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Grundlagen

Kindliche Entwicklung und ihre Bedeutung für die Mobilitätsbildung

Um am Verkehr aktiv teilnehmen zu können, sind nicht nur Kenntnisse von Regeln erforderlich, sondern es werden auch hohe Anforderungen an die Wahrnehmung und Konzentration gestellt. Diese bewältigen Kinder nicht allein durch Üben. Ihre Entwicklung weist Besonderheiten auf. Diese sind nicht nur bei Schulanfängerinnen und Schulanfängern für die Bewältigung des Schulwegs zu berücksichtigen, auch bei der Radfahrausbildung im 4. Schuljahr ist es normal, dass Kinder noch nicht alle erforderlichen Fähigkeiten vollständig ausgeprägt sind.

Die folgenden Aspekte kindlicher Entwicklung weisen darauf hin, was bei der Teilnahme am Straßenverkehr zur berücksichtigen ist. Nicht die Augen davor zu verschließen, sondern entwicklungsgemäß und nicht überfordernd damit umzugehen ist Aufgabe der Verkehrserziehung.

Das Blickfeld von Kindern ist begrenzt. Beim Schuleintritt ist das Blickfeld von Kindern noch um etwa ein Drittel kleiner als das von Erwachsenen. So können sie mögliche Gefahren, die Erwachsene im „Augenwinkel“ erkennen, nicht wahrnehmen, da ihnen das periphere Sehen fehlt. Erst im Alter von 8-9 Jahren erweitert sich ihr Blickfeld. Hinzu kommt, dass Kinder durch ihre egozentrische Raumwahrnehmung noch davon ausgehen, dass sie von dem Auto auch gesehen werden, wenn sie es sehen. Auch die Tiefenwahrnehmung, also die Wahrnehmung von Größe des Objekts und Anordnung im Raum ist erst mit etwa 9 Jahren voll ausgeprägt. Und auch die Einschätzung von Entfernung und Geschwindigkeit  ist schwierig. Da ihre Vorstellungen über Geschwindigkeiten unzureichend sind, können sie nicht abschätzen, wie schnell sich ein Fahrzeug nähert. (Auch bei Schulkindern der 5. Klassenstufe lässt sich dies oft beobachten, wenn sie an der Aktion Achtung/Vorsicht Auto teilnehmen, bei der es u. a. um das Einschätzen der Geschwindigkeit und des Bremsweges eines Autos geht.)

Kinder hören anders als Erwachsene. Das  Richtungshören ist noch nicht ausgeprägt. Dies trifft speziell für Kinder beim Schulanfang und in den ersten Schuljahren zu. Sie können die Richtung, aus der ein Geräusch kommt, nicht genau lokalisieren. Nähert sich ein hupendes Auto, ein lautes Motorrad oder ein Einsatzfahrzeug mit Signalhorn kann es vorkommen, dass Kinder nicht bestimmen können, aus welcher Richtung das Geräusch oder Signal kommt.

Auch aufgrund ihrer Körpergröße haben Kinder, vor allem jüngere Schulkinder einen anderen Blickwinkel als Erwachsene. Sie können z.B. über parkende Autos nicht hinwegsehen. Beim Radfahren werden die nötigen Mehrfachaufgaben wie treten, lenken, Gleichgewicht halten, Handzeichen geben, die komplexe Verkehrssituation wahrnehmen und richtig darauf reagieren, noch schwieriger. Bei Überforderung reduzieren Kinder die Wahrnehmung.

Kinder überhören Geräusche, obwohl ihr Hörvermögen ausgeprägt ist. Sie sind so auf ihr Spiel konzentriert, dass sie vom Verkehrsgeschehen abgelenkt sind. Und auch wenn sie auf den Verkehr achten, müssen sie das Wesentliche der Verkehrssituation von dem unwesentlichen Entdecken eines Freundes unterscheiden.

Kinder können Gefahren kaum abwägen. Ihnen fehlt das „Vorausahnen“ von Situationen. Sie können das Verhalten anderer nicht einschätzen. Es ist ihnen kaum möglich, die eigene Geschwindigkeit, die der anderen Verkehrsteilnehmer sowie Entfernungen zu anderen Verkehrsteilnehmern realistisch zu bemessen. Beispielsweise glauben Kinder, dass ein Fahrzeug sofort anhalten kann, wenn dies zu einer Bremsung gezwungen wäre.


