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Zitat November 2017

"If you talk to a man in a language he understands, that goes to his head. If you talk to him in his language, that goes to his heart." (Nelson Mandela)

Meine Kindheit, doch auch mein Leben als junger Erwachsener und jetzt als angeblich Erwachsener war und ist geprägt von Sprachen. Sprachen, die ich nicht sprach und nicht verstand. Mein Vater sprach kein Türkisch mit mir, obwohl wir jedes Jahr in der Türkei waren. Bis ich erfuhr, dass er Armenier und seine erste Sprache Kurmanci (ein kurdischer Dialekt) ist, war es mir ein Rätsel, weshalb nicht. In Istanbul waren wir jeden Sommer stets von unzähligen Verwandten umgeben, die allesamt Türkisch sprachen und ich verstand nur jedes fünfte Wort und konnte mich nahezu niemandem mitteilen. 

Ein Kind in einer Welt ohne Sprache zu sein, macht einem Angst, einen Erwachsenen lässt diese Erfahrung fühlen wie ein Kind, hilflos, ohne Möglichkeit sich zu unterhalten oder seine Bedürfnisse auszudrücken. Das ist die derzeitige Situation vieler Menschen, die innerhalb der letzten Jahre zu uns kamen. Während konservative Politiker wiederholt von der angeblich vorhandenen Leitkultur sprachen und sprechen, und damit hauptsächlich die deutsche Sprache meinen, frage ich mich, wie viele Sprachen sie denn eigentlich gelernt haben, wie viele Kulturen sie wahrhaftig kennengelernt haben. Politiker unseres Landes, die höchste Ämter besetzen, sprechen meist ein katastrophales Englisch, wenn überhaupt (Öttinger, Westerwelle, etc. pp.). Und Englisch ist meiner Ansicht nach die am leichtesten zu erlernende Sprache. Manche unserer Politiker sprechen europäische Sprachen, aber kaum einer eine außereuropäische. Insgesamt ist dieses Feld in Europa unterbesetzt. Dabei ist dies die Verbindung, der Schlüssel zum Herzen eines Menschen, zu seinem Vertrauen. Wie schön es wäre, würden wir Persisch, Arabisch oder eine andere Sprache in unseren deutschen Schulen lernen, anstatt weiterhin Eurozentrismus zu lehren. Dies trifft ebenso auf den Geschichtsunterricht zu. Nichts wissen wir von der chinesischen Geschichte oder einer Geschichtsschreibung aus afrikanischer Perspektive. Nur deshalb sind wir den Menschen, die aus der ganzen Welt nach Europa streben, so ignorant gegenüber. Auch deshalb schätze ich die Arbeit der RAA Brandenburg und ihrer Lehrkräfte so wichtig und angebracht ein.

Mein Turm zu Babel bestand nicht nur aus Türkisch. Meine Cousinen sprachen Armenisch, meine Frau und Schwiegerfamilie auch. Ich sprach und verstand kein Armenisch. In Armenien angekommen, war die einzige Alternative Russisch. Da ich jedoch in West-Berlin geboren wurde und aufgewachsen bin, konnte ich Englisch und Französisch, Russisch jedoch war mir unbekannt. An der Uni studierte ich Islamwissenschaft und zu meinem Entsetzen gestaltete sich die arabische Sprache - in der Islamwissenschaft ist es Pflicht, 2 Jahre lang, 4x die Woche von 8-10 Uhr Arabisch-Sprachunterricht zu haben - schwieriger, als alles andere, was ich zuvor gelernt hatte. Also verzweifelte ich an der nächsten Sprache und zu allem Überfluss entschied mein Professor während meiner Promotion, dass wir als PhDs auch noch Persisch lernen sollten. Das war in Holland und auch Niederländisch beherrschte ich nicht, was allerdings kaum etwas ausmachte, da es dem Deutschen und Englischen so nahe ist. Welch ein Gewirr! Mein Turm zu Babel schien immer weiter zu wachsen und es wird mich mein Leben lang begleiten, all diese Sprachen (Türkisch zwischendurch auch) gelernt und doch nicht gelernt zu haben, denn eine Sprache zu beherrschen, heißt lebenslanges Lernen, zumindest eine - oder mehrere - außereuropäische.  

