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Karla

Karla

DDR 1965-66 / 1990

Regie Herrmann Zschoche Szenarium Ulrich Plenzdorf, Herrmann Zschoche Kamera Günter Ost Musik Karl-Ernst Sasse Szenenbild Dieter Adam Requisite Herbert Rother Kostüme Luise Schmidt Schnitt Brigitte Krex Ton Joachim Preugschat Produktionsleitung Gert Golde Produktion DEFA-Studio für Spielfilme, Künstlerische Arbeitsgruppe ›Berlin‹ Verleih Progreß Film-Verleih Premiere 14.6.1990, Kino »International«, Berlin

Vorspann »Dieser Film entstand im Sommer und Herbst 1965 in Babelsberg, Berlin und Greifswald, am Schwielowsee in der Mark Brandenburg und auf Zingst. Nach verstümmelnden Schnitten wurde er verboten und blieb unvollendet. Die ursprüngliche Fassung wurde im Januar und Februar 1990 wiederhergestellt. Rekonstruktion: Günter Ost.«

Darstellerinnen | Darsteller Jutta Hoffmann (Karla), Jürgen Hentsch (Kaspar), Hans Hardt-Hardtloff (Direktor Hirte), Inge Keller (Schulrätin Janson), Herwart Grosse (Lehrer Jott), Rolf Hoppe (Lehrer Eifler), Gisela Morgen (Frau Wenndorf), Klaus-Peter Pleßow (Uwe Wenndorf), Heidemarie Schneider (Erna), Dieter Wien (Lenke), Fred Delmare (Hausmeister) u.a.

Länge 123 Minuten Format 35mm, 1:2,35 Bild/Ton schwarz/weiß, Tovi

Auszeichnungen

Internat. Filmfestspiele Berlin 1990: Lobende Erwähnungen der FIPRESCI und INTERFILM (Int. evang. Filmjury) für die Gruppe der acht Verbotsfilme aus der DDR


Inhalt
Karla Blum, Absolventin einer Pädagogischen Hochschule, tritt voller Ideale und mit großem Enthusiasmus ihre erste Stelle an einer mecklenburgischen Schule an. Sie möchte ihre Schüler zu kritischen, selbständig denkenden Menschen erziehen, wird aber sehr bald vom Direktor, einem Altkommunisten, in die Schranken des Lehrplanes und der Grundsätze sozialistischer Erziehung gewiesen. Zudem verliebt sich Karla auch noch in den desillusionierten, ehemaligen Journalisten Kaspar, der nun auf einem Holzplatz an der ›Basis‹ arbeitet. Als der begabte, freigeistige Schüler Ralf seine Lehrerin mit einem Foto des Direktors in SA-Uniform konfrontiert, gerät sie erneut in Konflikte. Sie erzählt Hirte von dem Bild, der klärt sie und die Klasse auf: Die Aufnahme entstand während der Vorführung einer Laienspielgruppe im Jahr 1948, im Stück fiel ihm die Rolle des SA-Manns zu.
Um keine Fehler mehr zu machen, passt sich Karla der Norm an, muss aber bald erkennen, dass ihre Ansprüche an sich selbst als Lehrerin gescheitert sind. Obwohl der Direktor durchaus Verständnis für sie zeigt, wird Karla auf Betreiben der Kreisschulrätin am Ende des Schuljahres versetzt.

Hintergrund
»Ich glaube, ich spiele diese Karla, weil sie ein Mensch mit eigener Meinung ist. Karla besitzt Ideale, die sie nicht aufgeben will. Was sie für richtig erkannt hat, dafür tritt sie vorbehaltlos ein. Als es für sie an der Schule schwierig wird, entscheidet sich Karla trotzdem für den schwierigen Weg. Nur einmal versucht sie, sich ›anzupassen‹ [...]. Sie wird gelobt – und ist unglücklich. Ihre letzte Entscheidung gehört wieder dem Richtigerkannten, dem Komplizierten [...] Ich glaube, daß Menschen oft bereit sein können, ihre Ideale aufzugeben oder sogar ein Stück eigener Individualität, wenn es Schwierigkeiten für sie gibt. Unsere sozialistische Gesellschaft braucht aber Menschen, die eigenständig denken. Nur sie können schöpferisch arbeiten. Karla versucht, solch ein Mensch zu sein.«
Jutta Hoffmann, »für dich«, Illustrierte Frauenzeitschrift, (Ost-)Berlin, 2.11.1965

