"The road to success is always under construction.”
(zit. nach: Andreas Müller: Wenn nicht ich, …? Und weitere unbequeme Fragen zum Lernen in Schule und Beruf; h.e.p.-Verlag, Bern 2002, S.69)
Es gibt für mich (mindestens) drei Gründe, diesem Zitat große Bedeutung beizumessen:
- Es bestimmt mein Handeln im Beruf und in meiner (bildungs-)politischen Haltung.
- Es konfrontiert mich immer wieder mit meiner eigenen Unzulänglichkeit und macht gleichzeitig Mut, nicht aufzugeben.
- Es findet sich als Handlungsmaxime in dem Schulkonzept, welches mir immer wieder Orientierung gibt: das Institut Beatenberg.
Ich fand es immer langweilig, zweimal dasselbe zu unterrichten - jede Situation ist neu, jede Lerngruppe ist anders. Das hat mich oft dazu ‚verführt‘, Neues auszuprobieren und das Alte wegzuwerfen, d.h. die Straße immer wieder neu zu bauen. Ich habe etliche Lehrerjahre damit verbracht, herauszufinden, wohin die Straße führen soll und welche Fundamente und Beläge das Fahren erleichtern. Die Klarheit, was aus meiner Sicht Erfolg (success) ist, hat sich im Laufe der Zeit immer deutlicher herausgeschält: Den Menschen, die uns anvertraut sind, die bestmöglichen Lernchancen zu bieten. Dabei meine ich nicht nur die Vermittlung von fachlichem Wissen (das m.E. oft überschätzt wird), sondern vor allem, jungen Menschen zu ermöglichen, selbständig zu werden und eine zuversichtliche Lebenshaltung zu entwickeln.
In meiner Rolle als Schulleiter geht es mir nun darum, die Strukturen und Haltungen zu fördern, die diesem Ziel dienlich sind. Ich setze auf Verantwortung und Vertrauen. Ich vertraue grundsätzlich darauf, dass Menschen bereit sind, zu lernen und Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Ich bin allerdings nicht so naiv zu glauben, dass es nicht starke Gegenkräfte - auch in jedem von uns - gibt, die das behindern können.
Inzwischen bewahre ich das, was mir wichtig erscheint, als ‚Baumaterial‘ für neue Situationen. Das Fundament des Straßenbelages wird nicht immer ausgetauscht, die Strecke nicht dauernd verändert.
In meiner Rolle als Vorsitzender der GEW-Schulleitervereinigung halte ich es für unverantwortlich, ‚in Ruhe einfach weiter zu machen‘. Alleine das vorsorgliche Bauen von Brücken (das sind für mich die Strukturveränderungen) über zu erwartende Abgründe ist frühzeitig zu planen. Die Schulstrukturreform ist in diesem Sinne eine längst überfällige Naumaßnahme, die jetzt erst beginnt. Die Straße in die Bildungszukunft wird nie fertig gebaut sein, aber die immer noch vorhandenen Schlaglöcher sind unübersehbar: Die tiefsten sind aus meiner Sicht
- die unzulängliche Bildungsgerechtigkeit,
- der Umgang mit Menschen, die nicht den als normal erachteten Standards genügen,
- sowie die mangelnde Effizienz unseres Bildungswesens.
Es ist für mich weiterhin unerträglich, dass in Deutschland die soziale Herkunft ausschlaggebend für den Bildungserfolg ist und Menschen mit ‚Behinderungen‘ vorzugsweise in dafür spezialisierte Einrichtungen abgeschoben werden. Aber auch die Erfolge unseres gegliederten Bildungswesens können dem internationalen Maßstab selten standhalten.
Es ist für mich tröstlich auf dem Weg zu mehr Gerechtigkeit und Qualität, dass es Vorbilder gibt, die es sich anzustreben lohnt (z.B. das Institut Beatenberg) und die Gewissheit zu haben: ‚The road to success is always under construction‘.
Paul Schuknecht