Zitat Dezember 2014

Zitat Dezember 2014

Zitat Dezember 2014

 

"Lang ist der Weg durch Lehren, kurz und wirksam durch Beispiele."

Seneca

 

Vor zwei Jahrtausenden fasste Seneca seine Erfahrungen mit dem italischen Volk mit diesen Worten knapp zusammen – heutzutage sagen wir wohl eher: "Probieren geht über Studieren". Und bringen damit eine der elementarsten Lebensweisheiten auf den Punkt – denn dies gilt in der Schule, im Beruf, auch in der Liebe … Dem Mutigen gehört die Welt; allerdings muss er dafür schon Köpfchen mitbringen. Seneca, einer der berühmtesten Philosophen Roms, brachte sehr viel Köpfchen mit, erworben in einer Welt, die unermüdlich die Balance zwischen Natur und Vernunft suchte. 

 

Dieses Zitat hat mich von Jugend an durch alle Berufsjahre begleitet. Kein Wunder – Seneca war "in" damals, Anfang der 70-er Jahre, zu der Zeit, als ich das Abitur machte und beschloss, Lehrer zu werden. Was "Handfestes" sollte es sein; etwas, das sich nicht mit den Irrungen und unwägbaren Deutungen des Lebens durch Ideologie und Marxismus-Leninismus beschäftigte, sondern auf klaren Beweisen basierte. Also: Physik und Mathematik. Kein Drumrumreden. Vielmehr klare Formeln, Logik, die Dinge klar strukturiert zu Ende gedacht. 

 

Ich suchte eine besondere Herausforderung in diesem Beruf und bekam die Chance, an einer Gehörlosenschule zu unterrichten. Der tägliche Umgang mit gehörlosen Jugendlichen veränderte mein Leben. Man wird irgendwie "demütiger", bekommt eine Sicht auf die Dinge, die das Leben bereichert. Hier – wieder Seneca! – war mit trockenem Belehren nichts zu gewinnen; nur das handfeste, bildhaft nachvollziehbare Beispiel versprach Erfolg. Das waren mir ungeheuer wichtige und wertvolle Jahre. Sie haben mich auch gelehrt, mich mit Herz und Verstand für Menschen einzusetzen – und besonders für jene, die aufgrund körperlicher oder geistiger Einschränkungen benachteiligt sind. 

 

Erfahrungen, die ich dann Ende der 80-er, Anfang der 90-er Jahren, als die DDR so ruhig und doch so entschlossen entschwand, mit in die Politik nahm. Ich war froh, dass diese bleiernen Zeiten vorbei waren - und dies aktiv mit zu betreiben, hatte mich im Sommer ’89 in die Politik gebracht.  Unauffällig verschwand das Land nicht, denn das Chaos in Wirtschaft, Arbeit und Sozialem war groß, wie auch die Wirkung auf das Weltgeschehen. Die Menschen waren ganz überwiegend glücklich – aber viele auch verunsichert und sich der Folgen nicht bewusst. Da war es gut und richtig, das, was getan werden musste, einfach anzupacken. 

 

Dann war ich plötzlich Sozialdezernent im Kreis Belzig, später Potsdam-Mittelmark. Ländlich, Klein- und Mittelstand, herrliche Landschaft. Arbeit brach weg, Jugend ging weg, jeder wollte Sicherheit. Mit Lehrsätzen kam man in dieser Situation nicht weit – aber Beispiele wirkten; eine Erfahrung, die auch ohne Seneca wirkte. Geholfen hat mir dabei auch Regine Hildebrandt. Eines frühen Tages stand die damalige Sozialministerin plötzlich vor meiner Bürotür: "Zeig mir, was du drauf hast! Wie geht’s den Alten bei dir? Wie ziehen die Jungen mit? Was passiert mit der Poliklinik? Sind die Betriebe noch zu retten? Wie helft ihr den Arbeitslosen?" Mein Gott - dachte ich -, ein rhetorisches Maschinengewehr! Aber eines, das mit überquellendem Herzen, scharfem Verstand, klugen Argumenten das Notwendige veranlasste und energisch dafür sorgte, dass es nicht auf der Strecke blieb. Eine Frau, der sich weder Freund noch Feind entziehen konnte. Ein Mensch, der beispielhaft vorlebte, was Solidarität, Humanität und Menschenwürde bedeuten und die sozialen Geschicke unseres Landes entscheidend prägte. Ich habe viel von ihr gelernt.

 

Sie hat mich auch darin bestätigt, in der Politik die Dinge prägnant auf den Punkt zu bringen. Fragen brauchen Antworten. Wer keine weiß, flüchtet sich oftmals in langes Reden. Das war mir schon immer suspekt. Jedenfalls habe ich in all den Jahren in meinen verschiedenen Ämtern versucht, mich daran zu halten. Natürlich – nobody is perfect, und auch ich laufe nicht immer mit Seneca-Weisheiten durch die Gegend. Dazu fallen mir dann auch solche beispielhaften Negativ-Sätze ein, wie: "Ein fauler Apfel steckt hundert andere an.", oder: "Es bedarf nur eines schlechten Mönches, damit das ganze Kloster auf Abwege gerät." Gute Beispiele bauen auf, doch schlechte schaden mehr als manche Sünde …

 

Arbeit und Soziales, Frauen und Familie – das sind Politikfelder, von deren guter Aussaat und Bestellung die Qualität des gesellschaftlichen Klimas entscheidend abhängt. Ich habe hier gerne gesät und geerntet – mal etwas salopp gesagt. Jetzt bin ich sozusagen in der "Alchimistenkammer" angelangt – der Bildung. Denn hier werden die entscheidenden Elemente zusammengebracht, damit aus blitzgescheiten Mädchen und Jungen kluge Frauen und Männer werden. Gebildete Menschen, die im Beruf ihre Frau und ihren Mann stehen; Familien, die in einem Land leben, das wirtschaftlich und sozial stabil ist. 

 

Gute Bildung ist die Grundlage dafür, dass dies gelingen kann. Ich meine, wir haben bessere Voraussetzungen dafür, als sie Seneca jemals hatte. Wir haben ihn beherzigt, indem wir gelernt haben, "das gute Beispiel" zu favorisieren. Wir haben es in der Hand, aus den Möglichkeiten die besten Bildungschancen für alle zu machen. Und wirklich für alle, denn "wo es um Bildung geht, darf es nicht Stände" geben – wenn ich abschließend mal Konfuzius zitieren darf. Ich werde mein Möglichstes dafür tun!

 

 

Günter Baaske ist seit November 2014 Minister für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg.

Redaktionell verantwortlich: Ralf Dietrich, LISUM