
Jeder Bildungsstandort kann im Rahmen der jeweiligen rechtlichen und organisatorischen Bedingungen selbst bestimmen, wie weitreichend sein ganztägiges Bildungs- und Betreuungsangebot ausgestaltet sein soll. Das Ganztagsförderungsgesetz (GaFöG) sieht für Kinder im Grundschulalter einen stufenweise eingeführten Rechtsanspruch auf ganztägige Förderung vor. Mehr Informationen dazu finden Sie hier.
Da die Unterrichtszeit Bestandteil dieses zeitlichen Umfangs ist, ist die Bezeichnung „ganztägige Bildung und Betreuung“ zutreffend. Damit ist jedoch nicht automatisch eine Ganztagsschule im pädagogischen Sinne beschrieben.
Auch an allgemeinbildenden weiterführenden Schulen wird Ganztag häufig über eine Verbindung von Unterricht, Bildungs- und Betreuungsangeboten sowie Arbeitsgemeinschaften (AGs) gestaltet. Auch hier beschreibt allein der zeitliche Umfang noch keine Ganztagsschule im Sinne eines pädagogisch verzahnten Ganztagskonzepts.
Ganztagsschulen zeichnen sich vielmehr durch die Verzahnung unterschiedlicher Lern- und Lebensgelegenheiten aus. Ein rhythmisiertes Tages- und Wochenkonzept stellt das Wohlbefinden, den Kompetenzerwerb und die Chancengerechtigkeit von Kindern und Jugendlichen in den Mittelpunkt. Lernen, Bewegung, Freizeit, soziale Beziehungen und individuelle Förderung werden dabei nicht isoliert voneinander betrachtet, sondern zu einem pädagogisch begründeten Gesamtkonzept verbunden. Gleichzeitig öffnet sich die Schule in den Sozialraum und nutzt dessen Möglichkeiten und Ressourcen (Bausteine pädagogischer Qualität im Ganztag).
Unter entsprechenden personellen, räumlichen und finanziellen Voraussetzungen kann insbesondere die gebundene Ganztagsschule diesen Anspruch umfassend verwirklichen. In einem multiprofessionellen Team können unterschiedliche Expertisen und Ressourcen miteinander verbunden und gezielt für die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen eingesetzt werden.
Doch auch andere Schul- und Bildungsstandorte haben die Möglichkeit, sich schrittweise an dieser Idee eines ganzheitlichen Ganztags zu orientieren. Voraussetzung dafür sind gemeinsame Ziele und ein gemeinsam getragenes Verständnis: Wo wollen wir mit unserem Ganztag hin? Was sollen Kinder und Jugendliche bei uns über den ganzen Tag erleben, lernen und entwickeln können?
Hier setzen die im Folgenden beschriebenen Handlungsfelder an. Sie sind als Entwicklungschancen zu verstehen: als Möglichkeiten, den gesamten Tag als Bildungs- und Lebensraum zu gestalten und jungen Menschen vielfältige Gelegenheiten und Räume zu eröffnen.
Diese Handlungsfelder basieren auf einer Abbildung von Alexander Scheuerer (Vorstandsmitglied im Ganztagsschulverband und Schulleiter a.D.). Dieser geht davon aus, dass Ganztagsschulen auf diese Weise den Anforderungen des 21. Jahrhunderts entsprechen kann.
(Quelle: Fachmagazin Pädagogik, Ausgabe 9_24, Artikel: Lernen im Ganztag)
Digitale Kompetenzen aneignen
Die Digitalisierung verändert unsere Lebenswelt, die Gesellschaft und die Arbeitswelt grundlegend. Ganztag steht daher vor der Aufgabe, Schüler auf einen kompetenten und verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Technologien vorzubereiten.
Dazu gehören grundlegende digitale Kompetenzen ebenso wie der sichere und reflektierte Umgang mit künstlicher Intelligenz, Informationen und digitalen Medien. Kinder und Jugendliche müssen lernen, Quellen kritisch zu bewerten, Fake News zu erkennen und sich verantwortungsvoll in sozialen Medien zu bewegen. Auch Themen wie Cybermobbing, Internetsucht und der Umgang mit Bewertungen und sozialen Druck im Netz gehören zur digitalen Bildung.
