Zitat April 2014

Zitat April 2014

Zitat April 2014

 

"Der Mensch soll lernen, nur die Ochsen büffeln."
(Erich Kästner)

Wann ich das Zitat zum ersten Mal gelesen habe, weiß ich nicht mehr. Aber wann es mir immer wieder in den Kopf schoss, das weiß ich genau. Immer dann, wenn ich lernen musste, genauer: auswendig lernen. Also büffeln!

 

Das begann in der Oberschule und setzte sich im Studium fort. Fragen Sie mich mal, was ich von dem Gelernten noch weiß! Heute stehe ich als Lehrer auf der anderen Seite und verlange von meinen Schülern, dass sie lernen sollen. Und bei jedem Test im Fach Geschichte frage ich mich: Muss ich das abfragen? Und motiviert das zum weiteren Lernen?

 

In der 6. Klasse habe ich erlebt, dass applaudiert wurde, als ich das neue Thema "Römisches Reich" an die Tafel schrieb; in der 11. Klasse erntete ich im Grundkurs Geschichte mit der Ankündigung, nun die Römische Republik behandeln zu wollen, unüberhörbares Stöhnen. Wo ist die kindliche Lernfreude in all den Schuljahren auf der Strecke geblieben?


Ich habe mir einmal den Test- und Klausurplan eines Elfklässlers geben lassen. Und mir angeschaut, was er lernen muss. Und gefragt, wie er lernt. Es ist häufig stupides Pauken von Stoffmengen - in bis zu 16 Fächern. Das produziert unweigerlich Stress und "Bulimie-Wissen". Das kann niemand ernsthaft wollen. Nicht die Bildungspolitiker, nicht die Lehrplan-"Macher", nicht die Wirtschaft, nicht die Eltern und auch nicht wir Lehrer.

 

Für den Aufklärer Kant war es die Aufgabe der Pädagogik, Kindern und Jugendlichen Wissen zur Verfügung zu stellen, damit sie sich zu mündigen und selbstbestimmten Menschen entwickeln. Das ist auch im 21. Jahrhundert noch aktuell. Aber was ist DAS relevante Wissen im 21. Jahrhundert? Angesichts einer sich revolutionär verändernden Wissenschaftsgesellschaft müssen alle Lehrplaninhalte auf den Prüfstand – im Hinblick auf ihre zeitgemäße Relevanz. Längst gibt es erprobte didaktische Prinzipien wie das exemplarische Lernen, das eine überfällige Reduzierung der Inhalte ermöglicht. Das Ziel von Schule sollte sein, unter Anleitung oder selbständig,  allein oder in der Gruppe vielfältige Problemlösungsstrategien zu entwickeln und anzuwenden. Konsequente Kompetenzorientierung! Dabei gilt es neben den fachbezogenen Kompetenzen auch die sozialen Kompetenzen wie Selbständigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Empathie und Teamfähigkeit zu fördern.

 

Das Zitat habe ich auch ausgewählt, weil ich Erich Kästner nicht nur für seine wunderbaren Kinder- und Jugendbücher, sondern auch für seine prägnanten Weisheiten in Form von Zitaten und Sprüchen schätze. Was ich aber erst im Kontext dieses Textes recherchiert habe: Das Zitat stammt aus einer Rede Erich Kästners zum Schulbeginn von 1954. Und geht so weiter:
"Der Mensch soll lernen, nur die Ochsen büffeln. Der Kopf ist nicht der einzige Körperteil. Man muss nämlich auch springen, turnen, tanzen und singen können, sonst ist man, mit seinem Wasserkopf voller Wissen, ein Krüppel und nichts mehr."
Ließe sich natürlich weiter kommentieren ...


Robert Rauh

ist seit 2005 Lehrer am Barnim-Gymnasium in Berlin-Hohenschönhausen und seit 2008 Fachseminarleiter für Geschichte am 2. Schulpraktischen Seminar in Berlin-Mitte.
Er moderiert seit 2011 die "Schönhausener Schlossgespräche" im Pankower Schloss Schönhausen.
2013 erhielt er den "Deutschen Lehrerpreis" in der Kategorie "Schüler zeichnen Lehrer aus" und veröffentlichte den "Aufruf für eine notwendige und realisierbare Schulreform".



Redaktionell verantwortlich: Ralf Dietrich, LISUM