Die kompetenzorientierten Zeugnisse entfalten ihre größte Wirkung, wenn Unterricht von Schuljahresbeginn an kompetenzorientiert erfolgt und das Lernen der Schülerinnen und Schüler kompetenzorientiert begleitet wird. Diese Seite bietet Ihnen einen Überblick, was das bedeutet. Außerdem bieten Ihnen die verschiedenen Fächer einen Einblick, wie Transparenz und Reflexion in den Unterricht Eingang finden können. Eine gute Orientierung für die kompetenzorientierte Lernbegleitung bieten die vier Bausteine “Transparente Kriterien”, “Lernstandsfeststellungen”, “Lerndokumentation” sowie “Reflexions- und Rückmeldekultur”.
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Warum Kompetenzorientierung?
Anfang der 2000er Jahre gab es international im Bereich der Bildung die empirische Wende. Ergebnisse der PISA-Studie 2000 zeigten für Deutschland, dass bei den Schülerinnen und Schülern zwar reichlich Faktenwissen vorhanden, aber die Fähigkeit zur Anwendung nicht ausreichend entwickelt war. Daraus entstanden zentrale Fragen:
- Was können Lernende mit ihrem Wissen anfangen?
- Welche Kompetenzen benötigen sie für das 21. Jahrhundert?
- Wie bereitet Schule Lernende auf eine sich wandelnde Welt vor?

Vom Wissen zum Können
Kompetenzorientierter Unterricht richtet den Blick nicht nur darauf, was Lernende an Wissen erwerben, sondern insbesondere auch darauf, wie sie dieses Wissen anwenden können:
- Probleme selbstständig lösen
- motiviert und zielgerichtet handeln
- und ihre Lösungen in unterschiedlichen – auch neuen – Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll anwenden
Kompetenz bedeutet dabei die Verbindung von „Wissen, Können und der Motivation, diese auch zu zeigen“. (Pant, Hans Anand, Silvia-Iris Beutel, 2022. Kompetenzen bewerten. In: Friedrich Jahresheft: S. 46–49)
Merkmale kompetenzorientierten Unterrichts
Kompetenzorientierte Rahmenlehrpläne/Lehrpläne erfordern einen entsprechend gestalteten kompetenzorientierten Unterricht mit folgenden Merkmalen:
- lebensnahe und problemorientierte Aufgaben
- kognitive Aktivierung
- positive Fehlerkultur
- Verbindung von Wissen und Können
- Anwendung und Transfer
- aktive Begleitung der Lernprozesse
Ziel ist es, Lernende zu befähigen, in unterschiedlichen Situationen selbstständig und reflektiert urteilen und handeln zu können – heute und in der unvorhersehbaren Zukunft.
Elemente kompetenzorientierter Lernbegleitung
Kompetenzorientierter Unterricht erfordert eine kompetenzorientierte Lernbegleitung mit Fokus auf die Lernprozesse.
Wichtige Elemente sind:
- Lernstände feststellen (kontinuierlich und kriterial) und in geeigneten Dokumentationen sichtbar und nachvollziehbar machen
- Lernstände diagnostizieren und partizipativ reflektieren
- dialogisches, lernförderliches Feedback geben
- Unterricht adaptiv an Lernstände anpassen
Lernstandsfeststellungen, Diagnose und lernförderliches Feedback sind zentrale Aspekte kompetenzorientierter Lernbegleitung. Sie gelten als wichtige Merkmale der sogenannten formativen Leistungsbeurteilung.
- Informationen und zahlreiche Anregungen zur formativen Leistungsbeurteilung in der Schuleingangsphase
Kurz zusammengefasst:
- Formative Leistungsbeurteilungen unterstützen während des gesamten Lernabschnitts die Lernprozesse.
- Summative Leistungsbeurteilungen bilanzieren am Ende eines Lernabschnitts die erworbenen Kompetenzen.
| Formative Leistungsbeurteilung | Summative Leistungsbeurteilung | |
| primäres Ziel | Verbesserung von Lehren und Lernen | Erfassung und Einstufung vorhandener Kompetenzen |
| Fokus der Rückmeldung | Beurteilung des Lernprozesses | Beurteilung des Lernergebnisses |
| Art der Rückmeldung | beschreibendes Feedback | evaluierendes Feedback |
| zeitliche Perspektive | vorwiegend prospektiv | vorwiegend retrospektiv |
| Zeitpunkt | fortlaufend,lernbegleitend | am Ende einer Lerneinheit, eines Schuljahres o. Ä. |
| Einbettung in die Lehreinheit | integraler Bestandteil des Lehr-Lern-Prozesses | findet außerhalb des eigentlichen Lehr-Lern-Prozesses statt |
| Beteiligung der Lernenden | kollaborativ, Schüler:innen werden in den Prozessen der Leistungserfassung und -beurteilung eingebunden | lehrerzentriert; Lehrkraft steuert Prozess der Leistungsbeurteilung und -rückmeldung und bestimmt Konsequenzen |
aus: Beutel, Silvia-Iris, Hans Anand Pant, 2020. Lernen ohne Noten. Alternative Konzepte der Leistungsbeurteilung. Stuttgart
Kompetenzorientierte Lernbegleitung auch bei summativer Bewertung
Summative Leistungsbewertung steht nicht im Widerspruch zu kompetenzorientierter Lernbegleitung bzw. formativer Leistungsbeurteilung. Summative Leistungsbewertung wird durch kompetenzorientierte Lernbegleitung vorbereitet und gerahmt.
