Zitat August 2010

Zitat August 2010

Zitat August 2010

Darum merkte ich, dass nichts Besseres darin ist denn fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein jeglicher Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut in aller seiner Arbeit, das ist eine Gabe Gottes. (Kohelet / Prediger 3, 12-13)

Es könnte ein Trinkspruch sein oder ein Tischgebet oder eine Ermunterung zu einer gesunden Balance zwischen Arbeit und Freizeit. Der Spruch aus dem Prediger Salomos fällt mir immer dann ein, wenn wir unsere Arbeit in der RAA Berlin durch Feste und besondere Höhepunkte unterbrechen, um uns an dem Erreichten zu freuen und den Zweck unseres Handelns neu in den Blick zu nehmen. Rituale ähnlicher Art sind auch in der Schule wichtig, um sich gemeinsam zu vergewissern, wohin man geht und welche Ziele und Schritte jeder/s Einzelnen dafür nötig sind. So betrachtet sind Feiern eigentlich keine Unterbrechung, sondern ein fest(lich)er Bestandteil unserer Arbeit, eine Handlungsform, ein Arbeits-Prinzip der RAA im besten Sinne.
 
In einem anderen Monat hätte ich sicher etwas zur Schulreform geschrieben oder zum Umgang mit knappen Ressourcen in einer Phase neu erstarkender Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe. Aber in diesem in doppeltem Sinn heißen Sommer, in dem (auch für viele unserer Schulleitungspartner) die Ferien nicht so recht beginnen wollen, frage ich mich erneut, wie unsere eigene Rhythmisierung eigentlich funktioniert, ob unser Mittagsband genug Luft zum Ausspannen lässt und wie viel Hausaufgaben wir trotz Ganztagskonzept regelmäßig in den Abend, das Wochenende und in die großen Ferien mitnehmen.

Das Buch Kohelet oder auch Prediger ist Teil der Schriften des Tanach bzw. der Bücher der Weisheit des Alten Testaments. Für viele Juden, Christen und Moslems sind sie wichtige Bezugspunkte ihres Lebens. Aber auch Menschen anderer Glaubensrichtungen, Agnostiker und Atheisten lesen sie und finden darin Anregungen zum Miteinander, zur Lebensführung und zur Auseinandersetzung über Weltanschauungen und Gesellschaftsvorstellungen, die uns unterscheiden und verbinden.

Die RAA Berlin gibt alljährlich einen Interkulturellen Kalender heraus, der Gedenkanlässe und Feste der verschiedenen Kulturen hier lebender Menschen aufführt incl. solcher Feiertage, die für uns alle übergreifend wichtig sind. Nicht zufällig haben viele dieser Anlässe historische oder religiöse Wurzeln. Sie rhythmisieren den Jahreslauf entsprechend der für sie wesentlichen geschichtlichen Ereignisse und ihrer Bedeutung für die jeweilige Kultur oder Glaubensgruppe und unsere gemeinsame soziale Ordnung.

Nun scheint der Sommer in allen Kulturen eine Zeit mit weniger Höhepunkten zu sein. Die Zeit vor der Ernte, das endlich warme Wetter, die frischen Früchte und stillen Seen, all dies ist ein Fest für sich, das die Menschen (Nordeuropas) in diesen Wochen genießen. Eine Zeit, an der sie „sich gütlich tun“, wie der Prediger sagt.
Gleich danach, um die Erntedankzeit, finden in vielen Kulturen die Neujahrsfeste statt. Und genau in diesen Wochen, im August/September startet auch das neue Schuljahr, einer der wichtigsten Jahreswechsel für viele Kinder und Jugendliche, Berufstätige und Familien. Für uns als RAA ist dies der ideale Zeitpunkt, um zurück zu schauen und nach vorn zu blicken. Wir nutzen die Gelegenheit des Schuljahresendes, um auf gemeinsame Erfolge und Wegabschnitte anzustoßen. Manchmal müssen wir auch (wie im Juli 2010) Abschied von Projekten nehmen, die nicht weiter geführt werden können – Trauer- und Gedenktage gehören ebenfalls zu den wichtigen Momenten im Jahreslauf. Auf jeden Fall aber ist der folgende Schulbeginn dann der Anlass für uns, neue Ziele und Vorhaben miteinander zu verabreden.

Jeder von uns braucht „guten Mut in aller seiner Arbeit“, die nötigen Ressourcen („der da isst und trinkt“) und ein stabiles Gleichgewicht zwischen Beruflichem und Privatem – Dinge, die in der Bildungs- und Sozialarbeit nicht immer leicht herzustellen sind. Die Anlässe zum Feiern und Innehalten, die uns die vielen in Berlin und Brandenburg erlebbaren Kulturen in allen Jahreszeiten bieten, können uns das Vergnügen an der Arbeit erhalten und uns helfen, Verluste angemessen wahrzunehmen. Sie sollten uns daran erinnern, dass jede/r von uns, wie unsere Schüler/innen, Jugendlichen, Elternteile, Klienten, Kollegen, Vorgesetzten „eine Gabe Gottes“ – eine Wohltat, um es säkular zu formulieren – sein sollen, nicht nur als Arbeitende, sondern mit dem Recht, ja der Aufforderung, „fröhlich (zu) sein und sich gütlich (zu) tun in seinem (ihrem) Leben“.

Britta Kollberg

Redaktionell verantwortlich: Ralf Dietrich, LISUM