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Sprachbildung am Übergang 2019

Dokumentation des Fachtages  „Hand in Hand – Sprachbildung am Übergang von der Kita in die Grundschule:

Mathematisches und naturwissenschaftliches Lernen sprachsensibel gestalten“

am 15.5.2019

Die Tagung richtete sich mit ihren Angeboten an die regionalen Sprachberater*innen für vorschulische Sprachförderung sowie an Erzieher*innen in Kindertagesstätten und Lehrkräfte in der Schulanfangsphase. Mehr als 130 Teilnehmer*innen besuchten den Fachtag am Landesinstitut für Schule und Medien in Ludwigsfelde mit großem Interesse.  
Durchgängige Sprachbildung von der Kita bis in die Grundschule – das funktioniert vor allem dann, wenn Pädagog*innen aus Kitas und Grundschulen gemeinsam Konzepte und Strategien zur sprachlichen Bildung diskutieren und abgestimmt anwenden. Die Anregungen im Hauptvortrag und in den Workshop-Angeboten wollten deshalb Anknüpfungspunkte zum pädagogischen Austausch sein und zu gemeinsamen Vorhaben im Rahmen von sprachlicher Förderung zwischen den Einrichtungen anregen.  
Mit dem diesjährigen Tagungsfokus "Mathematisches und naturwissenschaftliches Lernen am Übergang von der Kita zur Grundschule sprachsensibel gestalten" stand die Schaffung und Gestaltung einer anregungsreichen Umgebung, die Kinder zum Fragen, Denken und Forschen in mathematischen und naturwissenschaftlichen Lerngelegenheiten und damit zur sprachlichen Auseinandersetzung herausfordert, im Mittelpunkt.   
Neben einem einführenden Vortrag lernten die Pädagog*innen in verschiedenen praxis-orientierten Workshops zahlreiche erprobte Methoden und Anregungen kennen, wie mathematisches und naturwissenschaftliches Lernen angeregt, unterstützt und  begleitet werden kann.

Susanne Wolter, Abteilungsleiterin des LISUM, eröffnete den Fachtag und begrüßte die Teilnehmer*innen.

Dabei verwies sie auf die LISUM-Broschüre „Es fährt ein Bus durchs ABC. Kitakinder und Schulkinder begegnen gemeinsam der Schriftsprache“ und auf die in ihr beschriebenen Literacy-Szenarien.

In einer kleinen Ausstellung wurden Materialien zu den Literacy-Szenarien präsentiert.

Ines Rackow von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie richtete ein Grußwort an die Teilnehmer*innen.

Irene Hoppe, Referentin für die Schulanfangsphase und den Übergang Kita-Grundschule stellte den Hauptvortragenden Prof. Dr. Marcus Nührenbörger und die Workshopangebote vor. 

Prof. Dr. Marcus Nührenbörger (TU Dortmund) hielt einen Vortrag zum Thema „Mathematik zur Sprache bringen – Mathematisches Lernen am Übergang von der Kita zur Grundschule sprachlich stützen“.

Darum ging es: Mathematische Lernsituationen finden sich zahlreich im Alltag junger Kinder. Wenn diese bewusst erfahren werden, können daraus auch Lernchancen entstehen, die über das Zählen von Objekten hinausgehen und Grundlage für die Ausbildung erster relationaler Vorstellungen sind. Hierzu ist es wichtig, dass die Kinder bedeutsame Gelegenheiten finden, ihre mathematischen Beobachtungen und Ideen in Worte zu fassen und sich gegenseitig aufzuzeigen – dass sie also lernen, mathematisch miteinander zu kommunizieren und zu argumentieren.  
Im Vortrag wurde der Frage nachgegangen, was es braucht, damit Mathematik in Kita und Grundschule zur Sprache gebracht werden kann, und wie mathematisches Lernen sprachsensibel gestaltet werden kann. Anhand einzelner Beispiele wurde aufgezeigt, wie bereits junge Kinder dazu angeregt werden können, mathematisch gehaltvoll miteinander ins Gespräch zu kommen.

