Frage der Geschlechterrollen. So wie der Islam selbstverständlich mit der Demokratie oder die Scharia mit den Grundrechten vereinbar ist, so ist auch der Jihad ein religiöses Konzept, von dem sich Muslime nicht etwa distanzieren müssten. Vielmehr unterschieden Theologen zwischen 'großem' und 'kleinem Jihad'. Der 'kleine Jihad' bezeichnet den militärischen Kampf zur Verteidigung von Islam und Muslimen -  mit ihm legitimieren radikale Strömungen ihren Kampf und auch terroristische Anschläge, dabei unterliegt der 'kleine Jihad' auch theologisch klaren Bedingungen, wie etwa dem Verbot der Tötung von Zivilisten. Religiös wie politisch hat der 'kleine Jihad' heute keine große Bedeutung mehr. Es sind die radikalen Strömungen, die den Begriff gewissermaßen gekapert haben, so dass Musliminnen und Muslime wie Nichtmusliminnen und Nichtmuslime unter Jihad in der Regel Gewalt und Terror verstehen. Der 'große Jihad' hingegen bezeichnet das alltägliche Ringen der/s Einzelnen gegen ihre/seine schlechten Eigenschaften und um ein gottgefälliges Leben, wobei es nicht zuletzt um Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Friedfertigkeit und darum geht, anderen Menschen zu helfen.     

                                              'Den Islam' gibt es auch nicht in Bezug auf religiöse Vorgabe zu Geschlechterrollen. Vielmehr sind es Traditionen und unterschiedliche Religionsverständnisse, wie in Familie und Gesellschaft Geschlechterbilder und –rollen über die Generationen vermittelt werden, auch wenn viele Musliminnen und Muslime sagen, dass der Islam ganz bestimmte Verhaltensnormen vorschreibe. Es ist dann aber meist ihr eigenes Islamverständnis, das dem zugrunde liegt. Andere verstehen und leben ihre Religion anders. Zur Zeit der Offenbarung im frühen 7. Jahrhundert hat der Islam die Rolle und Situation von Frauen in Familie und Gesellschaft deutlich verbessert, so etwa das aus heutiger Sicht ungleiche Erbrecht - Frauen erbten nur halb so viel wie Männer. Dies war damals sinnvoll bzw. gerechter und stellte einen erheblichen Fortschritt dar. Auch hier stellt sich also die oben skizzierte Frage: Woran knüpfen Musliminnen und Muslime an? Am Wortlaut der religiösen Quellen? Oder geht es darum, den Anspruch oder die Leitidee (hier: mehr Gerechtigkeit) herauszuarbeiten und sich darum zu bemühen, diese in die Gegenwart zu übertragen. Wie das dann im Einzelnen geschieht, darüber können die Meinungen und Wege dann durchaus auseinander gehen.       

                                               

                                              Schlussfolgerungen für eine pädagogische Arbeit

                                              Grundlegend sollte in der pädagogischen Arbeit mit religiösen wie nichtreligiösen Musliminnen und Muslimen sein, Demokratie, individuelle Freiheitsrechte etc. nicht in einen Gegensatz zur Religion zu stellen. Diese sind für die meisten Musliminnen und Muslime in Deutschland ebenso selbstverständlich wie ihre Ablehnung von Gewalt. Vielmehr sollten Religion und Religiosität anerkannt und als selbstverständlicher Teil gesellschaftlichen Lebens Würdigung und Wertschätzung erfahren. Und: Jugendliche sollten selbst gefragt werden, wie sie ihr Leben in Familie und Gesellschaft leben wollen. Ohne dass es ihnen jemand sagen oder gar vorhalten müsste, kommen sie dann von ganz alleine darauf, dass Frieden, Gerechtigkeit oder Barmherzigkeit diejenigen Werte sind, an denen sie sich orientieren – diese aber nicht immer einfach und konsensual umzusetzen sind. Ein solches Bewusstsein stärkt und schützt sie vor den einfachen Welt- und Feindbildern, die ihnen vom Salafismus und anderen Ideologien angeboten werden.    

