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Station 12

Station 12: Der Mosse-Verlag und der Beitrag jüdischer Zeitungsmacher für Demokratie und Pressefreiheit

von Moritz Felgner

Der Aufschwung Berlins ab 1871 zu einer europäischen Metropole spiegelte sich auch im Zeitungsgeschäft wider. Neue Verlage wurden gegründet, neue Zeitungen erschienen. „…Auf diesem Wege Berlins zur Weltstadt soll […] unser Blatt ein vertrauter Begleiter, ein Ratgeber und Mitstrebender sein, der, bald anfeuernd, bald warnend und zurückhaltend, bald beistimmend, bald opponierend, den Pfad ebnen, ihn abkürzen hilft.“ So schrieb das Berliner Tageblatt in seiner Erstausgabe.

Rudolf Mosse war einer der bedeutendsten Berliner Zeitungsverleger im ausgehenden Kaiserreich. Sein liberales Berliner Tageblatt war hoch angesehen. Neben den Verlagen Ullstein und Scherl stand Mosse für das Berliner „Zeitungsviertel“. Er war aber auch beispielgebend für viele Deutsche jüdischen Glaubens, die das Kulturleben in dieser Zeit prägten und die, wie z. B. der Architekt Erich Mendelsohn, in ihrem Fach dem neuen Jahrhundert den Weg bereiteten.

Das Verlagshaus Rudolf Mosse

Im Jahre 1867 gründete Rudolf Mosse in der Friedrichstraße 60/ Ecke Leipziger Straße die Annoncen-Expedition Rudolf Mosse. Im eigenen Verlag brachte Mosse später dann eine Vielzahl von Zeitungen heraus, so zum Beispiel Deutsches Reichsblatt (1881), Berliner Morgen-Zeitung (1889), Allgemeine Zeitung des Judenthums (1890), Berliner Volks-Zeitung (1904), Gießerei-Zeitung (1904).

Die Popularität der Zeitungen aus dem Hause Mosse führte dazu, dass ein Umzug unumgänglich wurde. 1874 wurde die Jerusalemer Straße 48 bezogen, später um weitere anliegende Grundstücke erweitert und schließlich wurde auf diesem Komplex das neue Geschäftshaus, Jerusalemer Straße 46-49 und Schützenstraße 20-25, errichtet.

Rudolf Mosse, als Geschäftsmann hoch geachtet, erwies sich auch als Verfechter der Pressefreiheit, z. B. als er den Chefredakteur des Berliner Tageblatts, Theodor Wolff, gegen Kritik und Zensur der Militärführung in Schutz nahm. In einem Nachruf auf den 1920 gestorbenen Rudolf Mosse heißt es: „Er schielte nie seitwärts, buhlte nicht um die Gunst der Mächtigen, noch um die Gunst der Menge, sein Streben ging nicht dahin, einen Orden, oder gar den Adelstitel zu ergattern, darum hatte er’s nicht nötig, seinen Redakteuren zu kommandieren, daß sie jeden Mann, der jeweils am Staatsruder stand, als den Inbegriff der höchsten politischen Weisheit preisen.“ Mosses Engagement war aber nicht auf das Verlagsgeschäft begrenzt. Er war Vorsteher der Jüdischen Reformgemeinde und Mitglied der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Er unterstützte zahlreiche jüdische Einrichtungen wie das „Lehrlingsheim Pankow“, in dem bedürftige jüdische Jugendliche zu Handwerkern ausgebildet wurden. Der Mäzen Rudolf Mosse förderte die Wissenschaft und Kunst und nahm sich der karitativen Fürsorge an, z. B. durch die Emilie-Rudolf-Mosse-Stiftung, die Kindern aus evangelischen, jüdischen und katholischen Familien den Besuch der Schule sowie von kulturellen Einrichtungen ermöglichte.