Gesellschaftliche Teilhabe durch Mobilität

Inklusion ist nicht allein schulische Aufgabe, sondern bedeutet gesellschaftliche Teilhabe. Um diese zu ermöglichen, ist Mobilität eine Voraussetzung. Doch geht es hierbei nicht allein darum, Schulen barrierefrei zu gestalten, wenngleich schon das gar nicht so einfach ist. Mit dem Rollstuhl fahrende Menschen haben ganz andere Bedürfnisse der Barrierefreiheit als beispielsweise zu Fuß Gehende mit einer Sehbehinderung, die entsprechend taktile Orientierungshilfen benötigen. Und wiederum anders sind die Bedürfnisse von Menschen, die in ihrem Lernen in unterschiedlichem Umfang beeinträchtigt sind. Das Patentrezept für die Mobilität im Schulgelände und auf dem Schulweg gibt es ebenso wenig wie für das übergreifende Unterrichtsthema „Mobilität“. So können hier nur einige Anregungen gegeben werden und für und mit den jeweiligen Schülerinnen und Schülern, ihren Eltern und pädagogischen und anderen Fachleuten nach den individuell guten Lösungen gesucht werden.

Es gibt nur noch einen Rahmenlehrplan für alle Schülerinnen und Schüler von der ersten bis zur zehnten Klasse. Darin sind alle Schüler mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf eingeschlossen. Nach den Grundsatz der Inklusion werden die Unterschiede der Schülerinnen und Schüler als Vielfalt verstanden, die eine Bereicherung und Ressource darstellt und diese gezielt und konstruktiv in den Unterricht und das Schulleben einbezieht. Insofern gelten die Kompetenzen und Standards, die Themen und Inhalte gleichermaßen auch für Schüler mit Förderbedarf, mehr noch, gerade die übergreifenden Themen wie die Mobilitätsbildung und Verkehrserziehung nutzen die unterschiedlichen Voraussetzungen für die Gestaltung einer demokratischen Schulkultur und Begleitung auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben.

Die Lehrkräfte werden für die Arbeit mit Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf durch eine eigene Handreichung in ihrer Arbeit unterstützt. Bezogen auf die Mobilitätsbildung und Verkehrserziehung finden Sie hier Hinweise für eine gemeinsame Verkehrserziehung. Die allgemeinen Grundsätze der Mobilitätsbildung und Verkehrserziehung sind Handlungs-, Erfahrungs- und Umgebungsorientierung sowie Individualisierung. Die Individualisierung berücksichtigt die pädagogischen Grundsätze der Anschaulichkeit, des Lernens in kleinen Schritten, der Isolierung von Schwierigkeiten, des Übens und Wiederholens und ermöglicht insbesondere im Lernen beeinträchtigten Schülern die Mitarbeit, ist aber für die ganze Lerngruppe hilfreich.

Die Regeln zu „leichter Sprache“ sollen bekannt sein und angewandt werden, um die erforderliche Verständlichkeit zu erreichen.

Unterrichtsdemonstrationen und Projekttage bieten oft ein Überangebot an Informationen und finden gerade im Bereich Mobilität auch an Orten mit hoher Ablenkung statt. Deshalb dürfen diese Angebote nicht isoliert durchgeführt werden, sondern bedürfen der guten pädagogischen Vor- und Nachbereitung.

Konkrete Hinweise für Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigungen sind zu finden auf der Seite www.kompetent-mobil.de und dem dazugehörigen Handbuch.

Aus der selbstständigen Bewältigung auch längerer Fahrstrecken mit dem ÖPNV, beispielsweise auf dem Schulweg, kann noch nicht darauf geschlossen werden, dass der Schüler auch in der Lage ist, ihm unbekannte Orte zu wechselnden Zeiten zu erreichen. Hier können Fahrplan-Apps inzwischen eine große Hilfe sein. Lediglich Start und Ziel müssen eingegeben werden und der Sinn eines Zeitintervalls für die Abfahrt oder bei den Erkundungen besser für die Ankunft muss verstanden werden. Liegen die Angaben für die Verbindung vor, müssen diese von den Schülern verstanden werden. Folgende Fragen werden im Vorfeld einer Erkundung immer wieder geklärt: Mit welchem Verkehrsmittel fährst du?, Was steht an dem Bus für ein Ziel? An welcher Haltestelle steigst du aus? Was machst du dann?

Die von den Verkehrsverbünden und Verkehrsunternehmen angebotenen Praxistage Bus, Tram und U-Bahn sind nicht nur für Kinder mit Beeinträchtigungen ein gutes Angebot des Praxislernens für den ÖPNV. Auch die Wege zu außerschulischen Lernorten (Zoobesuch) sollten als Möglichkeit kontinuierlicher Verkehrserziehung verstanden werden. Beispielsweise ist manchen Schülern nicht bewusst, dass der Straßenname „Holzhauser Straße“ nicht nur den 2 km entfernten U-Bahnhof bezeichnet, sondern die in unmittelbarer Schulnähe befindliche Straße meint.

