Zitat Januar 2012

Zitat Januar 2012

Zitat Januar 2012

„Wir müssen unbedingt Raum für Zweifel lassen, sonst gibt es keinen Fortschritt, kein Dazulernen. Man kann nichts Neues herausfinden, wenn man nicht vorher eine Frage stellt. Und um zu fragen, bedarf es des Zweifelns.“ 
Richard P. Feynman (US-amerikanischer Physiker und Nobelpreisträger)
 
Dieses Zitat erinnert mich immer wieder an meine Arbeit mit Grundschulen in den 90-er Jahren, in denen wir gemeinsam mit Lehrerinnen und Lehrern verschiedener Bundesländer und Wissenschaftlern ein Konzept für integrierten naturwissenschaftlichen Unterricht weiterentwickelt und erprobt haben. Der Unterricht basiert auf verschiedenen Leitfragen. Der Einstieg in das jeweilige Thema folgte der Frage „Was bedeutet das jeweilige Thema für mich?“. Es ging also darum, Situationen zu schaffen, in denen die Schülerinnen und Schüler ihre eigenen Fragen finden und dokumentieren konnten. Die gesammelten Fragen wurden fünf weiteren Leitfragen zugeordnet und wurden auf diese Art und Weise Grundlage des Unterrichtsverlaufs. 
 
Mir ist bei dieser Tätigkeit sehr bewusst geworden, wie motivierend es ist, an eigenen Fragen arbeiten zu können und welche Leistung es darstellt, Fragen zu entwickeln, sie in der Lerngemeinschaft zu stellen und zielgerichtet an ihrer Beantwortung zu arbeiten, an verschiedenen Stellen auch nur unvollständige Antworten zu finden und diese mit den anderen Lernenden zu diskutieren. 
Eine wesentliche Erfahrung damals war auch, dass Fragen viel leichter in der Kommunikation mit anderen entstehen, sich weiterentwickeln und ausdifferenzieren lassen. Damit erhält die kooperative Tätigkeit zwischen den Schülerinnen und Schülern auch eine bedeutende Funktion bei der Erarbeitung von Zielen im und der gemeinsamen Planung für den Unterricht. 
 
Beobachtet man dann aus dieser Perspektive anderen Unterricht, kann man feststellen, dass Lern- und Leistungssituationen von Schülerinnen und Schülern häufig dadurch geprägt sind, dass sie Antworten zu Fragen geben sollen, die die Lernenden in der Regel nicht selbst gestellt haben bzw. die ihnen auch nicht als bedeutsam bewusst geworden sind. Ihre eigenen Fragen finden sowohl bei der Erarbeitung von Themen als auch in der Leistungsbeurteilung wenig Niederschlag. 

Deshalb ist es aus meiner Sicht eine lohnende Entwicklungsperspektive für Lehrerinnen und Lehrer, den eigenen Unterricht dahingehend zu untersuchen, welchen Stellenwert die Fragen der Kinder und Jugendlichen einnehmen und in welchen Situationen für die Lernenden bedeutsame Fragen entstehen. Dazu hilft auch, Kolleginnen oder Kollegen aus der eigenen Schule mit in den Unterricht einzuladen, um aus dieser Perspektive Fragen an die eigene Tätigkeit zu stellen und zu bearbeiten. Kooperation kann auch zwischen Lehrerinnen und Lehrern helfen, Entwicklungsprozesse zu fördern.
 
Für meine eigene Arbeit heute hilft mir dieses Zitat, mir immer wieder genügend Raum für Zweifel über die Wirkungen der eigenen und unserer Arbeiten am Landesinstitut zu schaffen. Wie finden wir gemeinsam mit unseren Auftraggebern noch zielsicherer die Fragen, deren Bearbeitung sich für unsere Zielgruppen lohnt? Inwieweit treffen wir tatsächlich mit unseren Veranstaltungen und Materialien auf die relevanten Fragen unserer Zielgruppen? Welche Arbeitsformen können wir nutzen, um bei der Bearbeitung der Fragen zur Weiterentwicklung der Schulen in Berlin und Brandenburg noch besser beitragen zu können?
 
Ich wünsche uns allen ein gutes Maß an Zweifeln und daraus resultierenden Fragen, um unseren verschiedenen Aufgaben im Bildungssystem auch weiterhin gerecht werden zu können.

 


 
 Dr. Götz Bieber, Direktor des Landesinstituts für Schule und Medien Berlin-Brandenburg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Redaktionell verantwortlich: Ralf Dietrich, LISUM