Workshops

Zwei Workshop-Phasen boten zahlreiche Impulse zur Gestaltung sprachsensiblen mathematischen und naturwissenschaftlichen Lernens am Übergang von der Kita zur Grundschule.

Workshop 1: Hinterleibsdrüse, Bestäuben und viel Gesumm – Sprachvielfalt rund um ein kleines Insekt

Katja Eder (Literaturwissenschaftlerin und -vermittlerin)

Wie viele verschiedene Wörter passen zu einem einzigen kleinen Lebewesen? Welche Wörter gibt es, um die Eigenschaften der Biene zu benennen? Wie erzähle ich anderen von meiner Angst vor einem Stich? Und auf wie viele Arten kann ich den Flug der Biene beschreiben oder sogar von ihm singen?
Rund um die Biene lernen die Kinder nicht nur den Sachgegenstand kennen, sondern machen auch Erfahrungen mit den verschiedenen Qualitäten von Sprache. Auf einfache und spielerische Weise lernen sie auf der einen Seite Fachwörter anwenden, auf der anderen das Spektrum der Möglichkeiten kennen, sich zu einem Thema zu äußern und eigene Erfahrungen sowie vorhandenes Wissen anderen mitzuteilen  – vom Sprachspiel und Lied bis zum kleinen Fachvortrag.
Der Workshop lud dazu ein, das eigene Sprachspektrum zu erproben und Sprache bewusst zu nutzen, um unterschiedliche Zugänge zu einem Sachthema zu schaffen. Unterstützung boten Sachbücher, die immer auch eine Brücke zur Poesie bauen und damit gerade jüngeren Kindern unterschiedliche sprachliche und gedankliche Zugänge ermöglichen (so z.B. „Bienen“ von Piotr Socha oder „Bienen. Kleine Wunder der Natur“ von Britta Teckentrup).

Workshop 2: Wer forscht, der fragt – Wer fragt, der forscht

Dr. Stephan Gühmann (Haus der kleinen Forscher)  
Veronika Meiwald (Deutscher Bundesverband für Logopädie e.V.)

Neugierig sein, Experimente wagen und zu neuen Erkenntnissen kommen, Fragen formulieren sowie gemeinsam Antworten suchen und verstehen können – die Entwicklung von wissenschaftlichem Denken und Sprache sind eng miteinander verknüpft. Die Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ und der Deutsche Bundesverband für Logopädie stellten im Workshop Grundprinzipien vor, die sowohl eine alltagsimplizite Sprachförderung als auch eine gute ko-konstruktive Begleitung beim Forschen umsetzbar machen. Es wurden in der Kita und im Grundschulunterricht aufgenommene Filmsequenzen genutzt, um mit den Teilnehmer*innen die vorgestellten Grundprinzipien zu reflektieren. Im Anschluss wurden einige der Grundprinzipien vertiefend geübt.

Material zum Workshop (pdf - 140 KB)

Workshop 3: Lesetüten, Koffer, Beutel... – So kommen (nicht nur) Bücher in die Familie

Beate Janzen (Allegro-Grundschule)   

Viele Wege führen zur Partizipation von Eltern und Familie: Der Familien-Leserolli, ein kleiner Koffer vollgepackt mit Büchern und Medien, rollt von Haus zu Haus. Auch die Varianten Mathe-Forscherrolli und Krabbeltierkoffer für kleine Insektenforscher und ihre Familien gehen diesen Weg. Kinder leihen sich fürs Familienwochenende einen Wochenend-Lesebeutel aus, der Leselust und Aktivität für zuhause verspricht. Auch hier gibt es Angebote für mathematische und naturkundliche Entdeckungen. Eltern werden in unterschiedliche Projekte einbezogen, indem sie z. B. Lieblingswörter in ihren Sprachen vorstellen oder für die Kita- oder Schulgemeinschaft aufschreiben, was für sie im Leben wichtig ist. Im Workshop lernten die Teilnehmer*innen diese und weitere erprobte Angebote zur Leseförderung kennen, die Kinder und ihre Familien zum gemeinsamen Lesen, Spielen, Nachdenken und Sprechen zu interessanten Themen einladen – denn der Umgang mit Büchern ist nicht nur Schul-, sondern auch Familiensache. Viele der im Workshop präsentierten Anregungen finden sich in der LISUM-Broschüre "Gemeinsame Sache machen".      
Einige der im Workshop präsentierten Projekte finden sich auch auf der Website der Allegro-Grundschule.  