                                              Das gilt auch für Geschlechterrollen: Natürlich orientieren sich längst nicht alle Musliminnen und Muslime an traditionellen Rollenbildern. Vielfalt aufzuzeigen ist daher gegenüber muslimischen wie nichtmuslimischen Jugendlichen gleichermaßen bedeutsam. Bestehende traditionelle Muster oder religiös begründete Überzeugungen sollten dabei von Pädagoginnen und Pädagogen respektiert und Jugendlichen (bzw. ihren Familien) nicht abverlangt werden, sich zu verändern. Darauf reagieren sie mit Abwehrhaltungen. Vielmehr könnte auch hier die Vielfalt von Lebensweisen aufgezeigt und Jugendliche darüber ins Gespräch gebracht werden, wie sie es in ihrem Leben halten wollen ("Wie wollen wir leben?") oder wie sie es sich für ihre Kinder wünschen.

                                              Und was sagt der Koran dazu?

                                              Pädagoginnen und Pädagogen fragen immer wieder nach Belegen/Zitaten aus den religiösen Quellen, um sie in ihrer Arbeit mit den Jugendlichen 'einsetzen' zu können. Darin liegt durchaus eine Option – aber vor allem auch ein Risiko! Deshalb kommt es immer darauf an, wie und mit welcher Haltung Koranverse oder Berichte über Handlungen und Aussagen des Propheten Muhammad (Hadithe) verwendet werden: Sollen sie als Beweis für eine bestimmte Position dienen? Sollen Positionen und Überzeugungen der Jugendlichen mit ihrer Hilfe verändert werden? Dann verwenden Sie bitte keine Verse! Als pädagogische Fachkraft sind Sie keine Theologinnen bzw. kein Theologe (und meistens nicht einmal muslimisch). Die Verse stehen immer in einem Kontext, einfache Weis- und Wahrheiten lassen sich damit nicht behaupten – das tun nur Fundamentalistinnen und Fundamentalisten. Die Jugendlichen nehmen wahr, dass es darum geht, sie zu verändern – und werden sich eher zurückziehen oder in eine Abwehrhaltung gehen, die auch in ein unsinniges 'Suren- oder Verse-Pingpong' münden kann.

                                              Wenn also Jugendliche ihre Positionen mit Zitaten aus Koran und Sunna (Hadithe) begründen, können Sie mit der Gruppe über deren mögliche Bedeutungen ins Gespräch gehen: Was könnte damit gemeint sein? In welchem Kontext könnte eine Aussage so oder so verstanden werden? Wie lässt sich die Aussage auf unterschiedliche Sachverhalte aus der Lebenswelt der Jugendlichen übertragen? Falls Sie selbst Zitate aus Koran und Sunna verwenden, tun Sie das sensibel und lediglich als Anregung zur Reflektion, zum gemeinsamen Nachdenken und Abwägen. "Guckt mal, da ist ein Vers aus dem Koran, der vielleicht etwas mit unserem Thema zu tun haben könnte. Was denkt Ihr?" Hier gibt es kein Lernziel! Ziel ist es lediglich, einen Beitrag zum Gespräch unter den Jugendlichen zu leisten.

                                              Wir möchten an dieser Stelle ausdrücklich keine Auswahl von Zitaten aus Koran und Sunna bereit stellen. Wenn Sie sich selbst auf die Suche machen wollen – im Internet zum Beispiel – dann sollten Sie gefundene Zitate durchaus überprüfen. Dazu bietet sich u.a. die kommentierte Koranübersetzung von Hartmut Bobzin (2010) an, die auch über ein Register verfügt, mit dem sich nach Begriffen (z. B. "Gutes tun, gute Taten") suchen lässt. Weitere anerkannte Übersetzungen sind die von Rudi Paret (älter, wissenschaftlich, teils schwer verständlich), Adel Theodor Khoury oder Muhammad Asad (kommentiert). Eine Übersetzung ausgewählter Passagen bieten Kaddor / Müller im "Koran für Kinder und Erwachsene" (z. B. Kapitel 3: "Mitmenschen"). Auch in islamischen Religionsbüchern für den Unterricht finden sich Anregungen – z. B. bei Kaddor / Müller, Khorchide oder Uçar.

                                              "Was ist die Kernbotschaft?"

                                              Das folgende Interview führte Deniz Ünlü mit Prof. Bülent Ucar.

