Zitat Februar 2011

Zitat Februar 2011

Zitat Februar 2011

„Das Paradies habe ich mir immer wie eine große Bibliothek vorgestellt.“
Jorge Luis Borges, argentinischer Schriftsteller, 1899 – 1986

Die Schule, die ich als Schüler besuchte, hieß Schlossgymnasium, weil sie direkt neben einem Schloss lag. Selbst war sie ein wuchtiger Gründerzeitbau mit breiten Treppenaufgängen, dicken Wänden, Säulen und Kapitellen.
Auf halber Treppe zwischen Erdgeschoss und erstem Stock gab es eine schwere Holztür, die zweimal in der Woche geöffnet war. Dann wurde ein Brett auf halber Höhe in die Tür eingelegt, so dass eine Art Schalter entstand. Zwei Oberstufenschüler standen im Türbogen. Der Raum hinter ihnen war mit Regalen angefüllt, auf denen Bücher standen, viele Bücher. Allerdings so weit entfernt, dass man die Titel nicht lesen konnte. Stand man vor dem Schalter, musste man schnell einen Namen oder Titel sagen. Die beiden Schüler holten ein Buch aus den Regalen, sie verstanden sich nicht als Leseförderer. Und hinter mir drängelte schon der nächste in der (allerdings sehr kurzen) Schlange. Die Pause war ja gleich zu Ende. So kam ich als Quintaner an „Wem die Stunde schlägt“, weil ich im Türbogen „Hemingway“ gemurmelt hatte.
Jahre später, kurz vor dem Abitur, die Schule war in einen schicken Neubau am Stadtrand umgezogen, konnte ich einen Blick in einen geöffneten Schrank im Lehrerzimmer werfen. Da stand die komplette Stockholmer Ausgabe der Werke Thomas Manns, ein Klassensatz (!) einer dicken Anthologie  seiner Werke. Der ganze Schrank war voll mit wunderbaren Büchern. (Ich hatte gerade eine Facharbeit über Thomas Mann abgeliefert und ihn als mündliches Prüfungsthema angegeben.) Von diesem Bücherschatz hatte mir niemand erzählt und ich hätte ihn auch gar nicht sehen dürfen.

Angesichts solcher Schulerfahrungen ergab sich die Vorstellung vom Paradies der Bücher für eine Leseratte wohl zwangsläufig.

Meine ererbte oder anerzogene protestantische Arbeitsethik erlaubte mir nicht, das Paradies schon im Diesseits zu verwirklichen. Dieses Vorhaben scheitert ja meist. Zu einem gemütlichen Sessel, einer Leselampe und einem Beistelltischchen für das Glas Rotwein kam es schon.

Als Lehrer richtete ich mir aber in denen Schulen, in denen ich nach und nach unterrichtete, Räume ein, in denen ich mit einer Vielzahl von Büchern, audiovisuellen und zunehmend auch digitalen Medien in wechselnden Arbeits- und Sozialformen Schüler/-innen für historische und politische Themen gewinnen wollte.

Mit gleich gesinnten Bücher- und Bibliotheksliebhabern habe ich für solche Räume, die man Schulbibliothek, -mediothek, Wissens- oder Medienzentrum nennen könnte, ein Berufsleben lang gestritten.

Auch nach meiner Pensionierung und dem Umzug nach Potsdam komme ich von diesem Thema nicht los. Ich habe in Brandenburg und Berlin neue Mitstreiter/-innen gefunden. Die Mark Brandenburg kann an eine 250jährige Tradition anknüpfen.  

Da die Vorfreude bekanntermaßen die schönste Freude ist, eilt es mir mit dem Paradies nicht. Sessel, Leselampe und Beistelltischchen habe ich beim Umzug mitgenommen.   


Günter K. Schlamp
Schulleiter a. D.
Gregor-Mendel-Str. 14
14469 Potsdam

Weblog „Basedow1764
Arbeitsgemeinschaft der Schulbibliotheken in Berlin und Brandenburg (AGSBB)

Redaktionell verantwortlich: Ralf Dietrich, LISUM