Theodor Wolff und das Berliner Tageblatt

Als Theodor Wolff das Angebot seines Cousins Rudolf Mosse annahm und 1906 Chefredakteur des Berliner Tageblatts wurde, entwickelte sich das Blatt neben der Vossischen Zeitung zur auflagenstärksten und einflussreichsten Hauptstadtzeitung. Wolff, der selbst Romane und Theaterstücke verfasste, erweiterte die geistige Spannbreite des Blatts. Renommierte Autoren verschiedenster Richtungen, unter ihnen Alfred Döblin*, Eduard Bernstein, Alice Salomon*, Werner Sombart, Alfred Kerr*, Stefan Zweig*, schrieben für das Berliner Tageblatt. Zu den regelmäßigen Mitarbeitern des Feuilletons gehörten außerdem Alfred Polgar*, Kurt Tucholsky* und Erich Kästner*. Doch auch auf politischer Ebene war Wolff bewandert und engagiert. Hohe politische Kreise suchten seinen Rat. Die kritische und liberale Haltung des Berliner Tageblatts und Wolffs Einsatz für demokratische Rechte machten ihn zu einer Zielscheibe für die extremen Rechten und Linken. So versuchten z. B. die deutschen Militärs während des Ersten Weltkrieges das Erscheinen des Berliner Tageblatts zu verhindern.

In den Revolutionswirren im November 1918 forderte Wolff im Berliner Tageblatt einen „tiefgreifenden Systemwechsel“ hin zu einer Demokratie mit Parlament und Verfassung. Damit kam er aber auch in Konflikt mit radikalen linken Kräften, wie dem Spartakusbund. Am 5. Januar 1919 besetzten bewaffnete Demonstranten das Berliner Tageblatt und den Vorwärts sowie wenig später den Berliner Lokalanzeiger, die Berliner Morgenpost und die BZ am Mittag. Das Berliner Tageblatt konnte vom 6. bis 12. Januar 1919 nicht erscheinen. Mit Waffengewalt hatten schließlich am 11. Januar Regierungstruppen die Verlagsgebäude eingenommen, wobei etliche Verletzte und Tote zu beklagen waren. Theodor Wolff reagierte auf die Verlagsbesetzung im Berliner Tageblatt energisch: „Wir werden weiter die Dinge und, soweit es nottut, auch die Individuen beim rechten Namen nennen, nach rechts und nach links. Während des Krieges hat die Reaktion, in Gestalt des Oberkommandos, uns häufig, und einmal eine Woche lang, gewaltsam geknebelt, und jetzt haben uns die Freiheitsbrüder des Spartakus gleichfalls eine Woche lang unterdrückt. Heute wie damals haben unsere Freunde in Berlin und im Lande treu zu uns gehalten, weil sie mit uns der Meinung sind, daß es in den Fragen der Pressefreiheit und der politischen Überzeugung kein Paktieren geben darf.“

In der Weimarer Republik gehörte Wolff zu den engagierten Befürwortern der Demokratie. Seit 1923 stand er als Jude auf Mordlisten rechter Extremisten. Das Berliner Tageblatt wurde von ihnen als „volljüdisch-börsianisch“ beschimpft. 1933 war Wolff gezwungen, ins Exil zu gehen. Im Mai 1943 wurde er in Nizza verhaftet und in das KZ Sachsenhausen gebracht. Freunde konnten Wolff zwar freibekommen. Der 75-Jährige war aber inzwischen sehr krank und geschwächt. Er starb am 23. September 1943 im Jüdischen Krankenhaus in Berlin. Sein Grab liegt wie das von Rudolf Mosse auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee.

Der Mosse-Verlag in der Weimarer Republik

Nach dem Tod von Rudolf Mosse im Jahr 1920 ging der Verlag turbulenten Zeiten entgegen. Anfang der 1920er-Jahre boomte zunächst das Anzeigengeschäft (Auflage 1920: werktags 245.000, sonntags 300.000 Exemplare). In Berlin erschienen 67 Zeitungen, manche von ihnen mit Morgen- und Abendausgabe. Mosses Annoncen-Expedition richtete Niederlassungen in Amsterdam, Barcelona, London, Mailand, Paris und New York ein und expandierte im Werbegeschäft für Licht-, Plakat- und Theaterreklame. Ende der zwanziger Jahre war jedoch der Mosse-Verlag von der Weltwirtschaftskrise schwer betroffen. Unter der Leitung von Rudolf Mosses Schwiegersohn, Hans Lachmann-Mosse, verlor der Verlag weiter an Leserschaft. Mit seiner Verlagspolitik, dem Rechtstrend in der Bevölkerung zu folgen, förderte er zudem den Weggang erfahrener Redakteure. Im Herbst 1932 schließlich ging der Verlag Rudolf Mosse in Konkurs.