                                              Prof. Bülent Uçar ist türkischer Herkunft, in Oberhausen geboren, Professor für Religionspädagogik und ein Scharia-Experte. Uçar studierte Rechtswissenschaften, Islamwissenschaften und Politik in Bonn und Bochum. Er hat als Islamkundelehrer und im Landesinstitut für Schule in NRW gearbeitet und habilitierte mit einer Arbeit über Koranexegese und die Wandelbarkeit der Scharia in der Türkei. Heute ist er Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück. Uçar engagiert sich für die Ausbildung von islamischen Theologen in Deutschland, fordert die Einrichtung islamisch-theologischer Fakultäten und tritt dabei für eine moderne islamische Religionspädagogik ein: Die religiösen Schriften interpretiert Uçar kontextuell, d.h. nicht deren genauer Wortlaut, sondern ihr Gehalt und die zeitlosen Werte, die in ihnen vermittelt werden sollen, stehen im Mittelpunkt.


                                              "Herr Uçar, viele Muslime und Salafist_innen meinen, dass nur Muslime ins Paradies kommen. Was halten Sie von dieser Ansicht?" 

                                              "Der Islam bezeichnet in seiner Grundhaltung Christen und Juden nicht als Un-gläubige sondern als ‚Ahl el Kitab’, das sind die ‚Buchreligionen’, also jene, die über Offenbarungsschriften verfügen wie das Alte und Neue Testament. Der Koran empfiehlt in der zweiten Sure sogar, dass jedes dieser Völker seiner eigenen Scharia folgen soll, seiner eigenen Tradition, seiner eigenen Kultur, seinen eigenen religiösen Vorgaben. Kritisiert wird die Haltung einiger damals in Medina lebender Juden, die für sich ein Monopol beansprucht und gesagt haben, dass nur Juden ins Paradies kommen. Der Koran kritisiert das heftig und sagt, dass dies nicht von der jeweiligen formalen Religionszugehörigkeit abhängt, sondern dass die Haltung eines Menschen viel wichtiger sei, seine konkrete Praxis sozusagen. (…) Der Koran akzeptiert also den Monopolanspruch von Muslimen auf das Paradies nicht und sagt, dass alle jene, die an Gott glauben und Gutes tun und an ein Leben nach dem Tod glauben, ins Paradies kommen können solange sie wahrhaftig sind." (…)

                                              "Und wie erklären Sie sich den Anspruch von Fundamentalisten allein die Wahrheit des Koran zu vertreten?"

                                              "Ich kann nur versuchen, das psychologisch zu erklären. Da gibt es ein schönes Beispiel aus der Frühzeit des Islam: Der Prophet hat in seinem Leben nur ein einziges Mal die Pilgerfahrt verrichtet und zwar kurz vor seinem Tod im Jahr 631. Und während dieser Pilgerfahrt machte er Halt an bestimmten Orten zwischen Medina und Mekka. Etwa 10 Jahre nach seinen Tod machte nun der politische Führer der islamischen Welt, der zweite Kalif Omar, mit seinem Sohn die Pilgerfahrt. Der rastete dort, wo der Prophet gerastet hatte und er betete, wo dieser gebetet hatte. Einmal sah sein Vater, der Kalif, das und fragte seinen Sohn: ‚Mein Sohn, warum bist du zu diesem Baum gegangen, um zu beten? Du hast sogar einen Umweg dafür in Kauf genommen.’ Sein Sohn antwortete: ‚Ich habe gesehen, dass der Prophet unter diesem Baum gebetet hat und deshalb habe ich auch hier gebetet.’ Der Vater befiehlt daraufhin seinen Männern, den Baum auszureißen. Dann erklärte der Vater ihnen und seinem Sohn: ‚Ich fürchte, ihr würdet alle dasselbe tun wie mein Sohn und dem Propheten nicht in seinem Geiste folgen, sondern in Kleinigkeiten, in Buchstäblichkeiten und dass ihr dabei das Ganze aus dem Auge verliert. Ich habe also den Baum herausreißen lassen, weil ich nicht will, dass ihr diesem Baum irgendeinen Wert beimesst.’ Das Beispiel zeigt, dass es schon in der Frühzeit des Islam Menschen gab, die sich gefragt haben: ‚Was ist die Kernbotschaft?’ Die Kernbotschaft ist nicht, an eben dieser Stelle zu beten, es geht nicht darum, wo du es tust und wie genau du es tust. Der Sohn des Kalifen war allerdings anderer Auffassung: Er war, wenn man so will, kleinkariert, er dachte in kleinen Strukturen, er war buchstabenfixiert und formalistisch. Ein ähnliches Problem haben wir heute auch mit islamischen Fundamentalisten, mit religiösen Extremisten. Ihnen fällt es viel leichter, sich an der buchstäblichen Bedeutung islamischer Quellen zu orientieren als sich die Frage zu stellen: ‚Was wollen diese Quellen von mir und wie kann ich das tatsächlich in meinem Leben umsetzen?’"

