Zitat Dezember 2012

Zitat Dezember 2012

Zitat Dezember 2012

"Res severa (est) verum gaudium" (Ein wahres Vergnügen ist eine ernste Sache)

Lucius Annaeus Seneca, römischer Schriftsteller

Dieser lateinische Spruch von Seneca beförderte mich in meiner Jugend erstmals in die Bibliothek und damit nahm auch eine recht holprige Beziehung zu den Informationseinrichtungen ihren Anfang. Als ich in den 80er Jahren in den musikalischen Genuß kam, im Leipziger Gewandhaus einem Konzert beizuwohnen, ruhten meine Augen auf diesem knackig wirkenden lateinischen Spruch. Neben den Klängen hallte in mir dieser Leitsatz nach, der in grossen, glänzenden Lettern an der Orgelempore zwischen den Tausenden von Pfeifen und mehretagig angeordneten Klaviaturen im Konzertsaal angeschlagen steht. Diese faszinierende und mystische Sprache hatte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht erlernen dürfen, somit blieb mir im Zeitalter vor dem Internet, angestachelt von der puren Neugierde und Bestreben, jeden Sprachcode zu knacken, nur die Recherche in der Wolfener Stadtbibliothek. Ich wurde auch fündig, aber dennoch markierte dieser erste bewußte und erfolgreiche Kontakt keineswegs das Schlüsselerlebnis hin zu einer innigen Zuneigung gegenüber Bibliotheken. Von einer Liaison konnte nicht die Rede sein. Eher hatte ich während meines erstens Studiums an der Technischen Hochschule in Leipzig und später in Bonn immer wieder Schwierigkeiten, z. B. in den verschiedenen Karteikartenkatalogen fündig zu werden oder auch das Bestellmuster von Holbibliotheken zu verstehen.

Große Lesesäle wie in der Leipziger Deutschen Bücherei oder mit Blick auf den Rhein in Bonn ermüdeten mich, und ließen mich zudem im Habitus durch die papierne Vergegenwärtigung der Allmacht des Wissens stets schrumpfen. Da zog ich das Lernen einer indigenen Sprache schon mal in einem Fast Food Lokal vor. Schliesslich gab eine kleine Seminarbibliothek, gleichfalls mit erhabenem Blick auf den Rhein, den Ausschlag, mich doch noch mit diesem besonderen Ort zu duzen. Über sie lernte ich diesen Raum verborgener Schätze und überraschendster Entdeckungen, von denen wir allein in Deutschland über zehntausend haben, richtig schätzen und genießen.

Was für mich ungemein herausragt an bibliothekarischer Leistung ist, dass man durch die weltumspannende Vernetzung der Bibliotheken untereinander jedes, aber auch wirklich jedes gedruckte Werk über die sogenannte Fernleihe für'n Appel und 'n Ei bekommt. Da mittlerweile Bibliotheken zudem angenehme Bleibequalitäten entwickelt haben, sind sie nach Wohn- und Arbeitsort mein dritter Ort geworden. Wer also von jemandem, der seit sechs Jahren in diesem Beruf steht und sogar in einer preisgekrönten Informationseinrichtung werkeln darf, erwartet, ein vorbehaltloses Miteinander im Plädoyer verankert zu sehen, den muss ich enttäuschen. Aber letztendlich stimmt die Beziehungsqualität und ich kann Bibliotheken als freie Such-, Schmöker-, Lese-, Recherche-, Veranstaltungs- und Aufenthaltsräume nur aufs wärmste empfehlen. Man geht nie leer aus und findet nur zu schnell seine Freude an dem ernsthaften Abbild unserer Gegenwart!

Dr. Frank Seeliger, Leiter der Hochschulbibliothek Wildau (Auszeichnung als "Bibliothek des Jahres" 2012)

 

 

Redaktionell verantwortlich: Ralf Dietrich, LISUM