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Im Fach Ethik werden die konkreten Unterrichtsthemen im Sinne des Inklusionsprinzips nach den Bedürfnissen, Voraussetzungen und Fähigkeiten der Lerngruppe und den Vorgaben des schulinternen Curriculums ausgewählt.

Die ausgewiesenen Themenfelder werden für Schülerinnen und Schüler, die wegen einer erheblichen und langandauernden Beeinträchtigung ihres Lern- und Leistungsverhaltens sonderpädagogische Förderung erhalten oder für die sonderpädagogischer Förderbedarf im Förderschwerpunkt Lernen festgestellt wurde, schülerbezogen berücksichtigt. Sie werden entsprechend der Lebensbedeutsamkeit für die Schülerinnen und Schüler ausgewählt.

Neben dem Entwicklungs- und Bildungsstand sind im Ethikunterricht kulturelle und soziale Hintergründe, Religionszugehörigkeiten, fachliche Orientierungen und Geschlechterzusammensetzung der Lerngruppe bei der Themenwahl zu berücksichtigen. Die Themen und Inhalte knüpfen vor allem an die Themen und Inhalte für die Natur- und Gesellschaftswissenschaften an. Sie bieten die Möglichkeit der Vernetzung und fächerübergreifenden Kooperation mit allen Fächern.

Verknüpfung der Kompetenzbereiche und Themenfelder: Die Themen im Ethikunterricht sind nicht einzelnen Jahrgangsstufen zuzuordnen, sondern spiralförmig angelegt, d. h. die Reichweite, Komplexität und ethische Reflexionstiefe der behandelten Themen nimmt zur Jahrgangsstufe 10 zu.

Schulinterne Planung: Die Fachlehrkräfte und die Fachkonferenzen erhalten einen thematischen Rahmen sowie verbindliche Themenfelder, die sie je nach Niveaustufe und Schulprofil bei der Planung von Unterricht und bei der Erstellung des schulinternen Curriculums berücksichtigen. Bei der Planung und Konkretisierung werden neben den vorgegebenen Kompetenzen und Inhalten auch die Interessen der Schülerinnen und Schüler, das Schulprogramm, Gegebenheiten der Schule oder Wettbewerbe etc. mit einbezogen.

Lebensweltbezug: Nachhaltig ist der Ethikunterricht für Schülerinnen und Schüler, wenn die Auseinandersetzung mit ethischen Themen einen Bezug zu wichtigen Fragen und Problemen der Gesellschaft wie auch zu ihrem eigenen Leben hat. Die Thematisierung der Inhalte greift die Lebenswirklichkeit der Lernenden auf.

Vielfalt und inklusives Lernen: Die Heterogenität der Lernenden im Hinblick auf persönliche, soziale, kulturelle und ethnische Hintergründe sowie unterschiedliche Lebensformen ist wichtiger Ausgangspunkt für die Planung des Unterrichts. Diese knüpft an die Realität der Schülerinnen und Schüler an und bezieht dabei insbesondere die kulturellen und sozialen Erfahrungen der Lernenden ein. Damit fördert der Unterricht die Stärken unterschiedlicher Persönlichkeiten und nutzt diese für das individuelle Lernen.

Der Ethikunterricht thematisiert die Möglichkeiten der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben wie auch die Ausgrenzung davon. Die gleichberechtigte Teilhabe an diesem Leben, unabhängig von ethnischer und kultureller Herkunft, sozialem und wirtschaftlichem Status,
Geschlecht und sexueller Orientierung, Alter und Behinderung sowie Religion und Weltanschauung, bildet sowohl die Basis für die Unterrichtspraxis als auch einen zentralen Inhalt im Sinne des inklusiven Lernens.

Vielfalt, Ungleichheit und Ausgrenzung werden an konkreten ethischen Fragen exemplarisch analysiert, reflektiert und beurteilt.

Die aus den Themen entwickelten ethischen Problemfragen werden aus drei Perspektiven betrachtet: der individuellen, der gesellschaftlichen und der ideengeschichtlichen Perspektive.

Bei der Betrachtung aus der individuellen Perspektive werden diese Fragen zunächst aus der Sicht des Einzelnen betrachtet: Welche Antwort gebe ich auf die Problemfrage? Welche Bedeutung hat das Thema für mich? Dabei wird an die Lebenssituation und die Alltagserfahrungen der Jugendlichen angeknüpft. Dies geschieht z. B., indem über die Bedeutung eigener Werte und Überzeugungen nachgedacht wird.

