Kompetenzentwicklung
Chinesisch, Englisch, Französisch, Hebräisch, Italienisch, Japanisch, Neugriechisch, Polnisch, Portugiesisch, Russisch, Sorbisch/Wendisch, Spanisch, Türkisch
Der Fremdsprachenunterricht begreift Schülerinnen und Schüler als handelnde Akteure in
einer von Mehrsprachigkeit und kultureller Vielfalt geprägten Lebenswelt. Er erweitert die Möglichkeiten der Schülerinnen und Schüler, wertegeleitet, kritisch-reflexiv und konstruktiv an gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Aushandlungsprozessen teilzuhaben. Fremdsprachenunterricht leistet einen besonderen Beitrag zur Entwicklung einer plurilingualen und inter-kulturellen Diskurskompetenz und baut dabei bereits die vorhandenen sprachlich-kommunikativen Ressourcen (z. B. Erfahrungen mit unterschiedlichen Registern, Dialekten, Herkunftssprachen, kulturell geprägten Perspektiven) aus.
Dies geschieht exemplarisch in der Auseinandersetzung mit Themen, die sich an der Lebens- und Erfahrungswelt der Schülerinnen und Schüler orientieren, sowie mit Themen des öffentlichen Lebens der Bezugskulturen (auch im Vergleich zur eigenen Kultur / zu eigenen Kulturen). Dabei werden sowohl Themen des Alltags als auch Themen von globaler Bedeutung in den Unterricht einbezogen. Unter Berücksichtigung des jeweiligen Sprachlernniveaus und des Alters der Schülerinnen und Schüler erfolgt dies anhand von kulturellen, politischen, gesellschaftlichen und anderen Aspekten, die sich in den jeweiligen modernen Fremdsprachen unterscheiden können (vgl. Kapitel 1.2).
Rolle der Mehrsprachigkeit und Bedeutung der einzelnen Fremdsprachen
Individuelle Mehrsprachigkeit entsteht im Zusammenspiel aller zur Verfügung stehenden sprachlichen Ressourcen (Herkunfts- oder Familiensprachen, Unterrichtssprache Deutsch, Schulfremdsprachen). Der Aufbau und die Förderung individueller Mehrsprachigkeit, die an vorhandene Ressourcen anknüpft und diese erweitert, ist deshalb eine wichtige Aufgabe der Schule.
Der Beitrag der ersten Fremdsprache zur Förderung der Mehrsprachigkeit
Im Unterricht der ersten Fremdsprache erwerben die Schülerinnen und Schüler neue sprachlich-kulturelle Handlungsmöglichkeiten, die auf bereits vorhandenen Ressourcen aufbauen, diese erweitern und den Transfer für das Lernen weiterer Fremdsprachen fördern. Der Unterricht der ersten Fremdsprache übernimmt beim Sprachenlernen die Rolle einer Brücke: Hier werden grundlegende Lernerfahrungen, Sprachlernstrategien und Sprachbewusstheit erworben. Das Erlernen weiterer Fremdsprachen wird erleichtert und beschleunigt, wenn sie im Unterricht der ersten Fremdsprache bewusstgemacht und in ihrer Anwendung systematisch gefördert werden.
Dieser über den Unterricht in einer Einzelsprache hinausgehende Blick auf die gesamtsprachliche Entwicklung von Schülerinnen und Schülern mit dem Ziel der Mehrsprachigkeit spiegelt sich im vorliegenden Konzept eines gemeinsamen Rahmenlehrplans aller modernen Fremdsprachen wider.
Seine Umsetzung macht Absprachen zwischen den an einer Schule gelehrten Fremdsprachen, dem Fach Deutsch und der Sprachbildung in allen Fächern nötig. Über diese Absprachen können die Anforderungen des Rahmenlehrplans mit dem jeweiligen Schulprofil abgestimmt werden.
Zum Erwerb der weiteren Schulfremdsprachen
Der Rahmenlehrplan erfordert ein schnelleres Durchlaufen der Niveaustufen in der zweiten und dritten Fremdsprache. Dies gelingt aufgrund von Weltwissen und aufgrund der kognitiven Entwicklung, aber vor allem mithilfe explizit gemachter Lernerfahrungen aus dem Unterricht in der ersten Schulfremdsprache und vernetzter Arbeit in den verschiedenen Schulsprachen, wodurch lernförderliche Synergien erzeugt werden. In einem wesentlich kürzeren Zeitraum können die Schülerinnen und Schüler dadurch ein in der Regel vergleichbares Kompetenzniveau wie in ihrer ersten Fremdsprache erreichen. Sie profitieren dabei von Strategien und Kenntnissen, die sie beim Erlernen der anderen Fremdsprachen erworben haben.
Dabei gilt zu beachten, dass die Sprachlernkompetenz in den zweiten und dritten Schulfremdsprachen anders zu nutzen, zu vermitteln und zu fördern ist als im Unterricht der ersten Schulfremdsprache.
