Zitat Juni 2013

Zitat Juni 2013

Zitat Juni/Juli 2013

„Die guten Leute wissen gar nicht, was es für Zeit und Mühe kostet, das Lesen zu lernen und von dem Gelesenen Nutzen zu haben; ich habe 80 Jahre dazu gebraucht.“
Johann Wolfgang Goethe am 25.1.1830 im Gespräch mit Frederic Soret


Des Meisters kluges Wort war mir natürlich noch nicht bekannt, als ich als 12 -oder 13jähriger Pennäler zu der Ehre kam, in der jeweils letzten Stunde vor den Ferien der Klasse aus einem von ihr gewählten Buch vorzulesen. Wenn wir Glück hatten, gab es sogar zwei oder drei letzte Stunden, je nach Laune der Fachlehrer. Jedenfalls war ich mächtig stolz auf meine Lesekünste – Lesen war damals wie ein zweites Leben, denn es gab noch kein Fernsehen, und die 50 Pfennig für eine Kinokarte konnten wir uns nur einmal im Monat leisten.

Wie schwierig Lesen aber auch sein konnte, habe ich bei der Konfrontation mit Lyrik im Deutschunterricht der Oberstufe gemerkt. Die meisten von uns staunten ungläubig über die schlauen Interpretationen des Lehrers, und in den Klassenarbeiten war es dann die höchste Kunst, das aufs Papier zu bringen, was wir als seinen Interpretationsansatz vermuteten.

Aber Lesen war wichtig, auch ganz privat. Das habe ich in meinen ersten Beziehungen zu Mädchen erfahren: Literatur war das Thema, mit dessen Hilfe wir uns näher kamen. Allerdings: Ob Goethe diesen Nutzen meinte?

Dass der 80jährige ganz allgemein Recht hatte mit seinem Bekenntnis, muss man nicht erklären, jedenfalls nicht im Bildungsserver. Beim Dekodieren von Anweisungen in Handbüchern für den Umgang mit Computern merkt auch der gut trainierte Leser, dass er immer noch dazulernen muss, wenn er mithalten will. Und wenn man jahrzehntelang Gymnasiasten unterrichtet hat, dann weiß man, dass Lesen nicht nur heißt, Buchstaben, Silben und ganze Wörter zu entziffern, sondern dass es in allen Fächern andauernd um verstehendes Lesen  geht, ohne das einem das Fachwissen und die ganze Welt verschlossen bleiben.

Wie wichtig und mühevoll das Erlernen dieser Kompetenz bereits für den Anfänger ist, erfahre ich inzwischen in einer ganz anderen Rolle. Als Kompensation für die berufliche Privilegierung im Umgang mit Schülern, die ich erst kennen lernte, wenn nicht wenige von ihnen bereits für die Teilnahme am Vorlesewettbewerb in Frage kamen, habe ich mich als Lesepate an einer Berliner Brennpunktschule verdingt. Dort erlebe ich, dass sich Kinder ‚meiner‘ jahrgangsübergreifenden Lerngruppe freiwillig melden, um bei mir eine Schulstunde lang Einzelbetreuung zu haben. Und anders, als ich erwartet hatte, wollen sie dann nicht etwa dem guten Onkel zuhören, wie er ihnen mit wohlgesetzter Betonung bildsame Texte vorliest und sie anschließend mit ihnen gesprächsweise nachbereitet (wie es eigentlich der Lesepatendidaktik entspricht). Nein, die Leseanfänger wollen selber lesen, und wenn ich zwei oder drei zusammen betreue, entsteht nicht selten eine Art Wettbewerbsstimmung, sodass ich alle Hände voll zu tun habe, damit vor lauter Konzentration auf die Lesefertigkeit das Textverständnis nicht zu kurz kommt. Und zu meiner Verwunderung sind dann Jungen ebenso engagiert wie Mädchen, von denen man es ja üblicherweise ohnehin erwartet. Ganz sicher trägt die besondere Situation viel zu diesem Phänomen bei: Die Gruppe ist klein, die Schüler wählen die Bücher selbst aus, der Pate erzeugt keinen Leistungsdruck, ja, gelegentlich erzählt er sogar aus seinem privaten Leben, und die Schüler sind stolz, wenn sie ihm ein wichtiges Wort aus ihrer Herkunftsprache beibringen können.

Natürlich ist die Lesepatenarbeit auch mühsam – der gelernte Gymnasiallehrer ist, was ihn gar nicht überrascht, so manches Mal überfordert; er muss eben auch dazulernen. Aber wenn es dann Erlebnisse gibt wie, als der 8jährige David, ein Schüler tamilischer Herkunft, eine Zeile recht flüssig liest, obwohl das Buch auf dem Kopf liegt, dann sind die Mühen vergessen – die Lesepatentätigkeit bringt manchmal auch wahrhaft wunderbare Erfahrungen mit sich.

Aber zurück zu Goethe. Ich plane jetzt, seinen klugen Satz meinen Patenkindern zu präsentieren. Und ich bin ganz optimistisch, dass ihre erste Begegnung mit dem Klassiker nicht schiefgeht – die Bescheidenheit des Könners und seine lesbare Solidarität mit den Leselehrlingen werden sie sympathisch finden und für den Tiefgang seines Verständnisses vom Begriff Lesenlernen aufschließen. So tritt er vom Weimarer Denkmalsockel herunter und wendet sich den Kindern deutscher und nichtdeutscher Herkunftsprache in der Berliner Allegro-Grundschule und natürlich auch uns anderen zu. Deshalb mag ich den Satz.

Albrecht Hoppe, Lesepate an der Allegro-Grundschule in Berlin-Mitte

Redaktionell verantwortlich: Ralf Dietrich, LISUM