Bei der Betrachtung aus der gesellschaftlichen Perspektive wird die Relevanz des Themas für das Zusammenleben und den gesellschaftlichen Zusammenhalt untersucht. Ebenso werden individuelle Einstellungen und Verhaltensweisen in Bezug auf gesellschaftliche Einflüsse und Prägungen reflektiert sowie historisch und kulturell ins Verhältnis gesetzt. 

Bei der Betrachtung aus der ideengeschichtlichen Perspektive kommen Stimmen aus den Wissenschaften zu Wort, die für das Thema relevant sind. Das sind insbesondere die Stimmen aus der Referenzwissenschaft des Faches Ethik, der Philosophie. Hier wird das große Antwortpotenzial aus der menschlichen Geistesgeschichte konstruktiv für die Auseinandersetzung mit der jeweiligen Problemfrage genutzt. Hinzu kommen die ethisch relevanten Theorien aus den Bezugswissenschaften – der Psychologie und den Religions-, Gesellschafts- und Naturwissenschaften.

Die im Unterricht behandelten Problemfragen stammen aus sechs Themenfeldern. Die sechs Themenfelder bilden unterschiedlich akzentuierte Bereiche des ethischen Nachdenkens ab. Die Themenfelder überschneiden sich in den konkreten Themen, in ihrem Kern unterscheiden sie sich aber durch unterschiedliche Schwerpunktsetzungen, was aus den in den Tabellen angeführten Problemfragen deutlich wird. Dabei sind diese Problemfragen lediglich exemplarisch zu verstehen. Sie erschöpfen keinesfalls das gesamte Themenfeld, sondern können und sollen individuell durch die einzelne Lehrkraft und die konkrete Lerngruppe ausgewählt bzw. ergänzt werden.

Verbindlich sind die folgenden Vorgaben:

  • ­Die konkreten Unterrichtsthemen sind schwerpunktmäßig einem Themenfeld zuzuordnen.
  • ­Innerhalb jeder Doppeljahrgangsstufe müssen Aspekte aus mindestens drei unter-schiedlichen Themenfeldern untersucht werden. Am Ende der Sekundarstufe I müssen Aspekte aus allen Themenfeldern untersucht worden sein.
  • Jedes Unterrichtsthema muss unter Berücksichtigung aller drei didaktischen Perspektiven behandelt werden. Dabei wird von den Lehrkräften erwartet, dass sie je nach Lerngruppe und Unterrichtsintention die didaktischen Perspektiven unterschiedlich gewichten.
  • ­Bei der Behandlung einzelner Themen soll die Kooperation mit anderen Fächern, insbesondere mit dem Religions- und Weltanschauungsunterricht, gesucht werden.
  • Regelmäßig werden – nach Absprache der Fachkonferenzen – Exkursionen zu außerschulischen Lernorten und Expertengespräche durchgeführt.

 

Schülerinnen und Schüler  suchen nach dem, was sie ausmacht und wer sie sind. Gerade als Heranwachsende haben sie den ausgeprägten Wunsch, dass ihre Eigenart auch von der Außenwelt anerkannt und gefördert wird. Sie befinden sich am Anfang des Ringens um eine Balance zwischen inneren und äußeren Ansprüchen – auf der Suche also nach ihrer Identität.

Im Mittelpunkt dieses Themenfeldes steht die Entwicklung des Ichbewusstseins. Ausgehend von der Frage nach den Voraussetzungen, Wünschen und Bedürfnissen der Einzelnen werden die Kreise der Selbsterkenntnis weiter gezogen: der Einfluss von Familie, Geschlecht, Religion, Weltanschauung und Gesellschaft wird verdeutlicht. Inter- und transkulturelle Einflüsse auf das individuelle Selbstverständnis werden erkundet und befragt.

Untersucht wird auch, welche Bedeutung die Übernahme verschiedener gesellschaftlicher Rollen für den Menschen hat. Es wird bewusstgemacht, dass jeder Mensch unterschiedliche Rollen – z. B. in der Familie oder der Schule – zugewiesen bekommt und die Frage wird problematisiert, wann solche Zuweisungen zur Selbstentfremdung führen und wann sie dem Ich nützen.

Im Ethikunterricht geht es wesentlich darum, das Spannungsfeld zwischen Identität und Rolle transparent zu machen und die Einzelnen bei der Suche nach ihrer eigenen Identität und einem gelingenden Leben zu unterstützen.

InhalteVertiefungsmöglichkeiten/mögliche Konkretisierungen
Individuelle
Perspektive
Gesellschaftliche
Perspektive
Ideengeschichtliche
Perspektive

Das Ich als Aufgabe

Wer bin ich? Was macht mich einzigartig?

Was ist mir wichtig?

Welchen Einfluss haben Kultur und soziale Stellung auf meine Identität?

