Zitat November 2014

Zitat November 2014

Zitat November 2014

 

"Ich bin Muslim, ja – aber ich bin auch vieles andere."

Navid Kermani, Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime, München 2010

 

Der Ausspruch Navid Kermanis spiegelt das Selbstverständnis der großen Mehrheit der Muslime in Deutschland. Sie sind jung oder alt, Mann oder Frau, Studenten, Angestellte, Akademiker oder arbeitslos, wohlhabend oder auf Hartz IV, deutsch oder nicht. Und dennoch steht ihre Religionszugehörigkeit oft im Mittelpunkt: in der Berichterstattung in den Medien, in Diskussionen im Alltag, beim Bewerbungsgespräch oder beim Krisengespräch mit der Klassenlehrerin.

 

In unserer politischen Bildungsarbeit bei ufuq.de – in Workshops in Schulklassen und Jugendeinrichtungen, aber auch online in sozialen Netzwerken - ermutigen wir junge Musliminnen und Muslime, sich mit ihrer Identität und den dazugehörigen Fragen auseinanderzusetzen. Sie sollen selbstbewusst und selbständig entscheiden, wie sie sich definieren und welche Aspekte ihrer Identität für sie wann wichtig sind.

 

Für viele Jugendliche ist eine solche Auseinandersetzung nicht selbstverständlich. Schlagzeilen wie "Wie viel Islam verträgt Deutschland?" oder "Die Wahrheit über die Türken in Deutschland", wie sie regelmäßig in großen Zeitungen zu finden sind, stehen im deutlichen Widerspruch zum Alltag der Menschen mit Migrationshintergrund, die sich als normaler Teil der Gesellschaft sehen. Angesichts der Erwartungen der Umwelt ("Pass Dich gefälligst an!", "Integrier Dich!"), aber auch vieler Elternhäuser ("Wir wollen Dich nicht verlieren!"), machen sich nicht wenige Jugendliche auf die Suche nach eindeutigen Identitätsangeboten. Der Rückzug auf den Islam oder auf die ethnische Herkunft ihrer Eltern ("Ich bin stolzer Muslim!", "Klar bin ich Türke!") ist dabei auch eine Antwort auf Erfahrungen mit Rassismus und Nichtanerkennung, die viele junge Muslime und Migranten im Alltag sammeln.

 

Navid Kermani ist nur ein Beispiel, dass es auch anders geht. Vor einigen Monaten hielt er im Bundestag die Festrede anlässlich des 65. Jahrestages des Grundgesetzes. Ein deutscher, iranischstämmiger Muslim, der die Geschichte des Grundgesetzes würdigt - und dabei auch das fortwährende Problem des Rassismus offen ausspricht. Das wäre noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen.

 

Es tut sich also was, selbst wenn antimuslimischer Rassismus, Antiziganismus und andere Formen von Abwertung und Ausgrenzung auch in der Mitte der Gesellschaft immer noch offen vertreten werden.

 

Ich bin überzeugt, dass Personen wie Kermani mit ihrem Beispiel auch Jugendliche ermutigen können, Position zu beziehen und eigene Meinungen und Interessen in die öffentliche Debatte einzubringen. Denn die Gesellschaft hat sich verändert – und das ist auch gut so.

 

 

 

Dr. Götz Nordbruch ist Islamwissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Vereins ufuq.de – Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft. 

Redaktionell verantwortlich: Ralf Dietrich, LISUM