Auch für Schülerinnen und Schüler, die ihren Schulweg nicht selbstständig bewältigen können, ist eine Schulwegbegleitung einer Schulbusbeförderung vorzuziehen.

Um an der Radfahrausbildung teilzunehmen, ist das Beherrschen des Fahrrades erforderlich. Dem motorischen Radfahrtraining kommt demnach große Bedeutung zu. Übungen mit Rollern und Kinderfahrrädern können so schon in der 1. Klasse beginnen und neben dem Sportunterricht auch innerhalb des Ganztagsunterrichts erfolgen. Anleitung dazu gibt das Material Velofit. Auch wenn die Teilnahme an der praktischen Radfahrprüfung das Bestehen der Theorie voraussetzt, sollten trotzdem alle Schüler am Unterricht immer beteiligt sein, unabhängig davon, ob sie selbst die Prüfung ablegen werden. Für die Radfahrprüfung ist ggf. ein Nachteilsausgleich zu gewähren. Für die theoretische Prüfung kann das neben einer Zeitverlängerung auch das Vorlesen der Prüfungsfragen sein, denn es geht für die Prüfung nicht um die Lesekompetenz. Auch ein Prüfungsgespräch statt der schriftlichen Prüfung ist denkbar. Die Möglichkeit die Radfahrprüfung erst in der 5. oder 6. Klasse abzulegen, ist zu überdenken. In der Förderschule „Lernen“ erfolgte das schon bisher, da die Entwicklung für die Teilnahme am Straßenverkehr zumal bei früherem Einschulungstermin in der 4. Klasse noch nicht abgeschlossen ist. Einige Jugendverkehrsschulen haben inzwischen Spezialräder für Menschen mit besonderen Bedürfnissen angeschafft. Doch wird es auch erforderlich sein, das eigene Fahrrad zu verwenden, das den individuellen Bedürfnissen am besten angepasst ist.

Dem Verstehen von Bildzeichen muss im Unterricht mit Schülern mit einer Beeinträchtigung eine größere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Wahrscheinlich ist das erst möglich, wenn man sich selbst verdeutlicht, wie sehr wir mit öffentlichen Bildzeichen nicht nur im Straßenverkehr konfrontiert werden. Wahrscheinlich verstehen wir selbst nur wenige davon, ob im Straßenverkehr, bei der Wäschepflege, der Gefahrenkennzeichnung, auf Elektrogeräten, der unterschiedlichen Symbole innerhalb von Gebäuden beispielsweise oder auf Verpackungen. Dabei werden sowohl Piktogramme als schematische Repräsentanten eines Objekt als auch Symbole als willkürlich gewählte Zeichen verwendet. Gerade bei Verkehrszeichen handelt es sich auch um eine Kombination aus beidem. Beispielsweise ein Fahrrad auf blauem Grund oder auf weißem Grund umrandet mit einem roten Kreis bzw. Dreieck. Jedes dieser Zeichen hat natürlich seine unterschiedliche Bedeutung. Da all diese Bildzeichen jedoch eine Einwegkommunikation darstellen, kann der Radfahrer nicht eben mal anhalten und nachfragen. Auch die Verwendung geeigneter Apps ist in der konkreten Situation meist nicht möglich. Insofern ist erkennbar, dass das Verstehen von Bildzeichen als Randthema des Schriftspracherwerbs als wichtiges Thema beispielsweise innerhalb der Verkehrserziehung erkannt und ihm unter Berücksichtigung der Inklusion mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden muss. Als weitere Herausforderung kommt hinzu, dass die Verkehrszeichen sich am besten im Kontext der realen Situation erschließen, also Verkehrsbeobachtungen wichtig sind, andererseits jedoch die Verkehrswelt so komplex ist, dass sie zu Ablenkungen verleitet. Film- und Bildmaterial können dabei eine gute Ergänzung sein. Ein hilfreiches Memory, das leider nicht mehr im Handel ist, bestand aus jeweils 4 Karten und zeigte nicht nur das Verkehrszeichen und seine amtliche Bezeichnung sondern darüber hinaus ein Foto des Verkehrsschildes in der Verkehrsumgebung sowie eine umgangssprachliche Handlungsanweisung. So etwas als Karteikarten oder Plakate zu erstellen, könnte ein wichtiges und kontinuierliches Projekt zum Bildzeichenlesen sein.