Schiff des Theseus, Begriffe: Selbst-/Fremdwahrnehmung

Identität und Rolle

Bin ich immer die/der, die/der ich sein will?

 

Welche Rollen spiele ich in meinem Alltag?

Wie sehe ich mich? Wie sehen mich die anderen?

Wie wird meine Geschlechtsidentität gesellschaftlich geprägt?

Begriffe: Identität, Rolle, Sex und Gender

Autonomie und Fremdbestimmung (z. B. I. Kant: Was ist Aufklärung?, C. Castoriadis‘ Autonomiebegriff, G. P. della Mirandola: Über die Würde des Menschen)

Freundschaft und Liebe

Was ist eine Freundin/ ein Freund für mich?

 

Sind Freunde in sozialen Netzwerken wirkliche Freunde?

Was ist für mich der Unterschied zwischen Freundschaft und Liebe?

Welche Bilder der Freundschaft vermitteln Medien/die Gesellschaft?

Wie verändern sich Kommunikations- und Beziehungsstrukturen durch das Internet?

 

Freundschaft im philosophischen Sinne (z. B. I. Kant, M. de Montaigne)

Formen der Liebe und Freundschaft (z. B. Platon, Aristoteles, E. Fromm)

Bezug zu den Religionen und Weltanschauungen

Arbeit und Selbstverwirklichung

Welche Arbeit möchte ich später tun?

Was erwarte ich von meiner Arbeit?

Welche Bedeutung hat Arbeit für mich?

Wie wirkt sich die unterschiedliche gesellschaftliche Anerkennung auf die Berufswahl aus?

Welchen Einfluss haben Geschlechterrollen auf die Berufswahl?

Herstellen, Arbeiten und Handeln; Vita activa versus vita contemplativa (H. Arendt)

Arbeit als Bestimmung des Menschen?

Glück und gelingendes Leben

 

Was ist für mich ein gelingendes Leben?

Wie stelle ich mir ein glückliches Leben vor?

Welche Bedeutung hat mein Aussehen für mein Glück?

Macht Geld glücklich?

In welchem Zusammenhang stehen gelingendes und glückliches Leben?

Was kann ich dazu beitragen, dass ich ein glückliches Leben
führe?

Inwieweit brauche ich andere Menschen, um glücklich zu sein?

Was erhoffe ich mir für meine Zukunft?

Welche gesellschaftlichen Vorbilder eines gelingenden Lebens gibt es?

Welche Rolle spielt die Selbstverwirklichung für ein gelingendes Leben?

Welche Bilder von Glück vermittelt die Gesellschaft?

Inwieweit tragen die Medien zu Stereotypisierung und Ausgrenzung von Menschen bei?

Inwiefern tragen positive Zukunftsversionen zur Gestaltung eines gelingenden Lebens bei?

Was bedeutet Wohlstand in einer Postwachstumsgesellschaft?

„Haben“ kontra „Sein“ (z. B. E. Fromm)

Lust und Glück als Grundlage der Ethik (hedonistische und eudämonistische Ethiken)

Märchen (z. B. „Hans im Glück“, „Der Fischer und sin Fru“)

„Flow“-Erfahrung (M. Csikszentmihalyi)

Utopien und Dystopien: z. B. „Lord oft the Flies“ (W. Golding), „Utopia“ (T. Morus), „Kein Ort Nirgends“ (C. Wolf)

Freiheit bedeutet für viele Jugendliche zunächst das Fehlen von Zwängen, z. B. in Form von Regeln, Vorschriften und Pflichten. Doch wird den Lernenden im Laufe des Unterrichts deutlich werden, dass diese Vorstellung einer schier grenzenlosen Freiheit, wird sie einmal in all ihren Konsequenzen durchdacht, nicht unproblematisch ist. Dies weckt das Bedürfnis nach einem reflektierten Verständnis von Freiheit.

So gelangen die Schülerinnen und Schüler zu einer Vorstellung von Freiheit als Fähigkeit, selbstbestimmt zu handeln. Das bedeutet auch, dass man für sein Handeln zur Verantwortung gezogen werden kann, was zu der Frage führt, inwieweit Menschen überhaupt zur Verantwortung gezogen werden können. Dazu erkunden die Lernenden unter anderem, wie die den Handlungen vorausgehenden Entscheidungen zustande kommen. Sie erkennen, dass viele Entscheidungen Einflüssen unterliegen, die verschieden stark sein können: durch das Elternhaus, die Schule, durch Freunde und die eigene Peer-Group, durch die Unterhaltungsmedien, Politik, Wirtschaft und Werbung. Diese verschiedenen Einflüsse gilt es im Hinblick auf die Fragestellung dieses Abschnitts kritisch zu prüfen.

