ADOLESCENCE

  • Erstellt von JWD-Redaktion (RBM)

Eine Serie, zwei Sichtweisen. Hier die von Dr. Ruth Benner-Münter.

Dr. Ruth Bennner- Münter und Christine Schön sind Referentinnen für Medienbildung am LIBRA. Beide haben die umstrittene Serie Adolescence gesehen, beide haben ihre ganz eigene Haltung dazu enwickelt und aufgeschrieben. Hier der Text von Dr. Ruth Benner-Münter:

In einer Kleinstadt stürmt eine bewaffnete Spezialeinheit der Polizei in den frühen Morgenstunden die Wohnung einer vierköpfigen Familie, um deren Sohn Jamie zu verhaften. Das Vorgehen der Beamten ist erschreckend und scheint unverhältnismäßig. Welchem Vergehen mag sich ein 13-jähriges Kind schuldig gemacht haben, dass solche Maßnahmen rechtfertigen würde? Hätte man nicht einfach klingeln und den Jungen abführen können? Besteht etwa Verdunkelungs- oder gar Fluchtgefahr?

So beginnt die Serie ADOLESCENCE, deren erste Folge die Zuschauenden eine gute Stunde lang in ihren Bann zieht. Man steht – ebenso wie die Familie des Angeklagten – unter Schock; ist fassungslos über das brachiale Eindringen der Polizisten in deren Privatsphäre; möchte dem Sohn Jamie, der immer wieder seine Unschuld beteuert und sich vor Angst einnässt, Glauben schenken; erlebt aber auch die Ermittler und später den Pflichtverteidiger nicht als Antagonisten, sondern als Figuren, die routiniert und gewissenhaft ihre Arbeit erledigen.

Dass diese erste Episode der Serie – wie auch alle weiteren – als One-shot, also ohne Schnitte, aufgenommen ist, trägt hier entscheidend zur Dramatik bei. Durch die Geschehnisse in Echtzeit überträgt sich die Anspannung der Filmfiguren auf die Betrachterinnen und Betrachter und wird physisch erfahrbar. Die wenigen ruhigen Momente, wenn beispielweise der Junge mit den Ermittlern im Polizeiwagen zum Präsidium fährt oder die Familie dort in einem Vorzimmer auf Informationen zum weiteren Vorgehen wartet, brauchen auch die Zuschauenden, um durchzuatmen.

Das „Whodunit“, aus dem natürlich auch ein Teil der Spannung erwächst, wird am Ende der ersten Folge bereits geklärt: Ein Überwachungsvideo zeigt, wie Jamie seine Mitschülerin Katie mit mehreren Messerstichen auf einem öffentlichen Parkplatz tötet.

Nach diesem starken Auftakt verliert die Serie in den weiteren drei Folgen an Tempo. 
Die zweite Episode spielt drei Tage nach dem Mord und begleitet die Polizisten bei ihren Ermittlungen im schulischen Umfeld. Sieben Monate später nimmt die dritte Folge ein Gespräch zwischen Jamie und einer Psychologin auf, die ein Gutachten über ihn erstellen soll. Und schließlich endet die Serie ein weiteres halbes Jahr später, indem sie aufzeigt, welche Auswirkungen die Tat von Jamie auf das Leben seiner Familie hat.

In der ersten Folge hat das One-Shot-Verfahren noch eindringlich vermitteln können, was alles in kurzer Zeit gleichzeitig passiert und dadurch erfahrbar gemacht, wie überfordernd die Situation für die filmischen Figuren ist. In den folgenden drei Episoden unterstützen die fast einstündigen Einstellungen nicht mehr die Dramaturgie, sondern wirken wie eine rein formale Entscheidung, die mal verwirrend und mal ermüdend ist.

