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Station 16

Station 16: „Das ganze Gebiet ist selbst ein Museum.“ – Zur Geschichte der südlichen Friedrichstadt um die Lindenstraße

von Horst Zeitler

Geht man heute wachen Auges durch die Lindenstraße in Kreuzberg erlebt man ein Wechselbad in Stein. Abrupt bauen sich Gegensätze auf, Neues steht unmittelbar neben Altem, Verspieltes neben Nüchternheit, Weite neben Enge. Es ist ein disharmonischer Ort, ohne sichtbare Struktur, unvollendet. Dabei hat die Bebauung dieser Gegend ganz planmäßig begonnen.

Seit 1688 plante man in Preußen den Ausbau und die Erweiterung Berlins Richtung Süden. Eine dritte Neustadt, die südliche Friedrichstadt, sollte den protestantischen Religionsflüchtlingen aus Böhmen eine neue Heimstatt bieten. Friedrich Wilhelm I. (1713 – 1740) kümmerte sich persönlich um die Bebauung aus Wohnhäusern und Handwerksbetrieben: Er zwang die reicheren Bürger, in der Friedrichstadt Häuser zu bauen, die ärmeren Bürger konnten mit staatlicher Unterstützung niedrigere, zweigeschossige Häuser in Blockbebauung errichten.

1732 war der erste Bauabschnitt in der Friedrichstadt abgeschlossen. Unter der Planung von Philipp Gerlach erweiterte man nun die Stadt weiter nach Süden. Die regelmäßige Karreestruktur wurde aufgebrochen, stattdessen schuf man keilförmig zusammenlaufende Straßen: Die Friedrichstraße und die Lindenstraße (aus Symmetriegründen ergänzt durch die Wilhelmstraße) liefen auf einen runden Platz zu, das Rondell (später zu Ehren des Sieges über Napoleon „Belle-Alliance-Platz“ genannt, heute Mehringplatz).

Dieser Torplatz wirkte wie ein Empfangsraum, obwohl sich die davon abgehenden Straßen keineswegs repräsentativ zeigten, sondern eher bescheiden einfach und gleichmäßig. Das würdevolle Auftreten übernahmen wichtige Einzelbauten, die am Abschluss von Straßenachsen den Blick auf sich zogen: die Jerusalemer Kirche, die Husarenställe (später die von Schinkel erbaute Militärarrestanstalt) und das Collegienhaus (es beherbergte die zentralen Justizbehörden der preußischen Monarchie, die Lehnskanzlei, das Vormundschaftsgericht, Konsistorien und das Kammergericht als höchstes Gericht Brandenburgs sowie später das Berlin-Museum, jetzt Teil des Jüdischen Museums). Baulich unterschieden sich die Wohngebäude stark von denen der Innenstadt: Die meist zweigeschossigen Wohnhäuser wurden im Hinterhof ergänzt durch Scheunen, Ställe und – was neu und modern war – durch Nutzgärten. Dieses neue Viertel wurde 1735 durch eine Zollmauer umschlossen und war nur durch drei Tore zugänglich: das Hallesche, das Kottbusser und das Schlesische Tor.

Friedrich II. hatte weniger Interesse am Wohnungsbau, ihn interessierte mehr das Militär und damit verbunden der Kasernenbau. In der Lindenstraße entstand so die Kavalleriekaserne der Leibgarde zu Pferde.

Mit der Französischen Revolution schwand allmählich der Einfluss der Fürsten auf die Baugestaltung und das Bürgertum übernahm diese Aufgabe. Mit den Stein-Hardenbergschen Reformen, die für enormen Zustrom von ehemaligen Bauern nach Berlin sorgten, und dem Gleichberechtigungsedikt für Juden von 1812 vollzog sich ein Wandel in der südlichen Friedrichstadt. Die Freiheit der Berufswahl und die des Grunderwerbs sorgten für einen starken Zuzug von Juden in das neue Stadtgebiet, die dort ihre Handels-und Produktionsbetriebe auf den Ackergrundstücken und Nutzgärten errichteten.