Neben dieser unmittelbaren Verantwortung für die eigenen Entscheidungen spielt durch den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt die Auseinandersetzung mit globaler Verantwortung für zukünftige Generationen und für die Umwelt eine immer größere Rolle. Die menschlichen Eingriffe in die belebte oder unbelebte Natur führen zu kaum überschaubaren Konsequenzen. Daher erarbeiten die Schülerinnen und Schüler an ausgewählten Beispielen die Folgen bereits geschehener Eingriffe, antizipieren zukünftige und reflektieren, welche Möglichkeiten und Pflichten der Einzelne und die Gesellschaft haben, sich verantwortungsvoll den globalen Herausforderungen zu stellen.

InhalteVertiefungsmöglichkeiten/mögliche Konkretisierungen
Individuelle
Perspektive
Gesellschaftliche
Perspektive
Ideengeschichtliche
Perspektive

Handlungs- und Willensfreiheit

Wann fühle ich mich frei?

Was schränkt meine Freiheit ein?

Was braucht der Mensch, um frei zu sein?

Warum schränkt die Gesellschaft individuelle Freiheit ein?

Werden die Freiheitsrechte in der Gesellschaft und weltweit erfolgreich vertreten und durchgesetzt?

Dienen Regeln und Normen der Freiheit oder der Unfreiheit?

In welchem Zusammenhang stehen Drogen mit dem Freiheitsverlangen des Menschen?

Freiheit als Menschenrecht und Grundrecht im Grundgesetz

Unterscheidung von Handlungs- und Willensfreiheit, verschiedene Konzeptionen von Freiheit (z. B. E. Tugendhat, P. Bieri)

Befreiung durch die Religion?
(z. B. „Erleuchtung“ im Buddhismus, Freiheitsverständnis der monotheistischen Religionen)

Entscheidungen und Grenzen

Was kann ich wirklich selbst entscheiden?

Wie treffe ich meine Entscheidungen?

Darf ich alles tun, was ich kann?

Worin sehe ich sinn­volle Grenzen meiner Willkürfreiheit?

Kann die Freiheit Angst machen?

Darf der Mensch alles, was er kann?

Welche Grenzen setzt die Gesetzgebung  Jugendlichen (z. B. Jugendschutzgesetz)?

Wie soll die Gesetzgebung mit ethisch bedenklichen Forschungsergebnissen (z. B. Klonen) umgehen?

Willensfreiheit und Selbstbestimmung:

(z. B. Prometheus-Mythos, Positionen von C. F. v. Weizsäcker, des Ethikrates, Haltungen der Religionen zu Technik und Bioethik)

Zur Freiheit verurteilt: Freiheit als Bürde? (J.-P. Sartre)

psychologische und soziologische Theorien über Einflüsse auf Jugendliche durch Werbung, Peergroups etc.

dogmatische Argumentationen (Fundamentalismus und Extremismus)

Verantwortungsvolles Handeln

Wofür fühle ich mich verantwortlich?

Wofür sollte ich Verantwortung übernehmen

Habe ich gegenüber Nahestehenden eine andere Verantwortung als gegenüber Fremden?

Inwieweit fühle ich mich für die Umwelt (z. B. Pflanzen oder Tiere) verantwortlich?

Schützt die Gesellschaft ausreichend die Werte, die sie propagiert (wie Gleichberechtigung, Gleichheit, Respekt, Würde des Menschen)?

Welche Verantwortung hat die Gesellschaft für die Schwächeren (Alte, Kranke, Arme, Kinder)?

Endet die Verantwortung für andere an den Grenzen der jeweiligen Gesellschaft?

Wie kann ein verantwortlicher Umgang mit dem Internet erreicht werden?

Welche Verantwortung haben wir für diejenigen, die selbst keine Verantwortung für sich übernehmen können (Ungeborene, Tiere, Pflanzen, unbelebte Natur, Kranke)?

Unverletzlichkeit der Menschenwürde

Wirtschaftsethik

Verantwortungsethik (H. Jonas)

Projekt Weltethos (Erklärung der Weltreligionen 1993)

Medienethik

Tierethik (z. B. P. Singer)

Umweltethik (z. B. der Begriff der Natur in den Natur- und Weltreligionen, in der Wissenschaft heute)

Schülerinnen und Schüler erleben in ihrem Alltag immer wieder Situationen, die sie als ungerecht empfinden. Doch was ist gerecht? Gerechtes Handeln kann sowohl gleiche Behandlung als auch ungleiche Behandlung erfordern, je nachdem, in welchem Kontext es stattfindet. Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit zu klären, was Gerechtigkeit in verschiedenen Situationen eigentlich bedeutet und welche Prinzipien es gibt, nach denen zum Beispiel Güter gerecht verteilt oder Verfahren gerecht vollzogen werden können.