                                              aus: Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg/ufuq.de (2015): Begleitheft zum Film "Der Weg zur Quelle". Über Scharia, Menschenrechte und Geschlechterbilder; aus der DVD: "Islam, Islamismus und Demokratie").

                                               

                                              "Eine zeitgemäße Deutung des Islam?"

                                              J. Müller/ufuq.de führte ein Gespräch mit Prof. Mouhanad Khorchide.

                                              Prof. Mouhanad Khorchide stammt aus dem Libanon. Dort studierte er islamische Theologie – ebenso wie in Saudi-Arabien, wo er das rigide wahhabitische Islamverständnis kennenlernte. In Wien promovierte Khorchide im Fach Soziologie. Im Juli 2010 wurde er am Lehrstuhl für Religionspädagogik der Universität Münster zum Professor berufen. Die religiösen Quellen, sagt er, müssen in ihrem historischen Kontext gelesen werden. Entscheidend sei dabei nicht der Wortlaut, sondern der "Geist hinter den Buchstaben", also die Frage nach den Maximen, die mit einer Offenbarung verbunden seien. Diese Maximen – etwa die Absicht, Gerechtigkeit unter den Menschen zu schaffen – gelte es in die moderne Gesellschaft zu übertragen. Spezifische Normen wie das fünfmalige Gebet oder das Schweinefleischverbot versteht Khorchide jedoch als verbindlich – gerade weil ihnen keine bestimmte gesellschaftliche Absicht zugrunde liege, sie also nicht rational zu begründen und entsprechend zu modifizieren seien. 


                                              "Der Koran gilt als Gottes Wort. Als Theologe beschäftigt mich die Frage, wie wir mit diesem Gotteswort umgehen. Wie können wir es angemessen verstehen? Sollen wir den gesamten Koran wortwörtlich verstehen? Sollen wir alles, was im 7. Jahrhundert offenbart wurde, auch die juristischen Einzelanweisungen, zum Beispiel im Strafrecht, heute eins zu eins übertragen? Ich glaube nicht. Mir geht es um eine zeitgemäße Deutung des Islam. Und die sollte danach fragen, welche Antworten in welchem gesellschaftlichen Kontext auf welche Fragen gegeben wurden. Wir müssen verstehen, welche Anliegen die Menschen damals hatten – und welchen Sinn die damals gegebenen Antworten. Auf Grundlage dieser Hermeneutik können wir uns dann fragen, welchen Sinn die heiligen Texte heute haben. 

                                              Als gläubiger Muslim und Theologe gehe ich davon aus, dass der Koran das Gotteswort nicht nur für die Menschen des 7. Jahrhunderts, sondern auch für uns heutige Menschen ist. Um diese Frage aber zu beantworten, muss man den Koran in seinem historischen Kontext lesen. Unterlässt man das, kann man ihn nicht angemessen begreifen (…). Die Muslime hatten bereits im 8. Jahrhundert eine eigene Hermeneutik entwickelt. Sie fragte nach den Anlässen der Offenbarung. Leider wurde diese Tradition nicht weiter verfolgt, sie ging unter. Deswegen plädiere ich heute umso mehr für eine historisch-kritische Methode. Denn die brauchen wir unbedingt. Allerdings missverstehen viele Muslime diesen Begriff. Sie glauben, ‚historisch-kritisch’ bedeute, der Koran sei historisch geworden und gehe uns heute nichts mehr an. Und ‚kritisch’ meine nichts anderes, als dass es gestattet sei den Koran einfach zu widerlegen. Das ist ein schlichtes Missverständnis. Tatsächlich meint der Begriff ja nichts anderes, als dass wir den historischen Kontext gründlich untersuchen müssen. Unsere Aufgabe muss es sein, den Geist hinter den Buchstaben zu finden. Es geht um die allgemeinen Prinzipien, die der Koran verkündet. Wie die Menschen diese Prinzipien dann in ihrem Alltag umsetzen, das hängt vom jeweiligen Kontext ab.“

