Zitat Dezember 2017

Zitat Dezember 2017

"Fragend schreiten wir voran." („Preguntando caminamos“, Motto der zapatistischen Bewegung in Chiapas, Mexiko)

Zur Arbeit in der politischen Bildung bin ich über die Schülervertretungsarbeit und den Jugendverband SJD - Die Falken gekommen, in dem ich Erfahrungen als Gruppenhelfer und in der Seminargestaltung sammelte. Beide Zusammenhänge haben mir einen prägenden Erfahrungsraum für selbstbestimmte Bildung, demokratische Aushandlung und gesellschaftliches Engagement zusammen mit Anderen geboten. Solche Möglichkeiten der Selbstorganisation junger Menschen sind eine wichtige Grundlage einer demokratischen Gesellschaft. Wer die eigenen Interessen erfolgreich geltend gemacht hat, wird auch zukünftig eine Mitwirkung an der Gestaltung seiner Umstände einfordern. Wer selbst um die Aushandlung unterschiedlicher Positionen gerungen hat, wird aufmerksam gegenüber vereinfachenden Darstellungen. Wer die Wirksamkeit des eigenen Engagements erlebt hat, wird empfindlich für Entmündigungen. Die Ermöglichung solcher Erfahrungen stellt für mich daher ein Ziel politischer Bildung dar.

Das vorangestellte Motto entstammt besonderen Umständen und einer teils aufständischen Bewegung für Selbstbestimmung in Mexiko, deren Bemühen um einen lernenden demokratischen Prozess darin zum Ausdruck kommt. In seiner poetischen Einfachheit hat sich der Spruch aber längst verselbständigt und verbreitet. Für mich bringt er einige Prinzipien demokratischen Zusammenlebens sehr gut auf den Punkt. Wer sich auf den Dialog mit Anderen über die Gestaltung des Gemeinwesens einlassen möchte, muss bereit sein, die Verhältnisse in Frage zu stellen, bevor die gemeinsame Antwort in Reichweite ist. Wer mit Anderen übereinkommen möchte, muss die eigene Position hinterfragen können. Abschließende Gewissheit über die Richtigkeit des eingeschlagenen Weges kann es dabei im Voraus nicht geben. Eine große Stärke der Demokratie ist es aber, Widersprüche anerkennen zu können, weil sie nicht auf die Unfehlbarkeit einer Person oder Institution, sondern auf das Zusammenwirken Vieler gegründet ist. Die Bereitschaft, Schritt für Schritt vorzugehen, erlaubt die Einbeziehung anderer Meinungen und die Anpassung an sich ändernde Umstände.

Für die Bildungsarbeit leite ich aus dem Zitat vor allem drei Grundsätze ab. Wenn ich im Rahmen eines Projekttages, einer Seminarwoche oder einer längerfristigen Begleitung mit einer Gruppe arbeite, dann umfasst erstens das "wir" auch mich. Nicht "ihre" Gedanken geraten also in Bewegung, sondern "unsere". Auch wenn die Rollen in der Zusammenarbeit sehr unterschiedlich sind, handelt es sich stets um einen Austausch, in den auch ich offen und bereit zum Überdenken meiner Einstellungen und Ansichten eintreten muss. Das fällt mir in verschiedenen Situationen natürlich mal leichter, mal schwerer. Meiner Erfahrung nach haben Gruppen ganz gleich welchen Alters aber ein sehr gutes Gespür dafür, wie ernst gemeint ein Gesprächsangebot ist und wie offen man auf sie zugeht. Zweitens halte ich das Fragen nicht nur in entspannten Diskussionen, sondern auch in schwierigen Situationen für den Schlüssel, um neue Denkweisen anzuregen. Natürlich gibt mir die Dozentenrolle beispielsweise die Möglichkeit, Vorurteile oder Stammtischparolen, die provozieren sollen, aus dem Diskurs auszuschließen oder rhetorisch überlegen mit Fakten zu parieren. Und in manchen Fällen ist genau das auch nötig, um Grenzen zu ziehen. Produktiver kann es aber sein, manche Provokation auszuhalten und durch gut dosierte Rückfragen einerseits die zugrunde liegenden Annahmen herauszufordern und andererseits den Hintergrund einer Aussage zu verstehen. Drittens vertraue ich darauf, dass es am ehesten dort, wo Gewissheiten durch zu Tage tretende Widersprüche in Frage gestellt werden, "voran" geht, d.h. sich neue Denkansätze entwickeln, die über den eigenen Tellerrand hinausgehen.

Martin Polzin ist seit August 2017 als Bildungsreferent des DEVI e.V. für die Konzipierung, Organisation und Durchführung von Veranstaltungen an Brandenburger Oberstufenzentren zuständig.

Redaktionell verantwortlich: Ralf Dietrich, LISUM