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Zitat August 2019

"Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“ (Th. W. Adorno (Aus Minima Moralia))

Was Adorno im Exil aus der Erfahrung mit dem nationalsozialistischen Terror heraus geschrieben hatte, ist heute, wo weltweit ein Erstarken der Rechtspopulisten und extremen Rechten zu beobachten ist, aktueller denn je. 

Die gegenwärtige Verbreitung wie Enthemmung rassistischer, antisemitischer, autoritärer und antidemokratischer Kräfte ist gefährlich, weil sie die so genannte gesellschaftliche Mitte und ihre Institutionen ergreift. Diese "Mitte" zeigt sich zunehmend enthemmt, lässt sich von rechten Positionen vereinnahmen oder läuft gar zu jenen Kräften über. Diejenigen, die Haltung bewahren wollen, fühlen sich gegenüber dieser übermächtigen Dynamik nicht nur ohnmächtig, Personen und Organisationen, die sich für demokratische Werte einsetzen, sehen sich auch seit einiger Zeit nicht mehr nur verbalen Anfeindungen und Bedrohungen ausgesetzt. Mittlerweile wird selbst Seenotrettung als extremistisch und kriminell verfolgt, und der Mord an Walter Lübcke hat gezeigt, wohin diese Dynamik führt und wie gefährlich schon das öffentliche Einstehen für humanistische Werte sein kann. 

Die Demokratie geht nicht zugrunde durch das Erstarken der "Extreme", sondern durch die Macht einer Enthemmung in der Mitte der Gesellschaft, gegen die Aufklärung und Vernunft ohnmächtig scheinen.

Ich sehe die doppelte Aufgabe, die Adorno formuliert hat, auch als Aufgabe meiner Arbeit. Wir dürfen uns von der Macht des gesellschaftlichen Rechtsrucks nicht ohnmächtig machen lassen. Das "fast" dieser "fast unlösbaren Aufgaben" kann sich auf die Vernunft und die Gleichheit der Menschen und ihrer Rechte berufen, und das ist letztlich mächtiger als das niederträchtige Ressentiment oder die nationalistische Machtsucht. Schließen wir uns im Bewusstsein dieser Stärke zusammen, und bleiben wir solidarisch!


Bianca Klose ist Geschäftsführerin des Vereins für demokratische Kultur in Berlin e.V., Vorstand des Bundesverbandes Mobile Beratung e.V. und eine der Sprecherinnen der Bundesarbeitsgemeinschaft Demokratieentwicklung (BAGD). 

2001 gründete sie die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR) und leitet diese bis heute. Die MBR bietet all jenen Beratung und Unterstützung an, die mit Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus konfrontiert sind und sich für die Stärkung demokratischer Kultur einsetzen wollen. Zu den Zielgruppen der MBR gehören unter anderem Jugendeinrichtungen und Schulen.

 

 

 

Redaktionell verantwortlich: Ralf Dietrich, LISUM