Zitat Mai/Juni 2017

Zitat Mai/Juni 2017

"Und wenn ich jemanden zu beleidigen vergessen habe, so lasse ich ihn um Entschuldigung bitten!" (Johannes Brahms)

Diesen Ausspruch berichtet Karl Goldmark über den Komponisten, der offenbar gelegentlich, vor allem in Gesellschaft, sehr aufbrausend werden konnte. Er hat mich schon früh in meinem Leben beschäftigt. Musikerinnen und Musiker, zumal wenn sie "klassisch" ausgebildet werden, gelten ja, zumindest in jungen Jahren, oft als (über-)angepasst, höflich, in bestimmten bürgerlichen Milieus vielleicht auch heute noch als wohltuende Alternative zu den Rebellen und Rabauken von Soul, Rock, Punk, HipHop. Und Johannes Brahms konnte so grob sein? Und ob er das konnte. Auch Beethoven konnte gut austeilen und scheute vor einem recht derben Tonfall nicht zurück.

Beleidigungen sollen Waffen sein und den Gegner verletzen. Im schulischen Alltag sind sie wahrscheinlich die häufigste Form von Gewalt, zumal wenn die elektronischen Netzwerke einen ungeheuer wirkungsvollen Resonanzboden für sie abgeben. Sie entfalten so eine Wucht, die sich sogar ein brüllender Johannes Brahms nie hätte vorstellen können. Sie haben das Potenzial, einen anderen Menschen zu zerstören.

Das weiß ich. Und trotzdem bleibt bei mir ein Rest von nagendem Zweifel zurück. Im Rückblick auf ungezählte Konfliktgespräche zwischen Schülerinnen und Schülern (manchmal auch zwischen Lehrkräften), weichgespült durch diverse Fortbildungen zu Feedback-Kultur, Kommunikationsstrukturen und Übungen zu wertschätzender Gesprächsführung beschleicht mich immer wieder der Eindruck, in manch schnell hingeworfener Beleidigung stecke mehr menschliche Authentizität und mehr reale, wenn auch negativ gewendete, emotionale Anteilnahme am Gegenüber als in den mühsam eingeübten wertschätzenden Botschaften oder gewaltfreien Kommunikationsakten.

Schülerinnen und Schüler unserer Schule haben für ihr Projekt "Sog nit kejnmol", das an Opfer der Schoah im Umfeld unserer Schule erinnern soll, bei der diesjährigen Verleihung des Margot-Friedlaender-Preises einen zweiten Platz erreicht. Die Preisverleihung fand im Haus Pariser Platz 7 neben dem Brandenburger Tor statt, an der Stelle, an der Max Liebermann bis zu seinem Tod 1935 wohnte. Hier tat er am 30. Januar 1933, beim Betrachten des Fackelzugs der Nationalsozialisten, den berühmten Ausspruch: "Ick kann jar nich soville fressen, wie ick kotzen möchte."

Ich habe mich bei meinen Rückmeldungen zu manchen Fragen der Pädagogik und Schulentwicklung (glücklicherweise nicht allen) in den letzten Jahren anders ausgedrückt – auch bei meinen Gesprächen mit manchen Schülerinnen und Schülern und Eltern. Und ich werde die Frage nicht los: Warum eigentlich?

Uwe Kany ist seit 1988 Lehrer am Gottfried-Keller-Gymnasium in Berlin-Charlottenburg und seit 2016 Schulleiter dieser Schule.

Redaktionell verantwortlich: Ralf Dietrich, LISUM