Workshop 4: Sprache und Mathematik in Kindertagesstätten und am Übergang zur Grundschule

Aljoscha Jegodtka (frühe Mathematik – Institut für Fort- und Weiterbildung)  

Die Entwicklung mathematischer und sprachlicher Kompetenzen ist bei Kindern im Kindergartenalter eng verbunden und ein wichtiger Bestandteil eines gelingenden Übergangs von der Kita zur Grundschule. Im Rahmen dieses Workshops wurde ein kleiner Einblick in die Verbindung mathematischer und sprachlicher Bildung bei Kindern im Alter bis zu 6 Jahren gegeben, um dann hauptsächlich mit Spielen, Bilderbüchern und kleineren Aktionen Möglichkeiten aufzuzeigen, die Entwicklung sprachlicher und mathematischer Bildung in der Kita und im Anfangsunterricht verbindend zu unterstützen.

Workshop 5: Kognitiv anregende Dialoge mit Kindern führen und naturwissenschaftliches Explorieren unterstützen

Mara Lubuze (Moderatorin, Trainerin und Coach)   

Kinder lernen immer. Drei zentrale Lernstrategien ermöglichen ihnen, so die amerikanische Entwicklungspsychologin Alison Gopnik, Erkenntnisse über sich selbst, die Welt und die anderen Menschen zu generieren: Sie explorieren, sie beobachten, was andere tun, und sie kommunizieren. Um Kommunikation in Explorationsprozessen ging es in diesem Workshop, denn sowohl die Qualität als auch die Quantität von Dialogen Pädagog*innen mit Kindern haben nicht nur großen Einfluss auf die sprachliche Entwicklung, sondern können sie zum Explorieren und Nachdenken ermutigen. Die Teilnehmer*innen befassten sich u. a. mit den Grundregeln im Gespräch mit Kindern, reflektierten das eigene Frage-Verhalten und übten den Umgang mit Warum-Fragen der Kinder.

Material aus dem Workshop (pdf - 1,2 MB)

Workshop 6: Mathematisch reichhaltiges Erzählen und Spielen – Produktive Lerngelegenheiten für den Übergang von der Kita in die Grundschule

Prof. Dr. Marcus Nührenbörger (TU Dortmund)    

Mathematische Kompetenzen von jungen Kindern entwickeln sich in der Begegnung mit mathematischen Situationen – und zwar insbesondere in solchen Situationen, die bewusst zum Spielen mit und Erzählen über Mathematik anregen.
Im Workshop wurden hierzu Spielumgebungen vorgestellt, in denen Kinder in der Kita erste mathematische Erfahrungen und Erzählanlässe finden, die in der Grundschule zu einer Lernumgebung ausgeweitet werden können. Anders gesagt, die Spielsituationen sollen zwischen den informellen Lernanlässen der Kita und den stärker strukturierten Lernsequenzen im Anfangsunterricht vermitteln. Sie bieten also einen Rahmen für ein mathematisch reichhaltiges Erzählen und Spielen auf der einen Seite und für eine anschlussfähige (Weiter-)Entwicklung von mathematischen Fähigkeiten der Kinder auf der anderen Seite.