»Das Erlebnis dieses Films ist Jutta Hoffmann als Karla. Sie strahlt eine reine, kristallklare menschliche Kraft aus, Glauben an die Möglichkeit, aufrecht, nicht anpasserisch durchs Leben zu gehen, Vertrauen in die jungen Leute. Man konnte und kann diesen Film nicht anders als mit großer innerer Bewegung sehen. Herrmann Zschoche bezeichnet die Figur in einem Gespräch von 1990 zurecht als eine Heilige Johanna. Er führte Jutta Hoffmann, mit der er damals verheiratet war, so, daß sie einerseits streng und stark wirkt, keine Feder im Wind, sondern ein junges Mädchen mit Charakter. Zugleich gibt es viele intime, spontane kleine Reaktionen in Sprache und Gestus, durch die man das Gefühl einer Begegnung mit einem Zauberwesen hat. Das Anrührende dieser Figur geht über spezifische DDR-Erfahrungen hinaus.«
Erika Richter, in: Ralf Schenk (Red.): Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg 1946-92. Herausgegeben vom Filmmuseum Potsdam. Berlin: Henschel 1994

»›Karla‹ beschwor einen ästhetischen und inhaltlichen Neuanfang, auch gegen die noch immer lebendigen Ufa-Traditionen, und verweigerte sich den Vorgaben der Partei-Ästheten und Sozialistischen-Realismus-Diktatoren. Sie wussten nicht, wovon sie redeten.«
Egon Günther, Berliner Zeitung, 19.10.2004

»In KARLA wird der vereinte Reformwille deutlich, der das Gros der ›Verbotsfilme‹ veranlasst hatte, der Borniertheit der Dogmatiker eine eigenständige Bereitschaft für das Land entgegenzuhalten und Bündnisse mit einsichtsvollen Altkommunisten zu schmieden. Die Absolventin Karla dankt eingangs auf der Abschlußfeier der Pädagogischen Hochschule in ihrer Rede nur der Sekretärin, den Heizern, dem Koch und den Küchenfrauen. In dieser Unterwerfung steckte aber auch, für manchen jedenfalls, eine Heilserwartung, die sich ein proletarisches Idealbild zurechtgelegt hatte. Die von Karla vertretene Utopie, ›daß das Leben leichter, anmutiger und fröhlicher wird‹, gerät so auf eine illusionäre Bahn, die freilich durch das artifizielle und doch sinnliche Spiel Jutta Hoffmanns eine seltene Schönheit gewinnt.« Wolfgang Gersch: Szenen eines Landes – Die DDR und ihre Filme". Berlin, Aufbau Verlag 2006

»Das Aus für den Film kam während der ersten Synchrontage. Hier einige Vokabeln aus dem Antrag auf ›Ausbuchung‹, der am 4. März 1966 vom neuen Studiodirektor Franz Bruk an den neuen Filmminister Dr. Wilfried Maaß gestellt wurde: pessimistische und skeptizistische Grundhaltung, verbunden mit einer teilweise falschen Geschichtsbetrachtung; die Hauptfigur kämpfe unablässig um Ehrlichkeit und Wahrheit und käme damit im Widerspruch zu den Vertretern der Staatsmacht; künstlicher Widerspruch zwischen Ideal und vollkommener Wirklichkeit; Grundprinzipien des sozialistischen Realismus aufgegeben, Position der Parteilichkeit verlassen.«
Erika Richter, in: Ralf Schenk (Red.): Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg 1946-92. Herausgegeben vom Filmmuseum Potsdam. Berlin: Henschel 1994

»Entscheid: Der Film wird für die öffentliche Aufführung in den Filmtheatern der DDR zugelassen. Alle zu einem früheren Zeitpunkt gefassten Beschlüsse über den Einsatz bzw. Nichteinsatz des Films sind ungültig.«
Kulturministerium der DDR, Hauptverwaltung Film, 30.01.1990

 

Unterrichtsmaterial zum Film