Zitat September 2017

Zitat September 2017

"Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken." (Galileo Galilei)

Diese Erkenntnis von Galileo Galilei habe ich durch meinen Mathematiklehrer in der Oberstufe des Mädchengymnasiums nicht nur kennengelernt, sondern wir haben sie in seinem Unterricht erlebt und leben können. Er stand selten an der Tafel und dozierte, sondern bewegte sich im Klassenzimmer, ging von Tisch zu Tisch und unterstützte uns bei den Aufgaben, sprach mit jeder Einzelnen von uns über einen Lösungsweg. Dieser einzigartige Unterricht war so eng mit der Erkenntnis von Galilei verbunden, dass sie bereits in meinem Studium und auch bei der Erziehung meines Sohnes zu einem Leitspruch wurde.

Als ich dann 1971 als Lehramtsanwärterin in den Schuldienst in Berlin einstieg, brachte mir meine den Schüler*innen zugewandte Haltung zunächst mehr Probleme als Akzeptanz. Die Kinder waren es nicht gewohnt, dass eine Lernbegleiterin sie unterrichten wollte, sie wollten eine klare Ansage. Als ich 1974 in einem Team eines der 12 Mittelstufenzentren (Gesamtschulen) mit aufgebaut habe, war ich angekommen in einem Lehrkräftekollegium, dass sich bewusst darauf eingelassen hatte, durch diese Schulform Kindern gleiche bzw. bessere Bildungschancen zu ermöglich. Das Unterrichten in Teams, die Auseinandersetzung mit Pädagogik im Alltag, das Reflektieren über Lernen war für diese Zeit durchaus nicht üblich, ist aber für mich ein prägende Erfahrung, die meine Erkenntnis über die Möglichkeiten von einem symmetrischen Lernen – einem Lernen auf Augenhöhe - bestätigt hat. 

Bekräftigt bin ich ebenso durch die Aussagen von Schüler*innen, denen ich auf Ehemaligentreffen, noch heute 20 bis 30 Jahre nach deren Schulzeit immer wieder begegne, dass meine Einstellung (und auch die vieler meiner Kolleg*innen) ihnen gegenüber vorbildhaft für sie geworden ist: Sie hatten eine Chance, sich selbst mit ihren Stärken zu entdecken und sind daran gewachsen und zu dem geworden, was sie heute sind: mündige Bürger*innen einer Demokratie.

Durch die Etablierung der Demokratiepädagogik im Zusammenhang mit dem BLK-Programm: "Demokratie lernen und leben" konnte ich meinen pädagogischen Leitgrundsatz als Fortbildnerin am Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg in einen bildungspolitischen Zusammenhang stellen: "Ein demokratischer Habitus kann nicht gelehrt werden; er kann nur durch Handeln gelernt, durch eine eingelebte Praxis erworben werden." (Wolfgang Edelstein). Diese eigene Praxis können Kinder und Jugendliche nur erlernen, wenn sie sich nicht nur Wissen aneignen, sondern das entdecken, was für sie wissenswert ist und diese Erkenntnisse in Handeln umsetzen. Unterstützung finden die Schüler*innen bei Pädagog*innen, die ihnen gegenüber eine wertschätzende Haltung haben. Die Beziehungsebene hat für jedes Kind und jeden Jugendlichen eine besondere Bedeutung. Erfolgreich wird das Miteinander der Menschen in der Schule aber nur durch einen Schulethos, der durch Anerkennung, Selbstwirksamkeit und Verantwortungsübernahme geprägt ist.

Eine demokratische Lern- und Schulkultur ist gewissermaßen der Schonraum, in dem die Kinder und Jugendlichen ihre partizipativen Lernerfahrungen realisieren und sich ausprobieren können. Herausragende Elemente sind das individualisierte Lernen in Verbindung mit dem kooperativen Lernen sowie der Klassenrat, das Schulparlament, die Schüler*innenvollversammlung und das "Schulgericht". In vielen Schulen hat sich etwas getan, dennoch ist der Weg zu einer Schule für alle noch kein gesellschaftlicher Konsens und dadurch erhalten nicht alle Kinder die Möglichkeiten, die sie verdienen.

Ulrike Kahn ist Mitglied des geschäftsführenden Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik e.V.

Redaktionell verantwortlich: Ralf Dietrich, LISUM