Digitale Technologien bieten zugleich große Chancen für individuelles, selbstständiges und kooperatives Lernen. Lernplattformen und digitale Werkzeuge können Schüler dabei unterstützen, in ihrem eigenen Tempo und auf unterschiedlichen Niveaus zu arbeiten, Lernprozesse selbst zu planen und ihre Ergebnisse zu reflektieren.
Voraussetzung dafür sind passende pädagogische Konzepte, eine lernförderliche digitale Infrastruktur und ausreichend Zeit für selbstständiges Lernen. Besonders im Ganztag eröffnen flexible Lernzeiten und unterschiedliche Lernräume gute Möglichkeiten, digitale Medien gezielt zur individuellen Förderung und zur Entwicklung von Selbstständigkeit einzusetzen.
Lesen Sie hierzu die Artikel zu datengestützer Entwicklung von Bildungsstandorten und zu Digitalisierung und KI.
*Die Artikel sind Teil einer digitalen Handreichung des LIBRA zum Ganztag in Brandenburg (2026). Beide Artikel referenzieren in einem blauen Kasten die Trias Wohlbefinden - Leistung - Chancengerechtigkeit, die als übergeordnete Ziele der Arbeit mit Kinder und Jugendlichen durch Prof. Anne Sliwka (Universität Heidelberg) für die Schulentwicklung definiert wurden.
Teilhabe und Partizipation von Kindern und Jugendlichen sind wichtige Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen. Schüler:innen sollten deshalb aktiv an ihren Bildungsprozessen und an der Gestaltung des Schul- und Ganztagslebens beteiligt werden. Möglichkeiten dafür bieten beispielsweise Klassenräte, Schülerparlamente, Beteiligungsprojekte oder gemeinsame Zukunftswerkstätten.
Demokratiebildung bedeutet dabei, Kindern und Jugendlichen Mitgestaltung, Verantwortung und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit zu ermöglichen. Sie lernen, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen, gemeinsam Entscheidungen zu treffen und Lösungen für Herausforderungen zu entwickeln.
Gleichzeitig gewinnt die Förderung von Gesundheit und Resilienz an Bedeutung. Resiliente Kinder haben eine hohe Frustationstoleranz, bleiben selbstwirksam und handlungsfähig in schwierigen Situationen, kennen sich selbst, ihre Stärken und verlassen sich auf ihr Wissen und Können. Die Selbstregulationskompetenzen bieten hierfür eine wichtige Grundlage. Sowohl Schüler:innen als auch pädagogische Fachkräfte benötigen Strategien, um mit Belastungen und Veränderungen konstruktiv umzugehen. Bewegungsangebote, Entspannungsübungen, Reflexionsphasen und ein gutes Wissen über sich selbst können dabei helfen.
Eine wichtige Grundlage für Resilienz im pädagogischen Alltag ist zudem verbindliche und interprofessionelle Teamarbeit. Feste Kooperationszeiten, gemeinsame Verantwortung und ein regelmäßiger Austausch entlasten Einzelne und stärken die Zusammenarbeit. So entsteht eine Schulkultur, in der Lernen, Gesundheit, Beteiligung und gemeinsames Verantworten miteinander verbunden sind.
Lesen Sie hierzu die Artikel: Demokratiebildung im Ganztag und Selbstregulationskompetenzen.
*Die Artikel sind Teil einer digitalen Handreichung des LIBRA zum Ganztag in Brandenburg (2026). Beide Artikel referenzieren in dem blauen Kasten die Trias Wohlbefinden - Leistung - Chancengerechtigkeit, die als übergeordnete Ziele der Arbeit mit Kinder und Jugendlichen durch Prof. Anne Sliwka (Universität Heidelberg) für die Schulentwicklung definiert wurden.