Wer Regeln und Gesetze nicht einhält oder verletzt, dem droht eine Strafe. Doch was ist eine gerechte Strafe? Und welche Strafen sind angemessen? Um diese Fragen beantworten zu können, muss eine Auseinandersetzung mit Kriterien für gerechte Strafen stattfinden. Vereinbarte Regeln einer Gruppe oder auch die geltenden staatlichen Gesetze können dem Gerechtigkeitsempfinden des Einzelnen widersprechen. Anhand solcher Fälle gilt es beispielhaft zu prüfen, wann der Mensch das Recht oder sogar die moralische Pflicht hat, sich geltendem Recht zu widersetzen.

Schülerinnen und Schüler verbinden Gerechtigkeit oft mit Gleichheit. Daher gilt es kritisch zu hinterfragen, in welchem Verhältnis diese Begriffe stehen und wie sie beispielsweise im Grundgesetz in Verbindung mit dem Begriff der Würde auftreten.

InhalteVertiefungsmöglichkeiten/mögliche Konkretisierungen
Individuelle
Perspektive
Gesellschaftliche
Perspektive
Ideengeschichtliche
Perspektive
Gerechtigkeit in verschiedenen Sphären

Was empfinde ich als gerecht bzw. ungerecht?

Wann fühle ich mich gerecht bzw. ungerecht behandelt?

Wie sieht für mich eine gerechte Schule aus?

Muss ich ungerechte Gesetze befolgen?

Wann sind Regeln oder Gesetze ungerecht?

Haben alle Kinder in unserer Gesellschaft die gleichen Chancen?

Sollte es ein Weltgericht geben?

Müssen wir uns gegen Ungerechtigkeit in anderen Ländern einsetzen?

Allegorien der Gerechtigkeit

Recht und Moral

Rechtspositivismus und Naturrecht

UN-Behindertenrechts­konvention

Widerstandsrecht

Gerechtes Verteilen

Muss ich Almosen geben?

Was bedeutet für mich gerechte Notengebung?

Ist es ungerecht, dass es Arme und Reiche gibt? (gesellschaftliche Verteilungsprinzipien)

Gibt es eine moralische Pflicht zu spenden?

Wie können begrenzte Güter (z. B. Studienplätze oder Gewinn in einem Unternehmen) gerecht verteilt werden?

Gerechtigkeitsprinzipien

Gerechtigkeitstheorien

Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft

Gerechtigkeitsvorstellungen in den Weltreligionen

Recht und Gerechtigkeit

Welche Rechte habe ich als Kind bzw. Jugendlicher?

Welche Rolle spielen die Achtung und der Schutz der Menschen- und Kinderrechte im gesellschaftlichen Zusammenleben und weltweit?

Entstehung der Menschenrechte und deren Begründung

Menschenwürde und deren, philosophische, religiöse, bzw. weltanschauliche Deutungen und Begründungen

Gerechtigkeit und Strafe

Welche Strafen kenne ich aus eigener Erfahrung?

Welche habe ich als gerecht, welche als ungerecht empfunden?

Sind Strafen notwendig?

Wie sollen Regelverletzungen sanktioniert werden?

Wie lassen sich staatliche Strafen rechtfertigen?

Begriffe: Rache, Vergeltung, Strafe als Abschreckung, Faustrecht, Gewaltmonopol (Straf- und Strafrechtstheorien) etc.

Begriff des Gesetzes, der Sünde und Strafe in den Religionen

Als ein nicht von Natur aus eindeutig bestimmtes Wesen bedarf der Mensch der Deutung. Durch die Fragen und Inhalte dieses Themenfeldes lernen die Schülerinnen und Schüler Auffassungen vom Wesen des Menschen kennen und prüfen ihre Relevanz für das eigene Selbstverständnis. Ob man den Menschen für ein instinktgeleitetes Tier oder für ein vernunftbegabtes Wesen hält, für einen Egoisten oder ein Gemeinschaftswesen, für eine Schöpfung Gottes oder ein genetisches Zufallsprodukt, hat Auswirkungen auf das eigene Verhalten und Urteilen und auf die Ziele, die man sich und der Gesellschaft setzt, in der man lebt.

Da der Mensch ein gemeinschaftsbildendes Wesen ist, stehen Auffassungen vom Menschen in gesellschaftlichen Zusammenhängen, aus denen sie hervorgebracht werden und die sie wiederum beeinflussen. Der Blick auf den heutigen Menschen in der westlichen Gesellschaft wirft Fragen nach der Gestaltung des Miteinanders von kulturell, sozial, religiös und weltanschaulich sehr unterschiedlichen Gruppen auf. Dieser Pluralismus eröffnet neue Freiheiten, ist aber zugleich für das Individuum wie für die Gesellschaft eine Herausforderung.

