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Einführung Erziehen

Folgende Situation wird von Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärtern immer wieder als größte Sorge vor der Aufnahme der Unterrichtstätigkeit geschildert:
Der schwerpubertierende, 14jährige Max (es kann wahlweise auch die zickige Lisa sein) nimmt Sie schon in Ihrer ersten Unterrichtsstunde nicht wirklich ernst. Er stört durch ständige Zwischenrufe und flapsige Bemerkungen, kritzelt  demonstrativ Zettelbotschaften, redet lautstark mit der Sitznachbarin und demonstriert und entgegnet Ihrer Zurechtweisung mit einem herzlichen: „Sie können mir gar nichts sagen, Sie sind ja noch nicht einmal ein richtiger Lehrer!“. Damit hat er die Klasse auf seiner Seite, ein normales Unterrichten ist nicht möglich.

Was können Sie tun?

Zunächst  einmal:

  • Beugen Sie solchen Situationen vor. Was Sie tun können, um den ersten Auftritt zu meistern, lesen Sie hier.
  • Ihre Körperhaltung ist das erste, was die Schülerinnen und Schüler von Ihnen wahrnehmen.
  • Nehmen Sie vor der gesamten Gruppe eine gerade Haltung an und blicken Sie ernst.
  • Lassen Sie sich nicht aus der Ruhe bringen. Schon bei dem ersten störenden Verhalten einer Schülerin oder eines Schülers sollten Sie intervenieren. Sie haben verschiedene Möglichkeiten:
  1. Wenn Sie die Ratschläge unter  Vorbereitung auf den ersten Auftritt beachtet haben, kennen Sie diesen Schüler bereits und sprechen ihn freundlich mit Namen an: „Max, ich freue mich, dass du hier helfen möchtest, guten Unterricht zu machen, ich würde jetzt hier gerne weitermachen“.
  2. Oder: Sagen Sie sehr ruhig und sehr ernst: „Max, dein Verhalten stört mich. Bitte hör jetzt sofort damit auf.“ Falls das nicht hilft: Weiter mit 3.!
  3. Oder: Blicken Sie ernst. Bleiben Sie stumm. Fixieren Sie den entsprechenden Schüler stumm solange, bis er sein Verhalten einstellt. Ihr ernster Blick wird Max vielleicht nicht gleich beeindrucken, aber in jeder Klasse sitzen Schülerinnen und Schüler, die solche Situationen kaum aushalten können, und dann selbst anfangen, den Störer zu ermahnen. Dafür brauchen Sie Nerven und Durchhaltevermögen, haben dann aber die Klasse bald auf ihrer Seite. Fahren Sie erst mit dem Unterricht fort, wenn es mucksmäuschenstill ist.
  4. Oder: Wenn Sie schlagfertig sind, reagieren Sie auf die Sprüche mit einer humorvollen Replik. Z.B.: „Ach, du bist hier der Hilfslehrer!“ oder: „Bei Sky suchen sie jetzt auch wieder Co-Kommentatoren. Soll ich dich vorschlagen, Max?“
  5. Oder: Wenn Sie den Eindruck haben, dass die Situation Ihnen schon weitgehend entglitten ist: Kramen Sie (stumm) ein bisschen auffällig in Ihrer Tasche herum, etwas länger als notwendig, und fördern Sie ein rotes (!) kleines Notizbüchlein zutage, in das Sie (stumm) etwas notieren, wobei Ihre Körperhaltung aber immer in Richtung Max gewendet ist. Notieren Sie irgendwas. Aber stumm, das ist wichtig. Wenn weitere Störer auftreten, fahren Sie mit Körperwendung zu diesen Schülerinnen oder Schüler mit ihren Notizen fort. Es wird garantiert ruhiger werden…
  6. Oder: Kündigen Sie an, dass Sie Zettelbotschaften grundsätzlich laut verlesen. Fischen Sie eine der Zettelbotschaften ab. Öffnen Sie sie deutlich sichtbar vor der gesamten Klasse und fangen Sie laut an (einen fiktiven, nicht den tatsächlichen Text) zu lesen: „Lieber Herr (oder Frau) X (Ihr Name), ich finde dass Sie so…“ dann legen Sie mit übertriebener Geste eine Hand auf Ihr Herz, brechen ab und drehen sich zur Klasse: „Oh, das kann ich nicht laut vorlesen, das ist mir peinlich. Max, können wir das nach der Stunde besprechen?“ Dann haben Sie die Lacher auf Ihrer Seite. Dazu gehört aber schauspielerisches Talent.
  7. Oder: Sollte keine der von Ihnen ergriffenen Maßnahmen helfen, weichen Sie ggf. von Ihrer Planung ab und leiten eine Phase der Stillarbeit ein. So entziehen Sie Max seine Bühne und verschaffen sich selbst eine Verschnaufpause. In dieser Phase sollten Sie Max zu sich holen (Sie gehen nicht zu ihm, sondern bitten ihn freundlich, zu Ihnen zu kommen) und ihn (leise) darauf hinweisen, dass er Sie massiv beim Unterrichten stört. Fragen Sie ihn leise, ob es einen Grund für sein Verhalten gibt, und ob Sie davon ausgehen können, dass er sich nun mehr zurückhält. In den meisten Fällen wird dann eingelenkt. Nötigenfalls können Sie ihm auch anbieten, ihm mehr Stillarbeit zu übertragen, wenn es ihm helfe, sich mehr auf den Unterricht zu konzentrieren. Das ist natürlich eine versteckte Drohung, die aber meistens Wirkung zeigt.

