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Orthografische Strategie

Die orthografische Strategie

Die orthografische Strategie stellt im Stufenmodell von SCHEERER-NEUMANN die dritte Phase der Leseentwicklung dar. Das Kind vollzieht einen weiteren Schritt, der über die alphabetische Strategie hinausgeht.


Während zunächst die Leistung des Kindes darin bestand, jedes einzelne Graphem in einen Laut umzusetzen und Wörter synthetisierend zu erlesen, geht es im nächsten Schritt um die Bildung und Nutzung über den Einzelbuchstaben und die einfach strukturierte Silbe (Konsonant-Vokal) hinausgehender orthografischer Verarbeitungseinheiten.
Solche so genannten funktionalen Einheiten sind

  • häufige Silben wie <fen> und <gen>,
  • Morpheme wie <ver->, <-heit>,
  • Signalgruppen (häufig vorkommende Buchstabenfolgen, die keine Silbe und kein Morphem bilden) wie <itz> oder <atz>,
  • Sichtwörter wie <und> oder <der> .

Das Repertoire derartiger funktionaler Einheiten wächst mit zunehmender Lesefertigkeit und die Größe der Verarbeitungseinheiten nimmt zu. Dies ist für die anzustrebende flüssige Leseleistung relevant, da unser Arbeitsgedächtnis nur jeweils sieben (plus/minus zwei) Einheiten speichern kann - egal, ob diese Einheit ein einzelnes Graphem oder eine Signalgruppe ist. Genauso wichtig ist das flexible Umgehen mit den verschiedenen Verarbeitungseinheiten, da Kinder individuelle Vorlieben für unterschiedliche Segmentierungsstrategien haben. Außerdem hängt die Art der Zusammenfassung der Verarbeitungseinheiten auch von der Anforderung ab. So kehren selbst kompetente Leser/innen beim Lesen von Beipackzetteln von Medikamenten wieder zu kleineren Verarbeitungseinheiten zurück, wie z.B. beim Wort "Opipramoldihydrochlorid".


Da die 100 häufigsten Wörter ca. 50% eines Textes ausmachen, ist es gerade für Kinder mit Problemen beim Schriftspracherwerb eine große Erleichterung, wenn sie diese auf Anhieb lesen und auch richtig schreiben können.
Ein weiteres Kennzeichen der orthografischen Strategie ist, dass auch nicht lautgetreue Schreibungen jetzt bereits beim ersten Versuch korrekt gelesen werden und orthografische Besonderheiten wie z.B. die Vokallängenmarkierung bei unbekannten Wörtern oder auch bei Pseudowörtern erkannt werden.
Die Basis für die Entwicklung der orthografischen Strategie wird im Anfangsunterricht gelegt. Untersuchungen haben ergeben dass die Fähigkeit, relativ früh Wortteile zu erlesen und Wörter zu strukturieren, die Unterschiede zwischen guten und schwachen Leserinnen und Lesern ausmacht. Das bedeutet, dass für manche Kinder ein Vielfaches an Lernangeboten in diesem Bereich zur Verfügung gestellt werden muss. Deshalb kann auch in den späteren Schuljahren nicht auf Lernangebote zur Beherrschung dieser Strategie verzichtet werden.

Pädagogische Diagnostik auf der orthografischen Stufe
  • Liest das Kind kurze Funktionswörter flüssig?
  • Synthetisiert das Kind längere Wörter mit oder ohne Segmentierung in Verarbeitungseinheiten?
  • Wird der Kontext in angemessener Form oder häufig kompensatorisch genutzt?
  • Werden häufig sinnentstellende Wörter gelesen, weil sich das Kind lediglich an auffälligen visuellen Merkmalen orientiert?
Mögliche Ursachen für Unsicherheiten auf der orthografischen Stufe
  • geringe Speicher- bzw. Merkfähigkeit
  • fehlende Automatisierung wegen mangelnder Übung
Lernangebote zur Entwicklung der orthografischen Strategie
  • Spiele, die zum Unterscheiden ähnlicher Wörter herausfordern
  • Lesespiele mit häufig vorkommenden Morphemen und Signalgruppen
  • diverse Übungen zur Erfassung häufig vorkommender Wörter

Lernangebote zur Entwicklung der orthografischen Strategie (pdf - 1,2 MB)

Redaktionell verantwortlich: Erna Hattendorf