In diesem Zusammenhang spielt die Frage nach Toleranz und ihren Grenzen eine zentrale Rolle. Diversität in der Gesellschaft setzt die Fähigkeit zu Kritik und Selbstkritik sowie die Bereitschaft zur Suche nach gewaltfreien und konstruktiven Lösungen voraus, wie sie anhand der Problemfragen zu diesem Themenfeld im Unterricht erprobt werden.

InhalteVertiefungsmöglichkeiten/mögliche Konkretisierungen
Individuelle
Perspektive
Gesellschaftliche
Perspektive
Ideengeschichtliche
Perspektive

 

Was macht eigentlich den Menschen zum Menschen?

Wie unterscheidet sich der Mensch vom Tier?

Welche Menschenbilder finden wir in unserer Gesellschaft (z. B. in der Werbung, Kunst, Wirtschaft und Politik)?

Wie vernünftig ist der Mensch? (Körper und Bewusstsein)

Ist der Mensch ein soziales Wesen oder ein Egoist?

Welche Menschenbilder gibt es in anderen Kulturen?

Begriffe: Vernunft, Bewusstsein, das Unbewusste, Triebe, Instinkte, Affekte

Menschenbilder in Philosophie, Religionen und Weltanschauungen

Sprache als Kennzeichen des Menschen

Feste und Rituale

Welche Feste feiern wir?

Welches Bedürfnis liegt dem Feiern von Festen zugrunde?

Welche Feste und Rituale kennen verschiedene Gesellschaften?

Wozu werden diese realisiert?

Feste und Rituale in den verschiedenen Religionen und Weltanschauungen

Mensch und Fortschritt

Was heißt für mich Fortschritt?

Sind wir heute klüger als die Menschen im Mittelalter?

Werden die Menschen im Laufe der Jahrhunderte moralisch besser?

Welcher Zusammenhang besteht zwischen Technologie und Fortschritt?

Welche Rolle spielt wirtschaftliche Entwicklung beim Fortschritt?

Mensch als Kulturwesen

Mensch als homo faber

Mensch und Moral

Was ist für mich ein moralisch guter Mensch?

Welche Idole oder Vorbilder habe ich?

Ist der Mensch von Natur aus gut oder böse?

Welche Tugenden sind heute gesellschaftlich anerkannt? Welche waren es vor 50/100/2000 Jahren?

Wer ist warum in den verschiedenen Gesellschaften und Kulturen Vorbild?

Welchen Einfluss hat eine Gesellschaft auf die moralische Entwicklung ihrer Mitglieder?

Begriffe: Tugend, Idol

antike und moderne Tugendlehre und
Tugendethik

Gelten in den Weltreligionen unterschiedliche Tugenden?

natürliche Eigenschaften des Menschseins (Egoismus, Altruismus; Aggressivität, Friedfertigkeit, Gewalt),

Mensch im Naturzustand (z. B. T. Hobbes, J. Locke, J.-J. Rousseau)

Toleranz und Konflikte

Was bedeutet Toleranz für mich?

Inwieweit darf ich fremde Kulturen kritisieren?

Müssen Konflikte immer mit einem Einverständnis enden?

Wie geht unsere Gesellschaft mit Vielfalt um (z. B. in ethnischer, kultureller, sozialer, religiöser, weltanschaulicher, politischer oder sexueller Hinsicht)?

Wie können Konflikte gewaltfrei gelöst werden?

Wie entstehen Rassismus, Antisemitismus, Islamophobie? Und was kann man dagegen tun?

Was soll die Gesellschaft für Menschen mit Einschränkungen tun?

Toleranz

Aufklärung

Nächstenliebe, Feindesliebe (Religionen) Würde und Respekt (I. Kant, G. P. della Mirandola)

Projekt Weltethos (Erklärung 1993)

Ich-, Du-Botschaften, gewaltfreie Kommunikation (z. B. nach M.B. Rosenberg)

Fernstenliebe (H. Jonas)

Sozialdarwinismus

Schülerinnen und Schüler müssen, ebenso wie alle Menschen, ständig Entscheidungen treffen und sich in verschiedenen Situationen mit der Frage auseinandersetzen, was sie in einer konkreten Situation tun sollen.

Was soll ich tun? Diese zweite der vier Kantischen Fragen stellen sich also auch Lernende ganz von selbst. Sie wird in der philosophischen Ethik unter zwei Perspektiven betrachtet: Was soll ich tun, um ein moralisch guter Mensch zu sein? Was soll ich tun, um ein gelingendes Leben zu führen? Die erste Perspektive ist dabei diejenige, mit der sich dieses Themenfeld vor allem auseinandersetzt.

