Zum Inhalt springen

Einführung

Als politische Ideologie ist der Salafismus eine Spielart des Islamismus. Im Folgenden finden Sie Informationen über Strömungen innerhalb des Salafismus, über die Angebote, die er speziell Jugendlichen macht – und darüber, woran man eventuell (!) erkennen kann, ob Jugendliche von salafistischer Ideologie beeinflusst sind.

Der Begriff 'Salafismus' leitet sich ab aus dem arabischen Terminus as-salaf as-salih (dt. etwa die ehrwürdigen Altvorderen). Gemeint sind damit die ersten drei Generationen von Musliminnen und Muslimen im 7. Jahrhundert. Für viele gelten sie heute als Vorbilder, an denen sie sich in der einen oder anderen Weise orientieren möchten. Als politische Ideologie ist der Salafismus jedoch eine Spielart des Islamismus. Als 'islamistisch' wird die Ideologie einer Vielzahl von Strömungen und Akteuren bezeichnet, deren Ziel es ist, Politik und Gesellschaft gemäß ihres Islamverständnisses zu gestalten. Einen Wahrheitsanspruch leiten sie aus der Überzeugung ab, dass ihr Verständnis der religiösen Quellen (Koran und Sunna) das einzig wahre und mögliche darstellt. Das führt unweigerlich zur Ablehnung und Abwertung anderer Perspektiven – gleich ob von Musliminnen und Muslimen oder Nichtmusliminnen und Nichtmuslimen. Darin gleichen Islamismus und Salafismus anderen, z.B. christlichen, Fundamentalismen.

Islamistische Organisationen unterscheiden sich gleichwohl darin, wie sie ihre Überzeugungen in der Gesellschaft durchsetzen wollen: Mehrheitlich setzen sie auf Mission, Erziehung und Überzeugungsarbeit, einige beteiligen sich an Wahlen. Andere (z.B. der „IS“ oder Al-Qaida) legitimieren Gewalt und Terror und behaupten, auf diese Weise Islam und Musliminnen und Muslime verteidigen zu müssen. Der Verfassungsschutz schätzt den Salafismus als dynamischste aller islamistischen Bewegung ein und seine Anhängerschaft auf knapp über 10.000 Personen in Deutschland. 

Diese Gruppe teilt keinesfalls eine grundsätzliche Gewaltbereitschaft. Innerhalb des Spektrums islamistischer Strömungen ist der Salafismus charakterisiert durch ein sehr rigides, wortgetreues Verständnis der islamischen Quellen. Daraus leitet sich ihr Wahrheitsanspruch auch gegenüber der großen Mehrheit von Musliminnen und Muslimen ab, die eine sinngemäße Übertragung der Quellentexte auf jeweils aktuelle Kontexte bevorzugen. Konkrete politische Ordnungsvorstellungen findet man im Salafismus jedoch nur wenige. Umso mehr konzentrieren sich Salafistinnen und Salafisten darauf, äußerliche Merkmalen (wie etwa Bekleidung) zu betonen, strenge moralische Positionen zu predigen und solche Denk- und Lebensformen zu denunzieren und zu bekämpfen, die ihnen als 'sündhaft' oder unmoralisch erscheinen. Für sie gibt es nur 'richtig' und 'falsch' bzw. 'gut' und 'böse'.

Vielfalt der Lebensstile, Pluralismus und Ambivalenzen, Toleranz und freie Meinungsbildung – diese Grundelemente demokratischen Lebens sind mit dem Salafismus unvereinbar.  Gerade über solche Fragen von Moral und Ethik im eigenen Denken und Handeln lässt sich mit Jugendlichen sehr gut sprechen und sie auf diese Weise für unterschiedliche Auffassungen und simple Lösungen sensibilisieren.

Grob skizziert lassen sich Salafistinnen und Salafisten unterteilen in:

1. 'Puristen': Ihnen geht es vor allem darum, selbst ein nach ihren Maßstäben gottgefälliges Leben zu führen. Im eigenen Leben versuchen sie ihren Vorbildern möglichst genau zu folgen – und üben keinen Druck auf andere aus.

2. 'Missionare': Missionieren sehr aktiv, erklären ihr Islam- Weltverständnis zum einzig wahren und werten andere Denk- und Lebensformen offen ab. Dabei setzen sie ihre Umgebung unter Druck – gegebenenfalls auch in Schule und Jugendeinrichtungen.