Die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan feiert bereits 41 Jahre Bestand (1985). Die Selbstbestimmungstheorie der beiden US Psychologen hob drei Grundbedürfnisse auf den Plan, die bei jedem Einzelnen entscheidend für die intrinsischer Motivation und das psychische Wohlbefinden sind:
- Soziale Eingebundenheit: Das Bedürfnis nach sozialen Beziehungen und Zugehörigkeit, das Streben nach positiven Beziehungen zu anderen und dem Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein.
- Autonomie: Das Bedürfnis, Kontrolle und Selbstbestimmung über das eigene Verhalten zu erleben.
- Kompetenz: Das Bedürfnis, sich wirksam und kompetent zu fühlen. Menschen wollen ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickeln und anwenden, um Herausforderungen erfolgreich zu bewältigen.
Der Ganztag bietet hervorragende Bedingungen, um diesen Bedürfnissen gerecht zu werden. Verena Hasel (Der tanzende Direktor, 2025) brachte dafür das unübersetzbaren Wort “Whanaungatanga” aus Neuseeland mit nach in das deutsche Schulsystem. Gemeint ist damit ein Gefühl der Verbundenheit, das über die von Familie und Freunden hinausgeht. Dem liegt der Gedanke zugrunde, dass dem Einzelnen nur dann ein befriedigendes Leben möglich ist, wenn er in einem größeren Ganzen aufgeht. Whanaungatanga kann übersetzt werden als ein Gefühl der Verbundenheit und der Haltung, auch für andere zu sorgen. Es geht um ein »Be Part«-Gefühl im Stadtteil, im Dorf, im Bildungsstandort. Es verbindet den Wunsch nach Zugehörigkeit, Wohlbefinden und Wirksamkeit.
Lesen Sie hierzu den Artikel Zugehörigkeit stiften, Zukunft sichern.
*Die Artikel sind Teil einer digitalen Handreichung des LIBRA zum Ganztag in Brandenburg (2026).
Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) befähigt Kinder und Jugendliche, die Auswirkungen des eigenen Handelns auf Umwelt, Gesellschaft und Zukunft zu verstehen und verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen. Dabei geht es nicht nur um Wissen über Nachhaltigkeit, sondern vor allem um die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu erkennen, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und selbstwirksam zu handeln.
BNE ist aber nur eines der übergeordneten Lebensweltkompetenzen. Der Lebensweltbezug dieser überfachlichen Kompetenzen aus dem RLP Brandenburg Teil C verbindet fachliches Lernen mit den Fragen, Herausforderungen und Erfahrungen der Schüler:innen. Er ermöglicht, Wissen in konkreten Situationen anzuwenden und dadurch Selbstständigkeit, Urteilsfähigkeit, Problemlösefähigkeit, Kooperation und Verantwortungsübernahme zu entwickeln. Sie bieten außerdem Anlässe für fächerübergreifendes und handlungsorientiertes Lernen.
Besonders wirksam sind diese Themen, wenn Schüler:innen eigene Fragen entwickeln, Lösungen erproben, Entscheidungen treffen und konkrete Veränderungen mitgestalten. Der Ganztag bietet dafür zusätzliche Möglichkeiten, da mehr Zeit für Projekte, Kooperation, praktische Erfahrungen und die Verbindung von Lernen und Lebenswelt zur Verfügung steht.
BNE und die anderen überfachlichen Lebensweltkompetenzen werden zu einem wichtigen Bestandteil einer Bildung, die Kinder und Jugendliche dazu befähigt, ihr eigenes Leben, ihre Gemeinschaft und ihre Zukunft aktiv und verantwortungsvoll mitzugestalten.
Lesen Sie hierzu den Artikel zu den übergreifenden Themen im Ganztag.
Der Artikel referenziert in dem blauen Kasten die Trias Wohlbefinden - Leistung - Chancengerechtigkeit, die als übergeordnete Ziele der Arbeit mit Kinder und Jugendlichen durch Prof. Anne Sliwka (Universität Heidelberg) für die Schulentwicklung definiert wurden.