Dabei ist einerseits zu klären, welche Kriterien es für moralisches Handeln gibt und wie diese zu beurteilen sind. Zudem machen sich die Schülerinnen und Schülern ihre eigenen Werte und Normen bewusst, hinterfragen diese und beurteilen sie kritisch auf der Grundlage philosophischer, religiöser und weltanschaulicher Positionen. Insbesondere die Auseinandersetzung mit aktuellen ethischen Diskussionen (zum Beispiel Sterbehilfe, Organtransplantation, Adoption von Kindern durch homosexuelle Paare) liefert hierfür vielfältige Anlässe.

Dabei spielen die Begriffe Pflicht und Gewissen eine große Rolle. Jeder Mensch ist tagtäglich mit einer Vielzahl von Verpflichtungen konfrontiert. Moralische Pflichten basieren auf Werten und Normen, die sich je nach Gesellschaft, Kultur, Religion oder Weltanschauung unterscheiden können. Das Gewissen bildet sich unter anderem in der Auseinandersetzung mit der Gültigkeit dieser Werte und Normen.

InhalteVertiefungsmöglichkeiten/mögliche Konkretisierungen
Individuelle
Perspektive
Gesellschaftliche
Perspektive
Ideengeschichtliche
Perspektive

Gut und Böse

Wie unterscheiden sich moralische Gefühle von anderen Gefühlen?

Wann bezeichne ich Handlungen als moralisch gut bzw. moralisch böse?

Warum handeln Menschen gewalttätig?

Was klassifizieren verschiedene Gesellschaften als moralisch gut bzw. böse?

Gibt es universale Werte/Normen/ethische Prinzipien, die alle Gesellschaften anerkennen?

philosophische, religiöse, weltanschauliche Deutungen von gut und böse

ethischer Universalismus versus ethischer Relativismus

Aggressionstheorien

Moralische Kriterien

 Will ich überhaupt moralisch sein?

Warum soll ich moralisch sein?

Welche Kriterien liegen meinen moralischen Urteilen zugrunde?

Was ist wichtiger: das Motiv oder die Folgen meiner Handlung?

Wie treffe ich Entscheidungen in moralisch relevanten Handlungssituationen?

Wie rechtfertige ich anderen gegenüber moralisch relevante Handlungen?

Welche moralisch anerkannten Grundlagen gibt es in verschiedenen Gesellschaften?

Welche ethischen Probleme sollten gesellschaftlich gelöst werden?

Wieviel unmoralisches Verhalten verkraftet eine Gesellschaft?

Für welche Handlungen müssen wir uns gesellschaftlich rechtfertigen?

Begründung der Menschenwürde

Goldene Regel

Ethik verschiedener Religionen und Weltanschauungen

Prinzipien deontologischer, teleologischer und eudämonistischer Ethik, Mitleids- und Tugendethik

philosophische, religiöse und weltanschauliche Deutungen

Grundwissen moralischen Argumentierens (Praktischer Syllogismus, eins-Sollens-Problem)

Gewissen und Moral

Was bedeutet es, wenn ich ein schlechtes Gewissen habe?

Woher stammt mein schlechtes Gewissen?

Was heißt es für mich, ein „gutes“ oder ein „schlechtes Gewissen“ zu haben? In welchen Situationen habe ich das erlebt?

Wie fühlt sich das „gute“ bzw. das „schlechte Gewissen“ an?

Wie gehe ich mit einem „schlechten Gewissen“ um?

Sollte ich immer meiner inneren Stimme folgen?

Wann muss ich an das Gewissen anderer appellieren?

Welchen Anteil haben gesellschaftliche Prozesse an der Entstehung von Gewissen?

Welchen Einfluss haben Familie, Gesellschaft, Kultur, Religion auf die Gewissens­bildung?

Wozu braucht eine Gesellschaft Normen und Werte?

Welche Widersprüche zwischen gesellschaftlichen Anforderungen und individuellen Normen und Werten können auftreten?

Welchen Spielraum lassen verschiedene Gesellschaften der Freiheit des Gewissens gegenüber Autoritätszwängen?

psychologische Theorien zur Entstehung von Gewissen

Gewissensbegriff in religiöser, philosophischer, psychologischer Deutung

Gewissen als verinnerlichtes Gebot (Normen)

Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat? (H. D. Thoreau)

Pflichten

Welche Pflichten habe ich?

Kann ich Pflichten auch etwas Positives abgewinnen?