Berlin wurde erneut zu klein. Es musste weiter Richtung Süden ausgedehnt werden. 1830 legte Oberbaurat Schmidt einen Entwurf für die Tempelhofer Vorstadt vor, der später von Lenné überarbeitet wurde. Die sich abzeichnende Industrialisierung führte städteplanerisch zu einem Umbruch auch im Süden Berlins. Der Bau der Berlin-Anhaltischen Bahn (1840) leitete die erste Phase der Industrialisierung (bis 1860) ein, gefolgt vom Bau des Landwehrkanals ab 1845. Die an die Südliche Friedrichstadt angrenzende Luisenstadt war das Ausgangszentrum der industriellen Entwicklung. Es entstand die typische Kreuzberger Hinterhofindustrie: dichte vier- bis fünfgeschossige Wohnbebauung mit Gewerbe in den zahlreichen Hinterhöfen. Aus diesem Hinterhofgewerbe entwickelte sich das spätere Großunternehmertum: Siemens in der Markgrafenstraße, Bechstein in der Ohlauer Straße, Borsig bei Egell in der Lindenstraße, Schaeffer und Walcker (Zentralheizungsbau) ebenfalls in der Lindenstraße.



Das Viertel änderte unter dem Stadtplaner Hobrecht sein Gesicht: Bis 1861 war die Bebauung für den gehobenen Mittelstand abgeschlossen. Die zahlreichen jüdischen Bewohner, meist soziale Aufsteiger, lehnten sich stark am preußischen Bürgertum an. Dieser ausgeprägte Hang zur Assimilation machte das Viertel zu einem Zentrum des liberalen Judentums. Deshalb wurde dort auch gegen Ende des 19. Jahrhunderts die liberale Synagoge in der Lindenstraße errichtet. Der Zustrom von Bürgern (auch jüdischen) hielt unvermindert an. Das Viertel des kleinen und mittleren Bürgertums erlebte ein explosionsartiges Wachstum. Da die Bebauungspläne keine exakte Nutzung der Flächen auswiesen (lediglich die Straßen waren als nicht bebaubar festgelegt), etablierte sich eine starke Mischung aus Gewerbe und Wohnung. Mietskasernenproblematik, Bodenspekulation kennzeichneten auch das Gebiet um die Lindenstraße.

1880 war diese stürmische Entwicklung abgeschlossen: Das Viertel veränderte sich nun in ein Einkaufs- und Verwaltungs-, Presse- und Filmzentrum. Dies brachte eine Bevölkerungsabnahme mit sich: Lebten 1880 noch 301 – 400 Einwohner/ha, waren es 1895 schon hundert weniger und 1910 schließlich nur noch 101 - 200 Einwohner/ ha. Mit der Ansiedlung von Geschäften und Verwaltungen und mit der wachsenden Attraktivität des Westens Berlins als Wohnviertel zogen finanzkräftigere Schichten ab.

1890 war die Gegend um den Dönhoffplatz am Ende der Lindenstraße noch eine reine Wohngegend mit dichter jüdischer Bevölkerung. Die benötigte Synagoge, die größte in Berlin, wurde am 27. September 1891 eingeweiht. Aber mit der vermehrten Errichtung von fünf- bis sechsgeschossigen Büro- und Geschäftshäusern nahm auch die jüdische Wohnbevölkerung stark ab.

In der Südlichen Friedrichstadt blühte das Pressewesen auf. Heftige Kämpfe um Marktanteile, Konkurrenzschlachten bestimmten das Leben im neuen Zeitungsviertel. Das Verkehrsaufkommen war enorm gestiegen. Zahlreiche öffentliche Verkehrslinien drängten sich durch die Lindenstraße zum Belle-Alliance-Platz, der sich zu einem Nadelöhr für den Verkehr entwickelte, da vor allem eine Ost-West-Verbindung als Entlastung fehlte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand die bauliche Entwicklung zunächst ihren Abschluss. Bestimmend waren nun eher politische Probleme.