Wann immer man nun einem Menschen begegnet, der die Sprache des Landes nicht beherrscht, sich fremd, einsam, deplatziert und missverstanden fühlt, und man plötzlich in seiner Muttersprache mit ihm kommuniziert, öffnet sich sein Herz, seine Augen weiten sich und ein Leuchten erfüllt sie. Er ist so von Glück übermannt, kann es kaum fassen, dass er solch ein Glück hat, und vielleicht weiß er all die Qual des Spracherwerbs auch zu schätzen, die sein Gegenüber durchgestanden hat. Deutsch zu lernen ist ja bekannter Weise nicht die leichteste Aufgabe. Dieser Mensch öffnet sich sofort und man kann unmittelbar auf Herzensebene miteinander kommunizieren. Ein wundervolles Erlebnis, das einem klar macht, dass Sprache dasselbe ist wie Mentalität. Dieses Wort ist in Verruf gekommen, doch es existiert kaum ein anderes, das die Stimmung und Einstellung in einem Menschen beschreibt. Kennt man diese Stimmung, öffnet sich einem der gleiche Zugang, den man mithilfe der Sprache lernt und einsetzt. Diese Erfahrung habe ich oft gemacht, weil ich mich wie ein Chamäleon durch die Kulturen bewegen kann und das ist auch meine erste Erfahrung mit Geflüchteten aus Syrien und dem Irak. Oftmals erhielt ich durch die Sprache Zugang zum Innenleben der Menschen, sie erzählten mir Dinge, die sie ihren Sozialarbeitern, Lehrern und auch ihrer eigenen Familie oft nicht mitteilten. Und ich verstand sie, weil auch das Schicksal der Armenier von Flucht, Vertreibung und Mord gezeichnet war und ist. Keiner von ihnen stellte mir die Frage, ob ich Muslim oder Christ sei. Die Herkunft und Religion wurden zweitrangig, sogar unwichtig, sobald die Sprache vorhanden war. Der direkte Weg zum Herzen eines Menschen, wie Mandela es so wundervoll formulierte, geht nicht über einen gemeinsamen Gott oder eine Nationalität, sondern über die Sprache. 

Seit kurzem habe ich das Glück, Leiter der Fachstelle Islam für das Land Brandenburg zu sein. So komplex wie die Sprachen in dieser Welt, sind auch Menschen muslimischen Glaubens. Eines meiner Vorhaben und Wünsche innerhalb meiner Tätigkeit für die RAA Brandenburg ist es, meinen Mitmenschen im Land zu vermitteln, dass der Islam keine statische Größe ist, wie es uns manche Leute mitzuteilen versuchen, sondern jeder Mensch ein anderes Verständnis vom Islam und Bedürfnis hinsichtlich des Glaubens hat. Vor allem ist der Islam ein Kulturgut, das nicht ausschließlich einer Nation oder Ethnie gehört, sondern der gesamten Menschheit. Wären die jüdischen, christlichen, arabischen und weiteren Übersetzer des Hauses der Weisheit (Arabisch Bayt al-Hikma, 9.Jh.) in Bagdad nicht gewesen, hätten wir kein Wissen von den byzantinischen, indischen und persischen Wissenschaften (Mathematik, Medizin, Philosophie), die das Fundament unserer europäischen Kultur ausmachen. Es ist an uns, die einseitige Darstellung von Bildung zu verändern und Inklusion statt Exklusion ("Leitkultur") voranzutreiben. Das Wissen der angeblich anderen ist unser Wissen, ihre Kultur und Religion Teil unserer. Die Komplexität meiner eigenen Identität hilft mir dabei, dieses Anliegen Menschen verschiedenster Herkunft zu vermitteln und ihnen aufzuzeigen, dass wir alle zunächst Menschen mit den gleichen Bedürfnissen und Wünschen sind und Glaube oder Nicht-Glaube hinten ansteht. 

Dr. Yunus Yaldiz ist seit September 2017 Projektleiter der Fachstelle Islam im Land Brandenburg bei der RAA.