3. 'Jihadisten': Dieser sehr kleine Flügel ist bereit, seine Überzeugungen mit Gewalt zu verbreiten und durchzusetzen. Legitimiert wird das meist als Verteidigungskampf. 

Aus diesem Spektrum sind während der territorialen Expansion des „IS“ knapp 1.000 Personen nach Syrien und den Irak ausgereist. Mit den zunehmenden Verlusten der eroberten Gebiete sind auch die Ausreisen stagniert. Nun stellen die Rückkehrer und Rückkehrerinnen (ein Fünftel der Ausreisenden waren weiblich) durch ihre Indoktrinierung und u.U. eine militärische Ausbildung ein Sicherheitsrisiko dar.

Die Propaganda für den Salafismus erfolgt hauptsächlich im Internet und durch einzelne Prediger. Darüber hinaus bieten einzelne wenige Moscheegemeinden Salafistinnen und Salafisten die Möglichkeit zur Agitation bis hin zur Rekrutierung für den Jihad. In den 'normalen' Moscheen werden Jugendliche jedoch nicht salafistisch ideologisiert und radikalisiert. Ziel der Propaganda sind zum einen Nichtmusliminnen und Nichtmuslime, die vom Islam überzeugt werden sollen; zum anderen aber vor allem Musliminnen und Muslime, die den Islam anders denken und leben als Salafistinnen und Salafisten es für richtig halten. Eine große Rolle in der salafistischen Szene spielen Konvertitinnen und Konvertiten – also junge Menschen nichtmuslimischer Herkunft, die zum Salafismus konvertieren.

Sie erhalten hier einen kurzen Überblick über Themen und Fragestellungen zum Phänomen des Salafismus in Deutschland sowie erste Überlegungen und Hinweise zur Präventionsarbeit.

    1. PRÄVENTION IST NICHT DERADIKALISIERUNG:

    'Primäre' (oder universelle) Prävention ist in erster Linie Demokratieförderung. Sie richtet sich an 'ganz normale' Jugendliche weit im Vorfeld etwaiger Ideologisierung oder Radikalisierung. Sie kann überall erfolgen, wo Jugendliche 'unterwegs' sind – vor allem in Schulen und Jugendeinrichtungen. Sie soll sensibilisieren und Jugendliche vor einfachen Welt- und Feindbildern schützen. Bei der Prävention von Salafismus spielt die Bedeutung von Religion (Islam) in der Migrationsgesellschaft eine spezifische Rolle. Darin liegt die besondere Herausforderung.

    2. EINE SOZIALE FRAGE:

    Positionen und Verhalten von Jugendlichen sind meist weniger durch Religion oder die Herkunft ihrer Eltern geprägt als vielmehr durch ihr soziales Milieu.

    3. EINE FRAGE DES ALTERS:

    Jugendliche in einer freien Gesellschaft sind auf der Suche nach 'Identität' und ihrem Platz. Dabei grenzen sie sich auf manchmal extrem provozierende Weise von Eltern, Lehrerkräften oder anderen Autoritäten ab. Fragen, die Werte, Politik, Religion oder globale Konflikte betreffen, bekommen große Bedeutung. In dieser Phase der Unsicherheit und Suche nach Orientierung sind viele empfänglich für Ideologien oder charismatische Persönlichkeiten.

    4. SENSIBILISIERUNG VERSUS ALARMISMUS:

    Sensibilisierung für die Positionen und Verhaltensweisen von Jugendlichen, die möglicherweise sich und andere in Gefahr bringen oder Grundwerte gesellschaftlichen Zusammenlebens infrage stellen, ist deshalb unerlässlich. Alarmismus und eine 'Kultur des Verdachts' hingegen wären hinderlich und kontraproduktiv.

    5. SALAFISMUS IST NICHT ISLAM:

    Die salafistische Ideologie widerspricht Grundwerten demokratischen Zusammenlebens. Islam und Demokratie (oder: Scharia und Grundrechte) sind hingegen gut vereinbar. Jungen Musliminnen und Muslimen sollte nicht suggeriert werden, sie müssten sich für das eine (Demokratie) und gegen das andere (Islam) entscheiden. Vielmehr gilt es, die Werte und unterschiedliche Lebenswelten positiv miteinander zu verbinden.

