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Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen

FAZ vom 10. Februar 2004 (Internate und Privatschulen)

Damit die Verständigung klappt
Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen setzt Standards für Sprachkompetenz
Von Carola Norpoth

Ein geeintes Europa kann es nur geben, wenn die Kommunikation der Europäer untereinander verbessert wird. Doch damit die Kommunikation klappt, müssen alle Europäer sich miteinander verständigen können. Somit kommt dem Sprachenlernen, aber auch der Zusammenarbeit der Bildungseinrichtungen auf europäischer Ebene eine Schlüsselrolle zu. Der Europäische Rat für kulturelle Zusammenarbeit (CDCC) entwickelte daher im Jahr 2001 auf Weisung des Europarates den Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für das Sprachenlernen (CEF = Common European Framework of Reference for Language Leaming and Teaching). Die Sprachkompetenzen sollen so in einer europaweit gültigen Skala meßbar werden. Künftig soll es präzise Antworten auf die Frage geben, inwieweit jemand eine Fremdsprache wirklich beherrscht.


Für zehn europäische Sprachen
Der CEF legt mittlerweile den Sprachenstandard in zehn europäischen Sprachen fest: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Niederländisch, Portugiesisch, Russisch, Tschechisch und Türkisch. Die Standards sind dabei für verschiedene Niveaustufen der Sprachfertigkeit festgelegt. Los geht es beim Anfängerniveau Start 1 und z. Dann gibt es das Zertifikatsniveau Bl, das in etwa dem entspricht, was ein Schüler nach sechs Jahren Sprachunterricht zur Erlangung der Fachoberschulreife können sollte, sowie das Zertifikat Plus beziehungsweise Zertifikat B2 für den Beruf. Die Niveaustufen reichen bis hin zu Cl (Fremdsprachenkaufmann) und C2 für Dolmetscher. In einigen Sprachen, darunter Deutsch und Englisch, gibt es bereits zu allen Niveaustufen standardisierte Tests.

Damit der Europäische Referenzrahmen kein theoretisches Regelwerk bleibt, gewinnt er auch an den allgemeinbildenden Schulen nach und nach an Bedeutung. So wurde im Saarland mittlerweile für den Englischunterricht der schriftliche Teil der Zertifikatsprüfung (Bl) seitens des Ministeriums für Bildung, Kultur und Wissenschaft landesweit zum Standard der Fachoberschulreife nach Klasse 10 erhoben. Gegen eine Gebühr können die Schüler auf eigenen Wunsch bei Bestehen der schriftlichen Prüfung zusätzlich den mündlichen Prüfungsteil absolvieren und erhalten dann das Zertifikat.

Zu den wesentlichen Merkmalen der Zertifikatsprüfung gehört, daß sie auf kommunikative Kompetenz in Alltagssituationen setzt. Nach wie vor ist der Fremdsprachenunterricht an deutschen Schulen fixiert auf Grammatik und Literatur. Wehe einem Schüler der Klasse 10, der das „s" in der dritten Person vergißt oder den Plural von „child" kreativ und regelkonform jedoch falsch mit „childs" bildet! Dem Lehrer sträuben sich die Nackenhaare, die Note wackelt. Gewiß, dies sind schlimme Grammatikfehler, aber dennoch kann die Kommunikation im wirklichen Leben gelingen. Zusammengefaßt: Eine fremde Sprache zu verstehen, sich in ihr schriftlich zu äußern, mag man an deutschen Schulen lernen. Defizite gibt es, wenn es darum geht, die Sprache auch zu sprechen. Denn das braucht Übung und die Überwindung von Hemmschwellen.

Ein Handikap beim Sprachenlernen in deutschen Schulen: Klassenstärken von über 30 Schülern. Solch große Klassen sind nicht dazu angetan, einem Schüler häufiger in einer Stunde das Wort zu erteilen. Auch hier werden wohl wieder einmal die Privatschulen die Vorreiterrolle übernehmen mit ihren kleineren Klassen und dem moderneren, weil kommunikativen Ansatz des Fremdsprachenlernens. So gibt es bereits private Schulen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, ihre Schüler zusätzlich zur Fachoberschulreife mit einem europäischen Sprachenzertifikat zu entlassen.

Verschiedene Niveaustufen
Der Sprachenstandard stellt exakt die gleichen Anforderungen auf den verschiedenen Niveaustufen an die Fremdsprachenlerner. Bei den schriftlichen Tests gibt es standardisierte Fragen, die zentral ausgewertet werden. Dadurch werden die Leistungen der Prüfungskandidaten in der jeweiligen Sprache, aber auch über die verschiedenen Sprachen hinweg untereinander vergleichbar werden. Die mündlichen Prüfungen werden von eigens dafür lizenzierten Schulen mit entsprechend ausgebildeten Prüfern abgenommen.

Für Deutschland werden die Testversionen von der WBT Weiterbildungs-Testsysteme GmbH in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut sowie dem Österreichischen und dem Schweizerischen Sprachverband entwickelt und evaluiert. Eine Besonderheit: Für die deutsche Sprache gibt es für das Anfängerniveau gleich zwei Versionen. Die eine ist für Sprachschüler gedacht, die Deutsch im Ausland erlernen, während die zweite thematisch auf Zuwanderer zugeschnitten ist. Sie soll zukünftig gemäß dem noch nicht verabschiedeten Zuwanderungsgesetz als sprachliche Mindestanforderung an Migranten dienen.

Auch die deutsche Industrie ist vom Europäischen Referenzrahmen angetan. Mehr als 60 Großunternehmen (von Allianz über Deutsche Telekom, Deutsche Bank, IBM, Siemens bis hin zu VW) empfehlen die Umsetzung des CEF in der Arbeitswelt und sponsern die jüngst neu aufgelegte Broschüre „Arbeitsplatz Europa Sprachkompetenz wird messbar", zu beziehen über den VDP, die WBT und den DIHK. Diese Unternehmen haben sich außerdem der EFRA angeschlossen, einem Zusammenschluß von Wirtschaftsunternehmen zum Zwecke des Erfahrungsaustausches über betriebliche Fremdsprachenqualifizierung.

Redaktionell verantwortlich: André Koch, LISUM