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Sonnenallee

Sonnenallee

Deutschland 1999

Regie Leander Haußmann Drehbuch Thomas Brussig, Leander Haußmann Drehbuch-Mitarbeit Detlev Buck Kamera Peter Krause Szenenbild Lothar Holler Kostüme Bert Neumann Garderobe Nalad Kirchberger Maske Heike Merker, Sabine Schuhmann Ton-Design Frank Kruse Schnitt Sandy Saffeels Musik Paul Lemp, Stephen Keusch, Django Seelenmeyer (Beratung) Produktion Boje Buck / Ö-Film / SAT1 Verleih Delphi Erstaufführung 7.10.1999 / 21.9.2000 Video / 2.10.2000 DVD

Darstellerinnen | Darsteller Alexander Scheer (Micha Ehrenreich), Alexander Beyer (Mario), Robert Stadlober (Wuschel), Teresa Weißbach (Miriam), Andreas Pietschmann (Miriams Westfreund), Winfried Glatzeder (Miriams Nachbar), David Müller (Brötchen), Patrick Güldenburg (Appel), Katharina Thalbach (Michas Mutter), Henry Hübchen (Michas Vater), Detlef Buck (ABV), Elena Meißner (Sabrina), Matthias Matschke (Georg), Ignaz Kirchner (Onkel Heinz), Margit Carstensen (Direktorin), Steffi Kühnert (FDJ-Funktionärin), Christine Harbort, (Gemüsefrau), Uwe-Dag Berlin (Schallplattendealer ), Jonathan Meese (verrückter Künstler), Minh-Khai Phan-Thi (Gast aus Vietnam), Torsten Ranft (Olaf aus Dresden), Steffen Schult (Udo aus Dresden), Ezard Haußmann (Mann bei der Direktorin), Leander Haußmann (Betrunkener) u.a.

Länge 94 Minuten Länge Format 35mm, 1:1,85 Bild/Ton Eastmancolor, Dolby Stereo Digital

Prädikat besonders wertvoll (FBW) FSK ab 12

Auszeichnungen Deutscher Filmpreis 2000 in Silber: Bestes Szenenbild (Lothar Holler)

 

Inhalt
Lügenmärchen und Hommage zugleich. Mitte der 70er Jahre in Ostberlin: Der 17-jährige Micha Ehrenreich und seine Freunde Mario, Wuschel und Brötchen leben in einer Straße, die im Westen Berlins beginnt und deren Ende im Osten liegt – die Sonnenallee. Die Wohnung von Michas Familie ist eng, der Nachbar scheint bei der Stasi zu sein, und der kauzige Onkel aus dem Westen schmuggelt – unter dem wachsamen Auge des Genossen ABV – guten Kaffee und schicke Nylons in die Zone. Politik ist Micha ziemlich egal. Er will das System lieber von innen aufmischen. Doch schon der illegale Erwerb und Besitz einer heißbegehrten Rolling-Stones-Platte zeigt im wahrsten Sinne des Wortes die Grenzen des Systems. Aber Osten hin, Westen her: Das Wichtigste für Micha ist ohnehin die wunderschöne Miriam, die ihrerseits lieber mit einem dreisten Westschnösel knutscht.
Große Träume, verbotene Songs und eine unerfüllte Liebe: Leander Haußmanns Kinodebüt wurde zum Kultfilm, von der Kritik verrissen, vom Publikum geliebt – und ist nach wie vor bestens geeignet für lebendige, provokante Diskussionen um die deutsche Einheit.

»Wer wirklich begreifen will, was geschehen ist, der darf sich nicht den Erinnerungen hingeben. Die menschliche Erinnerung ist ein viel zu wohliger Vorgang, um das Vergangene nur festzuhalten; sie ist das Gegenteil von dem, was sie zu sein vorgibt. Denn die Erinnerung kann mehr, viel mehr: Sie vollbringt beharrlich das Wunder, einen Frieden mit der Vergangenheit zu schließen, in dem sich jeder Groll verflüchtigt und der weiche Schleier der Nostalgie über alles legt, was mal scharf und schneidend empfunden wurde. Glückliche Menschen haben ein schlechtes Gedächtnis und reiche Erinnerungen.«
Thomas Brussig, »Am kürzeren Ende der Sonnenallee«, Berlin 1999

Pressestimmen
»Leander Haußmann leistet Spaßverderbern, die seinen lockeren Beitrag in Heimatkunde skeptisch betrachten, ein wenig Sehhilfe: ›Wenn man genauer hinguckt, wird man sehen, dass der Film vollkommen unrealistisch ist.‹ Schön wär’s. Wenn man genauer hinguckt, sieht man von der ersten Minute an, wie sehr sich der Film bemüht, das Dekor der DDR so realistisch wie möglich zu zeichnen. Von dieser Äußerlichkeit vermag sich der Film nie zu trennen. Die Fassaden, die Wimpel, die Sprüche, die Gesichter, zu vieles in diesem Bastelbogen bleibt Dekor. Es ist ja nicht so, dass es in ›Sonnenallee‹ nichts zu lachen gibt. Wenn sich der Film ab und zu aus seiner ostigen Kuschelecke in die Absurditäten einer DDR-Wirklichkeit begibt, scheinen Qualitäten durch, die seine dramaturgischen und erzählerischen Schwächen noch deutlicher machen. Dann ärgert man sich erst richtig darüber, welche Chancen hier verschenkt wurden, einen aberwitzigen Film über eine irreale DDR zu drehen.«
Frank Junghähnel, Berliner Zeitung, 07.10.1999