    6. SALAFISMUS IST NICHT DSCHIHADISMUS:

    Meist wird unter Salafismus gegenwärtig Gewalt und Terror verstanden. Zu 'Dschihadisten' zählen aber nur die wenigsten Salafistinnen und Salafisten. Der Fokus auf den Islamischen Staat (IS) und den Krieg in Syrien/Irak verstellt Optionen für die Präventionsarbeit. Denn Probleme mit salafistischer Ideologie beginnen weit vor der Legitimation und Anwendung von Gewalt, etwa weil sie andere abwertet und freiheitsfeindlich (anti-pluralistisch) ist.

    7. DIE 9/11-GENERATION:

    Vom Salafismus angezogen werden auch nichtmuslimische deutsche Jugendliche. Die Mehrheit jedoch sind junge Musliminnen und Muslime. Sie gehören zu einer Generation, die in den 90er und 2000er Jahren in Deutschland geboren ist – und viele haben Ablehnung und Diskriminierung erlebt. Viel mehr als ihren Eltern ist ihnen aber bewusst, dass Deutschland ihr Land ist. Umso selbstbewusster und offensiver sind sie auf der Suche nach Anerkennung und Zugehörigkeit, die sie einfordern – einschließlich ihrer 'kleinen Unterschiede' in Traditionen, Herkünfte und Religionen (wenn ihnen diese wichtig sind). Das sind grundsätzlich legitime, emanzipatorische und integrative Positionen.

    8. PROVOKATION IST NICHT SALAFISMUS:

    Das gilt auch, wenn diese Positionen und Bedürfnisse in nicht akzeptabler Form in Erscheinung treten. So hat provokatives oder aggressives Verhalten von Jugendlichen etwa im Schulalltag in der Regel zunächst nichts mit salafistischer Ideologisierung zu tun. Vielmehr handelt es sich meist um Ausdrucksformen von Jugendlichen, die auf der Suche nach Zugehörigkeit und Anerkennung sind – deren Verhalten im pädagogischen Alltag jedoch oft eine große Herausforderung darstellt.

    9. SCHEICH GOOGLE:

    Im Zuge dieser Suchbewegungen einer ganzen Generation Jugendlicher und junger Erwachsener stoßen sie nicht zuletzt im Internet zwangsläufig auf die Angebote von Salafistinnen und Salafisten: In einer Migrationsgesellschaft, die ihre Versprechungen noch nicht eingelöst hat, verheißen sie Jugendlichen, die weder in Familie und Moschee noch in Schule und Gesellschaft Räume für ihre Fragen und Konflikte finden, Gemeinschaft, Selbstbewusstsein und klare Orientierung.

    10. SALAFISMUS ALS CHANCE:

    Wenn also die Gesellschaft und ihre Institutionen solche Räume nicht zur Verfügung stellen, dann kommen andere und geben ihre Antworten. Der Salafismus könnte vor diesem Hintergrund als Chance betrachtet werden: Er zwingt uns, die Werte des demokratischen und pluralistischen Zusammenlebens im 'globalisierten Klassenzimmer' neu zu begründen und Jugendlichen lebensweltnah anzubieten – einschließlich religiöser Perspektiven.

    11. WER ÜBER ISLAMISMUS REDEN WILL…

    … darf über Islamfeindlichkeit nicht schweigen. Rassismus und Islamfeindlichkeit sind in der Gesellschaft weit verbreitet und machen auch vor Pädagoginnen und Pädagogen in Schulen und Jugendeinrichtungen nicht halt! Der Salafismus setzt an den entsprechenden Alltagserfahrungen von Jugendlichen an. Prävention, das zeigt die Erfahrung, muss das auch tun.

    12. WAS SCHAFFEN SALAFISTEN, DAS WIR NICHT SCHAFFEN?

    Signale von Anerkennung, Wertschätzung und Zugehörigkeit sind die beste Prävention. Denn Bindung kommt vor Bildung (oder: Beziehung vor Erziehung). Die Jugendlichen wollen nicht 'verändert' werden und gesagt bekommen, wie sie leben sollen. Das bringt sie nur in eine Selbstbehauptungshaltung. Vielmehr sollten wir sie fragen, wie sie leben wollen. Sich selbst Gedanken zu machen und eigene Perspektiven zu entwickeln, ist nicht nur die beste Prävention. Es ist auch die beste Demokratie'erziehung'! Dazu müssen Pädagoginnen und Pädagogen nicht theologisch versiert oder Islamismusfachleute sein.

    UND NICHT ZU VERGESSEN: THE KIDS ARE ALLRIGHT!