Im Januar 1918 führte ein Streik für die Beendigung des Ersten Weltkrieges zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen. Am 9. November folgte mit der Abdankung des Kaisers ein weiterer Streik der Arbeiter- und Soldatenräte, der in die Novemberrevolution mündete. Das Gebäude des „Vorwärts“, die SPD-Zentrale, die seit 1903 ihren Sitz in der Lindenstraße hatte, wurde besetzt. Der Spartakusaufstand im Januar 1919 wurde blutig niedergeschlagen und hinterließ in der Lindenstraße und dem gesamten Zeitungsviertel eine Spur der Zerstörung. In der weiteren Zeit der Weimarer Republik erhielt das Viertel „City-Charakter“. Die Nähe zu Regierungsinstitutionen der Reichshauptstadt, die Etablierung als Presseviertel ließen die Gegend enger an das politische Zentrum heranrücken. Dies wurde dem Stadtteil schließlich auch zum Verhängnis. Am 3. Februar 1945 wurde er in Schutt und Asche gelegt. 1000 B-17-Langstreckenbomber warfen über 2000 Tonnen Sprengbomben und 250 t Brandbomben über der Gegend um das Luftfahrtministerium, das Auswärtige Amt, die Reichskanzlei, das Gestapo-Hauptquartier, das Propagandaministerium und den Anhalter, Potsdamer und Schlesischen Bahnhof ab. Zweck war, den Truppen- und Waffennachschub an die Ostfront zu desorganisieren und die NS-Propagandamaschinerie im Zeitungsviertel zu zerstören. Das Rondell des Belle-Alliance-Platzes war der Orientierungspunkt für den Großangriff in zwei Wellen auf das Regierungs- und Zeitungsviertel. Die extremen Zerstörungen entstanden weniger durch die Sprengbomben als vielmehr durch die anschließend wütenden Brände. Die Feuerwehr in der Lindenstraße war vier Tage lang ununterbrochen im Einsatz.

In einem Bericht über den Angriff heißt es: „Die nicht getroffenen Gebäude brannten in den vier Tagen durch Funkenflug und Feuerstürme bis auf die Grundmauern nieder. 360 Betriebe waren total zerstört, weitere 170 wiesen schwere Schäden auf. Das gesamte Geschäftsleben sowie der Transport- und Telefonverkehr kamen vollständig zum Erliegen. […] Das Zeitungsviertel, dessen Zentrum die Koch- und Zimmerstraße bildete, stand in Flammen. […] Das Regierungsviertel, neben den Verkehrsanlagen das eigentliche Ziel des Angriffs, hatte viele direkte Treffer abbekommen, war in seiner Funktionsfähigkeit jedoch kaum eingeschränkt.“

Die Druckereien waren zwar stark beschädigt, die Zeitungen erschienen aber nur zwei Tage lang nicht. Die Gebäude von Mosse und Scherl brannten jedoch total aus. Katastrophal war der Verlust an Menschenleben. Die Zahlen schwanken erheblich: Während das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) von 2.894 Toten sprach, gaben die Amerikaner die Verluste mit 20.000 Personen an. 20.000 Verletzte und 120.000 Obdachlose waren zusätzlich zu beklagen. Das Viertel existierte nicht mehr.

Auf den Trümmern erfolgte nur langsam der Wiederaufbau. Zudem geriet dieser in den Strudel der Ost-West-Auseinandersetzungen. Schon kurz nach Kriegsende standen sich zwei verschiedene Gruppierungen gegenüber, die unterschiedliche Wege beim Wiederaufbau beschreiten wollten:

Da war zunächst die sogenannte „Zehlendorf-Gruppe“ unter W. Moest. Sie wollte von der noch vorhandenen Stadtstruktur ausgehen und möglichst viel Wohnraum schaffen. Ein zentrales Achsenkreuz westlich der City, umgeben von Ringstraßen mit angebundenen Ausfallstraßen ins Umland, sollte den Verkehr neu lenken. Als große Einkaufsachse war die Verbindung Kurfürstendamm – Leipziger Straße angedacht. Die südliche Friedrichstadt sollte zur Grünfläche werden. Dieser Plan war wegen der ungelösten Eigentumsfragen nicht umsetzbar.