Die Gleichschaltung des Zeitungsviertels

Die Konkursmasse des Verlages ging noch 1932 an die Kontrollgesellschaft Cautio GmbH von Max Winkler, der als Treuhänder von Reichsbesitz an Zeitungen fungierte und hiermit den ersten Schritt zur „Gleichschaltung“ der Presse, wie sie die Nationalsozialisten planten, unternahm. Im April 1933 stellte Hans Lachmann-Mosse, wohl unter Druck, für die Dauer von 15 Jahren den Betrieb einem gemeinnützigen Fond zugunsten der Opfer des Ersten Weltkrieges zur Verfügung. Winkler kaufte später mit seiner Berliner Verlagsanstalt GmbH den Block Schützen-, Zimmerstraße und Jerusalemer Straße, dazu die Druckerei und alle Verlagsrechte. Zuvor hatte er bereits große Teile des Scherl-Verlages übernommen, und im Jahr 1934 ging dann auch der Ullstein-Verlag zwangsweise an die Cautio GmbH. Unter Theodor Wolffs Nachfolger als Chefredakteur des Berliner Tageblatts, Paul Scheffer, war das Blatt im Niedergang begriffen, bis schließlich am 1. Januar 1939 der Redaktionsbetrieb eingestellt werden musste. Die Mitarbeiter wurden zur Deutschen Allgemeinen Zeitung des Deutschen Verlages, vormals Ullstein, zwangsversetzt.

Nach 1945

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren von den großen Zeitungshäusern fast nur ausgebrannte Ruinen übrig geblieben. Auch die unzähligen mittleren und kleineren grafischen Betriebe, Zeitungsverlage, Druckereien, Schriftgießereien, Buchbindereien im Zeitungsviertel waren zerstört. Die Betriebe wurden unter die alliierten Siegermächte aufgeteilt. Die Schützenstraße befand sich im sowjetischen Sektor, die ehemaligen Scherl-und Ullstein-Betriebe im amerikanischen Sektor. Vom einstigen Mosse-Verlag, dessen Areale nach dem Mauerbau im „Grenzgebiet“ lagen, ging nur noch die Druckerei als VEB Industriedruck, ab 1956 VEB Graphische Werkstätten Berlin und ab 1968 mit Namen Druckkombinat Berlin wieder in Betrieb.

Nach dem Fall der Mauer 1989 und mit der Einheit der Stadt begann in Berlin eine rege Bautätigkeit. Insbesondere die ehemaligen „Mauerareale“ im Zentrum Berlins wie der Potsdamer Platz wurden zum Sinnbild für ein neues Berlin und für das Zusammenwachsen Deutschlands. Auch das Mosse-Haus rückte in das Blickfeld von Investoren, die eine Revitalisierung der großen Medientradition Berlins befördern wollten. Dabei beteiligt war der Historiker Prof. George Mosse, der Enkel von Rudolf Mosse. Die bestehenden Gebäudeteile an der Schützenstraße wurden rekonstruiert und durch Neubauten ergänzt. Es entstand ein modernes Medien- und Geschäftszentrum mit Druckhaus, Verlag, Werbeagenturen und zahlreichen anderen Firmen. Beim Wiederaufbau des Mosse-Hauses wurden die Baupläne aus den 1920er-Jahren des Architekten Erich Mendelsohn teilweise aufgegriffen. So zeugt noch heute die markante Gebäudeecke Schützenstraße/Jerusalemer Straße vom legendären Zeitungsviertel und von der Geschichte einer jüdischen Verlegerfamilie in Berlin.