Dr. Ruth Bennner- Münter und Christine Schön sind Referentinnen für Medienbildung am LIBRA. Beide haben die umstrittene Serie ADOLESCENCE gesehen, beide haben ihre ganz eigene Haltung dazu enwickelt und aufgeschrieben. Hier der Text von Christine Schön:
Wir alle sollten nie vergessen, wie zerbrechlich wir sind. (Sting, Fragile)
Ein 13jähriger Junge ersticht seine Mitschülerin, die ihn als Incel (involuntary celibate) bloßstellt, also als unfreiwillig sexuell enthaltsamen Jungen. So kurz, so scheinbar einfach. Die vierteilige Serie Adolescence auf Netflix sorgt für Diskussionen, auch in der politischen Welt. Der britische Premierminister Keir Starmer schlägt vor, sie gemeinsam mit Jugendlichen in der Schule und in den Familien zu schauen und regt eine gesamtgesellschaftliche Diskussion darüber an, warum junge Männer für die Versprechungen der sogenannten Manosphere empfänglich sind. Andere Politiker:innen fordern ein Social-Media-Verbot für unter 16-jährige.
Vorab: Dies ist keine Filmanalyse, sondern ein subjektiver Zwischenruf, insbesondere als Reaktion auf die zweite Folge, die in der Schule spielt, die Opfer und Täter besuchten.
Kurz und knapp der Inhalt der Serie: Die Polizei in einer typisch englischen Kleinstadt stürmt in der Früh das Haus der typischen Mittelklassefamilie Miller und nimmt den 13-jährigen Sohn Jamie fest. Er wird beschuldigt, seine gleichaltrige Schulkameradin Katie Leonard getötet zu haben. Schnell wird klar, dass er der Täter ist, das Motiv allerdings liegt zunächst im Dunkeln. Erst als der Sohn des ermittelnden Beamten, der auf die gleiche Schule wie Opfer und Täter geht, seinem Vater die Bedeutung der Symbole auf Jamies Instagramkanal erklärt, wird klar, dass Katie ihn in ihren Kommentaren auf seine Posts als Incel gelabelt hat.
Über die beeindruckende filmische Qualität ist einiges von Berufeneren geschrieben worden – dazu nur so viel: Die jeweiligen Folgen wurden in einem Stück gedreht (One Shot), was eine große Intensität und Unmittelbarkeit erzeugt und im zweiten Teil, der komplett in der Schule spielt, auch Einblicke in Momente des Schullebens gibt, die ganz beiläufig erscheinen und dennoch für eine Atmosphäre grundlegend sind – sozusagen das kleine Mobbing zwischendurch.
Dagegen hätten wir nichts unternehmen können. So sind die Kinder heute. Wer weiß, was sie dort gucken. Vielleicht sogar Pornos.
ADOLESCENCE zeigt sehr subtil eine sprach- und hilflose Gesellschaft, deren Mitglieder so stark in ihren Rollen verhaftet sind, dass sie nicht mehr wirklich miteinander in Kontakt kommen.
Er war immer in seinem Zimmer. Wir dachten, da wäre er sicher. Was kann er da drin schon anstellen?
Die Eltern wollen das Beste für ihre Kinder, sind aber in ihren eigenen Traumata gefangen, Eddie, Jamies Vater, ist sehr sportlich, sehr trainiert, wurde als Kind geprügelt und versucht, es besser zu machen. Er wollte immer, dass sein Sohn Sport treibt, um ihn abzuhärten, was Jamie überhaupt nicht entsprach.
Ich stand am Rand und hörte, wie die anderen Väter ihn ausgelacht haben. Ich konnte ihn nicht anschauen. Ich konnte mein eigenes Kind nicht anschauen.
In der Schule sieht man einen dysfunktionalen Mikrokosmos, gespeist von Mobbing, Desinteresse und Aggression. Die Lehrerin, die die Polizei unterstützt, rettet sich in leere Betroffenheitsgesten, Aktivismus und Übersprungshandlungen. Lehrkräfte sorgen sich hauptsächlich darum, wie nach der Tat auf die Schule geblickt wird, man sieht abschätzige Blicke, Befehlston bestimmt die Kommunikation mit den Schüler:innen. Klingt übertrieben? Wirkt realistisch.
„Wirkte er irgendwie unglücklich auf Sie?“ „Ich unterrichte Geschichte. Ich kriege das nicht mit. Mann, diese Kinder sind ein Scheiß-Alptraum. Was soll ich bitte machen?“
So wichtig es ist, über das stete Onlinesein zu sprechen, über Social-Media-Konsum und die Manosphere, die toxische Männlichkeit, Misogynie und Antifeminismus propagiert (einige Links finden Sie unter dem Text), so kurz gegriffen und schlicht ist es für mich, wenn aufgrund der Serie ausschließlich nach einem Handy- oder Social-Media-Verbot für unter 16-jährige gerufen wird.