Workshop 7: Alle sehen eine Katze

Regina Pols (LISUM), Anka Radig (Sprachberaterin für vorschulische Sprachförderung), Jolanta Thomann (Kita Hoppetosse)    

… ein Kind, ein Hund, ein Fuchs und neun weitere Tiere. Keins der Tiere sieht die Katze so, wie sie von uns Menschen wahrgenommen wird. Für manche Tiere ist die Katze eine Bedrohung, sie können von der Katze gefressen werden. Manche Tiere sehen sie schwarz-weiß, andere eigenartig gemustert, was mit der jeweiligen Ausstattung des Auges zu tun hat. Manche sehen sie von oben aus der Vogelperspektive, der Goldfisch sieht sie durch sein Wasserglas. Alle sehen eine Katze und nehmen sie auf ganz individuelle Weise wahr. Die Sicht wird durch Aspekte der Größe, der Beziehung, des Gesichtssinns und der räumlichen Perspektive bestimmt. Diese verschiedenen Aspekte werden in Brendan Wenzels Bilderbuch „Alle sehen eine Katze“ angesprochen. Wie können Kinder in Kita und Schulanfangsphase sich dem Bilderbuch nähern, diese Aspekte erforschen und dabei in ihrem sprachlichen Handeln mithilfe von Sprachgerüsten unterstützt werden?  Im Workshop setzten sich die Teilnehmer*innen aktiv mit einer Fülle an erprobten Anregungen wie Forscherkarten (analog und digital) sowie Denk-, Spiel- und Gestaltungsaufgaben auseinander, die für Kita und Grundschule gleichermaßen geeignet sind.  
Website des Künstlers: https://brendanwenzel.info/  
Hintergrund zum Buch & Autor: https://nord-sued.com/wp-content/uploads/2018/09/Pressedossier_Brendan_Wenzel.pdf   
Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=7dTiaQKFGos#action=share 

Workshop 8: Mathematik braucht Sprache: Wie mathematisches Verständnis durch Sprache gefördert wird – und umgekehrt

Katja Tietz (Facherzieherin für Integration/Dozentin für Bewegungserziehung und Psychomotorik)   

Kinder machen schon lange vor dem Schuleintritt vielfältige mathematische Erfahrungen. Diese sind in der Regel konkreter Natur und werden durch unmittelbares Handeln sowie Bewegen in einer „mathematischen Welt“ herausgefordert und erweitert. Diese „mathematische Welt“ muss nicht immer erst hergestellt werden, sie umgibt uns einfach. Um jedoch den mathematischen Gehalt einer Tätigkeit, einer Bewegungsaufgabe oder eines Angebotes wirklich zu begreifen, bedarf es der sprachlichen Begleitung sowie eines mathematischen Verständnisses der Fachkräfte. Wenn mit den Kindern über ihre Erfahrungen gesprochen und „philosophiert“ wird, wird ihnen der Aufbau eines vertieften mathematischen Verständnisses ermöglicht sowie die Erfahrung, wieviel sie eigentlich schon über Mathematik wissen, was wiederum Mut macht, sich weiter damit zu beschäftigen.
Gemeinsam wurden im Workshop einige bewegt-mathematische Angebote ausgeführt. Auf dieser Grundlage wurde erarbeitet, wie sie sprachfördernd gestaltet werden können. Ein besonderes Augenmerk wurde auch auf die Differenzierungs- und Erweiterungsmöglichkeiten der Aufgaben gelegt.

Material zum Workshop (pdf - 190 KB)

Ausstellung der Verlage

Während des Fachtags konnten die Teilnehmer*innen ein speziell für die Schulanfangsphase zusammengestelltes Material verschiedener Schulbuchverlage genauer betrachten und sich beraten lassen.

Bilanz

Die Rückmeldungen zur Tagung sind äußerst positiv. Die Tagung wurde von den Teilnehmer*innen insgesamt als sehr gewinnbringend eingeschätzt. Der Fokus auf die sprachsensible Gestaltung mathematischen und naturwissenschaftlichen Lernens am Übergang von der Kita zur Grundschule wurde als sehr wichtig erachtet.

Redaktionell verantwortlich: Erna Hattendorf