Summative Leistungsbewertung steht am Ende eines Lernprozesses, in dem
- das Lernen und seine Begleitung im Mittelpunkt stehen,
- das Bewertungskonzept bereits bei Unterrichtsplanung mitgedacht wird,
- Kriterien frühzeitig bekannt gemacht werden,
- Lern- und Bewertungsphasen klar voneinander getrennt sind.
Lernbegleitung im Schuljahresverlauf
Kompetenzorientierte Lernbegleitung zieht sich als roter Faden durch das Schuljahr:
- Lernausgangslagen zu Beginn erfassen (z. B. mit ILeA plus)
- individuell fördern im adaptiven Unterricht
- kontinuierlich und kompetenzorientiert das Lernen begleiten (z. B. Lernstandsfeststellungen, Lerngespräche, Feedback, Vereinbarung von Zielen)
- Lernentwicklung dokumentieren
- Gespräche über die Lernentwicklung mit den Eltern nach Bedarf führen
- Zeugnis als abschließendes summatives Dokument am Schuljahresende sowie zum Halbjahr erstellen (Hinweis: Zum Halbjahr in den Jahrgangsstufen 1 und 2 erhalten die Schülerinnen und Schüler kein Zeugnis, sondern den sogenannten Lernentwicklungsbogen.)
Die vier Bausteine kompetenzorientierter Lernbegleitung
Kompetenzorientierte Lernbegleitung gelingt, wenn vier Bausteine zusammenwirken:
- Transparente Kriterien: Klare Anforderungen geben Orientierung, was erwartet wird.
- Lernstandsfeststellungen: Sie zeigen, wo Lernende stehen – als Grundlage für Förderung, nicht zur Bewertung.
- Dokumentationen: Lernentwicklung wird sichtbar gemacht und nachvollziehbar festgehalten.
- Reflexions- und Rückmeldekultur: Lernentwicklung wird mit den Lernenden dialogisch reflektiert und der nächste Lernschritt nachvollziehbar geplant.
Transparente Kriterien sind in Sprache gefasste Anforderungen. Sie …
- machen Anforderungen sichtbar und nachvollziehbar.
- geben Lernenden Orientierung: zeigen, was wichtig ist, worauf es ankommt.
- ermöglichen Selbsteinschätzung.
- helfen Eltern, den Lernstand ihrer Kinder zu verstehen.
- sind die Basis dafür, dass sich Lehrkräfte, Eltern und Kinder über Anforderungen verständigen können.
- machen Einschätzungen und Bewertungen der Lehrkräfte nachvollziehbar und vergleichbar.
Beispiele für die Schuleingangsphase/Schriftspracherwerb
Lernstandsfeststellungen informieren über den Lernentwicklungsstand auf Basis transparenter Kriterien. Sie …
- zeigen, welche Anforderungen bewältigt werden.
- dienen der Diagnose und Förderung (und nicht der Bewertung).
- geben Auskunft: Was kann ich? (Schülerin bzw. Schüler) Was kann mein Kind? (Eltern) Was kann die Schülerin bzw. der Schüler? Wie plane ich weiter? (Lehrkraft)
- sind nicht nur an die Lehrkraft gebunden – auch Schülerinnen und Schüler können Lernstände einschätzen, wenn sie die richtigen Instrumente erhalten.
- können individuell oder für die gesamte Lerngruppe erfolgen.
- werden regelmäßig im Lernprozess eingesetzt (z. B. kurze Überprüfungen zur Selbstvergewisserung bzw. zur optimalen Steuerung des Lernprozesses).
ILeA plus | Orientierungsarbeiten | (folgt)
Beispiele für die Schuleingangsphase/Schriftspracherwerb
Dokumentationen orientieren sich an kompetenzorientierten Anforderungen bzw. Kriterien. Sie …
- halten die individuelle Lernentwicklung eines Kindes über einen längeren Zeitraum fest und visualisieren individuelle Fortschritte als Lernspuren.
- enthalten nicht nur die Einschätzung der Lehrkraft, sondern beziehen auch die Einschätzung der Schülerin bzw. des Schülers mit ein.
- machen Lernentwicklung für alle Beteiligten sichtbar.
- bilden die Grundlage für Lernentwicklungsgespräche mit Schülerinnen und Schülern, Eltern und auch unter Kolleginnen und Kollegen.
Beispiele für die Schuleingangsphase/Schriftspracherwerb
Reflexionen orientieren sich an Lernstandsfeststellungen und Dokumentationen. Sie …
- verbinden den diagnostischen Blick (Was wurde erreicht? Wo stehen wir?) mit dem prognostischen Blick (Welche nächsten Schritte sind sinnvoll – für einzelne Kinder und für die Lerngruppe?).
- gewähren Schülerinnen und Schülern dialogische Rückmeldung während des Lernprozesses: feed back und feed forward.
- führen zur Entscheidung über weitere lernförderliche Schritte.
- können dazu genutzt werden, eigene Gedanken, Einschätzungen, Bewertungen im Austausch mit anderen zu überprüfen.
- sind ein eigener Lerninhalt: Schülerinnen und Schüler benötigen Lerngelegenheiten, um eigene Leistungen und die anderer einzuschätzen.
- sind zentrale Werkzeuge, um selbstreguliertes Lernen zu fördern, da sie Lernende befähigen, ihren eigenen Lernprozess aktiv zu steuern, zu überwachen und anzupassen.
- unterstützen Lehrkräfte bei der Weiterentwicklung ihres Unterrichts (z. B. Kollegiale Hospitation, Feedbackbögen von Lernenden zum Unterricht).
Beispiele für die Schuleingangsphase/Schriftspracherwerb
Redaktionell verantwortlich: Anett Frohn, LIBRA
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