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Zitat Februar 2019

"No one is born a good citizen; no nation is born a democracy. Rather, both are processes that continue to evolve over a lifetime. Young people must BE included from birth." (Kofi Annan, UN-Generalsekretär von 1997-2006 zur Eröffnung der 1. Weltkonferenz der für die Jugend 
zuständigen europäischen Minister, Lissabon - "Niemand wird als guter Staatsbürger oder gute Staatsbürgerin geboren, keine Nation wird als Demokratie geboren. Vielmehr sind beide lebenslange Entwicklungsprozesse. Junge Menschen müssen von Geburt an einbezogen werden.")

Mit Beginn meines Politikunterrichts in der achten Klasse wurde ich zunehmend aufmerksamer und hellhöriger, wenn es um politische Themen und Fragestellungen ging – sei es in den Nachrichten, der Zeitung oder in Gesprächen mit anderen Menschen.

Aber es hat bis zur elften Klasse gedauert, bis ich mich für die Schüler*innenvertretung meiner Schule habe aufstellen lassen. Einmal dort hineingewählt, habe ich zum ersten Mal in der Praxis erlebt, was aktive Teilhabe bedeutet. In gemeinsamen Treffen haben wir uns Gedanken gemacht, wie wir uns als Schüler*innen zu verschiedenen Entscheidungen anderer Akteur*innen der Schule verhalten und selbst eigene Forderungen aufgestellt und Projekte umgesetzt.

An dieser Stelle habe ich Demokratie zum ersten Mal nicht nur als Regierungsform erlebt, die ausschließlich von anderen ausgeführt wird, sondern auch als Lebensform für mich selbst entdeckt. Genau wie es der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan in diesem Zitat auf den Punkt bringt, bin ich nicht als guter Staatsbürger, als Demokrat geboren worden. 
Seitdem habe ich in unterschiedlichen Formaten und Kontexten auch den zweiten Satz dieses Zitates erlernt, der mich schließlich dazu führt, den dritten mit ganzem Herzen zu unterstützen.

Menschen müssen so früh wie möglich, sprich schon von Geburt an Demokratie lernen. Einen zentralen Ort für die Umsetzung dieser gesamtgesellschaftlichen Aufgabe stellt die Schule dar, denn sie ist, mit allen positiven und negativen Effekten, die dies nach sich zieht, die zentrale Institution zur Wissens- und Kompetenzvermittlung an uns Jugendliche in Deutschland.

Gleich zu Beginn meines Freiwilligendienstes bei der Servicestelle Jugendbeteiligung e.V. im September 2018 habe ich eine weitere grandiose Möglichkeit kennengelernt, demokratische Bildung in Schule zu betreiben: die Durchführung eines Schüler*innenHaushalts.
Bei diesem Projekt, welches die Servicestelle Jugendbeteiligung e.V. seit 2014 in Deutschland umsetzt, bekommt die Schülerschaft einer Schule einen festgesetzten Geldbetrag zur Verfügung gestellt und kann im weiteren Verlauf des Projektes in einem demokratischen Prozess bestimmen, was mit diesem Geld geschehen soll. Dazu werden zunächst Ideen gesammelt, die anschließend auf ihre formale Zulässigkeit hin überprüft und danach zur Wahl gestellt werden, bei der alle Schüler*innen der Schule teilnehmen. Die gewählten Vorschläge werden anschließend umgesetzt.
Das gesamte Verfahren wird dabei von einem Koordinationsteam, das ausschließlich aus Schüler*innen besteht, geplant und umgesetzt. Lehrer*innen sowie Schulsozialarbeiter*innen an der Schule und Mitarbeiter*innen unserer Servicestelle stehen dabei begleitend zur Seite, die Entscheidungsgewalt liegt aber zu jedem Zeitpunkt bei den Schüler*innen selbst.

Sie können auf diesem Weg demokratische Verfahrensweisen sowie den verantwortungsvollen Umgang mit Geld lernen und erfahren selbstwirksam, wie es ist, sich für sich selbst und andere einzusetzen. Die Schüler*innen negieren mit der Teilnahme an der Wahl durch eigene Erfahrung Tucholskys Satz „Wahlen ändern nichts, sonst wären sie verboten“, denn was gewählt wird, wird auch umgesetzt. 

Zusätzlich wird ein positiver Nebeneffekt erzielt: Das Projekt fördert nachweislich den Diskurs zwischen Schüler*innen, aber auch Schüler*innen und Lehrer*innen kommen verstärkt miteinander ins Gespräch über ihr Leben an der Schule. Immer wieder kommt es dabei vor, dass Vorschläge von Schüler‘*innen auch auf anderem Wege von der Schulgemeinschaft umgesetzt werden. Hauptsache, es wird eine Plattform geboten, diese Ideen und Wünsche zum Ausdruck zu bringen.

Da der Schüler*innenHaushalt für alle Schul- und Altersklassen offen steht, bietet er eine von vielen so unglaublich wichtigen Möglichkeiten, das umzusetzen, was Kofi Annan im letzten Teil des Zitates fordert, nämlich dass Jugendliche von Beginn ihres Lebens an in gesellschaftliche Entscheidungen integriert werden und lernen müssen, eigenständig zu handeln. 

Die Servicestelle Jugendbeteiligung e.V. ist seit 2001 erste Anlaufstelle für junges Engagement und Partizipation. 
Wer weiteres Interesse an dem Projekt hat, ist herzlich eingeladen, sich an uns zu wenden oder die Seite www.schuelerinnenhaushalt.de zu besuchen.


Tammo Kratzin absoviert ein Freiwilliges Soziales Jahr bei der Servicestelle Jugendbeteiligung e.V..

Redaktionell verantwortlich: Ralf Dietrich, LISUM