Ein starker Bildungsstandort, der Antworten auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts findet, gelingt nur durch den gemeinsamen Willen und die Anstrengungsbereitschaft der Schulgemeinschaft in Kooperation mit dem Schulträger und der Jugendhilfe. Es kommt bei solchen Veränderungen nicht in erster Linie auf das Tempo an, sondern darauf, nicht stehen zu bleiben. Damit kann der Ganztag, ausgehend von der individuellen Standortsituation und den politischen Rahmenbedingungen, eigenen Ziele, Vorstellungen und Visionen gemeinsam entwickeln und Schritte zur Umsetzung festlegen. Gemeinsame Ziele sollte dabei sowohl das Lernen im 21. Jahrhundert sein, ebenso aber auch inklusives Lernen und ein Bildungsstandort der sich für alle öffnet. Die verschiedenen Vorstellungen über Bildung von Kindern und Jugendlichen im schulischen wie außerschulischen Bereich auf den Tisch kommen, diskutiert und miteinander in Beziehung gesetzt
werden, um eine bestmögliche Förderung von Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen, die sich im 21. Jahrhundert behaupten können.
Lesen Sie hierzu die Artikel zum Lernen im 21. Jahrhundert, einem inklusiven Ganztag und zu einem sicheren und geschützten Bildungsstandort.
* Die Artikel sind Teil einer digitalen Handreichung des LIBRA zum Ganztag in Brandenburg (2026). Die Artikel referenzieren in dem blauen Kasten die Trias Wohlbefinden - Leistung - Chancengerechtigkeit, die als übergeordnete Ziele der Arbeit mit Kinder und Jugendlichen durch Prof. Anne Sliwka (Universität Heidelberg) für die Schulentwicklung definiert wurden.
Der entscheidende Perspektivwechsel für mehr Bildungsgerechtigkeit besteht darin, den Ganztag nicht als „mehr Schule“, sondern als „mehr Möglichkeiten“ zu verstehen. Ziel ist nicht die quantitative Verlängerung der Lernzeit, sondern eine hohe Qualität eines ganzen Tages an einem Bildungsstandort. Ein zukunftsfähiger Ganztag verbindet deshalb drei Ziele miteinander: Kinder und Jugendliche sollen sich wohlfühlen, erfolgreich lernen und ihre eigenen Potenziale entfalten können – unabhängig von ihrer sozialen Herkunft. Bildungsgerechtigkeit entsteht dort, wo unterschiedlichen Voraussetzungen von Kindern und Jugendlichen wahrgenommen, gezielt ausgeglichen und auf die Stärken des Einzelnen geschaut werden.
Ein Ganztag, der ´Bildungsgerechtigkeit ins Zentrum stellt, kann sich an folgenden Bereichen orientieren:
| Bereich | Was der Ganztag tun kann |
Beziehungen | verlässliche Bezugspersonen, Mentoring, feste Lerngruppen |
Lernen | individuelle Lernzeiten, Lerncoaching, gezielte Förderung |
Sprache & Lesen | Leseklubs, Lesezeiten, Lesepat:innen, Sprachförderung |
Gesundheit | Bewegung, Ernährung, Entspannung, psychische Gesundheit |
Partizipation | Klassenrat, Schüler:innenparlament, Mitgestaltung des Ganztags |
Talente | Musik, Kunst, Sport, Technik, Natur, Kultur, kreative Projekte |
Lebenswelt | Praxisprojekte, außerschulische Lernorte, Berufsorientierung |
Unterstützung | Multiprofessionelle Teams und kooperative Förderplanung |
Eltern | Begegnungsangebote, Beratung und gemeinsame Bildungsaktivitäten |
Übergänge | Begleitung von Kita → Schule → weiterführende Schule → Beruf |
Lesen Sie hierzu die Artikel zuWohlbefinden, Leistung und Chancengerechtigkeit.
*Der Artikel ist Teil einer digitalen Handreichung des LIBRA zum Ganztag in Brandenburg (2026).