Hinsichtlich der Auswahl einer bestimmten modernen Fremdsprache bzw. bestimmter Sprachenfolgen stehen den Schülerinnen und Schülern unterschiedliche Möglichkeiten zur Verfügung. Bei der Entscheidung für die Fremdsprachenfolge sind neben individuellen Gegebenheiten auch Aspekte für das Lernen weiterer Fremdsprachen zu berücksichtigen. Erfolgserlebnisse bei der praktischen Anwendung von Fremdsprachen fördern in einem lernpsychologisch günstigen Alter den Aufbau einer hohen Sprachlernkompetenz.
Fachbezogene Kompetenzen

Im Zentrum des Fremdsprachenunterrichts steht die Vermittlung bzw. Aneignung funktionaler kommunikativer Kompetenz in der Zielsprache, die in Rezeption (Hörverstehen / Audiovisuelles Verstehen, Leseverstehen), Produktion und Interaktion (Sprechen, Schreiben) sowie Mediation/Sprachmittlung zur Anwendung kommt. Dieser Kompetenzbereich ist eng verknüpft mit den transversalen Kompetenzen (interkulturelle und plurilinguale Kompetenz, Text und Medienkompetenz, Sprachbewusstheit, Sprachlernkompetenz, fremdsprachenspezifische digitale Kompetenz). Ziel des Fremdsprachenunterrichts ist eine adressaten-, situations- und zweckangemessene kommunikative und interkulturelle Handlungskompetenz in der Zielsprache im Sinne von Diskurskompetenz. Jegliche unterrichtliche Auseinandersetzung mit den sprachlichen Mitteln und kommunikativen Strategien soll diesem übergeordneten Ziel dienen.
Abbildung: Kompetenzmodell der Bildungsstandards für die fortgeführte Fremdsprache für die Allgemeine Hochschulreife. Die abgebildeten Kompetenzen stehen in engem Bezug zueinander. Dies wird durch die unterbrochenen Linien verdeutlicht.
Funktionale kommunikative Kompetenz umfasst die Beherrschung kommunikativer Aktivitäten und Strategien in den folgenden Teilkompetenzen:
- Hör-/Hörsehverstehen
- Leseverstehen
- Schreiben
- Sprechen
- Sprachmittlung
Der funktionalen kommunikativen Kompetenz kommt ein zentraler Stellenwert zu.
Sie erweist sich in der Fremdsprache, wenn die Lernenden authentische Texte (im Sinne des erweiterten Textbegriffes) in realistischen alltäglichen Situationen verstehen und produzieren. Dabei kommt der Entwicklung von Sprechen und Hör-/Hörsehverstehen insbesondere im Anfangsunterricht eine besondere Bedeutung zu.
Voraussetzung für die Realisierung der einzelnen Kompetenzen ist das Verfügen über angemessene sprachliche Mittel und kommunikative Strategien. Die sprachlichen Mittel Wortschatz, Grammatik, Aussprache, Prosodie (Akzentsetzung und Intonation) und Orthografie sind grundlegende Bestandteile des sprachlichen Systems und der Kommunikation. Ihnen kommt für die Realisierung der kommunikativen Teilkompetenzen eine dienende Funktion zu. Die unter 2.1.6 formulierten Niveaustufen beschreiben die produktive Anwendung der sprachlichen Mittel. Die Schülerinnen und Schüler erfassen rezeptiv wesentlich mehr sprachliche Mittel, als sie produktiv verwenden können.
Interkulturelle Kompetenz und plurilinguale Kompetenz sind eng miteinander verwoben. Interkulturelle Kompetenz bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, in direkten und medial vermittelten Begegnungen sowie beim Verstehen, Deuten und Produzieren fremdsprachiger Texte kommunikativ und kulturell angemessen zu agieren. Sie umfasst kommuni-katives Können, soziokulturelles und soziolinguistisches Wissen, eine offene Haltung wie auch die Fähigkeit und Bereitschaft, unterschiedlich kulturell geprägte Perspektiven wahrzu-nehmen und über diese zu reflektieren.
Plurilinguale Kompetenz bezeichnet die Fähigkeit zum systematischen, selbstständigen Sprachenlernen auf Grundlage vorhandener sprachlicher Erfahrungen. Sie befähigt zum adressaten-, situations- und zweckangemessen Einsatz des individuellen plurilingualen Repertoires, um kommunikative Ziele zu erreichen. Mit jeder weiteren Sprache, die Schülerinnen und Schüler nutzen können, erweitert sich ihr individuelles interkulturelles und plurilinguales Repertoire und ihre interkulturelle und plurilinguale Kompetenz kann ausgebaut werden. Dabei aktivieren und nutzen sie sämtliche ihnen zur Verfügung stehenden diskursiven und kommunikativen Mittel, Strategien und Kenntnisse aus verschiedenen Sprachen als Ressource, um die Verständigung in der Zielsprache soweit wie möglich zu gewährleisten. Das Ziel des Fremdsprachenunterrichts besteht darin, die interkulturelle und plurilinguale Kompetenz der Schülerinnen und Schüler derart zu erweitern, dass erfolgreiches kommunikatives Handeln in der Zielsprache möglich wird.