Die Liste dieser Ratschläge ließe sich fortsetzen. Manche dieser Vorschläge erscheinen Ihnen vielleicht merkwürdig – dann sollten Sie sie auch nicht ausprobieren. Versuchen Sie nur Tipps zu befolgen, die Ihnen als Mensch auch gefallen oder von denen Sie sich vorstellen können, sie auch selbst umzusetzen. Es gehört Kreativität, Spontaneität und auch ein Quäntchen Humor dazu, für die vielen verschiedenen Situationen des Alltags auch die passenden Reaktionen zu finden. Gerade das macht das Unterrichten so schwierig – und so schön!

Als Lehrkraft zu unterrichten, bedeutet eben nicht nur, Wissen zu vermitteln. Zur Erweiterung und Förderung von Kompetenzen gehört auch, dass die Schülerinnen und Schüler überhaupt in die Lage versetzt werden, lernen zu können und – was noch entscheidender ist – lernen zu wollen.

Das bedeutet einerseits: Als Lehrkraft müssen Sie ein Umfeld schaffen, in dem es Ihren Schülerinnen und Schülern möglich ist, sich zu konzentrieren und allein oder mit anderen gemeinsam etwas zu erarbeiten. Dieser Bereich betrifft vor allem die Klassenführung, häufig auch Classroom Management genannt.


Andererseits müssen Sie jedoch auch die einzelnen Schülerinnen und Schüler im Auge behalten: Nicht immer bringen die Kinder und Jugendlichen schon gute Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen mit. Sie verhalten sich so, dass sie entweder ihren Mitschülerinnen und Mitschülern oder aber sich selbst im Wege stehen. Und damit natürlich häufig auch Ihnen! Dann müssen Sie den Unterrichtsstörungen entgegenwirken und erziehend eingreifen oder auch für Einzelne gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen und den Eltern erziehende Maßnahmen planen.


Jedes erzieherische Handeln erfordert ein hohes Maß an Weitblick, Verhältnismäßigkeit und Souveränität – und das in Situationen, vor die Sie sich meistens sehr plötzlich gestellt sehen und in denen Sie in wenigen Augenblicken eine Entscheidung treffen müssen, die auch mittel- und langfristig noch Bestand haben muss. Natürlich gibt es kein einheitliches Rezept, nach dem Sie in den hunderten Situationen immer mit Erfolg erziehen können. Ihren persönlichen Erziehungsstil werden Sie im Laufe Ihrer Ausbildung – und auch in den Jahren danach – selbst  entwickeln.

Zur Vorbereitung auf Ihre neue Aufgabe aber helfen vielleicht schon einige Hinweise, die vor allem Ihre eigene Haltung und Ihren Blick auf Schülerinnen und Schüler betreffen.

Reflektieren Sie im Vorfeld Ihre Haltung als Lehrkraft:

  • Machen Sie sich bewusst, dass Sie der / die Erwachsene im Spiel sind. Ihre Schülerinnen und Schüler sind Heranwachsende, die noch nicht jede gesellschaftliche Regel kennen, beherrschen, oder beherrschen wollen. Ihre Aufgabe ist es, sie mit den Regeln vertraut zu machen, den Sinn dieser Regeln vor Augen zu führen und stetig daran zu arbeiten.
  • Sie sind Lehrerin oder Lehrer, nicht Freundin oder Freund und auch nicht Mutter oder Vater. Sie sollten nicht von oben herab agieren, aber auch nicht kumpelhaft. Versuchen Sie, Kritik sachlich und auf einen Gegenstand oder ein konkretes Verhalten hin zu äußern, nicht auf die Persönlichkeit des Schülers.
  • Es kann passieren, dass Ihnen auch mal geballte Wut oder gar Hass entgegengeschleudert wird. Gehen Sie dann zunächst davon aus, dass diese Gefühlsäußerungen nicht Ihnen als Person gelten, sondern Ihrer Funktion als Lehrkraft. Grenzen Sie sich davon ab.
  • Stellen Sie – auch wenn es Ihnen manchmal schwer fallen wird – jeden Tag Ihre innere Uhr wieder auf „Null“. Auch wenn Sie heute ein wahres Scharmützel mit einer Schülerin oder einem Schüler erlebt haben: Gehen Sie morgen wieder freundlich auf sie oder ihn zu, als hätte es keinen Streit gegeben.
  • Drücken Sie auch mal ein Auge zu. Bestrafen Sie nur im äußersten Fall, weisen Sie lieber zurecht oder auf etwas hin und geben Sie damit Gelegenheit zur Besserung.
  • Wenn eine Schülerin oder ein Schüler mal völlig außer Rand und Band gerät, wütend und laut oder auch gewalttätig wird: Fragen Sie sie oder ihn unter vier Augen freundlich, ob ihn etwas Grundsätzliches ärgert oder ob er andere Probleme hat. Manchmal führen Schülerinnen und Schüler mit Ihnen „Stellvertreterkriege“. Bieten Sie Hilfe an. Und wenn es nur ein offenes Ohr ist.
  • Sie sind kein Einzelkämpfer! Wenn Sie nicht mehr weiter wissen: Öffnen Sie sich Kolleginnen oder Kollegen. Lassen Sie sich nicht durch die Rückmeldung „Also, bei mir ist Max aber immer total freundlich und nett!“ irritieren, denn das kann durchaus so sein, und ihre Kollegin/ ihr Kollege kann Ihnen trotzdem einen Rat erteilen.
  • Betrachten Sie Auseinandersetzungen mit Pubertierenden als kleine Herausforderungen, die es gilt, sportlich und fair zu meistern. Sehen Sie in „Störungen“ nicht immer etwas Schlimmes, Destruktives, sondern auch als Willensausdruck, als (vielleicht noch zu übende) Kritikfähigkeit. Zu einer Erziehung im demokratischen Wertegefüge gehören auch die Auseinandersetzung und der Streit.