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Station 03

Station 03: Der Vorwärts – Arbeiterbewegung und Pressefreiheit

von Moritz Felgner

In der Lindenstraße 3 – inmitten des damaligen Zeitungsviertels – befand sich der letzte Sitz des Vorwärts, des Zentralorgans der SPD, bis die Zeitung 1933 von den Nazis verboten wurde. Nach dem Reichstagsbrand in der Nacht vom 27. zum 28. Februar 1933 wurde die Produktion des Vorwärts durch Polizisten gewaltsam gestoppt. Die Nazis führten damit ihre Gleichschaltungspolitik, also die erzwungene Entmachtung und zentrale Lenkung aller gesellschaftlichen Organisationen, im Medienbereich fort. Nicht nur „jüdische Verlage“ und die Presse linker politischer Parteien waren betroffen, sondern auch alle großen Verlage wie Mosse, Scherl und Ullstein, deren Medienmacht die Nazis systematisch brachen bzw. sich ihrer bedienten, um sie als Propaganda-Instrument nutzen zu können. Opfer waren alle demokratischen und liberalen Kräfte, die mit der Abschaffung der Pressefreiheit mundtot gemacht werden sollten.

Bis 1933 arbeiteten in der Lindenstraße nicht nur die Redaktion und die Buchdruckerei des Vorwärts, sondern auch der SPD-Parteivorstand und die SPD-Parteischule. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts galt dieser Komplex für die politische Rechte als „rote Hochburg“. Insbesondere in den stürmischen Revolutionstagen um 1918/1919 stand der Vorwärts im Zentrum der Auseinandersetzungen innerhalb der linken Kräfte. Ein Höhepunkt war die vom Spartakusbund initiierte gewaltsame Besetzung des Zeitungsviertels im Januar 1919. Der Vorwärts sah sich in der Weimarer Republik wie die anderen Zeitungen, die die demokratische Verfassung unterstützten (z. B. das Berliner Tageblatt aus dem Mosse-Verlag), den Attacken rechtsnationalistischer Kräfte wie der Deutschnationalen Volkspartei und den von links gegen die parlamentarische Demokratie wirkenden Kräften wie der KPD ausgeliefert.

Zur Entstehungsgeschichte des „Vorwärts“

Mit der Emanzipierung der Arbeiterbewegungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verstärkten sich auch ihre Medienaktivitäten. Die Gründung von Parteizeitungen war die Folge. Sie spielten eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Ideen und Informationen in der Arbeiterschaft. Sprachrohr des 1863 von Ferdinand Lassalle gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins war seit dem 15. Dezember 1864 der in Berlin erscheinende Social-Demokrat, ab 1871 unter dem Titel Neuer Social-Demokrat. Daneben gab es das Volksblatt, das Organ der von August Bebel und Wilhelm Liebknecht 1869 in Eisenach gegründeten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Als sich die beiden Parteien 1875 in Gotha zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands vereinigten, wurde entsprechend dem Parteistatut „eine Zeitung als Organ unter dem Namen Volksstaat“ gegründet. Erst ein Jahr später wurden beide Parteizeitungen verschmolzen. Der in Leipzig erscheinende Vorwärts wurde zum offiziellen Parteiorgan deklariert. Die Verfasser des Gothaer Programms Wilhelm Liebknecht und Wilhelm Hasenclever übernahmen die Redaktionsleitung.

Das Verbot der SPD durch das Bismarck´sche Sozialistengesetz von 1878 traf nicht nur den Vorwärts, sondern insgesamt 42 sozialdemokratische Zeitungen, deren Herausgabe bis 1890 verboten war. Am 1. Januar 1891 erschien der Vorwärts wieder als Zentralorgan, nunmehr aus Berlin. Man nutzte dabei die Erfahrungen der Berliner Parteiorganisation, die im genossenschaftlich organisierten Selbstverlag seit 1876 die Berliner Freie Presse – seit 1884 unter dem Titel Berliner Volksblatt – mit Erfolg herausgebracht hatte.