Text- und Medienkompetenz zielt auf die Teilhabe der Schülerinnen und Schüler an der Gesellschaft und den Kulturen der Zielsprachenländer. Sie ermöglicht die Aufnahme und Verarbeitung ebenso wie die selbstständige Erstellung unterschiedlicher Texte. Dies gilt für Texte im erweiterten Sinn, schließt also auch bildliche Gestaltung und Hörtexte / audiovisuelle Texte mit ein. Sie umfasst das Erkennen unterschiedlicher Merkmale von Texten und Medien, die Verwendung dieser Merkmale bei der Produktion eigener Texte sowie die Reflexion über deren Wirkung. Literarisch-ästhetische Ausdrucksformen ermöglichen besondere sprach- und kulturspezifische Erfahrungen, bieten Gelegenheiten zur Übernahme und zum Wechsel von Perspektiven sowie zum emotionalen Erleben. Die literarisch-ästhetische Kompetenz als Teil der Text- und Medienkompetenz erfährt im Zusammenhang mit dem Fremdsprachenunterricht eine besondere Bedeutung, die sich u. a. aus dem Auftrag des Fremdsprachenunterrichts ergibt, zur kulturellen Bildung beizutragen.
Aufgrund ihrer umfassenden Zielsetzung geht diese Kompetenz über die Kompetenzbereiche Leseverstehen, Hörverstehen / audiovisuelles Verstehen, Sprechen und Schreiben hinaus und ist eng mit der digitalen Kompetenz in fremdsprachenspezifischen Anwendungskontexten verbunden.
Sprachbewusstheit übernimmt die Funktion der Verknüpfung des Wissens über sprachliche Mittel und Strukturen mit der Bewusstheit für deren pragmatischen, kulturellen und kommunikativen Wirkungen. Bewusstmachende Phasen der Sprachreflexion unterstützen das Lernen in den anderen Kompetenzbereichen sowie die übergreifende Sprachbildung (siehe Teil B) in besonderem Maße, fördern das schulische Erlernen weiterer Fremdsprachen und bereiten lebenslanges selbstständiges Lernen vor. Konkret umfasst Sprachbewusst-heit die Sensibilität für verschiedene Arten der Sprachverwendung sowie das Wissen über deren soziale und kulturelle Prägung und die Angemessenheit der Sprachverwendung in einer gegebenen Situation. Ebenso beinhaltet sie die kontinuierliche Reflexion über Sprache. In mündlichen und schriftlichen Kommunikationsformen zeigt sich Sprachbewusstheit durch die Fähigkeit der Beteiligten, ihre Mitteilungsabsichten sprachlich korrekt und pragmatisch angemessen zu gestalten.
Sprachlernkompetenz umfasst die Beherrschung von Lernmethoden und Techniken in Bezug auf die zu erlernenden funktionalen kommunikativen Kompetenzen im Zusammenspiel mit den transversalen Kompetenzen. Sie beinhaltet darüber hinaus die Fähigkeit und Bereitschaft, den individuellen Fremdsprachenlernprozess selbstständig zu reflektieren und gezielt zu optimieren. Hierbei greifen Schülerinnen und Schüler auf ihr potenzielles mehrsprachiges Wissen sowie auf individuelle Sprachlernerfahrungen zurück. Die Sprachlern-kompetenz legt die Grundlagen für das Erlernen weiterer Fremdsprachen und bereitet auf lebenslanges, selbstständiges Lernen vor. Sie trägt wesentlich zur individuellen Mehr-sprachigkeit der Schülerinnen und Schüler bei.
Die fremdsprachenspezifische digitale Kompetenz durchdringt alle Dimensionen des Fremdsprachenlernens bzw. des übergeordneten Ziels der interkulturellen und plurilin-gualen Diskurskompetenz und reicht damit über die Text- und Medienkompetenz hinaus. Sie betrifft das sprachliche und inhaltliche Lernen in der Fremdsprache ebenso wie die mediale Gestaltung der Kommunikation. Die fremdsprachenspezifische digitale Kompetenz beinhaltet die adressaten-, situations- und zweckangemessene Nutzung digitaler Werk-zeuge in fremdsprachigen Kommunikationen und die Fähigkeit, digitale Möglichkeiten für das Fremdsprachenlernen zu nutzen. Durch die Digitalisierung sind Werkzeuge für die (fremd-)sprachliche Kommunikation entstanden. Die Beurteilung von Werkzeugleistungen gewinnt für das Gelingen von Kommunikation an Bedeutung.
Die Anforderungen an die fremdsprachenspezifische digitale Kompetenz sind in den Beschreibungen der Standards zu den funktionalen kommunikativen und den transversalen Kompetenzen integriert.
Amtliche Fassung (pdf-Datei) Hinweise zur RLP-Einführung
Redaktionell verantwortlich: Boris Angerer, LIBRA