                                               

                                              "Nicht den Spaß am Leben verbieten"

                                              J. Müller führte mit Prof. Mouhanad Khorchide ein Interview. (ufuq/bpb 2010: 5ff.)

                                              "Herr Khorchide, Sie sagen, es gehe Ihnen in der Religionspädagogik nicht um die Vermittlung von Gesetzen und Dogmen, sondern um eine zeitgemäße Deutung des Islam. Ist denn das Islamverständnis vieler Muslime – insbesondere junger Muslime – von Gesetzen, Dogmen und Traditionalismen geprägt?"

                                              "Der Islam wird von der Mehrheit der Muslime als Gesetzesreligion angesehen. Das Muslimsein wird dabei definiert als Befolgung von Geboten und Einhaltung von Verboten. Dieses Verständnis des Islam richtet sich primär nach den Bewertungen menschlichen Handelns im Koran und der Sunna und leitet daraus rechtliche Konsequenzen sowie Vorhersagen für das Leben im Jenseits ab. Diese Sicht reduziert den Islam auf normative Aspekte. Und das geht auf Kosten spiritueller und ethischer Inhalte – obwohl diese im Koran einen zentralen Stellenwert einnehmen."

                                              "Wo wird dies in der Lebenswelt von Jugendlichen deutlich?"

                                              "Ich habe oft erlebt, dass junge Muslime in die Moschee kamen, um ihre Religion kennen zu lernen und der Imam nicht über Gottesliebe und Barmherzigkeit sprach, sondern das Gottesbild eines strengen Richters zeichnete, der nur darauf wartet, jeden zu verurteilen, der seinem Befehl widerspricht. Jungen Menschen wird so vermittelt, dass der Weg zum frommen Muslim im Erlernen einer Liste von Erlaubtem und Verbotenem besteht. Dann wundert es nicht, dass sie beginnen, Fragen wie diese zu stellen: Darf ich Musik hören? Darf ich diesen oder jenen Haarschnitt tragen? Darf ich mich als Mädchen schminken? Was aber ist mit Fragen nach seiner eigenen Beziehung zu Gott und zu seinen Mitmenschen, die Frage nach der ethischen Verantwortung des Menschen?"

                                              "Was bedeutet dies für das Verhältnis von Jugendlichen zu ihrer Religion – auch im Hinblick auf die Integration von Islam und Muslimen in Deutschland?"

                                              "Die Konsequenz eines solchen Islamverständnisses ist, dass sich Jugendliche vor die Wahl gestellt fühlen, entweder Muslim oder Europäer zu sein. Denn will man diesem Islamverständnis nach ein frommer Muslim sein, muss man sich bemühen, für jede Alltagshandlung zu klären, ob diese nun erlaubt oder verboten ist. Da aber der Koran kein Kodex mit Gesetzen und Paragraphen ist, wird man in ihm keine Antwort auf diese Alltagsfragen finden. Junge Menschen sind dann auf die Aussagen und Interpretationen von Imamen und – teils selbst ernannten – Gelehrten angewiesen. Oder sie orientieren sich an dubiosen Internetseiten, die als religiös verbindlich angesehen werden – auch wenn sie dem Grundgesetz oder modernen Werten widersprechen sollten. Dies führt entweder zu einer Art von Segregation, in der sich junge Muslime geistig von der Gesellschaft abschotten, oder aber zu einer Distanzierung und Abwendung von der Religion. Bei Umfragen geben zwar viele an, stolze Muslime zu sein, allerdings hat dies mehr mit ihrer Suche nach Identität zu tun: Sie suchen nach einem kollektiven Dach, einem großen 'Wir'. Bei ihrer Zuwendung zur Religion geht es daher lediglich um Identität. Diese Form der Bindung an die Religion führt zu ihrer Aushöhlung."

                                              "Wie sieht demgegenüber ein zeitgemäßes Islamverständnis aus?"