Zur Jahrhundertwende geriet die Vorwärts-Redaktion in zunehmenden Konflikt zum SPD-Parteivorstand. Der Beginn des Ersten Weltkrieges brachte den lange schwelenden Konflikt zum Ausbruch. Nach der Zustimmung der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion für die Bewilligung der Kriegskredite richteten neun Redakteure öffentliche Kritik gegen die Haltung der Fraktion und die Politik des Parteivorstandes. Nach misslungenen Schlichtungsversuchen erklärte der Parteivorstand schließlich, dass er nicht mehr die Verantwortung für den Vorwärts übernehme. Hier zeichnete sich bereits die spätere Abspaltung der USPD ab.

In den 1920er-Jahren konnte der Vorwärts seine Leserschaft ausweiten. Die sozialdemokratische Presse insgesamt erzielte ihre größte Ausbreitung 1929 mit 203 SPD-Zeitungen. Anfang der 1930er-Jahre wurden jedoch die SPD-Blätter zunehmend politisch unter Druck gesetzt. Im August 1932 erhielt der Vorwärts vom Berliner Polizeipräsidenten eine Verwarnung, weil die Zeitung von einem „Missbrauch des Notverordnungsrechtes“ gesprochen hatte. Am 2. Februar 1933 wurde der Vorwärts wegen des Aufrufs zu einer Kundgebung gegen Hitler für vier Tage verboten. Der aufhebende Bescheid des Reichsgerichts half auch nichts mehr. Am Tag darauf endete die Pressefreiheit mit der Verordnung des Reichspräsidenten „zum Schutze des deutschen Volkes“.

Der „Vorwärts“ im Nationalsozialismus

Die NS-Propaganda stempelte die linken Arbeiterparteien zu „jüdischen Bewegungen“ ab. Der Vorwärts wurde als „Judenblatt“ diffamiert. Ab 1933 wurden also auch die Zeitungsmacher des Vorwärts verfolgt. Mit der „Gleichschaltung“ der Presse durch die Nationalsozialisten hatten ebenfalls die bürgerlichen Verlage wie Mosse und Ullstein erhebliche Repressalien zu erleiden, mussten zwangsweise verkaufen und gerieten so unter die Kontrolle des NS-Regimes.

Im doppelten Sinne verfolgt waren die jüdischen Journalisten des Vorwärts. Dazu gehörte z. B. Jakob Altmaier. Er wurde 1889 in Flörsheim geboren. Von der Politik August Bebels geprägt, trat Altmaier 1913 der SPD bei und nahm im November 1918 aktiv an der Revolution in Frankfurt am Main teil. In der Weimarer Republik verfasste er in verschiedenen internationalen und nationalen Zeitungen, so auch im Vorwärts, eine Vielzahl politischer Artikel, die wegen einer genauen Beobachtung und Analyse der politischen Entwicklung weithin Beachtung fanden. Nach seiner Flucht aus Deutschland 1933 lebte und arbeitete er als Reporter bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges in vielen verschiedenen Ländern, so u. a. in Frankreich, Großbritannien und Jugoslawien.

Zusammen mit dem SPD-Exilparteivorstand emigrierte auch die Vorwärts-Redaktion zunächst nach Prag und später nach Paris, von wo aus der Neue Vorwärts bis 1940 fortgeführt wurde. Er diente den in Deutschland verbliebenen Widerständlern mit seinen eingeschmuggelten Exemplaren als wichtige Informationsquelle.

Mit der Kenntnis des Holocaust wendete sich Jakob Altmaier mehr und mehr seiner jüdischen Herkunft zu. Obwohl die Nazis viele seiner Familienangehörigen ermordet hatten, kehrte er 1949 nach Deutschland zurück, um am Aufbau eines neuen, demokratischen Deutschlands mitzuwirken. Er wurde in den ersten Deutschen Bundestag gewählt. Im Auftrag der Bundesregierung wirkte er als Mittler und hatte damit einen wichtigen Anteil am Zustandekommen des deutsch-israelischen Wiedergutmachungsabkommens von 1952.

Nach dem Ende des Hitlerregimes unternahm die sozialdemokratische Presse einen Neuanfang. 1948 wurde der Vorwärts neu gegründet und übernahm seine traditionelle Rolle als zentrales Parteiorgan und Sprachrohr der deutschen Sozialdemokratie.