Auf der anderen Seite stand das Planungskollektiv um Scharoun, das in der Zerstörung eine Chance für einen Neuanfang sah. Da durch die Bombardierung die Stadt wie in einzelne Inseln zerlegt schien (der Architekt Max Taut sprach ironisch von einer „mechanischen Auflockerung“), wollte man diese Inseln zu sogenannten Bandstädten zusammenfassen und durch Grüngürtel abgrenzen. Entlang der Kanäle, der Spree und der Ost-West-Schienenwege sollten sich die Industrie und die Arbeitsstätten konzentrieren. Nördlich der Spree und südlich des Landwehrkanals waren Wohngebiete im Rechtecksystem, durchzogen von Schnellstraßen, geplant. Die Südliche Friedrichstadt war als Mischgebiet mit Wohnen und Arbeiten ausgewiesen. Dieses Konzept der Trennung von Wohnen und Arbeiten und die damit notwendige Einführung der autogerechten Stadt stützten sich auf die „Charta von Athen“, die „Bibel“ des modernen Städtebaus. Das Projekt wurde nicht umgesetzt, da man zur Linderung der größten Wohnungsnot ein Sofortprogramm auflegen wollte. Irreparabel geschädigte Häuser wurden abgerissen, instand setzbare Gebäude wurden repariert.

Der Wiederaufbau war eine Mischung aus Enttrümmerung und sporadischen Neubauten. Eine konstruktive Gesamtplanung wurde wegen Geldmangels nicht umgesetzt. Ein 1958 ausgerufener Wettbewerb „Hauptstadt Berlin“ blieb ohne Chancen, da die politische Trennung der Stadt in Ost und West immer tiefer wurde und ihren Höhepunkt 1961 im Mauerbau fand. Die Grenze verlief nun mitten durch das Herz Berlins, direkt durch die südliche Friedrichstadt, die bis 1960 unbebaut blieb. Diese Brache, abgeschnitten von der alten Innenstadt, plötzlich in eine Randlage gedrängt, erlebte eine weitere Zerstörung, die den Namen Sanierung trug. Die letzten noch wiederaufbaufähigen Häuser wurden abgerissen (darunter auch die Reste der Synagoge), die Lindenstraße in ihrem südlichen Abschnitt verlegt. Der Zugang zum Rondell, dem jetzigen Mehringplatz, wurde durch einen Ring von Neubauten verwehrt. Hochhäuser und hohe Wohnblocks wurden in den 1960er-Jahren errichtet, aber nie abgestimmt mit der Verkehrsplanung, die immer noch an der Idee einer Gesamtplanung festhielt. So gingen Wohnungsbaupolitik und Verkehrsplanung unterschiedliche Wege.

Mitte der Siebziger vollzog sich eine Wandlung in der Baupolitik. Man ging von der Abrisssanierung über zu behutsamer Modernisierung. Mit der Internationalen Bauausstellung (IBA) war die Rückbesinnung auf das „Wohnen in der Innenstadt“ verbunden. Dichtere Bebauung, Orientierung an der Blockbauweise, Wiederentdeckung des Hofes sind Schlagwörter, die mit dieser Phase in Verbindung stehen. Der Gedanke, Wohnen, Arbeiten, Erholen zu mischen, erlebte eine Renaissance. Ziel war, innerstädtische Lebens- und Wohnqualität neu zu schaffen.

So erlebt man die Lindenstraße heute als diese seltsame Mischung aus Leere und dichter Bebauung, aus postmoderner Stadtvilla und wilhelminischer Repräsentationsarchitektur (Victoria-Versicherung), aus renoviertem Altbau und familiengerechtem Sozialwohnungsbau der IBA, aus Alter Feuerwache und Springer-Hochhaus. Viele geschichtlich bedeutsame Gebäude sind verschwunden, die Narben sind noch immer sichtbar.

In diese Mischung hinein setzte Daniel Libeskind direkt neben das barocke Collegienhaus seinen modernen Museumsneubau für das Jüdische Museum. Auf diesen Umstand angesprochen, sagte er in einem Interview: „Ich habe versucht, die Linien, die unsichtbare Logik des Ortes und der Gebäude zu entwickeln. Es ging nicht nur um die geometrische und architektonische Logik im Zusammenhang mit dem barocken Bau des Berlin-Museums und den IBA-Bauten, sondern auch um den unsichtbaren Raum der Zerstörung, dem Raum, aus dem die Menschen weggeschafft wurden. Das ganze Gebiet um das Berlin-Museum ist außerdem selbst ein Museum, die Mendelsohn-Bauten, die Wohnblöcke aus den Sechzigern, die IBA-Projekte. Und es ging um die unsichtbaren Beziehungslinien zwischen allem.“