                                              "Ein zeitgemäßes Islamverständnis fragt nach dem Menschen. Es fragt nach dessen spirituellen und ethischen Bedürfnissen und macht ihm Angebote zu deren Befriedigung. Hier steht der Mensch im Zentrum. Er ist kein Knecht, der nur Befehlen zu folgen hat, sondern das edelste Geschöpf Gottes, das eine ihm von Gott gegebene unantastbare Würde besitzt. Ein zeitgemäßes Islamverständnis fragt weniger nach den rechtlichen und jenseitsbezogenen Konsequenzen menschlichen Handelns, sondern beschäftigt sich mit den sozialen und lebensnahen Umständen. Es erhebt die Erfüllung menschlicher Interessen und Bedürfnisse (arabisch masaleh) zum höchsten Ziel religiöser Normen – denn religiöse Lehren dienen letztendlich der Erfüllung der Interessen der Menschen im Dies- und im Jenseits. Der Mensch ist in diesem Islamverständnis ein Verwalter (khalif) auf der Erde. Es geht also nicht darum, Koran und Sunna wortwörtlich zu verstehen und eins zu eins ins Hier und Heute zu übernehmen, sondern darum, den Geist hinter dem Text, also die Maximen der islamischen Botschaft (maqased), zu erkennen und diese zu übertragen."

                                              "Was sind denn diese Maximen?"

                                              "Ich fasse diese Maximen in folgenden fünf Prinzipien zusammen, die unantastbar bleiben müssen: Gerechtigkeit, Wahrung der Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit aller Menschen und soziale Verantwortung. Jeder Mensch muss dann individuell für sich klären, wie er diese Prinzipien in seinem Verantwortungsbereich verwirklichen kann. Muslimische Jugendliche sollten also nicht bevormundet, sondern befähigt werden, selbst herauszufinden, was gut für sie ist und wie sie ihren Lebensalltag mit ihrem religiösen Selbstverständnis als 'Verwalter' in Einklang bringen können. Es macht keinen Sinn, Jugendlichen Restriktionen zu machen, und ihnen zum Beispiel die Teilhabe an jugendkulturellen Dingen wie Musik, Piercings, Diskotheken oder Ausgehen mit Freunden zu verbieten. Eltern und Erzieher sollten vielmehr das Ziel haben, Jugendlichen bewusst zu machen, dass die Religion nicht da ist, um ihnen den Spaß am Leben zu verbieten, sondern um sie zu begleiten, damit der Spaß nicht auf Kosten der gesellschaftlichen und individuellen Zukunftsgestaltung geschieht. Dabei müssen die Jugendlichen lernen, aus eigener Überzeugung Entscheidungen treffen und diese selbst verantworten zu können."

                                              "Dazu gehören auch unterschiedliche Meinungen darüber, wie die an den allgemeinen Maximen orientierten Entscheidungen denn – politisch wie individuell – im Einzelnen ausfallen können?"

                                              "Ganz genau. Denn der Islam schreibt kein bestimmtes politisches oder gesellschaftliches System vor, dies ist auch nicht die Aufgabe von Religionen. Religionen sind da, um uns an diese Maximen zu erinnern und uns zur Gotteserfahrung zu befähigen."

                                              "Was müsste Ihrer Meinung nach geschehen, damit der jungen Generation ein solch zeitgemäßes und ihrem Alltag angemessenes Verständnis ihrer Religion vermittelt werden kann?"

                                              "Zuerst benötigen wir eine Re-Interpretation des Islam, um eine theologische Grundlage für ein aufgeklärtes und humanistisches Islamverständnis zu etablieren. Diese Re-Interpretation muss von muslimischen Theologen geleistet werden, die jedoch den institutionellen Rahmen dafür benötigen. Der Aufbau akademischer Institutionen, wie Lehrstühle für islamische Theologie und islamische Religionspädagogik an deutschen Universitäten, ist sicher ein entscheidender Schritt in diese Richtung. Das angestrebte aufgeklärte Islamverständnis muss dann im islamischen Religionsunterricht, in den muslimischen Gemeinden und in muslimischen Medien kommuniziert werden, damit hier ein Diskurs entsteht, der nicht nur eine Elite, sondern die Mehrheit der Muslime erfasst. Man muss stark auf Mediatoren setzen und Möglichkeiten für deren Ausbildung und Förderung schaffen. Zu diesen Mediatoren, die für den Transfer eines aufgeklärten Islamverständnisses in die muslimische Gesellschaft verantwortlich sind, gehören neben islamischen Religionslehrkräften auch Imame und Seelsorger, aber auch muslimische Persönlichkeiten, die Vorbilder für junge Muslime sein können – zum Beispiel Sportler, Musiker oder Entertainer."