Welche Pflichten sind gesellschaftlich bedingt?

negative und positive Pflichten

Pflichtethik

Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I setzen sich häufig von allein mit existenziellen Fragen auseinander. Was ist der Sinn des Lebens? Gibt es einen Anfang alles Seienden? Was kommt nach dem Tod? Gibt es einen Gott? Warum glauben Menschen? Was können wir eigentlich wirklich wissen?

Solche und ähnliche Fragen haben in der Philosophie ihren Platz in der Metaphysik, in der Religionsphilosophie und in der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie.

Seit jeher geben auch Religionen Antworten auf diese Fragen. Daher ergründen die Schülerinnen und Schüler in diesem Themenfeld, aus welchen tiefen menschlichen Bedürfnissen und Fragen die Religionen entstanden sind und welche Antworten diese auf die existenziellen Fragen anbieten. Die Lernenden eignen sich ein Grundwissen über die großen Religionen und Weltanschauungen an und lernen, zwischen Wissen, Glauben und Hoffen zu unterscheiden und darüber in den Dialog einzutreten.

Neben der erkenntnisorientierten Unterscheidung zwischen Glauben und Wissen gehört auch die Reflexion der Handlungspraxis im Namen von Religionen und Weltanschauungen hierher. Ihr Einfluss kann zu mehr Mitmenschlichkeit, Toleranz und Friedfertigkeit in der Gesellschaft und in der Welt beitragen, sie können aber auch als Quelle für Intoleranz, Dogmatismus und Fundamentalismus dienen. Geschlossene Weltbilder, die ihren Wahrheitsanspruch über den anderer setzen, müssen als solche erkannt und mit einer an den Menschenrechten orientierten Vernunft kritisiert werden.

InhalteVertiefungsmöglichkeiten/mögliche Konkretisierungen
Individuelle
Perspektive
Gesellschaftliche
Perspektive
Ideengeschichtliche
Perspektive

Sinn des Lebens

Was macht mein Leben sinnvoll?

Was ist für mich der Sinn des Lebens?

Brauchen Gesellschaften eine sinnstiftende Erzählung?

die Sinnfrage in Philosophie, Religionen und Weltanschauungen

Hoffnung und Vertrauen

Woher kommt die Welt?

Worauf hoffe ich?

Was bedeutet etwas?

Welche Funktion erfüllen Schöpfungsmythen?

Mythen

Jenseitsvorstellungen

Hoffnung als religiöses bzw. philosophisches Prinzip

Wissen und Wahrheit

Was weiß ich ganz sicher?

Woher weiß ich, dass etwas wahr ist?

Wie begründe ich meine Behauptungen?

Welche Gesetze versuchen, uns vor Täuschung und Manipulation zu schützen?

Wie genau nehmen es die Medien mit der Wahrheit?

kritische Auseinandersetzung mit dem Wahrheitsbegriff (z. B. naiver Realismus, Konstruktivismus, Diskurstheorie)

Sterben und Tod

Was kommt für mich nach dem Tod?

Möchte ich unsterblich sein?

Wie gehen verschiedene Gesellschaften mit Sterben und Tod um?

die Frage nach Sterben, Tod und dem Danach in Philosophie, Religionen und Weltanschauungen

Religiöser Glaube

Woran glaube ich?

Wie hat sich mein Glaube im Laufe meiner Kindheit und Jugend verändert?

Welchen Bezug habe ich zu verschiedenen Religionen?

Welche Rolle spielen verschiedene religiöse Überzeugungen in unserer Gesellschaft?

Wie sind die verschiedenen religiösen Institutionen in unsere Gesellschaft eingebunden?

Lassen sich gesellschaftliche Grenzen der religiösen Freiheit rechtfertigen?

Feste und Riten als religiöse Handlungen

Grundkenntnisse über die monotheistischen Religionen

Kritische Auseinandersetzung mit Weltanschauungen (z. B. Humanismus, Atheismus, Materialismus) und religiös begründetem Fundamentalismus

philosophische und soziologische Positionen zum Umgang mit Religionen in der Gesellschaft (z. B. C. Taylor, J. Habermas, H. Küng)

Der Wahlpflichtunterricht stellt ein Angebot dar, das über den Regelunterricht hinausgeht und ihn thematisch erweitert. Er dient der Vertiefung von Fachinhalten und schafft die Möglichkeit, Fachliches und Überfachliches zu verbinden.

Im schulinternen Curriculum wird sichergestellt, dass thematische Dopplungen mit dem Regelunterricht und Vorgriffe auf Inhalte des Unterrichts in der gymnasialen Oberstufe vermieden werden.

Grundlage für den Unterricht im Wahlpflichtfach sind die fachlichen Kompetenzbereiche. Werden weitere Fächer hinzugezogen, gilt dies für die Kompetenzbereiche aller beteiligten Fächer.