    Die Jugendlichen verdienen unser Vertrauen und unsere Anerkennung, die allermeisten haben mit radikalen Positionen nichts am Hut. (Und selbst wenn, brauchen sie unsere Zuwendung erst recht.) Misstrauen, Skepsis, Zuschreibungen sowie Problem- und Defizitwahrnehmungen fördern eher Konflikte und problematische Positionen, als dass sie solchen vorbeugen würden. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel, denn diese Jugendlichen wünschen und fordern Zugehörigkeit und Teilhabe. Ihnen Räume zu geben, erfordert manchmal Mut und Vertrauen. Haben Sie diesen Mut. Es lohnt sich. Denn: The kids are allright!

    Prävention findet im Kontext der 'Risikogesellschaft' (Ulrich Beck) statt. Dabei soll möglichen Problemlagen, Gefahren und Krisen vorgebeugt werden, statt bereits entstandene zu bekämpfen. Der Begriff ist nicht ganz unstrittig, da mittels 'Prävention' Bedrohungen auch erst als solche erzeugt oder verstärkt und ganze Personengruppen stigmatisiert werden können. Das bedeutet, dass Präventionsarbeit sich immer in einem normativen Feld von potentiellen Zuschreibungen bewegt, daher einer achtsamen und selbstreflexiven Haltung bedarf – und durchaus auch scheitern kann.

    In der Präventionsarbeit unterscheidet man in der Regel drei unterschiedliche Ebenen: Die primäre Prävention (häufig auch als universelle Prävention bezeichnet), die sekundäre Prävention (oder auch selektive Prävention) und die tertiäre Prävention (oder auch indizierte Prävention). Während die primäre Prävention in erster Linie nicht Verhaltensweisen verhindern, sondern erwünschte Haltungen stärken will und auf die Stabilisierung von jungen Menschen auf breiter Ebene zielt, richten sich Angebote der sekundären Prävention an Personen, deren Lebenssituation bereits als belastet und deren Positionen bereits als ideologisiert gelten. Tertiäre Präventionsarbeit adressiert Menschen, die bereits in (z.B.) kriminelle Aktivitäten und Strukturen verstrickt sind und versucht sie aus diesen herauszulösen. [Zur Präventionsarbeit im Themenfeld:  Ceylan/Kiefer (2013)]  

    Im Zusammenhang einer Prävention religiös begründeter Ideologisierung und Radikalisierung bedeutet primäre Prävention in erster Linie, Jugendlichen Anerkennung und Zugehörigkeit zu vermitteln, demokratische Werte und Partizipation zu stärken ("Wie wollen wir leben?") und sich kritisch mit freiheitsfeindlichen Ideologien und Verhaltensweisen auseinanderzusetzen. All dies findet in der Regel in der Arbeit mit 'gemischten Gruppen' statt und richtet sich an 'ganz normale' Jugendliche. In den Bereich der Sekundärprävention fällt die Arbeit in ein bereits gefährdetes oder ideologisiertes Umfeld, wie bspw. aufsuchende Straßensozialarbeit oder Arbeit mit Fachkräften, die mit diesem in Kontakt sind und einzelne Jugendliche und junge Erwachsene gezielt ansprechen. Tertiäre Prävention im Bereich der Radikalisierungsprävention richtet sich gezielt an einzelne Menschen, die bereits in ideologisierten und/oder gewaltorientierten Strukturen eingebunden sind; in der Regel geht es hierbei um die Ermöglichung eines Ausstiegs aus diesen Szenen und Ideologien. Es ist anzumerken, dass sekundäre und erst recht tertiäre Prävention in der Regel nicht mehr im Rahmen von Schule und Jugendeinrichtung stattfindet, sondern mit Unterstützung durch staatliche oder zivilgesellschaftliche in diesem Feld tätige Einrichtungen und Organisationen!  

    Deshalb noch einmal: Primäre Prävention setzt sich z. B. in Schule und Jugendarbeit mit 'ganz normalen' Jugendlichen im Vorfeld von etwaiger Ideologisierung oder gar Radikalisierung auseinander. Jugendliche sollen geschützt und sensibilisiert werden für einfache Weltbilder und Angebote. Das nicht zu vergessen, ist gerade angesichts der Wirkung von religiös-politisch motivierten Attentaten von besonderer Bedeutung. Denn wenn wir die Jugendlichen und ihr oftmals schwieriges Verhalten durch eine 'IS-Brille' betrachten (wir tun das z. B. auch, wenn wir eine Distanzierung von ihnen erwarten), werden wir ihnen nicht gerecht. Im Gegenteil.

    Redaktionell verantwortlich: Ralf Dietrich, LISUM