So verfolgt die Kamera in der zweiten Folge verschiedene Handlungsstränge, die jedoch allesamt ins Leere laufen und auch im weiteren Verlauf der Serie nicht wieder aufgegriffen werden. Obwohl man in der ersten Folge ja selbst über die Bilder der Überwachungskamera gesehen hat, wie Jamie den Mord begeht, hofft man dennoch auf einen Twist. Zum einen, weil die Tat zu schrecklich ist, um wahr zu sein, zum anderen aber auch, weil nun Nebencharaktere eingeführt werden, die die Erwartung schüren, dass zumindest in Ansätzen geklärt wird, wie es zu dem Verbrechen kommen konnte. Jade, die beste Freundin des ermordeten Mädchens Katie, will nicht mit der Polizei sprechen und wirft Jamies bestem Freund Ryan vor, schuld an Katies Tod zu sein. Es erschließt sich nicht, warum Jade die Kooperation mit den Ermittlern verweigert, müsste sie doch als beste Freundin ein Interesse daran haben, dass die Hintergründe des Mordes aufgeklärt werden. Auch, dass sie nicht den Täter, Jamie, sondern seinen Freund für den Mord verantwortlich macht, bleibt unverständlich, selbst wenn diesem die Mordwaffe gehört, weswegen er kurz darauf wegen Mittäterschaft in Untersuchungshaft kommt. Etwas Licht ins Dunkel bringt Adam, der Sohn des ermittelnden Polizisten, der auch auf die Schule geht und dort gemobbt wird, ohne dass sein Vater dies mitbekäme. Er zeigt seinem Vater, wie das Opfer Katie ihren späteren Mörder Jamie in sozialen Netzwerken unter anderem als Incel diffamiert hat (Incels sind Männer, die unfreiwillig keinen Sex haben und darauf mit Frauenfeindlichkeit reagieren). Dass das Ego eines erst 13-jährigen Jungen – von denen gerade einmal 6 Prozent bereits Geschlechtsverkehr hatten (statista 2025) – von dieser Beleidigung dermaßen gekränkt werden könnte, dass er einen Mord begeht, scheint fragwürdig.

Während die Stärke der ersten Episode auch darin bestand, dass die Zuschauenden mit den Figuren Empathie empfinden konnten, fehlt es den neu hinzukommenden Charakteren an Tiefe. Und auch das gezeichnete Bild eines Schulsystems mit grenzenlos überforderten Lehrkräften, die es längst aufgegeben haben, ihre Schülerinnen und Schüler verstehen zu wollen oder auf sie einwirken zu können, ist zwar bedrückend, wirkt aber gleichermaßen überzogen.

In den letzten beiden Episoden der Serie kommt es jeweils zu einem für die Zuschauenden unvermittelten Wandel der männlichen Protagonisten. In der dritten Folge ist es Jamie, der in dem Gespräch mit der Psychologin extreme Stimmungsschwankungen und bedrohliche Wutausbrüche an den Tag legt. In der vierten Folge tritt sein Vater, den wir bisher als verständigen und zurückhaltenden Mann kennengelernt haben, aggressiv auf und wird sogar gegenüber zwei Jugendlichen handgreiflich. Man könnte argumentieren, dass in diesen beiden Folgen der Serie die unterdrückte männliche Gewalt zum Vorschein kommt, die im schlimmsten Fall eben gerade in einem Mord an einem Mädchen wie Katie mündet. Jedoch nimmt die Erzählung die Zuschauerinnen und Zuschauer nicht mit, weil sie keine Entwicklungen der Figuren zeigt. Besonders auffallend ist dies auch, wenn Jamie in der vierten Folge seinen Eltern am Telefon eröffnet, er werde sich nun doch schuldig bekennen. In dem Gespräch mit der Psychologin (Folge 3) hatte er noch kein Einsehen. Warum aber jetzt der Sinneswandel? Diese Leerstellen sind die größten Schwächen der Serie. Dazu gehört auch, dass die Opferperspektive komplett ausgeblendet bleibt, was besonders ins Auge sticht, wenn es in der vierten Folge ausschließlich um die Verzweiflung der „Täterfamilie“ geht, die sich nachvollziehbar die Frage nach ihrer Mitschuld stellt.

Und so lassen mich die vier Folgen von ADOLESCENCE trotz beeindruckender schauspielerischer Leistungen und etlicher nachdenklich stimmender Szenen, ratlos zurück. Um was ging es in der Serie? Um das Versagen von Eltern … eines Schulsystems … der Gesellschaft? Was nach der Sichtung bleibt, sind genau die Fragen, die in der ersten Folge aufgeworfen werden: Was ist passiert, dass es so weit kommen konnte? Und was kann man tun, um so etwas zu verhindern? Antworten darauf gibt ADOLESCENCE keine. Klar aufgezeigt wird, dass selbst ein Kinderzimmer kein sicherer Ort mehr ist, dass Gefahren ebenso in der virtuellen wie in der realen Welt lauern, und dass alle, die privat oder beruflich mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, nicht darum herumkommen werden, sich mit deren Internetaktivitäten, insbesondere in den sozialen Medien, auseinanderzusetzen. Vielleicht hat es die Serie ja gebraucht, um das noch einmal verstärkt ins Bewusstsein zu rücken.

 

Den Text von Christine Schön finden Sie hier.