Zitat September 2010

Zitat September 2010

Zitat September 2010

"Es geht darum die 'Wahrheiten' der anderen in einer Tiefe zu verstehen, wie diese es selbst tun" (Johan Galtung)

Johan Galtung – Friedensforscher und ehemaliger Leiter des Friedensforschungsinstituts in Oslo – äußert diesen Gedanken mit Blick auf einen entscheidenden Schritt bei der Klärung von Konflikten. Was leicht ein zustimmendes Nicken einfängt, verbunden mit dem Gedanken - klar! -, erweist sich in der Praxis als eines der spannendsten Unterfangen, denen wir bei TUSCH Theater und Schule Berlin immer aufs Neue begegnen. In der Kunst, im Theater spielen die Wahrheiten aller Beteiligten eine zentrale Rolle.

Das Spiel geht so: Eine Person – meist Regisseur oder Projektinitiatorin – will ihre persönliche Sicht auf eine Geschichte, ein Ereignis, darstellen. Über den kreativen Prozess offenbart er oder sie nach und nach seine Vision oder Wahrheit; im Zusammenspiel mit den weiteren am künstlerischen Akt beteiligten Personen kommen auch deren Fragen, deren Haltungen und Wahrheiten hinzu, woraus – im besten Falle – eine Inszenierung entsteht, die eine besondere Perspektive in einmaliger Form ausdrückt. Doch auch hier ist „die Wahrheit“ noch nicht gefunden. Der Zuschauer betrachtet und entschlüsselt das Ergebnis nach seinen eigenen Maßstäben und erliest sich seine persönliche Wahrheit aus dem Theaterstück, die sich oftmals deutlich von der seiner Nebensitzerin unterscheidet.

Diese Vielfalt der Decodierungsmöglichkeiten, dieses immer neue Spiel verschiedener Akteure/innen und Rezipienten/innen und das Kennenlernen anderer Wahrheiten, macht den besonderen Reiz der Theaterkunst aus. Ein Reiz, der von der Kunst auf den Umgang der Menschen miteinander überspringt wie ein Funke: Ich will Dich und was Du denkst kennen lernen.
 
Dabei lässt das Theater den jugendlichen Zuschauer mehr als nur an einer unbekannten Welt schnuppern. Die Geschehnisse auf der Bühne umspielen ihn, wickeln ihn ein, lassen ihn in der Welt von Emil und den Detektiven oder von Romeo und Julia atmen, fühlen, erleben.

Bei den TUSCH-Partnerschaften sind es natürlich die Blickwinkel und Sichtweisen der Schüler/innen, die sich – und hier beginnt die interessante Reise – mit denjenigen von 'Theaterkünstlern/innen und Lehrern/innen vermischen, verbinden, verknüpfen oder mitunter auch erst mal gegenseitig gesucht werden.

TUSCH Berlin unterstützt, begleitet und präsentiert im Rahmen der TUSCH-Festwoche, die jährlich im März stattfindet, 40 Partnerschaften der kulturelle Bildung zwischen jeweils einem Berliner Theater und einer Schule. Gerade die TUSCH-Festwoche präsentiert in dem großen Glanz eines professionellen Theaterfestivals, was aus der Begegnung der unterschiedlichen Mitspieler/innen im kreativen Prozess entstanden ist.  Über 1.000 Schüler/innen von 6 Jahren bis hin ins Erwachsenenalter zeigen, mit welchen Fragen sie sich an die Welt und ihre Wahrheiten herangepirscht haben und mit welch erstaunlichen künstlerischen Mitteln und Fertigkeiten sie uns von diesen Reisen berichten können. 

Wenn es den jungen Darsteller/innen der TUSCH-Partnerschaften gelingt, ihr gleichaltriges Publikum auf diese Weise in die Tiefe ihrer Theaterarbeit zu entführen, breitet sich in uns eine große Freude über dieses erfolgreiche Experiment aus.

Weniger im Licht, jedoch keineswegs weniger wichtig, sind die kleinen Begegnungen zwischen den TUSCH-Partnern/innen, den Schülern/innen, Lehrern/innen und Künstlern/innen, bei den verschiedenen TUSCH-Aktivitäten, die sich weit über den Theaterauftritt hinaus erstrecken. Die Wahrheiten, die sie in ihrer Zusammenarbeit gegenseitig aufdecken, sind mitunter von großer Überraschung, lassen spannende Fragen auftauchen und ermutigen zu weiterem Austausch.

Wir wissen, dass hier die größte Anstrengung und die größten Entfaltungsmöglichkeiten liegen, die eine Kooperation mit künstlerischen Mitteln zu bieten hat.

Ressourcen zusammenzubringen, Ideen, Bedenken, Ziele, und Phantasien gemeinsam zu nutzen, wirklich zusammen zu arbeiten, ist Alltag bei TUSCH. Wir selbst erleben es als Leiterinnen-Duo immer wieder aufs Neue und wissen um die Synergie-Effekte, die sich ausbreiten, wenn die Einsichten der jeweils anderen produktiv für gemeinsame Anliegen genutzt werden können.

 


Ursula Jenni & Katrin Behrens
Projektleitung TUSCH Theater und Schule Berlin

Seit Januar 2009 leiten Katrin Behrens und Ursula Jenni gemeinsam TUSCH Theater und Schule Berlin. TUSCH ist ein Kooperationsnetzwerk von 36 Berliner Theatern und rund 120 Schulen, das seit seiner Gründung 1998 40.000 Berliner Schülerinnen und Schüler mit Theater in Kontakt gebracht hat.

Redaktionell verantwortlich: Ralf Dietrich, LISUM