                                              Was bedeutet Diskriminierung im Alltag von Jugendlichen?

                                              Benachteiligungen bei der Wohnungs-, Arbeits- Ausbildungsplatzsuche, Anschläge auf Moscheegebäude, schräge Blicke, Skepsis und Ablehnung bis hin zu tätlichen Übergriffen – Islamfeindlichkeit und antimuslimischer Rassismus sind alltägliche Phänomene nicht nur im Internet.

                                              "Die Deutschen", so ein 14-Jähriger in einem Workshop, "werden mich in 100 Jahren noch fragen, wo ich herkommen, nur weil ich schwarze Haare habe." So machen sehr viele Jugendliche alltäglich Erfahrungen mit Diskriminierung. Viele erleben oder haben Diskriminierungen aber auch am Beispiel ihrer Eltern erlebt, was noch prägender sein kann als eigene Erfahrungen.  

                                              Tatsächlich zieht sich die Wahrnehmung von Menschen mit muslimischem Glauben als Problemgruppe quer durch alle Bevölkerungsgruppen. Das zeigen alle Umfragen, nicht nur nach Terroranschlägen. Islamfeindliche und rassistische Äußerungen finden sich nicht nur bei notorischen Islam- und Muslimfeinden – sie tauchen beinahe überall dort auf, wo über Musliminnen und Muslime geschrieben oder gesprochen wird – in großen Zeitungen, in Talkshows, im Internet und selbstverständlich auch im Kollegium. So zeigen Studien, dass Diskriminierung auch zum schulischen Alltag in Berlin gehört. Junge Musliminnen und Muslime lässt das nicht kalt. In vielen Beiträgen zeigen sie sowohl das Bedürfnis, persönliche Diskriminierungserfahrungen zu verarbeiten als auch über Sorgen um berufliche Perspektiven und Ängste zu sprechen. Teilweise schlägt diese Angst auch in Wut um. Einige muslimische Jugendliche machen dann pauschal den Staat, die Politiker, die Medien oder einfach die Deutschen für erfahrene Diskriminierung verantwortlich. Oft übersehen sie dabei: Natürlich sind nicht alle nichtmuslimischen Menschen in Deutschland islamfeindlich oder rassistisch.

                                               

                                              Wie aus Frust und Wut Ideologie werden kann

                                              Diese Diskriminierungserfahrungen und die Hilflosigkeit, mit denen viele Jugendliche ihnen gegenüberstehen, sind eines der Hauptfelder salafistischer Propaganda. Hier werden die Frustration und die Wut vieler (nicht aller!) Jugendlicher aufgegriffen und ihnen ein Raum gegeben: "Bei ihnen", sagen sie, "wirst Du nie dazugehören. Sie werden Dich immer schlecht behandeln. Komm zu uns, wir sind eine starke Gemeinschaft, hier bist Du sicher und hier kannst Du was bewegen ..." Das sind 'starke Argumente', weil sie die Lebensrealität und die Wünsche der Jugendlichen ansprechen. In der Propaganda werden dann Enttäuschung und Wut junger Musliminnen und Muslime instrumentalisiert. Die realen Erfahrungen werden zu ideologischen Deutungsmuster verdichtet und geschlossene Feindbilder konstruiert. Musliminnen und Muslime seien demnach eine von allen Seiten bedrohte Gruppe, die sich gegen Feindlichkeit und Rassismus erwehren müsse – wenn nötig sogar mit Gewalt. Diese sich ausschließlich als Opfer einer gesamtgesellschaftlichen Ablehnung verstehende Sichtweise verhindert gleichzeitig ein aktives und konstruktives Engagement gegen Diskriminierung.

                                               

                                              Was tut präventive Praxis?

