Zitat September 2011

Zitat September 2011

Zitat September 2011

nicht der schrift-, sondern der fotografie-unkundige wird der analfabet der zukunft sein."
(Lázlo Moholy-Nagy)

Was ist in einer zunehmend globalisierten Gegenwart wichtig zu wissen und zu können? Was soll gelernt werden? Sollen die Menschen alle z. B. perfekt Deutsch lesen und schreiben können? Rechnen bis tausend? Was brauchen sie genau zur Orientierung in der Welt?

Schlägt man einen Bogen über die Jahrhunderte, kann man vereinfachend feststellen, Bild- und Schriftzeichen sind verwandt: Die Schrift entwickelte sich aus Bildern, kleinen und größeren Szenen, die an die Wand gezeichnet wurden und in abstrakteren Kürzeln mit immer mehr Regeln als Schrift auf dem heutigen Papier landeten. Die Regeln der Sprache lernt der Mensch (mehr oder weniger, wie wir an den Ergebnissen der Level-One-Studie sehen, welche die Dunkelziffer der funktionalen Analphabeten beleuchtet) in der Schule. Die universale Sprache der Bilder, die sich jenseits von Vokabeln und grammatischen Phänomenen befindet, wuchert allerorten vor sich hin, wird von diversen „Sendern“ gezielt benutzt, ohne das dem „Empfänger“ diverse Funktionsweisen verdeutlicht würden.

„Das Fernsehen wurde erfunden, um den Analphabeten einen guten Grund zum Brillentragen zu geben“, witzelt der Komiker Dieter Hallervorden, und nimmt auch das Entschlüsseln der Bilderflut dieses Mediums, der selbst kaum ein lesender Mensch gewachsen ist, nicht ernst. Damit ist er nicht allein, denn die Möglichkeiten der Bildmedien und die Umgangsformen mit ihnen werden in diesem Land von Beginn an eher stiefmütterlich behandelt und an Schulen zyklisch, meist im Nachmittagsbereich und zu großen Teilen fachfremd unterrichtet. – Das ist unverantwortlich. Bilder sind niemals nur Abbild von Realität, obwohl der Satz „Ich glaube nur, was ich sehe“, ein Grundvertrauen ins Sichtbare (und damit ins Auge, das ca. 90% der Sinneseindrücke wahrnimmt) birgt. – Andererseits nimmt man nur wahr, was man weiß, erkennt und selektiert. Das kann und muss geschult werden.

Bazon Brock richtete bereits 1968 auf der Documenta IV eine viel diskutierte „Besucherschule“ ein, um dem visuellen Analphabetismus vorzubeugen. Das war ein wegweisendes Signal. Im Laufe der Jahre dominieren zunehmend die bildbeladenen Medien den Alltag. Die Welt wird uns nicht mehr erzählt, sondern in einer wahren Bilderflut vorgeführt: "Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt wissen, wissen wir durch die Massenmedien", sagt Niklas Luhmann. Aber sind wir auch in der Lage, die Bildzeichen der Zeit zu erkennen (und zu verarbeiten)? Das geht bei (gerichteten) Gebrauchsbildern wie Piktogrammen los, zieht sich über Printmedien und bewegte (filmische) Bilder, die (ungerichtete) Bildende Kunst und endet dort im Bedeutungsbeladenen der Abstrakten Kunst, die der Betrachter, so er sich ihr überhaupt nähert, oft kopfschüttelnd, frustriert und rätselnd umrundet, um ihr dann, unbefriedigt, den Rücken zu kehren. Dabei ist die Kunst auch immer ein narratives Zeitdokument.

Wir befinden uns am Ende der Weltdekade der Alphabetisierung, die die UN von 2003-2012 ausgerufen hat. Ziel war und ist es, die Analphabetenrate bei Erwachsenen weltweit um die Hälfte zu reduzieren. Hier liegt der Fokus insbesondere auf dem Erwerb der Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen. Was ich mit meinen Gedanken, die sich hauptsächlich auf die Kommunikationsebene der Bilder beziehen, andeuten will, ist, dass die Grundbildung umfassender angedacht werden muss. Allein mit dem Lese- und Schreiberwerb ist der Zielgruppe der funktionalen Analphabeten nicht geholfen. Zum mündigen Bürger gehört auch, sich politisch und kulturell zu orientieren sowie das Verstehen von Aussagen, ob sie nun visuell, schriftsprachlich oder verbal in die Welt getragen werden. Es geht um Orientierung und oft auch darum, Zutrauen zu gewinnen, sein Leben selbstbestimmt antreten zu können, Scheu zu überwinden, den eigenen Rahmen abzustecken, in dem man sich arbeitend und selbstverantwortlich bewegen kann.

Der 8. September ist der Welttag der Alphabetisierung. Wie in jedem Jahr werden 2011 Veranstaltungen zu diesem Anlass stattfinden. Wie in jedem Jahr wird in den Medien auf das Phänomen Analphabetismus hingewiesen werden. Und dann? Folgen erneut 364 Tage, an denen ausschließlich die Menschen, die betroffen sind oder mit den Betroffenen arbeiten, von der Unbill Kenntnis nehmen? Das träfe weit am UN-Ziel vorbei und wieder die Betroffenen.
Wenn das Phänomen des Analphabetismus das öffentliche Bewusstsein erreicht haben wird, ist der Weg zum literalen und bildkundigen Bürger immer noch ein weiter.

Heike Drewelow

 

 

Hinweise der Redaktion:

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Redaktionell verantwortlich: Ralf Dietrich, LISUM