Zum Inhalt springen

Quellen

Quellen

Ein Geschichtsmuseum vermittelt Geschichte und Geschichtsbilder anhand von Objekten und Hinterlassenschaften. Das Jüdische Museum Berlin soll darüber hinaus aber auch an den Verlust von Menschen und die Zerstörung ihrer Hinterlassenschaften erinnern.

 

Quelle 1:

„Jüdische Museen sollen und wollen sich einer paradoxen Aufgabe stellen: an den Holocaust erinnern und dafür sorgen, dass die künftigen Generationen von dieser Geschichte erfahren und das Publikum gleichzeitig darüber aufklären, dass es eine jüdische Geschichte vor der Massenvernichtung und unberührt von ihr gegeben hat […] In keinem jüdischen Museum fehlen Räume, die dem Gedenken und dem Gedächtnis der durch die Nationalsozialisten ermordeten Juden gewidmet sind, die Ausgangspunkte für die Planung und Gründung dieser Museen sind. Damit stehen jüdische Museen in einer Tradition von gesellschaftspolitischen Einrichtungen, die eine öffentliche Position und Bewertung beziehen und die daher mehr wollen, als Sammlungsgegenstände historisch einzubetten.“

 

Cilly Kugelmann, seit 2003 Programmdirektorin des Jüdischen Museums Berlin, im Jahr 2001 in einer Sonderbeilage der Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung

 

Quelle 2:

„Im Gegensatz zu der kulturellen Selbstbeschreibung jüdischer Vorkriegsmuseen erzählen Jüdische Museen [in Deutschland] heute die Geschichte derer, die ermordet wurden, – und zwar in dem Land der Täter. Sie sind Orte der Bewahrung von Objekten, während ihre Besitzer ermordet wurden, und gleichzeitig Gedächtnisorte an die Verbrechen. Jüdische Museen erfüllen allgemeine […] Funktionen: sie unterhalten, informieren, sammeln, präsentieren kulturelle Artefakte, dokumentieren und erzählen Geschichte. Sie müssen sich gezwungenermaßen aber auch mit einer anderen, mit der jüdischen Geschichte Europas eng verknüpften Geschichte auseinandersetzen: der Verfolgung und Zerstörung jüdischen Lebens und jüdischer Kultur sowie den Fragen nach Verantwortung und Schuld.“

 

Historikerin Katrin Pieper in einer Studie über das Jüdische Museum Berlin und das Holocaust Memorial Museum in Washington, USA; Worterklärungen: Gedächtnisorte - Orte, die Erinnerungen bewahren oder an denen eine Erinnerung wachgehalten wird; Artefakt - Erzeugnis, Objekt

 

Quelle 3:

Museen bewahren materielle Zeugnisse, die etwas aussagen über historische Gewissheiten und Unklarheiten, über Wahrheit und Lüge, Schönheit und Kitsch. Die Aufgabe historischer Museen ist es, je nach Auftrag und Sammlungsprofil, aus der Fülle an Ereignissen jene Episoden herauszugreifen, die durch überlieferte materielle Kultur dokumentiert und interpretiert werden können. […]

 

Ein Museum als Schau-und Lernort für ein nicht in erster Linie vorgebildetes und informiertes Publikum war die Aufgabe, die man sich in Berlin gestellt hat. Dabei waren aber nicht nur methodische museologische Probleme zu klären, sondern auch Misstrauen und Widerstände einer öffentlichen Debatte zu überwinden, die sich im Vorfeld der Eröffnung an dem Inhalt eines solchen Museums entzündet haben. […]

 

Ernster zu nehmen waren Fragen, welche Themen in einem nationalen jüdischen Museum zu Sprache kommen sollten oder was als Gegenstand deutschjüdischer Geschichte und Kultur verstanden werden kann? Zu klären war, wie sich das Adjektiv jüdisch zu historischen Ereignissen und zu kulturellen Äußerungen verhält? Reichte es aus, dass Juden Akteure historischer Begebenheiten oder eines künstlerischen Projektes sind oder müssen noch andere Bedingungen erfüllt sein. Sollte man von jüdischer Kultur sprechen, wenn der Inhalt des Werkes Themen aus dem Bereich des Judentums, der Geschichte der Juden oder ihrer gesellschaftlichen Situation thematisiert? Anders gefragt, ist das Kaufhaus eines jüdischen Besitzers ein jüdisches Kaufhaus? Hat sich Paul Ehrlich der Erforschung des Salvarsans als Mittel gegen die Syphilis gewidmet, oder hat Sigmund Freud die Psychoanalyse entwickelt, weil sie Juden waren und ist ihr jeweiliges Forschungsergebnis als jüdisches zu bezeichnen? Sicher würde man in ihrer Biographie auf Hinweise stoßen, mit der sich Entscheidungen in der Lebensplanung aus ihrer Herkunft heraus begründen lassen. Vielleicht würde man bei manchen Theorien und Methoden, die künstlerischen und kulturellen Arbeiten zu Grunde liegen, eine gewisse Nähe zur jüdischen Tradition ausmachen können. Dies wird jedoch umso schwieriger, je weiter der Prozess der Säkularisierung fortschreitet und der persönliche Abstand zu einer von der Religion bestimmten Lebensform zunimmt.

 

Cilly Kugelmann über die Geschichtsvermittlung im Jüdischen Museum Berlin in einem Aufsatz aus dem Jahr 2003; Worterklärungen: museologisch - in Bezug auf Museumsfragen, museumskundlich; Salvarsan - Medikament gegen Syphilis, das Anfang des 20. Jh. entwickelt wurde; Säkularisierung - Verweltlichung, gesellschaftliche oder geistige Loslösung von Religion

 

Redaktionell verantwortlich: Jens Nitschke, LISUM