Für mich geht es in der Serie um Einsamkeit, Isolation, um Nicht-Gesehenwerden, um Nicht-Verbundensein. Und, das ist eine schlichte Tatsache: Das Gegenteil brauchen wir alle, erst recht Kinder und Jugendliche.
In der Schule sind alle Beteiligten in ihren Rollen verhaftet, ein wirkliches Gespräch findet nicht statt, ein wirkliches Interesse aneinander gibt es nicht, alle Akteurinnen und Akteure scheinen wie komplett unverbundene lose Teilchen. Das ist der fruchtbare Boden für die Protagonisten und Geschäftemacher der Manosphere, die einfache Schuldige und Lösungen bieten. Diesen Boden sollten wir beackern, bevor wir auch die einfache Lösung wählen und Verbote fordern.
Eine der für mich eindringlichsten Szenen ist die, in der der ermittelnde Beamte von seinem Sohn über Incels aufgeklärt wird – ein ernsthaftes Gespräch auf Augenhöhe, das ansonsten in allen vier Folgen nicht stattfindet.
Am Ende der zweiten Folge sehen wir den Vater von Jamie am Tatort Blumen ablegen. Darüber singt ein Kinderchor gemeinsam mit Emilia Holliday (die das Mordopfer Katie Leonard spielt) das Lied Fragile von Sting, aus dem diese Textzeile stammt: Wir alle sollten nie vergessen, wie zerbrechlich wir sind.
Dazu gehört unbedingt eine gute Beziehung von Lehrkräften und Schüler:innen. Da ich im LIBRA immer an einem großen Poster mit den Leitlinien zur Ethik pädagogischer Beziehungen vorbeilaufe (Reckahner Reflexionen), möchte ich sie Lehrkräften, Sozialarbeiter:innen, Schulleiter:innen und allen anderen Mitarbeiter:innen an Schulen ans Herz legen. Dieser Link scheint mir wichtiger als alle anderen: https://paedagogische-beziehungen.eu
Leitlinien
Gute pädagogische Beziehungen bilden ein Fundament dafür, dass Leben, Lernen und demokratische Sozialisation gelingen. Darum soll mit den hier vorliegenden ethischen Leitlinien die wechselseitige Achtung der Würde aller Mitglieder von Schulen und Einrichtungen gestärkt werden. Die Leitlinien sollen Reflexion anregen und als Orientierung für dauerhafte professionelle Entwicklungen auf der Beziehungsebene dienen. Sie wenden sich an Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte sowie an verantwortliche Erwachsene in allen Bereichen des Bildungswesens.
Was ethisch begründet ist:
- Kinder und Jugendliche werden wertschätzend angesprochen und behandelt.
- Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte hören Kindern und Jugendlichen zu.
- Bei Rückmeldungen zum Lernen wird das Erreichte benannt. Auf dieser Basis werden neue Lernschritte und förderliche Unterstützung besprochen.
- Bei Rückmeldungen zum Verhalten werden bereits gelingende Verhaltensweisen benannt. Schritte zur guten Weiterentwicklung werden vereinbart. Die dauerhafte Zugehörigkeit aller zur Gemeinschaft wird gestärkt.
- Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte achten auf Interessen, Freuden, Bedürfnisse, Nöte, Schmerzen und Kummer von Kindern und Jugendlichen. Sie berücksichtigen ihre Belange und den subjektiven Sinn ihres Verhaltens.
- Kinder und Jugendliche werden zu Selbstachtung und Anerkennung der Anderen angeleitet.
Was ethisch unzulässig ist:
- Es ist nicht zulässig, dass Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte Kinder und Jugendliche diskriminierend, respektlos, demütigend, übergriffig oder unhöflich behandeln.
- Es ist nicht zulässig, dass Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte Produkte und Leistungen von Kindern und Jugendlichen entwertend und entmutigend kommentieren.
- Es ist nicht zulässig, dass Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte auf das Verhalten von Kindern und Jugendlichen herabsetzend, überwältigend oder ausgrenzend reagieren.
- Es ist nicht zulässig, dass Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte verbale, tätliche oder mediale Verletzungen zwischen Kindern und Jugendlichen ignorieren.
Weitere Links:
https://www.klicksafe.de/news/von-toxischer-maennlichkeit-und-digitalen-codes-was-eltern-und-paedagogische-fachkraefte-wissen-muessen
https://journal-exit.de/wp-content/uploads/2021/06/Incels_-A-Guide-to-Symbols-and-Terminology_Moonshot-CVE.pdf
https://www1.wdr.de/nachrichten/adolescence-unterricht-filme-paedagogik-100.html
Den Text von Dr. Ruth Benner- Münter finden Sie hier.