Zitat April 2017

Zitat April 2017

"Man kann den Erwachsenen nicht trauen, ihr Haar ist schütter, ihre Hosen sind es auch." (Tocotronic)

Im "Kinderreport Deutschland 2017" hat das Deutsche Kinderhilfswerk Erwachsene gefragt, ob sie Kindern und Jugendlichen zutrauen, als Erwachsene Verantwortung für den Erhalt unserer Demokratie zu übernehmen. 64 Prozent der Gefragten trauen das Kindern und Jugendlichen zu, 33 Prozent nicht. 

Überraschend finde ich, dass gefragt wird, ob man Kindern und Jugendlichen zutraut, "als Erwachsene" Verantwortung für den Erhalt unserer Demokratie zu übernehmen. Viele Kinder und Jugendliche übernehmen schon HEUTE Verantwortung für die Demokratie – in Jugendverbänden, als Schülersprecher_innen, in Jugendinitiativen, Projektgruppen und vielen anderen Zusammenhängen. Kinder und Jugendliche beteiligen sich an Projekten wie der Jugendwahl U18, engagieren sich für Geflüchtete, nehmen an Demonstrationen teil (und organisieren sie selbst), leiten demokratisch Zeltlager von Jugendverbänden und sagen Politiker_innen ihre Meinung – wenn sie den Eindruck haben, dass diese ernsthaft an ihrer Meinung interessiert sind. Die Zuschreibung, dass sie das erst später, eben "als Erwachsene" tun sollten, verwundert mich.

Deutlich wird aus diesem "später", dass das Misstrauen Erwachsener gegenüber Kindern und Jugendlichen doch sehr groß ist. Sie gelten offensichtlich nicht als vollwertige Bürger, die schon heute Verantwortung für unser Zusammenleben übernehmen können. Das überrascht umso mehr, als das Deutsche Kinderhilfswerk in einer anderen Untersuchung im Jahr 2006 einen engen Zusammenhang zwischen früher Beteiligung und dem Engagement im Erwachsenenalter festgestellt hat. Offensichtlich ist es eben nicht so, dass erst Erwachsene Verantwortung für unsere Demokratie übernehmen, sondern viele Menschen, die als Erwachsene engagiert sind, waren dies auch schon als junge Menschen. Dies lässt den Umkehrschluss zu, dass eine Förderung des demokratischen Engagements bei Kindern und Jugendlichen eine gute, weil nachhaltige "Investition" in unser demokratisches Zusammenleben ist. 

Leider erfahren viele Kinder und Jugendliche diese Förderung ihres Engagements nicht. Viel zu selten werden Interessensäußerungen von Kindern und Jugendlichen gehört, verstanden und ernst genommen. Erwachsene erwarten in der Regel, dass sich Kinder und Jugendliche an ihre "erwachsenen" Spielregeln halten, wenn es um Beteiligung, Interessen und Entscheidungen geht. Selten sind sie bereit, sich auf die Ausdrucksformen, Zeithorizonte und Erwartungen von Kindern und Jugendlichen wirklich einzulassen und diese zum Maßstab ihres Handelns zu machen. Noch seltener sind sie bereit, auch Entscheidungsspielräume an junge Menschen abzugeben. Wenn man anderen Untersuchungen, bspw. der Bertelsmann Stiftung, Glauben schenken darf, nimmt dieses Problem vom Elternhaus über die Schule bis hin in die Politik immer mehr zu. 

So gesehen ist es unverständlich, wenn Erwachsene Kindern und Jugendlichen nicht trauen, umgekehrt ist es schon eher nachvollziehbar. Womit Tocotronic dann wohl mehr von Kindern und Jugendlichen verstanden haben, als viele andere Erwachsene.

Tilmann Weickmann ist Geschäftsführer des Landesjugendringes Berlin.

Redaktionell verantwortlich: Ralf Dietrich, LISUM