                                              Der pädagogische Umgang mit Diskriminierungserfahrungen, Unmut, Unbehagen, aber auch mit Wut und Aggression sollte behutsam erfolgen. Gerade weil von Islamfeindlichkeit – ob selbst erlebt oder am Beispiel anderer wahrgenommen – viele Jugendliche persönlich betroffen sind, gilt es zunächst vor allem zuzuhören und aufrichtiges Interesse zu zeigen. Zwar mögen einige Aussagen oder Erfahrungen den Reflex hervorrufen, "Das stimmt so nicht!" oder "Da übertreibst Du aber" zu sagen. Aber nur wenn Jugendliche sich in ihrem Unwohlsein, ihrer Angst oder auch in ihrer Wut wahrgenommen und anerkannt fühlen, kann von ihnen erwartet werden, in einem zweiten Schritt eigenes Schwarz-Weiß-Denken und eigene Feindbilder zu hinterfragen. Es kann in diesem Zusammenhang sinnvoll sein, Islamfeindlichkeit und antimuslimischen Rassismus als eine Spielart von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu vermitteln. Sobald Jugendliche nachvollziehen, dass unterschiedliche Arten von Diskriminierung, so zum Beispiel auch Sexismus, Behindertenfeindlichkeit, Homophobie oder Antisemitismus mittels ähnlicher Mechanismen funktionieren, gehen sie auch selbstkritisch mit eigenen Vorurteilen und eigenem diskriminierendem Verhalten um.

                                              Das Aufgreifen und Thematisieren von Diskriminierungserfahrungen und die Sensibilisierung für unterschiedliche Formen von Diskriminierungen sollte grundsätzlich ein wesentlicher Aspekt pädagogischer Arbeit sein. Unserer Erfahrung nach ist das auch Voraussetzung von gelingender präventiver Arbeit. Begleitet werden sollten diese Auseinandersetzungen immer vom Aufzeigen verschiedener Handlungsmöglichkeiten und Beispielen aktiven Engagements gegen Diskriminierung.

                                               

                                              Literatur und Hinweise zur Diskriminierung

                                              "Mein Kopf gehört mir" - Kleiner Kommentar zum Kopftuch in Schulen und im öffentlichen Dienst

                                              Das Kopftuch ist weiterhin eines der kontroversesten Themen - in Schulen, Politik und Medien. Für die einen ein Symbol der Unterdrückung ist es für die anderen Ausdruck ihrer Emanzipation. Beispielhaft zeigt ein Kommentar von Yasemin Shoeman (Programmleiterin am Jüdischen Museum Berlin), welche Folgen der oftmals entmündigende Blick 'der anderen' für Musliminnen hat und wie ein offener Umgang mit Diversität aussehen könnte:     

                                              http://www.ufuq.de/mein-kopf-gehoert-mir-kommentar-zur-diskussion-um-das-tragen-des-kopftuchs-im-oeffentlichen-dienst/

                                              Jung, muslimisch, deutsch ...

                                              zu sein, ist für viele Musliminnen und Muslime eigentlich schon lange eine Selbstverständlichkeit. Dennoch machen viele von ihnen schlechte Erfahrungen. Und das sollte auch ein Thema für die pädagogische Arbeit sein -  nicht nur weil Salafistinnen und Salafisten die Frustrationen von Jugendlichen für ihre Propaganda nutzen, sondern weil die Auseinandersetzung mit Vorurteilen und Diskriminierungen Grundlagen von politischer Bildung und Demokratieförderung sind. Hintergrundinformationen, Materialien und Methoden rund um das Thema Islamfeindlichkeit finden Sie hier:

                                              lpb-Baden Württemberg/ufuq.de: Muslim_innen in Deutschland. Lebenswelten und Jugendkulturen, in: Politik & Unterricht. Zeitschrift für die Praxis der politischen Bildung, 3 / 4 2012 (2.Auflage 2013)

                                              http://www.politikundunterricht.de/3_4_12/muslime_nachdruck.pdf

                                               

                                              Diskriminierungsschutz an Berliner Schulen

                                              In Kooperation mit dem Bezirksamt Neukölln und der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie betreibt der Verein LIFE e.V. seit 2016 die "Anlaufstelle für Diskriminierungsschutz an Schulen" (ADAS). Betroffene Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte an Schulen können sich an das Projekt wenden, das ihnen ein spezifisches Beschwerde- und Schlichtungsmanagement zur Verfügung stellt:

                                              http://www.life-online.de/aktuelle_projekte/p_adas.html