»Drehbuchautoren und Regisseur waren offenbar wild entschlossen, eine besonders respektlose, urkomische Geschichtsparodie aufs Parkett zu legen, ohne zu merken, auf welch dünnes Eis sie sich damit begeben. Denn abgesehen von den erwähnten dramaturgischen Schwächen handelt es sich einfach um einen sehr, sehr schlechten Film. Dem Humor geht jede Doppelbödigkeit ab, viele Gags zielen auf billige Schadenfreude. Bei den Wohnzimmer-Szenen müssen den Autoren mitunter Fernsehserien wie ›Ein Herz und eine Seele‹ oder ›Motzki‹ vorgeschwebt haben; sie bewegen sich aber weit unter deren Niveau, erinnern eher an die angestaubten bundesdeutschen Komödien der 50er- und 60er-Jahre. [...] Schade um den Stoff, schade um die jungen, teilweise sehr begabten Darsteller, schade erst recht um Katharina Thalbach und Henry Hübchen. ›Sonnenallee‹ stellt Geschichtsrecycling im Zeitalter der Event-Kultur dar, ein Film ist das eigentlich nicht.«
Claus Löser, film-dienst, Köln, 20/99

»Eine DDR aus Sekundärrohstoffen, hundert Prozent Kopie. Das kürzere Ende der Straße, die durch den antifaschistischen Schutzwall zwischen Treptow und Neukölln geteilt war, lag früher wenig beachtet im Osten. Nun erscheint es als Fake, aus Pappmauer und Blendfassaden recycelt. Die Fälschung triumphiert über das Original. Der Osten als Puppenstube: verstellter Horizont, vernagelter Blick.«
Christiane Peitz, Die Zeit, Hamburg, 04.11.1999

»Brussig und Haußmann haben wohl einige persönliche Erfahrungen aus ihrer Jugend im Arbeiter- und Bauern-Staat einfließen lassen, deswegen ist der Film auch ein wenig ostalgisch geraten, als eine Mischung aus Quadrophenia und Grease: die Geschichte einer Jugend als Melange aus Tristesse und Musical [...] Michas Geschichte ist der Aufhänger für viele kleine Episoden des Alltags, und Micha liefert eine jugendliche Perspektive auf die DDR, zwischen Satire und Liebeserklärung an die Menschen, die sich im Staatssystem teils skurrile, teils bequeme Nischen geschaffen haben. Der satirische Teil gleitet leider bisweilen ins Alberne, dann geht er auch wieder nicht weit genug und so fehlt es immer wieder am Biss – aber das ist nicht das größte Problem des Films [...] Die Schlußszene (ist) konsequent und gut: die Ostler marschieren, nein sie tanzen gegen die Mauer an und wirken dabei wie wildgewordene Travolta-Zombies. In diesen Szenen kommt der Film zu sich selbst, er wird zu dem was er sein möchte: Pop. Und so gelingt es Haußmann doch noch, dem Pop ein Denkmal zu setzen, dafür, dass er den Weg in die politische Freiheit mitgeebnet hat – die Hippierepublik wurde allerdings dafür geopfert.«
Max Herrmann, Artechock, München

»Dieser Film feiert etwas, das mit der DDR vor zehn Jahren starb: die Verweigerung als Lebensprinzip – und sei sie noch so klein. In der ›Sonnenalle‹ wohnen lauter Subversive und solche, die sich dafür halten. Alle frisieren sie sich ihr Selbstbild zurecht wie Michael, der sich in den Tagebüchern, die er nachträglich für Miriam schreibt, als Widerstandskämpfer von Kindesbeinen an stilisiert [...] Es war einmal ... die Deutsche Demokratische Republik. In Thomas Brussigs Roman ›Am kürzeren Ende der Sonnenallee‹, den er erst nach den Dreharbeiten geschrieben hat, ist das Wunder von Wuschel eingegangen, Marios Verrat nicht. Recht hat er: Wenn man schon Märchen erzählt, muss alles gut ausgehen. Leander Haußmann hat der Komik zuliebe die Poesie der Geschichte verraten und sich dann doch noch für zwei Minuten an der Tragödie versucht. ›Sonnenallee‹ bietet zwar mehr zündende Witze, als man von deutschen Komödien erwarten darf, aber es ist ein weniger gelungener Film als erhofft. Zu atemlos reiht er die Skurrilitäten aneinander.«
Andreas Platthaus, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.1999

»Es ist so eine Sache mit der deutschen Vergangenheitsbewältigung. Vor allem, wenn die Vergangenheit so nah dran ist, wie es die deutsch-deutsche, Mauer-getrennte Vergangenheit ist. Kann eine gemeinsame Ebene, über diese Vergangenheit nachzudenken und zu reden, gefunden werden? Können beide Seiten über dieselben Witze lachen? Kann es also (massentaugliche) Filme geben, die weder auf Kosten der Wahrheit noch auf Kosten einer der beiden Seiten gehen? [...] Selbst wenn Micha Ehrenreich einmal ausruft: ›Dieses Land drückt wie zu enge Schuhe!‹, so ist sein Unmut, wie der Vergleich schon andeutet, eher pubertärer als ideologie-kritischer Art. Es lauert die Frage, warum es die DDR nicht mehr gibt, wenn sie doch eigentlich so ganz nett war, es lauert also die Banalität. Kein Wunder, dass ›Sonnenallee‹ keine grundlegenden Debatten losgetreten hat.«
Sophie Diesselhorst, CICERO, Potsdam, 14.06.2009

 

Unterrichtsmaterial zum Film