Zitat März 2015

Zitat März 2015

Zitat März 2015

 

"Man hilft den Menschen nicht, wenn man für sie tut, was sie selbst tun können."

Abraham Lincoln (1809-1865)

 

Natürlich tun wir alle jeden Tag im privaten Umfeld und in der Schule unheimlich viel für andere Menschen. Da wird geholfen, werden Ratschläge gegeben, einem anderen wird Arbeit abgenommen. Für unsere Klassen organisieren wir Termine, schmieden gemeinsam mit den Kindern Pläne, entwickeln Aufgaben, überlegen uns Methoden für den Unterricht und gestalten individuelle Hilfen für Schülerinnen und Schüler. All das klingt schon sehr danach, als ob wir viel für andere tun. Das stimmt so auch und wird so bleiben. 

Als ich in den 80er Jahren  mit dem Studium begann, waren meine Vorstellungen von dem Beruf einer Lehrerin ähnlich denen vieler junger Menschen, die gerade selbst die Schule verlassen hatten. 

Kurz: Ich bringe den Schülern etwas bei, indem ich ihnen viel Wissen vermittle und Lösungswege aufzeige.

 

Schon in den ersten Monaten des Studiums wurde mir klar, welche Vorteile es hat, ein anderes Herangehen an den Unterricht zu wählen. Einige Dozenten sprachen damals bereits von einem schülerzentrierten Unterricht. Es sollte im ersten Schritt nicht darum gehen,  zu überlegen, was ich als Lehrerin tun kann, um den Stoff zu vermitteln und daraus erst entsprechende Schülertätigkeiten abzuleiten. Vielmehr galt und gilt es zu überlegen, welche Tätigkeiten die Schülerinnen und Schüler ausführen und mit welchen Aufgaben sie sich auseinandersetzen müssen, um sich fachliche und überfachliche Kompetenzen anzueignen. Erst aus dieser Überlegung leitet sich mein eigenes Tun als Lehrerin ab.

 

Auf den ersten Blick scheint die Reihenfolge doch egal zu sein.  Überlegt man aber einen Moment, wird eine grundlegend unterschiedliche Herangehensweise deutlich. Genau diese Herangehensweise spiegelt sich im Lincoln-Zitat wider. Es geht darum, die Kinder zum selbständigen Lernen und Handeln zu bewegen.  Wir sollten ihnen Begleiter auf dem Weg ins Erwachsenenleben sein, den Unterricht handlungsorientiert gestalten und sie dazu befähigen, die Dinge selbst zu entdecken und zu tun.

 

Später in meinen Jahren als Fachseminarleiterin habe ich versucht, genau diesen Denkansatz den Referendarinnen und Referendaren in Bezug auf ihre Unterrichtsplanung zu vermitteln. Gern haben wir über verschiedene Ansätze diskutiert, Tipps und Tricks, mit denen es gelingen kann, dass Schülerinnen und Schüler selbständig und begeistert arbeiten, ausgetauscht.

 

Seit ich als Schulleiterin an der Randow-Schule arbeite, hat dieses Zitat noch einmal eine völlig neue, umfassendere Bedeutung für mich bekommen, die weit über die Unterrichtsplanung und die Aufgaben einer Klassenleitung hinausgeht.

 

Wir sind eine recht kleine Grundschule mitten in der Berliner Plattenbausiedlung Hohenschönhausen Nord. An dieser Schule habe ich viele Mitstreiterinnen und Mitstreiter gefunden. Wir wünschen uns aktive Schülerinnen und Schüler, die selbstbestimmt durch das Leben gehen. Im Leitbild unserer Schule haben wir unsere Ziele verankert. Wir wollen erreichen, dass bereits unsere Grundschulkinder im Schulalltag mitentscheiden, mitgestalten und mitverantworten. Immer besser gelingt es uns, Schülerinnen und Schüler in unser Schulleben wirklich aktiv mit einzubeziehen. Seit vielen Jahren arbeitet unsere Schule aktiv im Buddy-Projekt. Wir haben Lernbuddys, das sind Schülerinnen und Schüler der 4. bis 6. Klassen, die im Rahmen von Rhythmisierungsstunden Kindern der Schulanfangsphase beim Lernen helfen. Unsere Pausenbuddys kümmern sich auf den Hofpausen um die Einhaltung unserer Schulregeln und helfen jüngeren Schülerinnen und Schülern. Die Schülerlotsen sind für den Schulweg der Lernanfänger mitverantwortlich und unsere Konfliktlotsen sind auch auf dem Pausenhof unterwegs und schlichten kleinere Streitigkeiten unter den Schülerinnen und Schülern. In jeder Woche ist eine Stunde zum sozialen Lernen im Stundenplan verankert.

 

Natürlich könnten wir viele Situationen und Probleme auch allein bewältigen. Aber wir wollen, dass unsere Schülerinnen und Schüler bereits in der Grundschulzeit die Dinge selbst tun, die sie alleine oder mit geringer Hilfe tun können. So stärken wir am besten ihr Selbstbewusstsein, machen sie neugierig auf die Zukunft und erreichen eine Nachhaltigkeit nicht nur im schulischen Lernen, sondern auch auf sozialem Gebiet. Unsere Schülerinnen und Schüler engagieren sich darüber hinaus in den Klassenräten und im Schülerrat. Hier werden sowohl  ihre Sorgen und Probleme  als auch Projekte der Schule gemeinsam besprochen, Aktivitäten geplant und organisiert.

 

Diese Herangehensweise und die ersten Erfolge, die sich einstellten, haben uns eine Wertschätzung der besonderen Art eingebracht. Im September 2014 wurde unserer Schule von der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik e.V. der „Helga-Moerike-Preis für soziales Lernen in einer demokratischen Schule“ verliehen und darauf sind wir besonders stolz.

 

Selbstverständlich gibt es auch bei uns Probleme, weil manche Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Gründen nicht gut lernen können oder sich nicht an die Regeln der Schulgemeinschaft halten. Diesen Preis haben wir trotzdem gewonnen, denn wir bemühen uns im Sinne des Lincoln-Zitates täglich, unsere Schülerinnen und Schüler in die Gestaltung des Schulalltages einzubeziehen und durch ein selbständiges Handeln bestmöglich auf das Leben vorzubereiten. 

 

 

Monika Wegerich ist Schulleiterin der Berliner Randow-Grundschule, die 2014 mit dem „Helga-Moerike-Preis für soziales Lernen in einer demokratischen Schule“ ausgezeichnet wurde.

Redaktionell verantwortlich: Ralf Dietrich, LISUM