Zitat Oktober 2013

Zitat Oktober 2013

Zitat Oktober 2013

„Selbstdenken ist der höchste Mut. Wer wagt, selbst zu denken, der wird auch selbst handeln.“
Bettine von Arnim, Die Günderode. Zweiter Theil., 1840

Bettine von Arnim gehört zu jenen Frauen, die ich gerne einmal treffen würde. Zwischen ihrem und meinem Leben liegen nur leider 200 Jahre. Gerne würde ich in ihrem Salon im Berlin des 19. Jahrhunderts sein, dort wo sie große Denker ihrer Zeit zusammenführte. Und vielleicht würde dort auch jener Satz aus der „Günderode“ erörtert –oder eher nicht. Denn eigentlich verbietet dieses Zitat seine Deutung. Da Selbstdenken eine Auseinandersetzung mit anderen Denkern beinhaltet, sei es dennoch gestattet:


Bettine von Arnim begibt sich in die Reihe oft zitierter Männer, die über das menschlich Spezifische, das Denken und Handeln philosophierten. Sie hat die zwei Begriffe durch zwei Komponenten erweitert. Das kleine „selbst“ führt zu dem begriffsgewaltigen „Mut“. Der Aufklärer Kant mit seiner Forderung, Mut zum Gebrauch des eigenen Verstandes zu haben, schwingt mit. Die Romantikerin bringt das auf das Wesentliche, was bei Kant und seinem Kategorischen Imperativ verwirrt. Von Arnim betont das Handeln, und zwar das eigene, autonome, bewusste. Sie setzt als Ergebnis des Denkvorganges nicht die Erkenntnis, sondern verlängert den Denkprozess bis zur selbstgesteuerten Tätigkeit.

Sokrates hätte Bettine von Arnim gepreist. Er erkannte, wer die Welt bewegen will, muss sich selbst bewegen. Bettine von Arnim bzw. noch Brentano war schon in sehr jungen Jahren jene sich selbst bewegende mutige Frau, herausragend in ihrer Zeit. Die 16 Jährige wird als „grillenhaftes, unbehandelbares Geschöpf“ angesehen. Sie entwickelt sich zu einer vielseitig begabten, leidenschaftlichen Frau, war Schriftstellerin, Zeichnerin und Komponistin. Und sie nutzte ihre Kreativität, Leidenschaft und Begabung, um zu handeln, um zu gestalten. Sie erkannte soziale und politische Missstände, setzte sich für politisch Verfolgte ein und zog damit Unwillen auf sich.

Heute erscheint das selbstbestimmte Handeln weniger revolutionär, jedoch auch nicht selbstverständlich. Denn die Versuchung ist groß, sich zu verstecken. Im Passiven liegt oft ein Reiz. Bequem ist es, vorgegebene Denkmuster zu adaptieren, noch bequemer vermeintliche Fakten unreflektiert anzunehmen. Medien unterschiedlichster Art verführen zum passiven Konsum. Werbung bestimmt das Kaufverhalten, Models setzen Trends, Kritiker werten Filme, Talkmaster bestimmen Themen, Statistiker entscheiden Kanzlerduelle … Gefährlich werden daraus vollzogene fremdgesteuerte Handlungen, sie führen zu Abhängigkeiten, oft unbewusst. Dieser Gefahr muss begegnet werden und so können die zwei Sätze der Bettine von Arnim für aktives Lernen appellieren.

Hier setzt der Auftrag der Schule an: Das denkende Handeln zu wecken. Wissenserwerb sollte zum Denken führen und dies wiederum zielgerichtetes Handeln hervorbringen. Schülerinnen und Schüler müssen erkennen, dass sie ihre Welt verändern können.

Um ihre Schulwelt aktiv zu gestalten, bauen seit nun mehr 15 Jahren Schülerinnen und Schüler in Brandenburg ihr Couragenetzwerk aus. Am 1. Oktober 1998 bekam mit der Albert-Schweitzer-Oberschule in Beeskow die erste Schule den Titel „Schule ohne Rassismus –Schule mit Courage“ verliehen. Heute gehören bereits 57 Schulen in Brandenburg dem größten Schulnetzwerk an, bundesweit sind es über 1300. Gemeinsam setzen sie sich - ganz im Sinne Bettine von Arnims - mutig, selbstdenkend und aktiv handelnd gegen Diskriminierung und für eine demokratische Schulkultur ein.

HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH allen Aktiven!
 

Andrea Rauch, Regionalreferentin für Bildung bei den Regionalen Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie, Brandenburg

 

 

 

 

 

 

 

 

Redaktionell verantwortlich: Ralf Dietrich, LISUM